Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 57

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Edlengut Selkethal, 02. Rahja 1045 BF

Autoren: Amarinto, Gerberstädter, Erlan,BBB & Eliane


Der Wind des Edlengut Selkethal hatte den Staub der Rennbahn aufgewirbelt, aber es war der beißende Geschmack von Verrat, der Carianas Mund austrocknete. Gerade hatte sie noch in aussichtsreicher Position gelegen, Maldonaldo war kraftvoll über die letzten Biegungen galoppiert. Dann – ein Zucken, ein Schrecken in seinen Augen, und ein bockender Satz zur Seite. Wie aus dem Nichts. Und Ludovigos Ross ebenso.

Es konnte kein Zufall sein. Ein Windhauch? Ein Geräusch? Oder etwas viel Heimtückischeres? Ihr Blick flog nach vorne – Selea Al'Morsqueta, stolz wie ein Pfau, zog unbeirrt vorbei, gefolgt von Feodora Damotil. Und dann – das Zielbanner.

Cariana zog die Zügel so hart an, dass Maldonaldo protestierend wieherte. Ihre Zähne pressten sich aufeinander. Der Triumph war Ludovigo und ihr entrissen worden – nicht durch Können, sondern durch List. Almadanische List?

„Beim Schwanz des ewigen Drachens!“ zischte sie kaum hörbar, sprang aus dem Sattel bevor Maldonaldo endgültig zum Stehen gekommen war. Ihre Füße fanden den Boden mit der Entschlossenheit einer Ritterin, der man Ehre und Stolz gestohlen hatte.


Methelessa Gerber hatte die Zügel des Zweitpferdes noch nicht losgelassen, da sah sie es geschehen. Ihre Schwertmutter, Cariana Amarinto wurde im letzten Augenblick des Rennens Opfer eines unerklärlichen Zwischenfalls.
Ihr Herz krampfte sich zusammen. Maldonaldo, dieses Prachtpferd, hatte scheu reagiert, ebenso das Ross des Sirensteen. Etwas stimmte hier nicht. Sabotage? Das Wort flackerte durch ihre Gedanken wie eine Fackel durch dunklen Nebel.
Sie sah, wie Cariana Amarinto vom Pferd sprang – ihre Bewegungen waren wütend und voller ungestümer Kraft. Und sie wusste, was nun kommen würde.
„Signora Cariana!“, rief Methelessa, doch ihre Stimme ging im Tumult unter.

Carianas Fäuste waren geballt, als sie auf die strahlende Siegerin zumarschierte. Sie ignorierte alle Rufe, ignorierte Methelessas besorgte Stimme irgendwo hinter sich. Die Menge der Gratulanten wich vor ihr zurück, als sie die von kalter Wut verzerrte Miene erblickten.
Ohne zu zögern, riss sie sich den Reithandschuh von der Hand, hob ihn in einer fließenden Bewegung über den Kopf – und warf ihn Selea mit Wucht vor die Füße.
„Dieses Rennen wurde sabotiert und Ihr habt davon profitiert. Ein skandalöser Angriff auf Signor Sirensteens und meine Ehre. Ich fordere Satisfaktion und eine Erklärung!“

Methelessa war sprachlos, so hatte sie ihre Schwertmutter noch niemals erlebt. Was, bei allen zwölf Göttern, war nur geschehen? Ein Duell!

Dutzende Augen der umherstehenden Schaulustigen richteten sich auf die kleine Gruppe, gespannt der Dinge harrend, die sich hier angekündigten. Ihre Gespräche verstummten, um ja kein Wort zu verpassen.
Domna Selea, durch Dom Ludovigos Stutzen gewarnt, dass etwas auf sie zukam, hatte sich umgedreht. Sich ihre Irritation nicht anmerken lassend sah sie der wutschnaubenden Horasierin entgegen.
Staub wirbelte auf, als der Handschuh den Boden traf, gefolgt von einer ausgesprochen unverschämten, haltlosen Anschuldigung.

