Chronik.Ereignis1046 Rosen auf verbrannter Erde 03

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Punin, 1046 BF

Autoren: Alberto Fredarcarno, Amrit

Zögernd stand Emilio di Rueda vor dem großen, schmucklosen Gebäude im Stadtzehntel Ingwacht. An diese Adresse zu kommen war nicht leicht gewesen. Es hatte seine diversen Kontakte in die Künstlerwelt gebraucht (und eine sehr gute Flasche Wein) und hier war es nun also…das Atelier des großen Talentino Bonarotti, des weithin berühmten Malers, Erfinders, und in vielen Dingen bewanderten Künstlers. Von außen sah das Haus eher aus wie eine Lagerhalle. Emilio fasste sich ein Herz und zog an der neben den Türflügeln angebrachten Klingelschnur. Kein Geräusch zu hören. Sollte er nochmal..?

Während Emilio an der Schnur zog, warf er einen weiteren Blick auf das Gebäude. Obgleich es von außen den Charakter einer Lagerhalle aufwies, waren die Wände grob in erdigen Ocker- und Grautönen verputzt. Das Dach war nur leicht geneigt, so dass die Ziegel, die es krönten, kaum zu sehen waren. Recht weit oben gab es einige kleine schlitzartige Fenster, durch die wohl nur wenig Licht ins Innere zu dringen vermochte. Vielmehr erinnerten sie fast schon an die Belüftungsöffnungen für den Transport wilder Tiere. Die schwere, eisenbeschlagene Tür wirkte leicht verzogen; vielleicht durch das Wetter. Als sie sich schließlich öffnete, blickte Emilio in ein unwirkliches Halbdunkel. Ein olfaktorische Wolke aus Leinöl und Harz strömte ihm entgegen. Eine stumme Magd hatte die Tür geöffnet. Sie trug ein einfaches Leinenkleid. Eine schief sitzende Brille zierte das Gesicht. Das bereits angelaufene Metallgestell verfügte nur noch auf der rechten Seite über ein vollständiges Glas. Linksseitig war dieses offenbar irgendwann zerbrochen, so dass die Frau sich nur nach unten geneigt, vollständig orientieren konnte. „Seid gegrüßt in Nandus‘ Namen, ehrenwerter Gast. Dürfte ich bitte erfahren, wer meinem Herrn zu dieser Stunde seine Aufwartung machen möchte?“

In der rechten Hand trug die Magd eine Öllampe. Im Hintergrund brannte weitere Lampen, während einige einsame Sonnenstrahlen durch die hochgesetzten Fenster für weitere Beleuchtung sorgten. Nun erschlossen sich Emilio weitere Düfte, die an seine Nase drangen. Dies mussten die Gerüche von Leder und Sägemehl sein. Zudem konnte er sich des Gedankens nicht verwehren, dass er auch Sehnenfett riechen würde, wie es für Torsionsmaschinen zum Einsatz kam. Während er noch über die rechte Worte zum Entgegen nachdachte, erhaschte er einen Blick auf mehrere große Holztische im Hintergrund. Auf einem von diesen vermeinte er eine aufgerichtete Armbrust voller hölzerner Zahnräder zu erblicken. An der Decke befanden sich zahlreiche an Seilen aufgehangene Säcke ungewissen Inhalts. Der junge Mann riss sich von den Betrachtungen los und wandte sich der Magd zu: “Meine aufrichtigsten Empfehlungen. Ich bin Dom Emilio Lampérez di Rueda, und ersuche den Herren Talentino Bonarotti um eine kurze Unterredung. Da ich den Maestro unangekündigt aufsuche, bitte ich darum, ihm für seine Mühe noch diese kleine Aufmerksamkeit zu überbringen."

Mit leisem Klackern fischte er nach drei kleinen, wachsversiegelten Flaschen, gefüllt mit Brocken in sattem Rot, Dunkelgrün und eine letzte mit intensivem Violett, welches im Lichteinfall grünlich schillerte.

"Das sind Pigmente vom Raschtulswall. Für Malerei." Emilio war nicht ganz sicher, ob dieser vielfarbige Bestechungsversuch angeraten war, drückte die Flaschen aber doch der Magd in die Hände.

