Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 06

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Junkergut Mestera, Baronie Bangour, Peraine 1045 BF

Autor: Eliane

„Fabiola?“ Die Angesprochene sah von ihrer Lektüre auf, einer mit ausführlichen Kommentaren der Ankrah’sunni versehenen Ausgabe der 99 Gesetzte. „Ja, Sarkya?“ „Linje hat geschrieben.“ Einen kurzen Moment zeichnete sich Verwirrung auf den Zügen der Soberana der Al’Morsqueta ab. „Wegen der Hochzeitsvorbereitungen.“ Ah, Linje da Selaque von Culming also. Fabiola war erleichtert. „Was schreibt sie?“, erkundigte sie sich freundlich. „Dass die da Selaque von Culmings dieses Jahr beim Rennen im Selkethal sein werden. Vielleicht wäre es eine Gelegenheit, mit Domna Madalena die letzten Details der Vermählung und Feierlichkeiten zu klären.“ Sorgfältig achtete Fabiola darauf, keine Miene zu verziehen. Anders als ihre Schwester gingen ihr die Vorbereitungen fürchterlich auf die Nerven. So sehr sie ihre zukünftige Schwägerin mochte, die beständige Flut neuer Ideen, ohne jedes Gefühl für damit verbundenen Aufwand oder gar Kosten einzugrenzen, befeuert vom Enthusiasmus zweier romantisch- verklärter Jugendlicher, war entsetzlich anstrengend. Insbesondere, da Sarkoyza begeistert jedes noch so unwichtige Detail mehrfach diskutieren und weitere Gedanken beisteuern wollte. Seit sie sich auf der Rückreise aus dem Horasreich mit Domnatella Linje angefreundet und in dieser eine Seelenverwandte gefunden hatte, bildeten die drei Domnatellas, wie Tariano sie nannte, ein höchst herausforderndes Gespann.

„Das wäre wohl eine gute Möglichkeit, Sarkya. Ich habe Dom Algerio unvorsichtiger Weise meine diesjährige Teilnahme schon letzten Sommer zugesagt, so dass ich auf jeden Fall werde hinreisen müssen.“ Auch wenn ihr das Rennen gut gefallen hatte, ohne ihr voreilig gegebenes Wort hätte sie dieses Jahr aus Vernunft verzichtet. Ihre anderweitigen Verpflichtungen waren so zahlreich, und die Umstände dieses Jahr so viel komplizierter. In der Wiege neben ihr räkelte sich Phessa, patschte ihrem Bruder ein pummeliges Händchen ins Gesicht, drehte sich halb auf ihn und schlief weiter. Verliebt betrachtete Fabiola ihre beiden Kleinen einen Moment.

„…Domna Usanza helfen und mit ihrer Familia dann ins Selkethal kommen. Von dort aus könnte ich mit euch über Mestera weiter zur Hochzeit reisen. Was meinst du?“ Fabiola sah ihre Schwester an. Sie hatte keine Ahnung, was diese genau gesagt hatte, doch die strahlenden Augen machten klar, dass einfach zustimmen keine Option war.

„Wenn Sarkya vorher zu Domna Usanza darf, will ich aber beim Rennen mitreiten!“, meldete sich Ordonya zu Wort. „Donya, es geht um die Hochzeit unseres Bruders! Das ist wichtig, kein albernes Wettrennen. Ich biete meine Hilfe doch nicht um des puren Vergnügens Willen an!“, empörte sich Sarkyoza. Ordonya lachte lauthals los, woraufhin sich die Ältere nur noch mehr echauffierte, stets um Damenhaftigkeit bemüht. Natürlich verstärkte das die Reaktion ihrer jüngeren Schwester nur weiter.

In der Wiege öffnete Daanjelo die Augen, um Augenblicke später seinen Unmut lautstark zu verkünden. „Komm her, Liebling, ist doch alles gut.“, hob Fabiola ihren Sohn aus dem Bettchen, wiegte ihn einen Moment, bevor sie ihn an ihre Brust legte. „Ihr zwei beruhigt euch, bevor ihr auch noch Phessa weckt.“, ermahnte sie ihre Schwestern, von denen die eine sich schmollend auf einen Sessel warf, während die andere sich graziös auf einen weiteren sinken ließen. Mit einer Hand schloss Fabiola das Buch, während sie ihre Schwestern musterte.

