Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 23

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Edlengut Selkethal, Ende Ingerimm 1045 BF

Autoren: BBB, Gerberstädter


“Wie liegt denn deine preisliche Vorstellung?”, scherzte der Edle des Selkethals, als er den Seiteneingang zu den Stallungen öffnete und den Blick freigab auf seinen wichtigsten Besitz. Sofort schlug ihnen der Geruch entgegen, nach frischem Stroh, altem Holz und Pferd. “Die Kutschpferde halten wir woanders… nur für den Fall, dass du eine preiswerte Alternative brauchst”, flachste er weiter, als er in die Stallgasse trat.
Hier blieb er stehen, schloss einen Moment lang die Augen. Dann drehte er sich um.
“Da sind wir. Sieh dich um, such dir gern eines aus. Normalerweise verkaufe ich nicht, aber bei guten Freunden mache ich gern eine Ausnahme von dieser Regel”, erklärte er augenzwinkernd.

Remira war irritiert, schockiert und schlicht sprachlos. Was waren diese Menschen hier in Almada nur für Barbaren? In den Nordmarken, Garetien oder Tobrien hätte sie mit solch flegelhaftem Umgang gerechnet, aber von Almadanern hatte sie mehr höfisches Verhalten und Etikette erwartet. Schon dieser Page hatte sie geduzt, gefragt, wo sie ihre Kleine gelassen habe und dann auch noch die Frechheit besessen und gesagt, dass er nicht gedacht hätte, sie je in solch einem edlen Kleid zu sehen.
Wenn sie erwartet hatte sein Dienstherr und Gastgeber dieses Pferderennens würde sich vornehmer gebärden, dann hatte sie sich gründlich getäuscht. Dieser Algerio da Selaque von Culming war ebenfalls ein Flegel. Ungefragt hatte er sie einfach umarmt und sie gefragt ob sie auf der Suche nach einem geeigneten Gemahl sei! Auch den gesamten restlichen Verlauf ihrer Unterhaltung wirkte der Kerl, als würden sie ein Bühnenstück aufführen. Inzwischen bereute die Efferdierin, dass sie das Angebot von Cavalliere Sibernius di Rahjavebenga, sie zu diesem Treffen zu begleiten nicht angenommen hatte. Bei dieser unerhörten Frechheit mit der preiswerten Alternative, die wohl eine Art almadanischer Scherz gewesen sein sollte, verengten sich ihre hübschen, hellbraunen Augen zu zwei schmalen Schlitzen. Langsam war ihre Geduld und Leidensfähigkeit erschöpft. Was bildete sich dieser Kerl ein? War ihm der Erfolg seines Pferderennens etwa zu Kopf gestiegen, oder hatte er bereits vor der Rahjastunde etwas zu viel von seinem eigenen Wein genascht?
Egal woran es lag, genug war genug, gute Freunde?
Sie baute sich in voller Größe vor dem Mann auf und fuhr ihn mit überraschend lauter und befehlsgewohnter Stimme an: „Signor Algerio da Selaque von Culming, man hat mir empfohlen mich bei euch nach einem edlen Ross umzusehen, da man in Efferdas davon ausgegangen ist, dass jemand, der im Stande ist ein Pferderennen zu veranstalten, welches in solch kurzer Zeit eine derartige Bekanntheit erlangt sicher auch besonders gute Pferde zu züchten vermag. Das ihr euch erdreistet es an jeglicher Cortesia und Prudenza ermangeln zu lassen, geziemt sich für einen Mann eures Standes wohl kaum!“
Oh ja, diese Frau war in Rage: „Ich, Remira Floria Gerber verlange augenblicklich eine Entschuldigung für eure Respektlosigkeiten und eine ordentliche Präsentation der zum Verkauf stehenden Tiere oder ihr könnt eure Pferde behalten! Sollte euch der Sinn nach weiteren Frechheiten stehen, so könnt ihr diese mit meinem Cavalliere, Signor di Rahjavebenga austauschen! Ich hoffe in letzterem Fall vermögt ihr eure Klinge mit mehr Eleganz zu führen als eure Zunge!”
Die Fäuste in die Hüften gestemmt, funkelten ihn ihre hellbraunen Augen wütend an.
„Also, seid ihr ein Edelmann mit Sinn für Geschäfte oder ein armseliger Gaukler, der für den Klamauk lebt?“
Algerio hielt überrascht inne… eine solche, solch heftige Reaktion hatte er von seiner Freundin Rovena nicht erwartet. Er setzte an etwas zu sagen, dann hielt er inne.