Die Magd schaut sich erst den Besucher, dann die Fläschchen aufmerksam an: „Ihr wollt meinen Meister und mich wohl auf die Probe stellen?“ Sie zögert kurz. Dann fährt sie fort: „Die erste Phiole enthält ganz offensichtlich Zinnoberrot. Wenn wir es fein zermahlen, wird es für eine intensive rote Ölfarbe geeignet sein. Dabei sollten wir jedoch Handschuhe tragen, denn die Farbe ist hochgiftig. Eure zweite Phiole, Dom Lampérez di Rueda, ist wohl Malachitgrün und wird für seine hervorragende Deckkraft geschätzt. Ihr habt es wohl aus Pigmenten von geriebenem Malachit gewonnen. Nun zu eurer dritten Phiole. Hie habt Ihr Lapislazuli mit kleinen Mengen von Ganthrazit vermengt, um einen violetten Farbstoff für die Staffeleien meines Meisters zu generieren, der auch bei schwachem Licht ein grünes Licht abgibt. Es stellt sich das Rätsel, wie ihr in den Besitz von Ganthrazit gekommen seid. Selbstverständlich werde ich dem Maestro eure Geschenke übergeben, Dom Lampérez di Rueda, doch habt Verständnis dafür, dass der Herr derzeit nicht gestört werden möchte. Wie Ihr sehen könnt, hat er das rückwärtige Fenster verhangen, um nur mit schwachem Licht zu arbeiten. Seine aktuellen Experimente erlauben kein größeres Licht. Kommet wieder, wenn die Fledermäuse sich von seiner Halle erheben und das Madamal sein Licht über den Weg zu dieser Halle erleuchtet. Dann wird der Maestro geneigt sein, sich Eure Worte anzuhören und entscheiden, ob er mit Euch zu speisen gedenkt oder Euch zunächst ein nandusgefälliges Rätsel auftragen wird.“ Die Magd verbeugt sich und wartet auf die Reaktion ihres Gegenübers.

Auf dem Gesicht des jungen Mannes zeichnete sich einige Verblüffung ab. “Wohl gesprochen. Das Ganthrazit, weil ihr fragtet, stammt aus einer stillgelegten Mindorium-Mine im Gebirge. Fällt es dort durch Sickerwasser an der Wand in Blüten aus. Ein hübscher Anblick.” Er lächelte. Ein Ort der Rätsel und Geheimnisse, das erfüllte einen doch gleich mit Wachheit und Leben. Zu den weiteren Ausführungen nickte er. “Seid bedankt! Dann komme ich also zur späteren Stunde wieder, und freue mich auf das Gespräch.” Er verabschiedete sich formell. Nachdem die Türe wieder ins Schloss gefallen war stand Emilio noch einige Momente sinnend vor der Halle, bevor er sich umwandt, um eine Gaststube zu suchen. Wann, bei den Zwölfen, ist die Stunde wo die Fledermäuse ausfliegen..?

~°~

Einige Stunden später, in den frühen Nachtstunden, verließ der Dom di Rueda den Fensterplatz in einer nahegelegenen Teestube (von wo er, zur Verwunderung seiner ältlichen Sitznachbarin, immer wieder prüfend in den Himmel gespäht hatte) und er wurde erneut vorstellig.