Selea musterte ihr Gegenüber einen Moment kühl und gelassen. „Domna Cariana, ich bedaure sehr, dass Ihr bei diesem Rennen offensichtlich nicht die Platzierung erreicht habt, die Euch vorschwebte. Maldonado hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er das Zeug dazu hat. Und Ihr machtet durchaus den Eindruck, als seien Eure reiterlichen Fähigkeiten dafür mehr als ausreichend. Es war ein herausforderndes Rennen, und mir ein Vergnügen, mich mit Euch und den anderen der Spitzengruppe zu messen. Jeder mit einem Quäntchen Verstand wusste, dass es wie gestern ein enges Rennen werden würde. Bei den Pferden, den Reitern, war zu erwarten, dass möglicherweise Phexens Gunst den Ausschlag geben würde. Und der Fuchs hat dieses Mal wohl mir zugelächelt. Jeder weiß, dass Seine Gunst wechselhaft ist. Vielleicht gehört Euch der morgige Sieg.“
Einen Moment schwieg sie. Dann beugte sich Domna Selea vor, nahm den Handschuh auf, ohne Domna Cariana aus den Augen zu lassen. „Eure Satisfaktion sollt Ihr bekommen, morgen, nach der Fuchsjagd. Ich gedenke nicht, eine Veranstaltung zu Ehren der Schönen Göttin mit einem Duell zu stören. Freundlicherweise habt Ihr mir mit Eurem Verlangen erspart, Euch wegen Eurer haltlosen Anschuldigung und der unverschämten Beleidigung meiner Person zu fordern. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Schwester Dom Dareius, eine Vertreterin des Hauses Amarinto sich als so schlechte Verliererin herausstellt. Eure Erklärung sucht Euch woanders. Ich habe keine für Euch. Und wenn für Euch ein Sieg mit allen Mittel offensichtlich eine akzeptable Lösung ist - ich lasse Euch morgen gerne den Vortritt.“ Gelassen steckte sie den Handschuh in ihren Gürtel, wandte sich zum Gehen. Hielt inne, drehte sich zurück: „Oder schenke Euch hier und jetzt den meinen, falls Ihr auf Nummer sicher gehen wollt.“
Nachdenklich musterte sie Cariana und Ludovigo. War wirklich Manipulation im Spiel? Hat der gestrige Zwischenfall damit tun? Sie musste so bald wie möglich mit Kesh sprechen.

Carianas Augen verengten sich zu Schlitzen, ihre Nasenflügel bebten, als die Almadanerin ihren Bruder erwähnte. Ständig wurde sie mit ihm verglichen, sie war es nur noch leid. Seit sie ihren Ritterschlag erhalten hatte, war sie stets ‘die jüngste Tochter von Darion Amarinto’ oder ‘die kleine Schwester von Dareius Amarinto’ gewesen. Wieviele Duelle hatte sie schon deswegen ausgefochten, was musste sie noch tun um endlich nur Cariana Thalionmel Amarinto sein zu können? Das heiße Blut der Zyklopeninseln, welches seit vielen Generationen in den Adern ihres Hauses schlummerte und in deutlichem Widerspruch zur Ruhe und Nüchternheit ihrer Heimat Phecadien stand, begann in ihrem Kopf zu pochen und ihr Blick verengte sich zu einem Tunnel. Sie spürte, wie die Ader an ihrer linken Schläfe begann, deutlich pulsierend hervorzutreten. Ihr Blut kochte wie die Lava in den Vulkanen der Heimat ihrer Vorfahren.

Mit allem hatte Ludovigo gerechnet… eine Querella konnte in seiner Heimat ja recht leicht entstehen. Und in den vergangenen Jahren hatte er immer wieder mal im Rahmen seines Dienstes für seinen Schwertvater mitbekommen, dass es - seit der Ochsenbluter Urkunde - immer wieder im Raul’schen Reich zu Forderungen kommt. Aber das war jetzt mit der “jungen Amarinto”, so nannte jedenfalls sein Vater sie, doch für ihn unerwartet. Aber nicht unübersehbar - ihr Blut pulsierte sichtbar.
Außerdem hatte Domna Cariana auch noch in seinem Namen gesprochen. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass bei all dem Grummeln über die Geschehnisse hier, das ihm doch nicht so recht war. Wobei er den Eindruck hatte, dass das nicht allen sofort auffiel, dass von ihm die Rede war. Denn dass die hier weitaus mehr vertretenen Almadaner ihn stets als “von Scheffelstein” ansprachen, während die wenigen Horasier den Namen “Sirensteen” nutzten, selbst die Damotils, das war vor allem ihm aufgefallen.
Gespannt, aber mit möglichst neutraler Miene, lauschte er Domna Selea und nach ihren letzten Worten, wo sie ihn auch noch einmal etwas länger anschaute, richtete er seinen Blick auf Domna Cariana und wartete ab…
Cariana blieb regungslos stehen, den Blick unverwandt auf Selea gerichtet, als diese den Handschuh aufhob. Die Kälte in ihren blaugrauen Augen war wie die Wasser des Sewak – ruhig, aber trügerisch düster. Für einen Moment war es, als sei die Zeit selbst stehengeblieben, als lauschten selbst die Pferde.

