Chronik.Ereignis1046 Die Rochade 08
Capitale Punin, 7. Rondra 1046
In der Königlich-Fürstlichen Hofkanzlei (spät abends)
Autor: Kanzler
In Dom Rafiks Kopf hämmerte es, sein Herz raste und seine Gedanken waren mitnichten so sorgsam sortiert, wie es ihm beliebte. Er war geübt im politischen Spiel. Er beherrschte es wie kaum ein anderer, zumal er es meist vermochte, selbst die Regeln zu bestimmen. Aber jetzt fühlte er sich wie eine mediokre Spielfigur, die barsch vom Brett gefegt werden sollte. Ein Bauernopfer. ‚Aber ein Bauernopfer für wen – oder was?‘
„Euer Mantel, Exzellenz.“ Eregion Drapari, sein Erster Kanzleianwalt, war vielleicht der einzige, der seine Unpässlichkeit bemerkt hatte. Warum würde er ihm sonst seinen Mantel bringen? Das war die Aufgabe einfacher Bediensteter. Aber der Halbelf war allen zuvorgekommen. ‚Ein Mann mit Ambitionen‘, dachte der Kanzler nicht zum ersten Mal. ‚Und er ist so jung.‘ Dom Rafik nickte dankbar, wandte sich dann aber rasch ab. Er brauchte frische Luft. ‚War ich jemals so jung?‘
Für einige Minuten hatte er seinen Kanzleiangestellten vorspielen können, dass alles seinen normalen Gang gehen würde – wenn es denn jemals so etwas wie einen „normalen Gang“ gegeben hatte in der Hofkanzlei. Allen, bis wohl eben Eregion. Das könnte noch nützlich oder schädlich sein, er würde das abwägen müssen. Aber jetzt musste er raus, möglichst unbemerkt. Im lag nicht an weiteren Gesprächen und schon gar nicht am allabendlichen Abwimmeln von Bittstellern vor den Toren der Kanzlei. Dom Rafik wandte sich also dem Hintertürchen zu, einer kleinen Pforte an der Rückseite der Hofkanzlei, die einstmals als Fluchttür aus dem Palast eingerichtet worden war und dieser Tage vor allem von der Dienerschaft benutzt wurde.
‚Hintertürchen…‘. Gedankenverloren durchschritt der Kanzler die Pforte.
Punin, 12. PRA 1013
Es war ein heißer Sommertag, das Praiosrund stand gleißend über der Yaquirmetropole. Der jugendliche Rafik war zum ersten Mal in der Stadt, die soviel größer war als das heimatliche Taladur. All die Paläste, Tempel und Parks, Arenen, Kontors, Tee- und Freudenhäuser taten große Wirkung auf den 18jährigen Provinzjüngling. Er atmete tief durch: Diese Stadt roch nach Gelegenheiten. Gelegenheiten für Spiel und Spaß, für Wahrheit und Wissen, für Ruhm und Reichtum. Seine Augen leuchteten vor Verheißung und ein keckes Grinsen wollte ihm nicht aus dem Gesicht weichen: Punin war die lange ersehnte Chance aus den Schatten seiner wenig glanzvollen Herkunft hervorzutreten.
Rafik war mit nicht viel mehr als den Kleidern am Leib in die Capitale gereist. Er entstammte einem ruhmlos verarmten waldwachter Rittergeschlecht, das zwar noch einen großen Namen trug, doch der allein füllte keine Mägen. Aber er öffnete immer noch Türen: Durch seinen Eifer als Gehilfe in der Schreibstube am vögtlichen Hof zu Taladur war der Puniner Rechtsgelehrte Eberdan Agadorn auf ihn Aufmerksam geworden, der in nun eingeladen hatte, einen Sommer lang als Assistent in dessen Kanzlei zu arbeiten. Hieraus sollten beinahe drei Götterläufe werden.