Kurz nachdem Emilio den Eingang zur Halle erblickt hat, öffnet sich auch schon die schwere Eingangstür. Heraus kommt die Dame, mit der das vorherige Gespräch stattgefunden hat. "Entschuldigt meinen Herrn. Er fühlt sich heute Abend etwas unpässlich und hat mir aufgetragen, mit euch eine Speise einzunehmen und Euer Anliegen zu erörtern. Folget mir." Die Stimme der Frau erlaubt keine Einwände. Über eine staubige, nur teilweise gepflasterte Straße , die vom Madamal in ein silbernes Licht gehüllt wird, geht es am verlassenen Eisenmarkt vorbei. Wie huschende Schatten, die euch zu beobachten scheinen, flattern Fledermäuse durch die Nacht. In der Ferne hört ihr das Gekläffe einiger Hunde, vernehmt das Knarren rostiger Türangeln im Wind und das Konzert einiger räudiger Katzen. Die engen Gassen Ingwachts sind um diese Zeit unbelebt. Die meisten Händler und Arbeiter haben schon lange ihr Tagwerk eingestellt, und auch die Bettler haben sich schon lange ein Quartier für die Nacht gesucht. Eure Schritte hallen auf den verlassenen Straßen und Wegen. Vereinzelte Olivenbäume und Sträucher säumen euren Weg. Fast scheint es, als ob die Frau - wie heißt sie eigentlich - bewusst die Gegenwart anderer Menschen zu vermeiden sucht, als ihr auf die Tore einer Schenke stoßt: „Zum flinken Ugo“. Nun richtet die Dame wieder ihr Wort an Emilio: „Lasst uns einen freien Tisch am Ende der Schenke wählen, wo wir uns ungestört unterhalten können. Ich werde dem Wirt mitteilen, dass er den Vorhang vorzieht und uns nach unserer Bestellung nicht weiter behelligen soll. Der Herr ist hier wohlbekannt, so dass es keiner weiteren Erklärung bedarf. Am besten bestellen wir einen Hornenfurter Lebensquell für uns beide und dann kümmere mich um einige Cressos und einen saftigen Braten. Was sagt ihr dazu? Ihr habt sicher Hunger.“

Einen Moment kam Emilio der Gedanke, ob es Talentino Bonarotti womöglich gar nicht gab, und die Frau gegenüber eine raffinierte Fassade aufrecht hielt? Unwahrscheinlich, aber der ganze Tag soweit war…unwahrscheinlich.

“Bevor wir eine Mahlzeit teilen, würde ich eine Vorstellung eurerseits begrüßen” erwiderte der Angesprochene dann, nicht unfreundlich. Die ganze Situation war unkonventionell, und er wusste nicht recht, wie damit umgehen. Das Angebot auf Schmalzgebäck mit Braten schlug er höflich ab und ließ sich vom Gastwirt Brot bringen, dem Rosé sprach er aber gerne zu. „Mein Herr nennt mich Manovia. Es deucht mich, dass Ihr kein Gefallen an Cressos und Braten habt. Das tut mir leid.“ Als ihr Gast den Wirt anrief, ihm Brot zu bringen, schien sie für einen Moment verärgert zu sein, fasste sich dann aber schnell. Aufmerksam beobachete sie Emilio, bevor sie den Cressos und dem Lebensquell zusprach.

“Ja gut, dann unterbreite ich Euch mein Ansinnen: Im Umland der Stadt Omlad liegen ehemals grüne und fruchtbare Hügel, die durch die Kriegsjahre verdorrt sind. Die fruchtbare Erde ging verloren. Mich interessiert, ob dies umkehrbar ist, es geht also um Entwicklung von Ideen und Gerätschaften dafür. Ich möchte einerseits versuchen, Geweihte der Perraine zu gewinnen für diese Versuche, andererseits braucht das Vorhaben aber auch Bewässerung. In Amhallasshi gibt es uralte unterirdische Wasserkanäle, Feggagir. Aber das hilft auf den Abhängen nichts. Die neu aufgebrachte Erde sollte dauerhaft befeuchtet werden, aber nicht weggeschwemmt werden. Mich hätte interessiert, ob Maestro Bonarotti dazu Ideen hat, und ich würde in dem Fall gerne als Auftraggeber agieren. Bitte würdet Ihr ihm dies unterbreiten?”

“Habt Ihr schon darüber nachgedacht, gestaffelte Terrassen mit Versicherungsgräben anzulegen, dort dann Pionierpflanzen anzusetzen und Entwässerungsgraben für den Fall einer Überschwemmung anzulegen? Die Kirche der gütigen Mutter Peraine wird sicher auch Vorschläge unterbreiten können, geeignete Bewuchspflanzen und Fruchtfolgen einzusetzen. Gerne werde ich das Problem mit Meister Bonarotti näher besprechen. Kommt morgen Abend wieder zur Stunde der Fledermaus zu des Meisters Haus.”

Ihr Gegenüber fuhr sich etwas verlegen durch das dunkle Haar. “In Belangen der Landwirtschaft habe ich nicht wirklich Vorwissen. Was ihr sagt klingt aber gut fundiert. Danke! Und Danke für Eure Vermittlung. Also morgen zur selben Zeit?”