„Ihr sprecht von Phexens Gunst, Domna Selea – wie passend“, begann Cariana mit schneidender Stimme. „Der Fuchs ist listig, das mag sein. Aber er ist kein Dieb der Ehre. Was hier geschah, war keine Laune eines Gottes, sondern ein gezielter Angriff auf das, was uns Edelleute ausmacht: Können. Mut. Göttergefälliger Wettstreit.“

„Ah, Domna Cariana, ich hatte bislang Eindruck, dass Dom Ludovigo und Euch alle drei Dinge zueigen sind. Doch ich gebe zu, Ihr führt mich in Versuchung, mein Urteil in Bezug auf Euch zu revidieren. Natürlich dachte ich an den Fuchs als Gott des Glücks. Denn Glück ist es nunmal, was im göttergefälligen Wettstreit unter ebenbürtigen Gegnern nicht selten den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage bedeutet.“

Cariana trat einen Schritt näher, ihre Haltung aufrecht, eine Ritterin, welche die Konfrontation nicht scheute. „Ihr nennt meine Forderung unverschämt. Ich nenne Euer Schweigen verdächtig. Kein Wort des Bedauerns über das, was Signor Sirensteen und mir widerfuhr. Kein Interesse daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Stattdessen...ein Angebot zur Vertagung. Auf morgen, nach der Fuchsjagd? Wie bequem. Wie...almadanisch.“
Ihr Mundwinkel zuckte.

Laute der Empörung waren von den Umstehenden zu vernehmen. Die Gruppe der Schaulustigen, stetig angewachsen ob des kaum zu überhörenden Streits, war nun ebenfalls sichtlich aufgebracht.

Allmählich wurde es Ludovigo in diesem Streit unangenehm, er überlegte sich das Wort zu ergreifen, doch bevor er dazu kam, reagierte Selea auf Cariana.
„Nicht Eure Forderungen sind unverschämt, Domna Cariana. Eure Unterstellungen sind es. Wenn Ihr mein Mitleid wollt, könnt Ihr es gerne haben. Vielleicht bietet Ihr im Gegenzug Anstand. Zumindest gegenüber Gastgebern und Anlässen. Diese unnötige Hast, es hinter Euch zu bringen.“
„Ich werde morgen bereit sein, Domna Selea. Ehre ist nicht verhandelbar! Wenn Ihr Recht habt, dann werdet Ihr Eure Entschuldigung erhalten. Doch wenn ich Recht habe, erwarte ich eine umfassende Erklärung, was hier vor sich geht.“ Cariana neigte leicht den Kopf, ohne Selea aus den Augen zu lassen. Dann wandte sie sich ab, stapfte mit langen Schritten zurück zu Maldonaldo, dessen Flanken noch zitterten. Auf dem Weg rief sie Ludovigo zu: „Wir müssen reden Sirensteen! Kommt zu mir wenn Ihr bereit seid.“ Die Menge wich vor ihr zurück wie vor einem aufziehenden Sturm.

Das bestätigende “So sei es” von Ludovigo war zwar an sich laut und deutlich, jedoch gab es von Cariana keine sichtbare Regung dazu, so dass er gar nicht wusste, ob sie das mitbekommen hatte. Er würde direkt nachher mit ihr sprechen … müssen - das war ihm klar. Sonst würde es hier noch zu einer Entwicklung kommen, die niemand haben will.

Nur Methelessa sah, wie Carianas Hand, als sie in die Mähne ihres Pferdes griff, ganz kurz zitterte.

Selea sah zu, wie Domna Cariana davon preschte, verfolgt von ein, zwei aufgebrachten Rufen des Almadaner Publikums. Wunderbar, ihr erstes Duell seit… sehr langer Zeit. Sie würde Erkundigungen einziehen, einen Sekundanten finden müssen. Später. Ausgesprochen lästig, dazu wirklich ungelegen.