Schon jener erste Atemzug im Herzen der Stadt ließ in ihm die Gewissheit reifen, dass er eine neue Heimat gefunden hatte. Punin war ein Versprechen. Ein Versprechen, an das er sich halten würde. „Sei Deines Namens würdig“ lautete der Wahlspruch am alten Familienturm derer von Taladur, älteres Haus. ‚Und ganz gewiss, Punin, Du wirst erfahren, wie würdig mein Name ist! Fangen wir an!‘
Und der junge Dom Rafik fing an. Mit kaum einem roten Heller in der Tasche, aber mit einem gehörigen Maß an Kühnheit, Witz und Verstand ausgestattet, beglich er all seine Schulden in der Königsstadt zunächst mit dem Einzigen, was er im Überfluss besaß: Elan und Einfallsreichtum. Dabei blieb er seinem Wahlspruch so überaus treu, dass man bald auch in höheren Kreisen auf ihn aufmerksam wurde – und das lag nicht nur an seinen geistigen Vorzügen. Diese … anderen Vorzüge wurden ihm allerdings rasch zum Verhängnis, als er während eines leidenschaftlichen Stelldicheins mit einer älteren Domna, deren Namen zu vergessen er lange gebraucht hatte, von deren erbosten Ehemann aus dem Haus gejagt wurde. Die Domna kreischte, ihr Gemahl zog das Rapier und Rafik türmte um sein Leben bangend aus dem Fenster.
Seine Kleidung hastig unter den Arm gepackt floh der junge von Taladur in jener dunstigen Nacht vor dem wild hinter ihm wedelnden Rapier des um seine erotische Autorität betrogen gefühlten Ehemanns, durch Gassen und Tore, über Plätze und quer durch den halben Ethilienpark, bis Rafik die Puste auszugehen drohte. In einem letzten Akt der Verzweiflung warf er sich in einen Wassergraben – und hatte unverschämtes Glück, denn der Betrogene war des Schwimmens wohl nicht mächtig oder hatte andere Gründe, hier die Verfolgung abzubrechen. So rettete sich Rafik an das andere, im Nebel gehüllte Ufer und entkam durch eine offenstehende Pforte in den sich hier erhebenden Palacio.
Da stand er nun, wie ihn die Götter – glorreich, wie er meinte – erschaffen hatten und vor Nässe triefend, mitten in der Nacht in der Hofkanzlei des Großfürstentums Almada. Doch warum auch immer diese Hintertür offen gestanden hatte, es war unwahrscheinlich, dass sich um diese Zeit noch jemand in den Amtsstuben aufhielt. Eine Gelegenheit. Und so schlich der junge Rafik von Taladur auf feuchten Zehen über edle Teppiche durch die reich mit Gemälden und Lüstern geschmückten Flure. Er blickte staunend in die nur im fahlen Licht der Nacht erhellten Gesichter längst vergangener Granden Almadas. Eines Tages, so dachte er, wollte er hier ebenfalls verewigt sein. Dann entdeckte er die ihn sogleich überwältigende Bibliothek. So viele Bücher, Schriftrollen und Dokumente hatte er niemals zuvor versammelt gesehen. Soviel Erkenntnis wartete hier auf Entdeckung. Und so studierte der junge Rafik – splitterfasernackt, bis auf die eilig übergestülpte Hose – zum ersten Mal in seinem Leben die Paragraphen des Almadaner Landrechts, bis er sich beim ersten Hahnenschrei wieder aus der Hintertür schlich. Noch Jahre später fragte er sich, ob diese Gelegenheit Fügung, ein augenzwinkernder Wink der Götter gewesen sein mochte.
Punin, 7. RON 1046, Madathermen
Kanzler Rafik von Taladur durchschritt nun ebenjene Hintertür. Er hatte verfügt, dass diese stets unverriegelt blieb, im Falle eines Brandes, wie er vorgab. Tatsächlich aber wollte er anderen eine sich ihm einst ergeben „Gelegenheit“ nicht verschließen. Alle Wertgegenstände der Hofkanzlei wurden des Nachts ohnehin im großen Eisenschrank verwahrt – und auch ein strikt von Dom Rafik instruierter Nachtwächter war seit seinem Amtsantritt stets zugegen. Diese allgemeinhin selbstverständlich gänzlich unbekannte „Gelegenheit“ hatte aber in all den Jahren nur noch ein anderer zu nutzen gewagt.