So geschah es dann auch, und Emilio fand sich zum dritten Mal vor dem Tor des Ateliers ein. diesmal mit Schreibzeug in der Hand. Die erste Seite war leer bis auf das Wort “Pionierpflanzen” - eingekreist und mit einem kleinen Fragezeichen - daneben einige kunstfertig ausgeführte Rankenskizzen.

Die Tür öffnete sich sogleich, diesmal, als habe man ihn bereits erwartet, und Manovia führte ihn schweigend in das dämmrige Innere. Der Geruch von Harz, Öl und getrockneten Kräutern lag in der Luft, und die Schatten der aufgezogenen Säcke an den Seilen flackerten gespenstisch im Halbdunkel. Emilio fiel auf, wie ernst und doch sanft sie wirkte – eine Mischung aus Strenge, Gelassenheit und einer leisen Traurigkeit, die er nicht recht deuten konnte. Am Ende der Halle setzte sie sich an einen schweren Holztisch, zog eine Wachstafel hervor und sprach: „Der Maestro wünscht, dass Ihr Euch einem Rätsel stellt. Es ist der Weg, den er von allen fordert, die Hoffnungen in sein Werk setzen.“ Emilio wurde sich bewusst, dass der Maestro auch heute nicht zu sehen war. Dann las er die eingeritzten Worte:

Ich bin der Laut, der ohne Stimme spricht.
Ich bin die Spur, die nur im Dunkel sichtbar wird.
Ich bin der Schatz, den man verliert, wenn man ihn allein behält.
Doch wer mich mit Demut teilt, gewinnt an Reichtum mehr als Gold.
Was bin ich?“

Emilio runzelte die Stirn. Wissen? Erkenntnis?, ging es ihm durch den Kopf – und er schrieb es zögernd auf sein Pergament.

Manovia nickte knapp, ohne den Ausdruck ihres Gesichts zu verändern. „Der Maestro nimmt Eure Antwort zur Kenntnis.“ Dann schob sie, fast unmerklich, eine zweite Tafel über den Tisch.

Ich bin gebunden und doch frei,
bin kleiner als ein Halm und größer als ein Berg.
Man sucht mich in den Tiefen der Erde,
doch ich wohne im Herzen der Menschen.
Wenn man mich verliert, irrt man im Nebel.
Wenn man mich findet, leuchtet der Morgen.

Emilio sann länger, während das gelbliche Licht der Lampen auf ihr Gesicht fiel und die Bruchstellen ihrer schiefen Brille aufleuchten ließ. „Lasst mich morgen eure Antwort auf dieses Rätsel wissen.“ Ob es Einbildung war oder nicht, er meinte in Manovias Blick ein kurzes Aufflackern von Wärme zu sehen, ehe sie mit unbewegter Stimme den nächsten Auftrag erteilte: „Ihr werdet morgen erneut erscheinen und mir eure Lösung benennen. Dann erwartet Euch ein drittes Rätsel.“ Als er später durch die gepflasterten und gewundenen Straßen Ingwachts zu seinem Quartier zurückging, vermeinte er, den Namen des Maestro Bonarotti vernommen zu haben. Dieser – oder eine andere Person – sei schon seit Monden sonderbar verändert. Mal habe man ihn schweigend gesehen, dann voller Inbrunst gestikulierend, so als ob er Worte in die Luft schreiben würde. Weitere Worte konnte Emilio nicht vernehmen, da der „unsichtbare Dritte“ im Trubel einer überraschenden Prozession zu Ehren des Strengen Richters Borons verschwunden zu sein schien.