Hatte sie gerade gesagt, sie sei Remira Gerber? Nicht Rovena?

Einen Augenblick lang starrte der Edle des Selkethals die Horasierin entgeistert an… dann platzte das Lachen aus ihm heraus.

“Es tut mir leid”, brachte er unter Lachen hervor, “verzeiht, bitte verzeiht Domna Remira, ich bin einem Irrtum erlegen!” Langsam gelang es ihm wieder, sich zu beherrschen, das Lachen zu unterdrücken. “Ich… ich bin untröstlich, hielt ich Euch für eine gute Freundin von mir, für Domna Rovena.”
Entschuldigend hob er die Arme. “Bitte verzeiht mir, ich bin aufgrund des Irrtums zu weit gegangen, im Namen Travias, ohne Absicht oder bösen Willen. Entschuldigt bitte vielmals! Ihr gleicht Domna Rovena wie ein Ei dem anderen…”


Nun war es an Remira überrascht und etwas verunsichert zu sein.
Konnte es wirklich sein, dass der Edle des Selkethals tatsächlich ihre Zwillingsschwester kannte? Ihre seit fünf Götterläufen vom Antlitz Deres verschollen scheinende Zwillingsschwester?
Oder trieb der Kerl weiter seinen Schabernack mit ihr?
Sie musterte den ihr unbekannten Mann erneut.
Etwas zögerlich trat sie einen Schritt dichter und runzelte die Stirn: “Signor Algerio, ihr behauptet also allen Ernstes meine Zwillingsschwester Rovena zu kennen, sie gar eine Freundin zu nennen?” Ihre Augen waren ganz damit beschäftigt seine Mimik, Körperhaltung und -spannung, jede kleinste Geste auf Anzeichen von Unsicherheit und Falschheit zu untersuchen.

Doch da war nichts. Er war aufrichtig.

“Ich möchte euch sehr bitten, mich nicht zu narren! Seid versichert, dies ist ein Thema bei dem ich keinen Spaß verstehe und es wird euch nicht gut bekommen, mich in dieser Sache zu belügen. Ich bin kein Mensch, der leichtfertig Drohungen ausspricht, aber unsere Familie hat seit über fünf Götterläufen kein Lebenszeichen mehr von Rovena erhalten und viele in meiner Familie halten sie bereits für tot. Lediglich meine Großmutter und ich sind sich sicher, dass meine Schwester noch am Leben ist! Sagt mir sofort…..” Plötzlich wurde sie rot und ihr Blick verlegen.
“Verzeiht, die Überraschung! Hättet ihr bitte die Freundlichkeit mir zu sagen, wann ihr Rovena das letzte Mal gesehen habt und wisst ihr wo ich sie jetzt finden könnte?”
Inzwischen hatte ihre Stimme schon fast etwas Flehendes.

“Domna Remira”, setzte der Almadaner an, jegliches Amüsement aus seiner Stimme gewichen. “Es ist verblüffend, wie sehr Ihr Eurer Schwester ähnelt. Und als jemand, der selbst eine viel zu lange Zeit von seiner Familia getrennt war, kann ich Euren Schmerz gut nachvollziehen. Und… ich denke, ich kann ihn lindern. Eure Schwester ist nicht tot. Sie ist hier, im Selkethal. Ich kann nach ihr schicken, wenn Ihr mögt…”

Die Augen der Efferdierin weiteten sich ungläubig bei der Nachricht, dass Rovena jetzt im Augenblick hier in Selkethal weilen sollte.
“Dom Algerio, wenn es euch genehm ist und nicht zu viele Umstände bereitet, so würde ich euch bitten, mich direkt zu meiner Schwester zu führen.
Ich muss sie mit eigenen Augen sehen und je schneller dies möglich ist, desto lieber ist es mir!”
Sie blickte den Gastgeber eindringlich an.

Mit einer einladenden Geste deutete Algerio auf die Stalltür, durch die sie erst vor kurzem getreten waren. “Ich würde nur ungern eine Zusammenkunft länger verzögern als unbedingt notwendig. Lasst uns schauen, ob Eure Schwester in ihrem Zelt ist.”

Er öffnete die Stalltür, trat hindurch, hielt ihr dann die Tür auf, sodass sie folgen konnte.