Heute schwamm Dom Rafik nicht durch den Wassergraben. Der Blick auf den von Seerosen gezierten Tümpel um die Hofkanzlei herum entlockte ihm aber ein nostalgisch verklärtes Lächeln. Heute hatte er ja auch seine Gewandung am Leibe, eine Gewandung, die bei weitem edler war als jene aus seinen Sturm-und-Drang-Tagen – und der Tümpelwasser wenig zuträglich gewesen wäre. Er hatte es zu etwas gebracht, und das war kein Selbstläufer gewesen. Sein Gemüt besserte sich ein wenig. Das war eine mächtige Erinnerung, die ihn da ereilt hatte, eine, aus der neue Kraft schöpfte: Prüfung führt zu Erkenntnis, Erkenntnis führt zu Wissen und Wissen… Wissen führt zu Macht. Man muss die Prüfung nur als die Gelegenheit erkennen, die sie ist.
Wie vor 33 Jahren war die Nacht hereingebrochen, die beste Zeit für einen Besuch der Madathermen. Am Fuße des Goldackers gelegen versammelte die elegante Anlage um diese Stunde all jene, die den Schmutz des Tages abstreifen wollten, die Sorgen, den Ballast und die Kümmernisse des Alltags – und die den Zugang für 5 Silbertaler bezahlen konnten. Ein stolzer Preis, der Dom Rafik noch nie von einem seiner zahlreichen Besuche abgehalten hatte, denn dieser Preis gewährleistete eine gewisse Exklusivität des Publikums. Inbegriffen im Eintrittsgeld war ein Badetuch und ein Kelch Wein, weitere Annehmlichkeiten waren gesondert zu begleichen. Doch Dom Rafik war an diesem Abend nicht an einer Massage gelegen, weder durch den gnadenlos zupackenden Muskelklotz von den Zyklopeninseln noch durch die liebreizenden Tulamidinnen. Dass er noch nicht einmal eine der beiden Optionen in Erwägung zog belegte die außergewöhnliche Anspannung, unter der sich Rafik seit seinem Gespräch mit der Kaiserwitwe Alara Paligan an diesem Morgen befand. Und seit seinem Besuch in der fürstlichen Residenz wenig später. Stattdessen tauchte er lediglich ab in den heißen Dunst des Thermalwassers, welches die Säulenhalle im Zentrum der Thermen flutete.
Die feuchte Luft umfing ihn, umhüllte ihn wie alle anderen Gäste, während Ölfunzeln ein diffuses Licht stifteten. In deren Schein schälten sich die Konturen bekannter Kaufleute heraus, die zu heimlichen Preisabsprachen zusammenkamen, Umrisse von gefeierten Arenakämpfern, die ihre geschundenen Körper im heilenden Wasser der Thermen labten und Silhouetten von sich Liebkosenden. Der dumpfe Hall unter dem hohen Marmordach verwischte die Quellen der durch den Nebel wabernder Gesprächsfetzen; Lachen von rechts, ein Tuscheln von hinten, ein ekstatisch-spitzes Kichern von … ja woher?
Der Kanzler ließ all diese vertrauten Eindrücke an sich vorbei streifen, gleich einer Meditation, die seine Gedanken in eine andere Welt geleitete. Ein Nicken hier, ein flüchtiger Gruß dort. Wahrscheinlich kannte er die Hälfte der Anwesenden und noch mehr ihn, doch er ignorierte sie alle. Das heiße Wasser umströmte seinen müden Körper, der dichte Dampf durchzog seinen Atem, etherischen Düfte entführten seinen ermatteten Geist fort aus dem Hier und Jetzt. Kaufleute wandelten sich zu Verschwörern, Liebende zu Sklaven und die Arenakämpfer zu … Mandraken. Die Schatten im Nebel verwoben sich zu einer Scharade. Hier wurden Ränke geschmiedet, dort ein Komplott. Doch von wem und mit welchem Ziel? All dies blieb verschwommen. Der Kanzler versuchte sich zu fokussieren, dem Bizarren Sinn zu verleihen, doch vergeblich.