Punin lag schon in Stille und Schlaf, aber der Dom di Rueda kauerte in seinem Atelier, im Lichtkreis der Wachkerzen über das Schriftstück gebeugt. Man sucht mich in den Tiefen der Erde... Schätze, Bodenschätze? Adern von etwas? ...doch ich wohne im Herzen der Menschen. Oder ging es um Relikte alter Zeiten? Ein Thema, für das Emilio viel Anklang empfand. Seine Finger glitten über eine am Tisch liegende marmorne Hand, ein Fundstück aus Mhanidistan. Er hatte es im Sand gefunden…Sand, welcher farbenprächtige und uralte Mosaike bedeckte, ein Anblick, der Emilio tief angerührt hatte. Geschichte, Zeichen der Vergangenheit findet man in den Tiefen der Erde und in den Herzen der Menschen. Aber kleiner als ein Halm und größer als ein Berg? Der junge Mann presste die Fingerspitzen zwischen seine Augenbrauen und seufzte. Dieses Rätsel wand sich unter seinen Deutungen wie Quecksilber. Vielleicht war es besser darüber zu schlafen. Oder zu meditieren. Er rückte vom Tisch ab, sprach ein Gebet an Marbo und Rahja an deren Hausaltar und nahm dann auf einem mit seidenen Teppichen bedeckten Diwan Platz, um den Rauch von Kräutern einzuatmen, Zithabar und Ilmenblatt. Ein Stück glühende Kohle aus dem Ofen brachte die getrockneten Pflanzen in einer kristallenen Wasserpfeife zum Glosen, und nach einem Moment der Sammlung nahm Emilio den ersten tiefen Atemzug. Der Rausch wusch wie Brandungswellen über seine Empfindungen, was er dankbar begrüßte. Nun fokussiert genug bleiben um nicht ganz abzudriften, und zugleich loslassen, genug loslassen, dass die Träume einen finden… Vor seinem inneren Auge begannen die Bilder zu tanzen. Bonarotti, der leuchtende Zeichen in der Luft schrieb. Manovias melancholisches und unergründliches Gesicht. Irren im Nebel, graben in der Tiefe. Emilio ließ sein Gewicht auf den Diwan sinken und ließ die Taumbilder wie Wasserfluten über sich hinweggehen.

Einige Stunden später, und nach unruhigem Schlummer, bei dem er hauptsächlich das Gefühl hatte, an der Stelle zu treten, fand sich der Schläfer in einem Traum wieder. Sternenklare Nacht in einer einer Hafenstadt im hohen Norden. In einer nächtlichen Taverne hörte er sich selbst (jemand anders?) sagen: “Ja, mir wurde viel von diesem besonderen Ort erzählt und mehrere Freunde haben mich hierher eingeladen! Thorwaler und andere Seefahrer. Ich war erst zögerlich.” Ein Lächeln “Bin maraskanisches Klima gewohnt.”

Dann sah Emilio eine Brücke im Schnee, darauf zwei liebevoll umschlungene Menschen bei einem Kuß. Das Haar der einen Frau fiel ihr in feurig leuchtenden Locken über den Rücken. Hitze…kam ihm in den Sinn.

Im nächsten Moment war sein Bewusstsein wach genug, um sich seiner eigenen Realität wieder bewusst zu werden. Hitze. Feuer gibt es in den Tiefen der Erde und in den Herzen der Menschen. Gebunden aber frei. Ja. Leuchtfeuer im Nebel, und in der der Dunkelheit der Nacht… Dunkelheit der Nacht erinnerte Emilio an seine Gottheit der Träume, und er sprach ihr und Rahja pflichtschuldig ein Gebet, wonach er wieder in Schlaf fiel, nun ruhig und dankbar. Im Licht des nächsten Tages suchte er Manovia auf, mit Schreibzeug in der Hand und mit einem erhebenden Gefühl…Freude darüber, dass ihm erlaubt war, mit einer Antwort zu kommen, aber auch Freude auf die nächste Herausforderung, auf die Fortführung des Gespräches.

Mitten auf dem Weg zu Manovia sticht Emilio etwas Ungewöhnliches ins Auge: Ein einzelner Zettel liegt auf dem Boden, sorgsam von vier herabgefallenen Blättern beschwert. Dieses unscheinbare Detail wirkt beinahe zu auffällig, um Zufall zu sein. Emilio bückt sich, hebt das Blatt Papier auf und wirft einen prüfenden Blick darauf:

