Chronik.Ereignis1046 Rosen auf verbrannter Erde 02

Aus Almada Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Omlad, Phex 1046 BF

Autoren: Amrit, BBB

Vor den Toren der Stadt Omlad

Es ging langsam und mühsam voran. Aber es ging voran. Immerhin.

Die Praiosscheibe brannte unbarmherzig auf die Wartenden, wie ein mahnendes Auge des Götterfürsten, der die Seele der Einreisewilligen zu prüfen gedachte. Ein Wartender nach dem nächsten wurde zunächst von der Garde der Stadt untersucht, seine Besitztümer und Waren wurden inspiziert und schließlich wurde er zu einer eingezäunten und schwer bewachten Zeltstadt, zwar in Sichtweite, doch weit vor den Mauern Omlads geführt. Wo einst, vor vielen Götterläufen, Felder angelegt und Bäume gestanden hatten, war der Boden mittlerweile verödet und wahrscheinlich nicht mehr fruchtbar. Ein perfekter Platz, um Zelte für auf ihre Einreiseerlaubnis wartende Händler und Fahrende zu errichten.

“Im Namen der Reichsvögtin und Cronrätin, Tulameth saba Malkillah, im Namen der zwölf Götter und des Alleinen, wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?”, wandte sich schließlich der Rädelsführer der Garde, ein stämmiger, leicht untersetzter Mann in seinen mittleren Jahren, dessen dunkles Gesicht von einem beeindruckenden Schnauzbart geziert wurde, in befehlsgewohntem Ton an Emilio.

“Seid gegrüßt, ehrenwerter Herr. Mein Name ist Emilio Lampérez di Rueda, wohnhaft in der Reichstadt Ragath. Ich ersuche um Erlaubnis der Durchreise mit meinen fünf Trägern, drei Söldnern und vier Sack, 40 Stein gemischter Handelsware…” hier deutete er auf die unweit des Tores abgelegten Ballen und Kisten “...aus Fasar für das Handelshaus Lampérez der Grafschaft Ragath. Ersuche auch um die Verzollung ebenjener.” Die Papiere hielt Emilio in der Hand, behielt sie aber vorerst auch dort. Der Gardevorsteher wirkte wie ein Mann des Menschenschlages, der unangenehm werden konnte, wenn man ihm unaufgefordert Papiere reicht.

“Di Rueda?” Der Mann verzog ein Gesicht, als müsse er schwer nachdenken. “So so.” Sein Blick glitt unschlüssig über die Begleitung Dom Emilios, dann zu den Waren und wieder zurück zum jungen Adligen. Einen Moment lang musterte er sein Gegenüber abschätzend, dann fuhr er in etwas freundlicherem Ton fort: “Nun, Dom Emilio, sollte es Euch noch nicht bekannt sein - die Einreise nach Omlad aus der ewigen Wüste ist auf Geheiß der Reichsvögtin hin untersagt und an eine fünftägige Quarantäne gebunden. Ich muss Euch bitten entweder umzukehren und Eure Waren mitzunehmen, oder Euch in die Obhut der Garde zu begeben. So Ihr Euch für letzteres entscheidet, werden wir Euren Begleitern eines der Quarantänezelte zuweisen. Ihr selbst…” Er musterte den jungen Mann ein weiteres mal, eher er fortfuhr: “Ihr selbst würdet in einem abgetrennten Bereich der Gardehäuser untergebracht. Standesgemäß. Soweit unter den gegebenen Umständen möglich.”

Mit Kopfnicken und Gesichtsausdruck bedeutete Emilio dem Gardisten, dass er sich erkenntlich zeigte für dessen Entgegenkommen. Es war keine Selbstverständlichkeit. Zumindest in Omlad konnte Emilios Familienname manchmal Türen öffnen, im Rest Nash’Yaquims1 war wenn, dann das Gegenteil der Fall. Nachdem alle Formalitäten und Untersuchungen der Warenbündel abgeschlossen war, ging es ins abgesperrte Gebiet der Quarantänezone.