Inmitten der Menschenmenge fühlte er sich verlassen, allein und doch verfolgt. Da war es Dom Rafik, als wenn sich aus dem Zwielicht ein Schemen herausschälte. Der Schemen hielt eine gezackte Klinge gegen ihn erhoben und bewegte diese in schleichender Bewegung auf ihn zu. Panik stieg in ihm auf. Der Schemen sah aus wie er selbst. Rafik wandte ich zur Flucht doch sah sich umringt von Schatten, die ihn eingekreist hatten und ihm freudlos entgegen lachten. Schatten mit Hörnern und … geschuppten Schwänzen? Er vernahm Zischeln, das ihn verhöhnte, verspottete. Rafik duckte sich hinter einer Säule weg in den dichteren Wasserdampf im Zentrum der Halle. Und hier gewahrte er den Umriss einer neuen Gestalt, die das Schauspiel amüsiert zu betrachten schien. Ein großgewachsener Mann mit elegantem Bart. Das war kein Mandrake. Doch konnte das möglich sein? War das … Hartuwal? Sein Freund, sein Rivale, seine Nemesis? Aber nein, das konnte nicht sein. Hartuwal war tot – wie er selbst bald auch.
Gareth, 25. TRA 1018, Kaiserlich Garethische Rechtsakademie
Eine gerade Rechte traf ihn unvermittelt auf den oberen Wangenknochen. Schmerz. Die Wucht des Aufpralls ließ ihn zurück taumeln. Der tobrische Grafensohn, dessen Wappenrock die Hörner einer dämlichen Ziege zierte, rollte wie eine Lawine auf ihn zu um nachzusetzen. Autsch. Der nächste Schlag ging knapp unter das Auge. Dieser Hurensohn hatte zwei Kameraden herbeigerufen, die Rafik in die Enge treiben sollten, damit er an Flucht gar nicht erst denken konnte. Panik stieg in dem 23jährigen auf, als er sich mit dem Handrücken das erste Blut von der Wange wischte.
Als Protegé von Eberdan Agadorn hatten Rafik ein Stipendium an der Kaiserlich Garethischen Rechtsakademie erhalten. Agadorn hatte ihn in die hohe Kunst des Paraphierens und Justizierens, der Genealogie und der Sphragistik eingeführt, mehr aber hatte er dem wissensdurstigen Taladurer nicht beibringen können. Der alternde Rechtsgelehrte verwendete sich daher mit seinem tadellosen Ruf für seinen ambitionierten Assistenten, in der Hoffnung, dass dieser einst seine Puniner Schreibstube übernehmen könnte. Es war für Agadorn nicht einfach gewesen, Rafik in die beste Rechtsschule des Kaiserreiches zu immatrikulieren, denn wenn sein Sprössling auch von Adel war, so war dieser doch nur der viertgeborene Sohn eines unbekannten und mittellosen Waldwachter Ritters. Die Kaiserliche Rechtsakademie aber bereitete die nächste Generation des Hochadels auf das Regierungsgeschäft vor. Doch Agadorn war bewusste, dass zweite Wahl für Rafik nicht in Frage kam. Das kam es nie. „Es wird nicht einfach werden, fern der Heimat, fern von Euch“, konstatierte Rafik, als er voll des Danks vom Plan seines Mentors erfuhr. Doch Agadorn war vom Fleiß und Talent seines Zöglings überzeugt: „Wenn es einfach wäre, wäre es nicht das Richtige für Dich, Rafik. Mögen die Götter mit Dir sein, immer!“
In Gareth hatte sich Rafik schnell eingelebt. Wenngleich ihn die steife Art im Herzen des Reiches und die erschütternde Humorlosigkeit seiner Kommilitonen nur verwunderten, war die Kaiserstadt doch einmal mehr eine Gelegenheit. Die Götter meinten es tatsächlich gut mit ihm, er würde sie nicht enttäuschen – und Meister Agadorn ebenfalls nicht. Und so studierte er tagsüber das Recht, nachts das Leben und dazwischen die kulinarischen Köstlichkeiten, die Gareth aus allen Herrenländer erreichten und an die mittellos zu gelangen oft ein Abenteuer ganz eigener Art war.