Ruhig erklärte sie dann: „Donya, Sarkya, ihr seid zu alt für so kindisches Verhalten. Es wird Zeit zu zeigen, dass ihr zum Wohle der Familia zu handeln versteht.“ Sarkyoza nickte etwas unglücklich, während Ordonya Anstalten machte, Widerspruch einzulegen. Fabiolas Blick ließ sie doch lieber schweigen.

„Ordonya, die Familia de Verlez wird beim Rennen vertreten sein. Du weißt, dass im Raum steht, dich bei ihnen in Knappschaft zu geben.“ „Ich will aber nicht. Papá, Luciana und Großvater sind auch Caballeros, die können mir alles beibringen. Und außerdem kann ich hier mehr über Pferde lernen. Auf Tôrzîlba und Quríabor. Großvater hat auch angeboten, mich als Knappin zu nehmen. Und außerdem will ich…“

„Sei nicht albern. Ich werde nicht zulassen, dass dein Großvater dich für seine Zwecke missbraucht, für seine Ziele verheizt. Ebenso wenig, wie ich zulassen werde, dass du in deinem Alter aus Bockigkeit im Namen der Familia beim Rennen antrittst. Die de Verlez können dir eine Ausbildung zur Caballera bieten, mit den weitreichenden Kenntnissen und Erfahrung von Offizieren bei den Ragather Schlachtreitern. Sie sind Absolventen der Kaiserlichen Lehranstalt für Reiterei und Pferdezucht zu Ragath. Du wirst bei ihnen nicht nur viel über den rondragefälligen Kampf, sondern auch Pferde, den Umgang mit ihnen, ihre Ausbildung lernen. Hilfreiche Beziehungen für die Zukunft knüpfen. Überzeuge sie im Selkethal von dir. Zuerst, dass es sich lohnt, dich als Knappin zu nehmen. Und dann, dass du ihre Erlaubnis verdienst, bei einem der Rennen in den nächsten Jahren anzutreten. Und es wird mir eine Ehre sein, wenn du bei diesen zukünftigen Rennen die Farben der Familia trägst. Sieh es als ein Ziel, auf das hinzuarbeiten sich lohnt.“

In ihrem Arm regte sich Daanjelo, drückte sich ein wenig von ihr weg. Fabiola richtete ihr Kleid, griff nach einem Tuch und lehnte ihren Sohn gegen ihre Schulter, schaukelte ihn sanft ein wenig.

„Und du, Sarkya. Du bist kein Kind mehr, das sorglos von schönen Kleidern und rauschenden Festen träumt, die vom Himmel fallen. Du bist alt genug um zu wissen, dass nichts umsonst ist. Was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Das gilt für euch beide. Yessamina, Papá, Lucianna, selbst euer Großvater, sie alle haben Euch gelehrt, was ihr braucht, um die euch von den Göttern bestimmten Aufgaben zu erfüllen. Oder irre ich mich?“ Die beiden Jüngeren schüttelten beklommen die Köpfe, die Gesichter ernst.

Fabiola setzt Daanjelo auf ihren Schoß, reichte ihm die bunte maraskanische Puppe, die ihn so faszinierte. Dann wandte sie sich wieder den Mädchen zu.

„Sarkya, meinst du, du bist in der Lage, Pflicht und Vergnügen zu kombinieren? Und im Zweifelsfall zu Gunsten der Familia zu verzichten?“ Sarkoya sah Fabiola unsicher an. Ihr Blick huschte hilfesuchend zu Ordonya.

„Wie meinst du das?“

„Nun, du bist die Erbin Yrôstals. Und des Lehens deines Großvaters, so er seine Gräfin nicht verstimmt, sondern davon überzeugt, es nach ihm an dich zu übertragen. Was zweifelslos sein Ziel ist. Du solltest wissen, was es heißt zu haushalten, abzuwägen, Prioritäten zu setzen."

