Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 56
Edlengut Selkethal, 02. Rahja 1045 BF
Autor: Erlan
Ludovigo spürte den Wind an seinem Gesicht, als er sich im leichten Sitz über Nedimas Hals neigte. Der Himmel über Selkethal war weit und offen, das Ziel so nah, dass er den Jubel der Menge fast spüren konnte. Er hatte sich die Führung zurückgeholt, Selea hinter sich gelassen – jetzt galt es nur noch, die Brücke zu überqueren. Drei Dutzend Galoppsprünge, dann würde er als Erster durchs Ziel gehen.
Doch dann geschah es.
Nedima scheute. Ohne Vorwarnung, ohne erkennbaren Grund. Ihr sonst so ruhiges Wesen wich plötzlicher Panik, ihre Muskeln spannten sich, und sie stieg, als hätte sie ein unsichtbarer Schrecken gepackt. Ludovigo riss an den Zügeln, versuchte sie zu beruhigen, aber es war, als kämpfe sie gegen einen Feind, den nur sie sehen konnte.
Fast gleichzeitig bäumte sich auch das Pferd von Domna Cariana auf.
„Was…?“ Ludovigo hatte keine Zeit, den Gedanken zu fassen. Er sah noch aus dem Augenwinkel wie jemand, war es Domna Selea?, nicht die Brücke nutzte, sondern durch den Fluss an ihm vorbei zog! Wasser flog durch die Luft, der eine oder andere Tropfen erwischte Ludovigo, jeder Tropfen fühlte sich wie ein Peitschenschlag an. Und wenige Momente später spürte Ludovigo von der anderen Seite her eine Bewegung - war das etwa Feodora, die an ihm vorbeizuziehen drohte?
Dann erst gelang es ihm, Nedima wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch es war zu spät.
Er überquerte die Ziellinie als Dritter.
Zuerst war es nur Enttäuschung. Dann, als er die Zügel fester packte, wurde es Ärger. Das war nicht richtig. Nedima scheute nicht ohne Grund. Nicht so. Nicht jetzt.
Er sprang aus dem Sattel, wollte schon den Blick über die Menschenmengen schweifen lassen, als er eine Stimme hörte.
„Ludovigo!“
Erlan Sirensteen war bei ihm, drückte ihm eine Hand auf die Schulter, mit festem, ruhigem Griff. „Ein guter Ritt, mein Junge. Dritter Platz – das ist ein ehrenvoller Rang.“
Ludovigo knirschte mit den Zähnen. „Ich hätte gewonnen, Vater.“
Erlan zog kaum merklich eine Braue hoch. „Ja, wenn das Rennen allein auf das Können der Reiter und Pferde ankäme.“
Ludovigo sah ihn an. „Das tat es nicht.“
Erlans grüne Augen verengten sich leicht. „Nicht?“
Ludovigo wollte etwas erwidern, doch dann spürte er eine vertraute Präsenz neben sich. Domna Shahane Sforigan y Scheffelstein trat mit aufrechter Haltung an ihn heran, ein Lächeln auf den Lippen, doch ihre Augen musterten ihn aufmerksam.
„Was für ein Rennen, mein Sohn! Bei allen Göttern, dein … Vater hat recht – ein dritter Platz bei diesem Feld, das ist eine Leistung, auf die du stolz sein kannst.“
Ihr Blick glitt über ihn, suchte nach Verletzungen. Dann sah sie ihn an, ihr Lächeln etwas sanfter. „Aber ich sehe, dass du nicht zufrieden bist.“
Ludovigo atmete tief durch, zwang sich zu einem Lächeln. „Es war… ein seltsames Rennen.“
Eine weitere Gestalt trat nun zu ihnen. Der Mann war jünger als Erlan, sah ihm jedoch verblüffend ähnlich – wie ein jüngerer Bruder, mit denselben weißblonden Haaren, nur kürzer geschnitten, doch seine klaren blauen Augen wirkten kühler, abwartender.
Erlan nickte ihm zu. „Gareno. Hast du das Finale gesehen? Und das Geschehen vor der Brücke?“
Gareno erwiderte den Blick seines älteren Verwandten ruhig und nickte.
Ohne weitere Worte reichte Erlan ihm die Zügel von Nedima. „Du kümmerst dich um sie?“
Gareno nickte erneut, seine blauen Augen blitzten auf.
Als er das Pferd fortführte, glitt sein Blick aufmerksam über das edle Zaumzeug – mit dunklem Leder gearbeitet, besetzt mit feinen Steinen, ein würdiges Geschirr für ein Rennpferd von Nedimas Klasse. Doch eines fiel sofort ins Auge: Ein trüber Bernstein, direkt in das Zaumzeug eingefasst.
Gareno berührte ihn kurz mit den Fingerspitzen, dann hob er den Blick zu Erlan. Kein Wort wurde gesprochen, doch das wissende Nicken, das er ihm zuwarf, ließ keinen Zweifel: Hier ging etwas vor sich, das nicht mit rechten Dingen zuging.
Erlan ließ sich nichts anmerken, wandte sich stattdessen wieder Ludovigo zu. „Komm“, sagte er ruhig.
Ludovigo rümpfte die Stirn. „Wohin?“
Sein Vater legte ihm eine Hand auf den Rücken und schob ihn sanft, aber bestimmt in Richtung der jubelnden Siegerin. „Domna Selea wartet auf ihre Glückwünsche.“
Ludovigo presste die Lippen aufeinander. Sein Ärger war noch nicht verraucht, und nach Gratulationen stand ihm wahrlich nicht der Sinn.
Erlan beugte sich leicht zu ihm. „Denk an Cortesia und Grandezza!“
Ludovigo atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe – und trat dann nach vorne.