„IV. Vom rechten Wege (62) Die Gemeinschaft der Gläubigen sei ein Zufluchtsort für alle, die Hilfe suchen. (63) Wie das Papyrus im Wind sich neigt, so sollt auch ihr euch demütig zeigen vor allem Leben. (64) Die Herrin liebt die Vielfalt ihrer Schöpfung und ruft euch auf, sie zu achten und zu schützen. (65) Wer einen Menschen rettet, rettet ein ganzes Reich der Hoffnung. (66) Wer aber einen Unschuldigen opfert, um sich daran zu erfreuen oder fremden Götzen zu dienen, schneidet sich selbst vom Strom des Lebens ab. (67) Die Hohe Herrin Tríatha spricht: „Ich bin nicht im Blut der Unschuldigen, sondern im Lächeln des Kindes, im Trost der Mutter, im Mut des Verfolgten.“ (68) Lasst euch nicht von jenen verführen, die euch Reichtum oder Glück durch Gewalt und bösen Zauber versprechen. (69) Die Wege der Herrin sind Hoffnung, Barmherzigkeit und Wahrheit – nicht Furcht, Hass und Aberglaube. (70) Wer in dunklen Zeiten an der Hoffnung festhält, wird von der Herrin durch den Nebel geführt. (71) Die Herrin vergibt dem, der bereut und sich der Wahrheit zuwendet, doch sie vergisst nicht, wer sich der Freude bewusst verschließt und die Wahrheit verlacht. (72) So wie die Sonne die Sümpfe und die Wässer wärmt, so soll eure Güte alle Menschen erreichen. (73) Die Herrin Tríatha ruft euch, die Fesseln der Angst zu sprengen und Licht in die Schatten zu bringen. (74) Sammelt die Verirrten, heilt die Verwundeten, gebt den Verfolgten ein Zuhause. (75) Die Gemeinschaft der Gläubigen sei ein Hort der Hoffnung, der Tríathas Wohlgefallen erwecke. (76) Wer sich der Herrin anvertraut, wird nicht allein sein, selbst wenn die Welt ihn verstößt. (77) Kein Zauber, kein Opfer, kein Blut kann die Gunst der Göttin erzwingen. Nur Liebe, Demut und Gerechtigkeit öffnen das Tor zu ihrem Segen. (78) So sollt ihr leben in Hoffnung, Barmherzigkeit und Wahrheit, damit das Licht der Herrin Tríatha in euren Herzen nie verlöscht. (79) So begann er dann, den Wahren Glauben überall in die Welt hinauszutragen und zu verkünden, und wo er ging, da hinterließ er in den Herzen der Menschen eine immerwährende Liebe und Freundlichkeit.“

Dom di Rueda las die Zeilen an eine Hausecke gelehnt, sein Gesichtsausdruck bewölkt. Wahrer Glaube? Vielleicht war der Zettel ein anonymes Flugblatt irgend einer Splitterreligion. Falls es aber eine Botschaft an ihn persönlich war (und sein Gefühl ging in diese Richtung) dann hieß das, dass die Dinge sehr viel komplizierter geworden waren.

Als er zur vereinbarten Zeit dann Manovia gegenüberstand, wieder im Eingangsbereich des weitläufigen Ateliers, wog er seine Worte ab.

Ich bin gebunden und doch frei,
bin kleiner als ein Halm und größer als ein Berg.
Man sucht mich in den Tiefen der Erde,
doch ich wohne im Herzen der Menschen.
Wenn man mich verliert, irrt man im Nebel.
Wenn man mich findet, leuchtet der Morgen.

zitierte er die Worte auf der Wachstafel “Wenn ich nach fliegenden Blättern gehe ist die Antwort möglicherweise ‘Hoffnung’?” Er musterte das Gesicht der Magd, um ihre Reaktion abzulesen. “Meine Göttin hat mich allerdings auch zu einer Antwort geführt.”

Mit diesen Worten hielt er den auf der Straße gefundenen Zettel an eine nahe stehenden Kerze, deren Flammen das kleine Schriftstück erfasste.

Er behielt das langsam auflodernde Papier zwischen den Fingern, während er weitersprach. “Ich bin nicht nur Gläubiger, ich bin Diener meiner Göttin. Ich verdanke ihr mein Leben, und werde ihren Antworten immer den Vorzug geben. Wenn das ein Grund sein sollte, unsere Geschäftsanbahnung abzubrechen, nehme ich es bedauernd aber gefasst in Kauf.” Mit einer schlenkernden Handbewegung verlöschte die Flamme. “Wie sollen wir also weiter verfahren?”