Während sein Gefolge in einem einfachen, großen Mehrpersonenzelt zusammen mit anderen fahrenden Händlern untergebracht wurde, auf einfachen Holzpritschen und engstem Raum, hatte Dom Emilio… Glück. Oder zumindest weniger Pech…

Seine Unterkunft für die nächsten Tage war kein Zelt, in dessen Inneren sich die stehende Luft schnell aufheizte und zu einem Ofen wurde. Er wurde in einem befestigten Haus untergebracht - wenngleich einfach gehalten und karg, ohne schmückendes Werk an den Wänden oder etwas, das den Blick erfreuen mochte. Er hatte einen Raum für sich. Auch wenn dieser nur aus vier, vielleicht fünf Rechtsschritt bestand und nicht mehr als einen Stuhl, einen kleinen Tisch und eine hölzerne Pritsche beinhaltete, alles dicht an dicht gestellt, so war der Stuhl doch immerhin mit einer Lehne versehen und auf der Pritsche hatte man eine Strohmatratze, eine weitgehend saubere Decke und sogar ein kleines, mit Lumpen gefüttertes Kissen bereitgelegt. Es war kein Luxus. Aber es war so viel mehr als all jene hatten, die vor seiner absperrbaren Tür hinter dünnen Zeltwänden darauf warteten, dass die Zeit endlich verstrich.

Und zudem hatte er soetwas wie Gesellschaft. Zwar war die Garde die meiste Zeit über damit beschäftigt, den Zugang zur Stadt zu regulieren - aber des abends, wenn der Strom an Einreisenden nachließ, fanden sie sich immer mal wieder in ihrer Wachstube ein, direkt hinter Emilios Zimmer, aßen etwas, spielten Karten, unterhielten sich. Ihre Worte waren nicht laut, nicht für seine Ohren bestimmt, und doch deutlich genug vernehmbar.

Abend für Abend hörte er die Geschichten der Wachleute. Von der Ehefrau, die ihren Gatten nicht ausstehen konnte und ihm die blaue Keuche an den Hals wünschte, weil er angeblich einer anderen Frau nachgesehen hatte. Vom Aramya, der von seiner Einkehr ins Paradies träumte, wenn er den Dienst quittiert und gegen die ‘Monstren unter dem Sand’ in die Schlacht gezogen war. Vom Gardevorsteher, der diesen Dienst als Strafe ansah für ein Vergehen, das er nicht begangen hatte.

Emilio war allein. Aber die Stimmen halfen dabei, die Stille zu vertreiben. Jeden Abend.

~°~

Zwei Tage später Die Wände des Gardehauses waren kahl, die Fenster vergittert. Da half auch nicht, dass die Gitter als Schutz vor Eindringlingen von aussen gebaut waren. Es hatte zu viel von einem Gefängnis, und das war unterträglich. Wann immer möglich, ging der junge Adelige also hinaus und zog in den paar Morgen eingefriedeter Landschaft hin und her wie ein eingesperrtes Tier. Zumindest der Himmel über ihm war offen. Emilio stellte sich an die Palisadenwand und blickte hinaus, mal gen Omlad, mal ins Umland.

Truppen des Kalifen hatten hier vor den Stadtmauern zwei lange Jahre ausgeharrt und Omlad unerbittlich belagert. Zwei Götterläufe...und Emilio wurden schon die fünf Tage lang, wie er mit schiefem Grinsen feststellte. Die Geschichte hatte sich dem Umland eingebrannt. Zwei Jahre Bau von hölzernen Trutzburgen, von Palisadenwällen, von kruden Flößen und Booten für den flußseitigen Teil der Schlachten...und von den einstigen üppigen Zedernwäldern Omlads blieben hier nur kahle Hänge. Felder und Weinberge verwilderten und verdorrten damals, wo sie nicht gezielt abgebrannt und zerstört wurden. Ortskundige konnten einem auch heute noch wispernd die im Fels verbliebenen Klüfte zeigen, an denen der Schwarzmagier El'Ghulshach in jenen Tagen das Gestein aus dem Untergrund herausgerissen und aufgetürmt hatte, zu Golems mit tödlicher Durchschlagskraft.