Sie wandte sich an Ludovigo. „Verzeiht den Zwischenfall. Ich gebe Euch mein Wort, sollte wirklich etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, so habe ich nichts damit zu tun. Und bin dann selbstverständlich bereit, das Rennen zu wiederholen.“ Sie musterte ihn. „Es wäre mir eine Freude, würdet Ihr meine Einladung zum Wein weiterhin in Erwägung ziehen.“
Ludovigo hatte sich wieder Selea zugewandt, der zuletzt auf seinem Gesicht liegende ernste Schatten wich wieder einem freundlichen Lächeln und er antwortete: “Erst einmal, wie könnte ich Euch … eh Eure Einladung zum Wein nicht mehr in Erwägung ziehen? Natürlich werde ich das annehmen. Jetzt aber zu etwas ernstem und ich bin mir sicher, dass ich es Euch gegenüber nicht extra erwähnen muss, aber …” - und Ludovigo schaute sich in den Reihen der vielen Zuschauerinnen und Zuschauer um und aus dem Augenwinkel sah er, wie auch sein Vater, begleitet von Gareno und Romin da waren.
Mit jetzt deutlich lauterer Stimme erklärte er:
“Eine jede Domna, ein jeder Dom hat gesehen, dass vermutlich irgendetwas passiert ist, was nicht unbedingt mit phexgefälligem Glück zu tun haben mag. Wenn ich diesen Zauberer richtig verstanden habe”, und er zeigte auf Gareno, der sichtbar die Wortwahl Zauberer nicht mochte, “dann scheint etwas besonderes passiert zu sein. Aber dafür brauchen wir auch keine Zauberer, das sahen wir doch alle selbst! Wir können uns noch nicht sicher sein, was es war.
Wo ich mir aber sicher bin - ich bin mir sicher, dass Domna Selea es nicht nötig hätte, zu sinistren Schurkereien zu greifen, um ihre formidable Klasse bei einem Rennen wie hier im Selkethal zu demonstrieren. Denn dass sie eine außergewöhnliche Reiterin ist, das wissen wir doch schon lange. Vivat Almada!”

“Vivat Almada!”, ertönte es aus laut und stolz aus Dutzenden Kehlen und „Vivat Almada!“, fiel Selea ein. Innerlich schüttelte sie den Kopf. Wenn wirklich etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen war, und daran hatte sie weiterhin ihre Zweifel, denn auch das beste Pferd konnte straucheln, sich erschrecken, scheuen, leider auch ohne ersichtlichen Grund, warum traten die beiden das Thema so in aller Öffentlichkeit breit? Gut, Cariana war sichtlich von ihren Emotionen getrieben gewesen, über das Ziel hinausgeschossen, und eins hatte zum anderen geführt. Aber Ludovigo… wieso betonte er die Anwesenheit des Magiers so? Zur Abschreckung? Nun, vielleicht bot sich eine Gelegenheit, dass der einen Blick auf ihren Sattel warf. Trotzdem war für sie das heutige Rennen endgültig ruiniert. Die Freude, loszulassen, Zeit mit Nuianna zu haben, verflogen. Der angeblich falsche Sieg, auf den die beiden so herumritten, schmeckte auf einmal bitter. Dabei lag ihr nicht wirklich etwas daran, welchen Platz sie gemacht hatte. Sie war nicht gekommen, um zu gewinnen. Umso mehr ärgerte sie sich über die ganze Aufregung, dass es sie beschäftigte.

„Vielen Dank für Eure freundlichen Worte, Dom Ludovigo. Angesichts der Umstände werde ich Domnatella Farfanya und Dom Algerio vorschlagen, das Rennen zu wiederholen und anbieten, von einer Teilnahme abzusehen.“ Ihre Stimme war klar, trug weit. Aus dem Aufenwinkel bemerkte sie, wie Ordonya die Ziellinie querte. Fabiola lächelte freundlich. „Entschuldigt mich, ich will der Gratulation durch Euren Vater nicht im Wege stehen. Und möchte selbst jemandem gratulieren. Auf später.“ Ludovigo war ein wenig überrascht über diese Entwicklung. Die Wiederholung des Rennens war kein Gedanke, den er bisher hatte. Aber irgendwie hatte er den Eindruck, dass Selea etwas bekümmern würde, was er sich aber jetzt nicht so recht erklären konnte.

Erlan Sirensteen stand einige Schritte weiter weg und musste anfangs ein Schmunzeln unterdrücken. Da hatte sein Sohn doch was von ihm gelernt. Erst einmal auf Kosten des Magiers einen Scherz machen und dem Popolo erklären, dass man deren Erkenntnisse auch selber hat, dann erklären, dass die Vorjahressiegerin über jeden Zweifel erhaben sei und dann Almada hochleben zu lassen.
Shahane wäre, wenn sie das mitbekommen hätte, stolz auf ihren Sohn. Erlan blickte zu Gareno, dessen Blick zwar immer noch missmutig war, aber das war ja bei ihm fast üblich. “Nimm es ihm nicht übel, ich glaube, er hat das Ziel, einen großen Eklat erst einmal zu vermeiden” - so Erlan zu seinem Verwandten. Der jedoch nachdenklich in Richtung der weggehenden Domna Selea schaute. Erlan stellte fest, dass er dabei den selben Gesichtsausdruck wie Ludovigo hatte. Er musste seinen Sohn fragen, was alles geschehen war und gesagt wurde, bevor er es vom Stall hierhin geschafft hatte. Und ob eine Wiederholung des Rennens, wie es durch Domna Selea angesprochen wurde, überhaupt angemessen, machbar und sinnvoll sei, das wäre sicherlich noch zu klären.