Das Zeltlager, das sich mit jeder Stunde weiter füllte, lag nicht weit von den Stallungen entfernt. Algerio führte seinen unerwarteten Gast über den Ausläufer des Dorfplatzes zu den Zelten, dort vorbei an einigen Zelten, die gerade aufgebaut wurden, tiefer in das Lager.
Nach ein paar Dutzend Schritt deutete er auf ein Lager, das bereits fertig stand.

“Das ist ihre Unterkunft”, erklärte der Almadaner, darauf deutend.

Gerade als Remira einen Schritt auf das Zelt zu machte und nach ihrer Schwester rufen wollte, öffnete sich der Zelteingang und eine Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt, trat heraus und sah sie ungläubig an. Nach kurzem Zögern fand sie aber noch vor Remira, die sich unsicher kurz zu Algerio umgedreht hatte, die Sprache wieder: “Rovena, seit wann hast du denn so ein schickes Kleid? Hast du mit unserem Freund Algerio noch was vor?” Ein spöttisches Lächeln zeigte sich nun auf dem Anfangs überraschten Gesicht. Die Efferdierin blickte die Frau mit dem Kind sichtlich verwirrt an.
Das Mädchen zog mehrfach kurz an der Hand, die es hielt und als es endlich die Aufmerksamkeit der Frau hatte, sagte es deutlich vernehmbar: “Das nicht Mama!” Dann blickte das Mädchen Remira sehr kritisch an.

Mama? Jetzt war die Efferdierin wirklich verwirrt, sollte ihre Schwester wirklich ein Kind haben?
Sie schüttelte den Kopf, räusperte sich, dann gelang es ihr endlich einen klaren Gedanken zu fassen: “Ich bin Remira Gerber und ich suche meine Zwillingsschwester Rovena! Könntet ihr mir bitte sagen, wo ich sie finden kann?”
Die hellgrünen Augen der Frau weiteten sich: “Ich werd verrückt! Du gleichst deiner Schwester aufs Haar. Unglaublich!” fasziniert starrte sie Remira an. Schließlich war es das Mädchen, das die Frage beantwortete: “Mama kauft Essen!” Jetzt kam auch endlich Leben in die Frau: “Oh, äähhh… ja, Rovena müsste jeden Augenblick zurückkommen. Ich bin Rondirai und das ist…” da grätschte das kleine Mädchen dazwischen: “Mein Name Sherizeth!” Sie machte sich von der Rothaarigen los und ging zu Remira, fasste sie bei der Hand und nickte zum Zelt: “Komm Mamaschwester, wir drin warten Mama.” Dann wandte sie sich um und zog an Remiras Hand: “Komm, du unser Gast. Mama bestimmt Freude!” Die Efferdierin drehte sich zu Algerio um: “Ich hoffe ihr versteht, dass ich jetzt nicht über Pferde sprechen kann. Könnten wir uns am Abend noch einmal treffen? Ich würde wirklich gerne ein Pferd von euch erstehen!”
Das würde sie wirklich sehr gerne, würde sie dieses Tier doch immer an diesen großartigen Tag erinnern, an dem sie ihre Schwester zurückbekommen hatte.

Algerio, bis hierhin sprachlos dem Spektakel beiwohnend, nickte. “Selbstverständlich! Es gibt gerade wichtigeres, die Pferde laufen nicht weg. Melde di… meldet Euch einfach bei mir, nachdem Ihr Eure Schwester gefunden habt.”

Es war schon bemerkenswert, wie sehr sich die Zwillingsschwestern glichen - und beruhigend, dass es nicht nur ihm so ging. Auch wenn ihm die Verwechslung nach wie vor peinlich war - diese familiären Szenen zu sehen, entschädigte dafür. Und dabei hatten sich die Schwestern ja noch immer nicht getroffen.

Remira folgte dem Kind in das Zelt und auch die Rothaarige, die sich als Rondirai vorgestellt hatte folgte.
Es wurde ein sehr emotionales Wiedersehen, als Rovena ins Zelt kam. Tatsächlich wurde nicht viel gesprochen, die Zwillingsschwestern fielen sich in die Arme und hielten sich ganz fest, ganz als fürchteten sie, wenn sie loslassen würden, verschwänden die andere wieder.


Am Abend betraten beide Zwillinge den Stall.
“Hallo mein alter Freund! Darf ich dir vorstellen, meine kleine Schwester Signora Remira Gerber! Remira, das ist mein guter Freund Signor Algerio da Selaque von Culming. Und ihr nennt euch jetzt gefälligst bei den Vornamen und lasst das Gesieze.”
Dann grinste sie Algerio an: “Und ich bleibe dabei, damit du meiner Schwester nicht das Fell über die Ohren ziehst!”

