Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 57
Edlengut Selkethal, 02. Rahja 1045 BF
Ein leises Grummeln lag Ludovigo von Scheffelstein auf der Zunge, als er die Szene am Zieleinlauf betrachtete — verborgen hinter zusammengepressten Lippen und einer äußerlich ruhigen Haltung. Es war kein offener Ärger, kein unbedachter Zorn — eher das leise, innere Echo von Enttäuschung und Unzufriedenheit, das in ihm arbeitete. Doch hier, an diesem Ort, war kein Raum dafür.
Pflicht, erinnerte er sich. Cortesia. Grandezza.
Und so ging er die wenigen Schritte hinüber zu Domna Selea Al'Morsqueta. Der Weg war nicht weit — aber in Gedanken schien er ihm länger als die halbe Rennstrecke.
Er trat vor sie hin, verneigte sich in perfekter, maßvoller Haltung — weder kühl noch übertrieben tief. Ganz so, wie es sich für einen Edelmann seines Hauses und Standes geziemte.
Seine Stimme war ruhig und gefasst, frei von Bitterkeit — aber wer sehr genau hinhörte, mochte in seinen Worten ein feines Spiel aus Anerkennung und Nachdenklichkeit erkennen.
„Domna Selea — ich gratuliere Euch zu einem bemerkenswerten Sieg. Ein Rennen, das sicherlich lange in Erinnerung bleiben wird — in vielerlei Hinsicht.“
Der Blick, den er ihr dabei schenkte, war offen und respektvoll — aufrichtig in der Form, aber getragen von der Gewissheit, dass dieses Rennen für ihn mehr war als nur ein sportlicher Wettstreit. Mehr — und vielleicht auch weniger — als reiner Zufall.
„Dom Ludovigo. Vielen Dank. Ich hoffe doch sehr, dass dieses Rennen das im nächsten Jahr nicht überschatten wird.” Domna Selea hatte seinen Gruß gut gelaunt erwidert, allen Regeln der Cortezza folgend. „Erlaubt, dass ich Euch ebenfalls meine Glückwünsche zu diesem herausragenden Rennen ausspreche. Ihr seid ein wirklich guter Reiter, und ich hoffe sehr, Euch im kommenden Jahr unter den Teilnehmern anzutreffen. Sagt, woher stammt Euere Stute? Ein Prachtstück, hervorragend ausgebildet, wie ihr Reiter. Ich hoffe, sie hat sich an der Brücke nichts getan? Euch geht es ja offensichtlich gut.” Ehrliche Sorge stand in ihren Augen.
Ludovigo war überrascht. Damit hatte er jetzt nicht gerechnet. Aber schon auf der Brücke hatte er in einem kurzen Moment realisiert, dass die Domna sich Sorgen machte. Oder zumindestens einen Blick nach dem rechten warf. Das kannte er auch ganz anders.
„Habt Dank für Eure sorgenvolle Nachfrage! Ich bin mir sicher, Nedima wird das eher verkraften, als der nur in seinem Stolz verletzte Reiter” - und dabei lächelte Ludovigo nicht nur ein wenig, sondern lachte auch ein wenig auf. Und mit einem Mal war sein Grummeln verschwunden und das erst gerade aufgezogene Lächeln sollte erstmal nicht sein Gesicht verlassen. Er antwortete weiter: „Unsere Familie hat die eine oder andere Verbindung südlich des Yaquirbruchs, hinter den Goldfelsen… die Pferde dort sind großartig und von Rahja gesegnet und unsere Familie hat einige von dort. Dschinni, Rahjensblitz - und die gute Nedima” - und wirkte er vielleicht vorher etwas verbissen, kam er jetzt schon fast ins gesellige Plaudern.
Aufmerksam musterte Domna Selea den jungen Mann ihr gegenüber. So wohlerzogen. So selbstbeherrscht er ihr gratulierte. Wie nicht anders zu erwarten. Doch ihre Sorge um sein Pferd schien ihn wirklich zu berühren. Sie unterdrückte ein Lächeln. „Davon müsst ihr mir bei einem Becher Wein erzählen. Erlaubt, dass ich Euch für später einlade.“
„Habt Dank, es wäre ja geradezu lästerlich, wenn man solch ein Angebot nicht annehmen würde! Ich denke wir könnten… ” - und mit einem Mal verstummte ihr Gegenüber, sein Lächeln verschwand aus dem Gesicht - denn da kam jemand auf sie zu - das war doch Domna Cariana Amarinto? Ihr Gesicht war voller Zornesröte.