Rasch hatte er sich zudem zu einem der besten Scholaren an der Akademie hochgearbeitet, was er als einfacher als erwartet erachtete, denn die meisten seiner Kommilitonen waren schlicht und ergreifend dumm. Reich und von Stande aber dumm, wie er immer dachte, und sich mehr als einmal auf die Zunge beißen musste, dies nicht auch laut auszusprechen. Es rutschte ihm dennoch öfters als gut für ihn gewesen wäre heraus, da er die Gegenwart dieser Kommilitonen als extrem enervierend empfand. Denn er studierte sein Umfeld genauso intensiv wie die Bücher und Schriften der Akademie: Arrogante, da verwöhnte, Thronerben; streitlustige, da hoffnungslos nachgeborene Adelssprösslinge; als solche nicht deklarierte Bastarde aus unüberlegten Affären, für die weder auf den Ländereien ihrer Familien noch in irgendeinem Kloster Platz war, und die man offensichtlich in weiter Ferne wissen wollte. Und just so einer stand nun vor ihm, oder besser: über ihm.
„Das hättest Du niemals sagen dürfen, Du almadanische Kakerlake!“ – „Was denn? ‚Hurensohn‘?“ Wusch, die nächste Backpfeife landete in Rafiks Gesicht. „Aber wir sind hier doch der Wahrheit verpflichtet. Recht und Wahrheit, vor Praios. Aber das geht wohl nicht in Dein degeneriertes tobrisches Ziegenhirn.“ Rums, der Grafensohn rammte seinen Kopf tief in Rafiks Brust, was den Taladurer etwas unbeholfen zurück taumeln ließ. Dabei vernahm er ein feines Lachen, das aber weder von seinem Angreifer noch seinen beiden Schergen kam. Doch Rafik konnte sich nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren. Er musste irgendwie aus dieser Situation herauskommen, denn er hatte zwar eine scharfe Zunge, doch der groben Muskelkraft des Tobriers vermochte er sich nicht zu erwehren. Es stand Klugheit gegen Körperkraft, und ihm war klar, wer bei dieser Vergleichsprobe bald den Kürzeren ziehen würde.
Eigentlich hatten ihm in solchen Situationen immer seine Füße geholfen. War er auch nicht übermäßig kräftig, so war er doch athletisch und flink. Nun war er aber in die Ecke getrieben zwischen Bücherregalen und diesen nutzlosen tobrischen Holzköpfen. Hinter seinem Angreifer amüsierte sich ein Kommilitone still in sich hineinlachend über diese Szenerie. Rafik konnte einige Schläge verkraften, denn er wusste, dass seine Worte auf lange Sicht tiefere Schmerzen verursachten. Aber ausgelacht zu werden, das ging über seine Ehre. Doch er befand sich ja wirklich in einer lächerlich erbärmlichen Situation – und er hatte sich selbst dort hineinmanövriert. Wieder einmal. Irgendwie musste er das Blatt wenden, er brauchte eine neue Position, eine neue Perspektive, eine … Rochade. Er musste die Oberhand gewinnen und hierfür alles auf eine Karte setzten.
Krawamm. Der nächste Schlag donnerte ihm gegen den linken Kiefer. „Wehr Dich endlich, Zuckerpüppchen!“ – ‚Dieser Hurensohn…‘, und Rafik wusste genau, dass das ein Hurensohn war, wie die meisten seiner Geschwister auch. Und dumm wie Selemer Sauerteig. „Oder labert Ihr in Almada immer nur rum?“ O-ha, er versuchte, Rafik wütend zu machen, aber er hatte längst genug von dieser grobschlächtigen tobrischen Rhetorik. „Ha, was sagst Du nun, Laffe, sprachlos, wie?“ Rafik war tatsächlich die Puste zum Reden ausgegangen, doch seine plötzliche Sprachlosigkeit schien den tumben Tobrier zu verwirren. „Das Honigschnütchen reißt doch sonst die Gosche immer so weit auf.“ Unterstützung heischend wandte er sich seinen beiden Kumpeln zu, während er Rafik mit seiner massiven Figur immer weiter in die Ecke drängte. „Wehr Dich endlich, Schlappschwanz!“ (*süffisantes Kichern*).