Sarkyoza nickte zögernd. „Ja, sicher.“

„Gut, dann biete ich dir die Möglichkeit, dich zu beweisen. Du wirst, das Einverständnis Domna Madalenas vorausgesetzt, nach Blumenau gehen, um bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen. Als Repräsentantin der Familia Al’Morsqueta. Du wirst dafür Sorge tragen, dass wir bei den Feierlichkeiten und ihren Planungen angemessen vertreten sind, unsere Traditionen geachtet werden. Dass die Kosten in einem für uns akzeptablen Rahmen bleiben, und wir nicht übervorteilt werden. Das wird auch bedeuten, dass du Domna Usanzas, Linjes und deine eigenen Ideen hinterfragen und kritisch bewerten musst. Entscheidungen durchsetzten musst, die anderen, die dir selber nicht gefallen. Glaubst du, dass du das kannst?“

Sarkoyzas anfänglicher Enthusiasmus war zunächst staunendem Unglauben und dann Unsicherheit gewichen. Haltsuchend griff sie nach der Hand ihrer jüngeren Schwester. „Das traust du mir zu?“, fragte sie atemlos. Fabiola nickte. „Wenn du es tust - ja. Du darfst dir Unterstützung aussuchen und mitnehmen. Und mich und Tertoschtax jederzeit um Rat oder Hilfe bitten.“ Aufgeregt nickte Ordonya. „Das ist doch ein großartiges Abenteuer!“ Sarkoyza sah noch einen Moment von der einen zur anderen, dann straffte sie die Schultern. „Gut, ich werde es wagen.“ Langsam stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Hervorragend, dann werde ich dich noch heute Domna Madalena ankündigen. Und Dom Algerio die diesjährigen Teilnehmer der Familia schicken. Luciana und Tarillo haben ihr Interesse schon länger bekundet. Luciana und Rondralia werden wie letztes Jahr vorher die Familia d’Ouvici besuchen.“ Fabiola begrüßte, dass ihre Schwägerin wieder zunehmend Kontakte außerhalb pflegte.

——

„Ich darf beim Rennen nicht mitreisen.“ Missmutig trat Ordonya im Stall des Gestüts zu Tôrzîlba kraftvoll gegen einen Stapel Heuballen. Yosif sah von dem Fohlen auf, das er eben erst zu sich gelockt und versorgt hatte. Der junge Novadi betrachtete die kleine Al‘Madana einen Moment versonnen. „Warum nicht?“ Sein Garethi war hart, hatte aber trotzdem diesen melodischen Akzent, der Ordonya immer ein wenig an den Sekretär ihrer Schwester erinnerte. Oder was auch immer Keshlan war.

„Weil ich zu jung bin. Ich darf nur zum Zuschauen mitkommen.“ Verwirrt sah Yosif sie an. Er mochte ihr Tulamidya, der Akzent war entzückend. „Ach, du meinst reiten.“ „Sag ich doch.“ „Du hast reiten und reisen verwechselt“, schmunzelte Yosif, wiederholte für sie die beiden Worte auf Tulamidya. Wie immer, wenn sie unter sich waren, sprachen sie die Sprache des jeweils anderen, um zu lernen.

„Ist doch egal“, meinte Ordonya mürrisch. Ihr Schmollmund war umwerfend. „Ich soll einen guten Eindruck machen. Ich will aber gar nicht nach Taladur oder Ragath! Ich will hier bleiben! Und ich will das Rennen reiten.“ Wütend stampfte sie auf, rammte eine Faust in den Ballen. „Ich habe den horasischen Caballeras letztes Jahr doch mein Wort gegeben, dass ich dieses Jahr mitmache. Ich hab das seit letztem Sommer mit Kahbla trainiert, kann alle deine Tricks!“

‚Zumindest ein paar, und das Pferd ist zu jung und unerfahren, um zu siegen‘, schmunzelte Yosif innerlich. Er schwang sich auf einige Heuballen, zog ein Beutelchen Datteln hervor, bot Ordonya eine an. „Aus Keft. Das sind die süßesten. Nimm.“ Sein Gegenüber sah ihn misstrauisch an. „Erzählst du mir dann wieder irgendwelche Märchen von deinem Götzen?“ „Nein, ich werde keine Weisheiten des All-Einen mit dir teilen. Mein Vater hat sehr klar gemacht, dass er mich sonst als Fracht zu meinem Onkel schickt.“

Seine kleine Al‘Madana zu verlassen kam nicht in Frage. Sie waren für einander bestimmt. Das wusste er, seit er sie das erste Mal gesehen hatte. Sie ihm hitzig und unverblümt ihre Meinung zu mörderischen, landräuberischen Sandfressern an den Kopf geworfen hatte, die Hand an ihrem Dolch.