Über zwanzig Jahre war diese Kriegszeit nun schon her. Andernorts, in milderem Klima und in den nördlicheren Ebenen, hätte sich der Boden wohl schon längst erholt. Dort wären, dank Perraines und Tsas unbändiger Kraft, die Wunden der Erde geheilt. Hier um Omlad herum hatten aber die starke Regenfälle der Tristessa2, der heiße Wind der Khôm und Praios' oft unbarmherziges Strahlen das ihrige getan, im Laufe der Kriegsjahre die ungeschützte Erde abzutragen und nur kahlen Felsgrund zurückzulassen. Emilio seufzte. Im Gardehaus fühlte er sich eingesperrt, hier draussen aber lasteten die Hitze und die bedrückende Landschaft schwer auf seinem Gemüt. Er beschloss, irgendeinen Schattenplatz zu suchen und sich geistig in den mitgebrachten Abschriften zu versenken. Hoffentlich ging diese Quarantäne bald vorüber.

~°~

“Di Rueda!”, erklang bellend die Stimme des Gardevorstehers über den Platz, ein Mann namens Yakuban, wie Emilio erfahren hatte.
“Di Rueda! Eure Einreiseerlaubnis ist da! Ihr und Euer Gefolge könnt die Reise fortsetzen.”

Die fünf Tage waren vorbei. Es konnte endlich weitergehen.

Nun öffnete sie also schließlich ihre Tore, Omlad, die Heißumkämpfte. Der Schmelztiegel zwischen Süd- und Mittelreich, mit ihrem Flickenwerk verschiedenster Baustile, mit ihren Marmorpalästen und dunklen Gassen, wo Handelsgüter dreier Reiche auf den Basaren auslagen und hunderte legale und weniger legale Vergnügungen auf die Durchreisenden warteten. Emilio war einfach nur müde. Wie musste es aber erst den Trägern und Wachen gehen, welche in seinem Sold standen. Er hatte Bedauern gespürt die letzten Tage, als es in der Zeltstadt nicht möglich war, ihnen Linderung zu verschaffen. Nun hatte er aber ein Ziel.
Die letzte Nacht vor der Flußquerung würden sie alle im “Aufrechten Alrik” unterkommen.
Die Wirtin wurde angewiesen, Geflügel aufzutragen, das mit Honig und gedörrten Kirschen geschmort war, dazu kühles Bier; auch sollte sie für die Einkehrenden Bäder bereiten im angeschlossenen Hammam. Ja, auch für die Träger.

Die verhängte Quarantäne trieb Preise für die Gewürze, Teppiche und andere Karawanengüter in die Höhe, und würde dem Handelshaus Lampérez reiche Ernte bescheren. Warum nicht ein wenig von diesem Phexenssegen an jene, die die Schwierigkeiten zu tragen hatten.
Das musste die Reisekasse hergeben, wie Dom Emilio für sich selbst beschloß.

Am nächsten Morgen ging es mit der Fähre durch aufsteigende Nebelstreifen über den silbrigen Yaquir. Ein Schwarm roter und schwarzer Schmetterlinge stob von Omlads Klippen auf, unterwegs in dieselbe Richtung - so wie sie es jeden Frühling taten, über die Grenzen hinweg. Der junge di Rueda verließ die Stadt und trug von dort einen neuen Gedanken mit nach Ragath.

1 nov.: die Landschaft des südliche Yaquirufer
2 alm.: Winterzeit in Almada, so genannt wegen des grauen und regnerischen Wetters