Algerio hob verteidigend die Arme. “Nichts läge mir ferner als das!”, erklärte er mit ernster Miene, ehe seine Selbstbeherrschung brach und er lachen musste. Einem Impuls folgend, reichte er Remira die Hand zum Gruß des Kriegers. “Es ist mir eine Freude Remira, und umso mehr, dass ihr euch endlich gefunden habt. Da ich selbst lange nach meiner Familia suchen musste, unfreiwillig von ihr getrennt wurde, kann ich mir, wenn auch nur vage, vorstellen, wie es euch beiden damit geht. Und umso mehr freut es mich, dass diese eure Reise hier ein Ende gefunden hat und ihr eine neue beginnen könnt - dieses mal gemeinsam!”

Auch die beiden Schwestern stimmten in Algerios Lachen mit ein. Remira verneigte sich leicht. “Mögen die Götter es euch vergelten. Es ist mir klar, dass dies ein kurzes Treffen ist, doch hoffe ich…” ihr Blick ging von Algerio zu Rovena. “…meine liebe Schwester hält ihr Versprechen nun regelmäßig ein Lebenszeichen zu schicken, damit zumindest ich weiß wo sie steckt, was sie tut und wie es ihr geht.” Es lag kein Vorwurf in ihrer Stimme, nur Hoffnung, Zuversicht und vielleicht eine kleine Spur Schmerz über die erneute Trennung. Sie wandte sich nun wieder Algerio zu.
“Ich entschuldige mich bei euch, Signor da Selaque von Culming. Ihr konntet nicht ahnen, dass ausgerechnet Rovenas Zwillingsschwester eure Kundin ist und hätte ich euch meinen vollen Namen nennen lassen und nicht nur Signora Gerber aus Efferdas, wäre dieses Treffen sicher ebenfalls anders verlaufen. Nun, wenn es auch euch recht ist, möchte ich euch gerne meine Freundschaft anbieten und fürs Künftige auf, wie meine Schwester es ausdrückt, das Gesieze verzichten.” Mit diesen Worten streckte sie dem Almadaner ihre Hand entgegen.

Algerio schlug ein, drückte sie fest.
“Das freut mich! Vergeben und vergessen”, ergänzte er augenzwinkernd.
“Sollen wir?”, fragte er dann, einladend auf die Pferde deutend.

Wieder war es Remira, die antwortete: “Sehr gerne! Wie ih… du dir sicher denken kannst, brauche ich keinen solchen Ackergaul wie Rovena. Au!”
Die Angesprochene hatte ihrer Schwester gegen den Oberarm geboxt und erklärte nun empört: ‘Heyeshan ist kein Ackergaul, sondern ein hervorragend ausgebildetes Schlachtross.” Dann sah sie zum Besitzer des Gestüts. “Bei ihren Reitkünsten und für ihre Zwecke reicht ein hübsches Schaukelpferd!”
Die jüngere Zwillingsschwester wog den Kopf langsam hin und her: “Naja, so ganz unrecht hat meine liebe Schwester nicht. Ich lebe in Efferdas und bin Mitglied einer Familie…” Sie überlegte einen Moment. “…die besonders vom alten Adel, den Großgrundbesitzern, nicht sonderlich geachtet wird. Meine Familie ist zwar schon einige Jahrhunderte in Efferdas verwurzelt, aber erst seit drei Generationen in der Nobilität angekommen. Meine Familie verdient ihr Geld mit den Dingen, deren Resultat hochgeschätzt ist, aber die Arbeit, welche dahinter steckt, nicht geachtet, sondern im Gegenteil mit Schmähungen bedacht wird. Die Gerber machen kurz gesagt alles was mit Gestank, Aas und Dreck zu tun hat. Ich habe lange in Methumis gelebt und dort war der Name Gerber nicht bekannt und wenn, dann in Verbindung mit hochwertigem Leder und exzellent gefärbten Tuchen. Ich konnte mich dort auf allen Bällen und Empfängen frei bewegen, ohne abfällige Blicke und Missachtung zu erfahren. Langer Rede kurzer Sinn, ich brauche ein Pferd, das edel aussieht, den Almadaner Schritt, Piaffe, Passage und idealerweise den Seitengang beherrscht. Es muss nicht wahnsinnig schnell, kräftig oder ausdauernd sein, es muss beeindrucken. Zwar möchte ich damit gerne an euren Rennen teilnehmen, aber außer Konkurrenz. Nur um mich und mein, hoffentlich bei dir erworbenes Ross, aufeinander einzustimmen. Ich habe nicht den Ehrgeiz, eine gute Platzierung zu erreichen. Würde ich noch in Methumis leben, würde ich nach einem Pferd für die Jagd suchen, aber in Efferdas gehe ich lediglich mit einigen Freunden auf die Beize.” Sie musterte Algerio. “Hast du etwas, das in etwa meinen Wünschen entspricht?”