Manovia musterte Emilio für einen Moment. „Manchmal senden uns die Unsterblichen Hinweise, die uns verwirren oder die wir nicht deuten können. Manchmal aber meinen sie es gut mit uns. Wer in Hoffnung schreitet, durchschreitet auch düsterste Täler. Das Schicksal muss euch wohl den rechten Weg gewiesen haben, so dass der Maestro sein zweites Rätsel als gelöst betrachten wird. Ich höre aus euren Worten, dass ihr diese Lösung ablehnt, obwohl euch die Einsicht getroffen zu haben scheint, dass es sich um die gesuchte Lösung handelt.“ Sie hielt einen Moment inne. „Welche Worte hat Euch Eure Göttin als des Rätsels Lösung gewiesen? Zu welcher Erkenntnis führt es euch, dass euch ein Zettel in die Hände gefallen ist, der die gesuchte Lösung offenbarte, während eure Göttin euch zu einer anderen Antwort zu führen schien? Denkt nach, bevor Ihr mir antwortet. Ich werde Euch nunmehr eurer drittes Rätsel vortragen.”

“Nein, Moment. Das verlangt Klärung und zwar jetzt.” Der junge Mann sprach nun mit einer für ihn ungewohnten Schärfe in der Stimme. “Ich teile Eure Bewertung nicht, wonach der mir gesendete Traum fehlging und ganz sicher nicht, dass dieses Flugblatt die einzige ‘wahre’ Antwort enthielt, die Offenbarung des Schicksals. Ihr fragtet, welche Worte mir als Lösung gewiesen wurden?” In seinen Augen zeigte sich ein Funkeln als er weitersprach “Das vorhin war die Antwort, und hat Euch ins Gesicht geleuchtet. Feuer. Ich merke aber dass Ihr sie nicht wahrgenommen habt. Wer meint alle Antworten schon zu besitzen, der wird leicht für alles andere blind, nicht?”

Er sah sie fast bedauernd an, bevor er fortfuhr: “Feuer ist gebunden an seine Quelle, aber die tanzenden Flammen lodern und verbreitet sich in Freiheit. Klein wie ein junger Halm kann eine Flamme leuchten, oder groß wie ein feuerspeienden Berg, denn Feuer findet sich tief im Erdreich. Es weist den Weg in Dunkelheit und Nebel, und das Feuer in unseren Herzen ist eine der stärksten Kräfte Deres. Feuer ist also eine passende Antwort auf die gestellten Fragen" ...und darüber hinaus, wie der Dom für sich dachte, mit Seitenblick auf die Asche des Flugblattes. “Euer Maestro möge das einräumen oder aber er möge mir den Fehler in dieser zweiten Lösung weisen. Ich hoffe doch, er erwärmen sich dafür, vielleicht nicht die alleinige Wahrheit zu besitzt. Alles andere wäre wirklich schade.” Er blickte Manovia nun in die Augen “Bei unserem ersten Kennenlernen habt Ihr mich im Namen Nandus gegrüßt. Was ist mehr im Sinn der Allweisen und ihres Sohnes: Nach Antworten zu suchen, oder die Suche zu beenden weil man meint die Wahrheit schon letztgültig zu besitzen?” Er straffte sich: “Gut, nachdem das geklärt ist, nennt mir gerne das letzte Rätsel.”

Manovia hob an:

Ich bin das Geschenk, das Leben erfüllt,
ohne mich bleibt alles kalt und still.
Ich bin das Lächeln in der Kinder Augen, der Trost, wenn Herzen sich verneigen.
Ich öffne Tore, die kein Blut vermag,
keine Macht, kein Opfer, kein Zauberschlag.
Ich bin die Kraft, die Welten trägt,
wenn Hoffnung still in dir lebt.
Was bin ich, das hoffend ewig währt,
das der Göttin Segen bewahrt und nährt?

Während ihr Gegenüber zuvor noch mit Leidenschaft gesprochen hatte, verließ ihn nun spürbar die Kraft. "Wahrheit, Hoffnung und Liebe, die ersten zwei hatten wir schon, bleibt das Dritte.” Wenn alle Antworten von vorhinein feststehen, kommt rasch der Punkt, wo eigenständiges Denken überflüssig wird. Er konnte ihr vermutlich nicht nahebringen, warum ihn dieser Moment bedrückte. “Ich hoffe das nächste Gespräch kann nun in medias res gehen, und die Begrünung Omlads voranbringen.”