Ordonya kaute verbissen die Dattel, als wolle sie sie zu Staub zermahlen. „Es ist so ungerecht! Sarkya darf nach Blumenau. Und ich darf nichts!“ Wieder grub sich ihre Faust in die Heuballen. „Dabei darf jeder mitmachen. Letztes Jahr waren sogar Knechte dabei!“

„Jeder?“, erkundigte sich Yosif.

„Der die Anmeldegebühr bezahlen kann. Fünf Dukaten!“ Sie sah zu ihm hoch, ihre Augen glitzerten verschwörerisch. „Erinnerst du dich an die Händler, die vor kurzem hier waren? Sie haben mir die blöde Handschrift abgekauft, die ich von Großvater zum Geburtstag bekommen habe. Die war sowieso langweilig und teilweise erfunden. Jedenfalls hätte ich das Geld. Fabi… Selea müsste nicht mal für mich bezahlen!“

Ihre Frustration stieg weiter. „Und außerdem will sie mich an irgendwelche Ragather Schlachtreiter verschachern.“ „Sie will dich in die Sklaverei verkaufen?“ Ungläubig starrte Yosif Ordonya an, unwillkürlich in seine Muttersprache fallend.

„Spinnst du? Natürlich nicht. Meine Schwester ist doch keine Wilde oder Al’Anfaner Degenerierte!“, brauste Ordonya auf. Zur Sicherheit brachte Yosif seine Beine aus Reichweite ihrer Fäuste. „Was meinst du mit ‚verschachern’?” Ordonya zog sich auf das Heu und nahm eine zweite Dattel. Mit den Beinen baumelnd erklärte sie: „Selea sucht Schwertvater oder -mutter für mich. Damit ich das Handwerk einer Caballera lerne.” „Das willst du doch.” „Schon.” „Von den Schlachtreitern habe ich gehört. Es heißt, sie seien gut, kennen sich mit Pferden aus. Das müsste dir auch gefallen.” „Ja. Ich weiß.” Widersprüchliche Gefühle zeichneten sich auf Ordonyas Gesicht ab. Sie senkte den Blick. „Aber ich wäre nicht mehr hier. Und wenn ich zurückkomme, bist du nicht mehr hier. Und danach werde ich für Sarkozy Yrôstal vom novadischen Joch befreien.” Sie sah auf. „Ich will dich nicht nur im Kampf wiedertreffen. Auf der anderen Seite.”

Yosif schwieg. Schließlich fragte er: „Und was ist anders, wenn du hier bleibst, hier Caballera wirst und für deine Schwester kämpfst? Auch dann werden wir nicht auf der gleichen Seite stehen.” Er musterte sein Gegenüber. „Es bleibt Zeit für eine Lösung.” Er hatte längst darüber nachgedacht.

„Die Pferde brauchen Bewegung. Ich kann dir den Angriff aus dem Sattel nochmal zeigen. Und vielleicht finden wir unterwegs eine Lösung für dein Rennen. Wer nimmt teil?”, wechselte Yosif das Thema. Das Leuchten in Ordonyas Augen, als sie hastig vom Heuballen sprang, vertrieb jeden Zweifel an der Weisheit seines Plans. „Selea, Tariano, Luciana. Alle Erwachsenen, die ins Selkethal reisen. Selea schickt noch heute einen Boten mit den Anmeldungen.” „Und wer soll dann bemerken, wenn du nicht zusiehst, sondern teilnimmst?” „Sie stellen die Teilnehmer der Disziplinen vor. Mit Namen”, wandte Ordonya ein. „Wenn aber jeder mitreiten kann… und es dir gelingt, dich bis zum Start etwas abseits zu halten - wem würde ein unbekannter Name auffallen?”