‚Schlappschwanz?!‘, das war zu viel. Das sagt man nicht, nicht einem Almadaner, nicht ihm. Das war der Tropfen, den der Bottich nicht mehr zu fassen vermochte. Rafik zog all seine Reserven zusammen. „Honigschnüüüütchen!“ – Alles was Rafik brauchte, war ein einziger, mächtiger Schlag. „Kakerlake!“ – Er fokussierte sich auf den Hünen vor sich – „Zuckerpüppchen!“ (*Grinsen*) – und spannte seine Muskeln an, – „Laberlaffe“ (*Schmunzeln*) – stieß sich mit einem Fuß vom Bücherregal ab und schnellte mit zurückgezogener Faust nach vorne. Der Grafensohn riss überrascht die Augen auf und warf sich feige zur Seite, so dass Rafik an ihm vorbei unkontrolliert nach vorne stürzte, während er die Faust wie geplant nach vorne zog und die volle Wucht seines einen, mächtigen Schlags frontal im Gesicht des soeben noch elegant kichernden Kommilitonen landete, der augenblicklich zu Boden ging.
Satinav, der Fährmann der Zeit, hielt den Atem an. Einen Augenblick lang herrschte lähmende Stille, dann geschah alles ganz schnell: Der Hurensohn und seine Kumpanen erblickten voller Entsetzen den zu Boden Gegangenen und nahmen blitzgeschwind die Beine in die Hand, Rafik rieb sich die schmerzende Faust – ‚Das war ein toller Schlag gewesen!‘ – und blickte verwundert auf den bewusstlos vor ihm liegenden Kommilitonen. ‚Ein toller Schlag, wahrlich, aber er hat den Flaschen getroffen. Wer ist das? Und wo wollen die anderen denn so plötzlich hin?‘, fragte sich Rafik noch, als sein Opfer auch schon wieder das Bewusstsein erlangte.
„Bei den Göttern, das war … bemerkenswert … amüsant … und lehrreich … autsch“, entkam es diesem. „Ähm, es tut mir ausgesprochen Leid“, entgegnete Rafik, während er dem kostbar gewandten jungen Mann die Hand reichte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen, „das war so nicht gedacht.“ – „Und dennoch habt Ihr diese Runde gewonnen, wenn auch anders als erwartet. Ihr habt den Spieß umgedreht! Und ich habe es vielleicht auch verdient. Ich hätte, nun, handeln und nicht studieren sollen, und gewiss nicht lachen.“ Nun war es Rafik, der sprachlos war. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. „Rafik von Taladur, älteres Haus“, stellte sich der junge Dom mit einer tiefen Verbeugung vor. „Wen hatte ich die Ehre zu Boden zu schlagen?“, fügte er mit einem schelmischen Grinsen hinzu. „Die Ehre ist ganz meinerseits, Rafik von Taladur, älteres Haus, wie?“, wobei er das ‚älteres Haus‘ schmunzelnd betonte. „Mich zu Fall zu bringen, mich überhaupt zu schlagen, das hat noch keiner gewagt – geschweige denn geschafft“, entgegnete dieser, die Beine noch etwas wackelig, aber ein erneutes feines Lächeln auf seinen rosigen Wangen. „Hartuwal Gorwin vom Großen Fluss, Erstgeborener des Reichsseneschalls, ergo Erbprinz des Herzogs der Nordmarken … und Jahrgangsbester.“
Die beiden Kommilitonen mit so gegensätzlicher Herkunft fixierten einander für einen kurzen Moment, ein Moment, das wurde Rafik erst später bewusst, der über alles entschied. Sein Übermut hätte das Ende seines hart erarbeiteten Aufstiegs aus mittellosen Verhältnissen sein können, in Schande exmatrikuliert von der höchsten rechtswissenschaftlichen Institution des Reiches, sein Name im Adel geächtet, seinen Lehrmeister enttäuscht und zurück in die waldwachter Provinz geschickt. Er würde künftig bedächtiger vorgehen müssen – er musste, so ungern er das eingestehen wollte, endlich erwachsen werden.
Doch dann fingen sie unvermittelt an aus voller Brust zu lachen. Beide mitgenommen von den vorausgegangenen Ereignissen, doch beide frohgemut ob dieser unwahrscheinlichen Zusammenkunft. Es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft, einer wirklichen Freundschaft, derer beide nicht einfach schlossen, einer Freundschaft trotz stets verbliebener Rivalität und ständischer Unterschiede. Mehr als einmal drehten sie in der Folge gemeinsam den Spieß so mancher ausweglosen und kuriosen Situation, erst an der Akademie und später im Reich. Prinz Hartuwal als Reichserzkanzler des Mittelreichs, später dann als Herzog der Nordmarken, Dom Rafik als Kanzler erst des Fürstentums, dann des Königreichs, später Kaiserreichs und nun erneut Fürstentums Almadas, eine Position, die er wahrscheinlich auch dem enormen politischen Einfluss Hartuwals zu verdanken hatte.