“Wahrheit, Hoffnung und Liebe wären drei, doch war Erkenntnis die erste Lösung. Mir scheint, ihr braucht etwas mehr Schlaf”, schmunzelte Manovia. Manovia, die bislang gestanden hatte, setzte sich Emilio gegenüber. Ihre Augen suchten die Seinen in der dämmrigen Halle. Gerüche von Leinöl und Harz drangen in seine Nase. Dann begann sie, langsam und bedacht zu zeichnen, als ob sie ihre Gedanken tief abwägen würde. Dabei blieb Emilio stumm. Seine Gedanken kreisten über die seltsamen Gespräche der vergangenen Tage. Für einen kurzen Augenblick blieb sein Blick an einer Skizze hängen, die mit einem Nagel an der Wand befestigt war und etwas zeigte, dass wie eine Armbrust mit lauter Zahnrädern wirkte. Dann fing Manovia langsam an zu sprechen: „Der Meister ist nicht verloren im Schatten der Stille, sondern weilt in einer Welt, die so oft laut schreit, ohne zu sprechen.“ Ihre Blicke verschränkten sich in diesem stillen Dialog, als spräche sie von einer Last und zugleich einem Versprechen: dass Erkenntnis sich nicht zwingend in Worten offenbare, sondern in der Hoffnung, die sich weise aus dem Schweigen löse. Weiter machte Manovia keine Anstalten, den Meister herbeizurufen. War er überhaupt vor Ort? Hatten Emilios Augen ihn vorhin getäuscht, als er kurz glaubte, einen Schatten weit im Dunkel der Halle gesehen zu haben? Dort war nur Stille. Manovia führte in skizzenhaften Umrissen einen Plans aus: die Lösung für Omlads Erde könne nur langsam wachsen — in kleinen Schritten, geführt von der Demut einer Handvoll Vertrauter. „Hoffnung,“ kommunizierte sie mit ruhigen, präzisen Bewegungen, „bedeutet: Wer in dunklen Zeiten an der Hoffnung festhält, wird durch den Nebel geführt.“ Dieses Wissen hatte Talentino so oft geteilt, auch wenn es nur in seinem zweiten Rätsel laut erklungen war.

„Sammelt Wissen, wie das Schilf den Tau sammelt, doch teilt es mit Güte und Demut“, so spricht der Meister, „so also wird auch der Meister sein Wissen mit euch teilen. Leben sollt ihr in Hoffnung, Barmherzigkeit und Wahrheit, damit das Licht in eurem Herzen nie verlösche. Bedenket aber, wie ihr den Segen der Göttin für euer Projekt empfangt: nur Liebe, Demut und Gerechtigkeit sowie Hoffnung in euren Herzen öffnen das göttliche Füllhorn und werden Omlad erneut erblühen lassen.“ Manovia zeigte auf den Rand des Tisches, wo sie während ihrer Ausführungen eine kleine, einfache Skizze von Terrassen und Wasserläufen angefertigt hatte. Dazwischen erblickte Emilio die Keimlinge von Pflanzen, die langsam aus der Erde erwuchsen. Offensichtlich wollte Talentinos Assistentin damit zeigen, dass die Bewässerung im Einklang mit der Natur Hoffnung auf neues Keimen geben würde.

„Erkenntnis, Hoffnung und Liebe – und dazu die Demut, dem Willen der Göttin zu folgen, öffnen das Tor zum Segen,“ sprach sie eindringlich, so als sollten sich diese Worte auf ewiglich in Emilios Herz einbrennen. Manovia lehnte sich zurück, legte die Hände gefaltet auf den Tisch, bot Emilio einen Blick voller Versprechen an: Seine Worte würden Talentino erreichen, und von dort aus konnte der Weg zu den Veränderungen in Omlad beginnen — Schritt für Schritt, Zeichen für Zeichen, begleitet von der tiefen Verbundenheit, die nur aus Hoffnung an das Ziel erwachsen kann. Allmählich lichtete sich der Nebel auf dem Weg zum angestrebten Ziel. Allein, Talentino war das gleiche Rätsel geblieben, wie er es die ganze Zeit über gewesen war.