Und aus reinem Respekt, dass Hartuwal, der Erbprinz der Nordmarken, ihn nie verpfiffen und eine Freundschaft mit ihm zugelassen hatte, beließ es Rafik dabei, als Jahrgangszweiter die Akademie abzuschließen. Denn auch das war eine Lehre: Man muss nicht immer gewinnen, nur verlieren darf man nicht.
Punin, 7. RON 1046, Madathermen und Königlich-Fürstliche Hofkanzlei
„Heda, Ihr“, eine Stimme riss Kanzler Rafik aus seinen Erinnerungen. Es war der Bademeister. „Seid Ihr das, Dom Rafik? Ihr seid unser letzter Gast und die Zeit ist fortgeschritten. Ich wollte nun die Thermen schließen. Ist alles gut mit Euch? Benötigt Ihr noch etwas?“ Rafik musste sich einen kurzen Augenblick lang sortierten. Er war in den Madathermen. Es war der 1046ste Götterlauf nach Bosparans Fall an einem späten Sommerabend. Es war nicht alles gut, aber vielleicht auch noch nicht alles verloren, und so entgegneter er: „Habt Dank, Meister Gorolosch, alles ist wie immer – dramatisch anders, aber doch wie immer. Entschuldigt, dass ich Euch so lange aufgehalten habe. Ein trockenes Badetuch wäre fein, dann überlasse ich diese wunderbaren Hallen und Euch Eurer wohlverdienten Nachtruhe.“
Wenig später war Rafik zurück in seiner Amtsstube. Es war spät in der Nacht, doch Eregion Drapari hatte auf ihn gewartet. „Eregion, gut Euch noch anzutreffen. Zuverlässig wie immer. Entsendet doch bitte umgehend einen Boten zu Dom Alrik de Braast y Braast. Ich weiß, es ist spät, aber es muss unverzüglich sein. Der Landständesprecher wird mich in Kürze empfangen – das weiß er noch nicht, aber Ihr findet schon die rechten Worte. Er wird verwundert sein über die Einladung zur Landständeversammlung, die ich zuvor habe verschicken lassen. Denn, wie Ihr bestens wisst, hat diese eigentlich er selbst einzuberufen. Ich schulde ihm eine Erklärung. Und er Almada einen vielleicht letzten großen Dienst. Wie auch ich selbst, wie wir alle.“ Eregion nickte und wusste, dass es nicht die rechte Zeit war, drängende Fragen zu stellen.
„Und dann müssen wir reden. Ihr und ich. Allein. Morgen. Ausführlich. Bringt Euren Gehstock mit. Und einen wachen Geist. Und Appetit. Gute Nacht!“, sagte es und zog sich mit neu aufkeimender Hoffnung zurück. Einer schwachen Hoffnung zwar, denn die Lage war tatsächlich mehr als ernst, wie er in der Residenz des Fürsten hatte lernen müssen, aber immerhin. Dem verwirrenden Dunst des Tages war die Klarheit der Nacht gewichen. Er begann, die ihm von Alara Paligan auferlegte Prüfung als eine neue Gelegenheit zu sehen. Und ja: Dafür musste er den Spieß zunächst umdrehen, wofür er alles, was er hatte, in die Waagschale werfen würde. Eingeschlossen sein eigenes Leben – und das des Fürsten . Denn es ging hier nicht um ihn, auch nicht um den Fürsten. Es ging um Almada. Es ging um das ganze Reich. Es ging vielleicht um nicht weniger als die göttergefällige Ordnung. Keine geringen Gedanken, um sich zur Nachtruhe zu betten, zumal nicht mit einem edel verpackten al’anfanischen Giftdolch sicher verwahrt an seiner Seite. Bald musste dieser zum Einsatz gelangen, und das würde all seine Kraft bedürfen.
Vielleicht schenkte ihm der himmlische Rabe ja deshalb in dieser Nacht einen traumlosen, tiefen Schlaf.