“Hm…” Algerio überlegte einen Moment, ließ seinen Blick über die Boxen schweifen. In Gedanken ging er jedes dahinter stehende Pferd durch, und auch wenn einige darunter waren, die äußerst elegant und repräsentabel waren, wollte doch keines so recht passen. Aber ihm kam eine Idee.

Interessiert folgten die Schwester mit ihren Blicken dem Algerios

“Eine interessante Anforderung, Remira. Normalerweise wünschen meine Kunden vor allem Schnelligkeit, was im Umfeld der Rennen ja auch naheliegend ist, aber… ich glaube ich habe da etwas für dich. Kommt mit.”

Voller Zuversicht führte er die Schwestern aus den Stallungen und auf die rahjawärts gelegenen, zum Anwesen gehörenden Wiesen. Hier, etwas abseits der Trubels und der Rennen, hatte man in der Vorbereitung weitere Weiden für Pferde eingezäunt und in einem kleinen, separaten Bereich drei Pferde des Edlen untergebracht. Alles Schimmel.

Schon von weitem war ihr Stolz, war ihre Eleganz zu erkennen.

Rovena blickte zu ihrer Schwester die bereits vollkommen fasziniert, nur Augen für die drei Schimmel hatte.

“Yaquirtaler”, erklärte Algerio, als sie die Weide erreichten. “Absolut reinrassig. Die edelsten Almadaner, die ich finden und erwerben konnte. Der Beginn einer neuen Selkethaler Zuchtlinie, zwei Stuten und ein Hengst. Sollte alle deine Anforderungen erfüllen”, erklärte er zuversichtlich. “Und um eine Zucht zu beginnen, ist eine Stute ausreichend.”

Erneut machte er eine einladende Handbewegung.
“Möchtest du sie ausprobieren?”

Statt der Angesprochenen antwortete Rovena: “Ja, will sie! Aber vorher sollte Signora Remira Gerber sich vielleicht umziehen. Das Kleid steht dir ganz hervorragend und ich würde dich liebend gern darin zum Tanz auffordern, Reiten? Eher nicht.”
Als ihre Schwester zu einem Konter ansetzen wollte, fügte die Efferdierin noch hinzu: “Und eine Reiterin im Rahja-Kostüm hatten wir bereits letztes Jahr. Wenn das dieses Jahr wieder geschieht, hat unser lieber Freund eine neue Tradition für sein Rennen.” Sie schmunzelte bei dem Gedanken an letztes Jahr. Algerio verdrehte die Augen, musste aber ebenfalls lachen bei dem Gedanken. “Letzte und vorletztes… ich fürchte fast, die Tradition ist bereits im Entstehen begriffen”, ergänzte er.
Ihr Zwilling zuckte mit den Schultern: “Eine Tradition, die sicher den Zulauf nur erhöhen würde. Apropos Würde, so würdelos bin ich dann doch nicht.”
Sie sah zu Algerio: “Das ist sehr großzügig von euch… dir, mir eine der Stuten, verkaufen zu wollen, die du eigens für deine Zucht angeschafft hast.”
Sie sah zu den Pferden und dann wieder zu dem Gestütsinhaber: “Ich habe vollstes Vertrauen in dein Urteil, such die für mich geeignetere Stute aus und lass sie für mich satteln, ich werde mich indes entsprechend umkleiden.”

Schneller als erwartet, waren die beiden Schwestern wieder zurück. Remira trug nun ein weit ausgeschnittenes Schnürmieder aus gerbergrün gefärbtem Leder, welches ihre weiblichen Formen vorteilhaft hervorhob, eine enge, schwarze Kniebundhose und schwarze Reiterstiefel.
Rovena war noch immer gekleidet wie zuvor, beige Tunika, schwarze Lederhose, schwere Reitstiefel und den Degen am Waffengurt um die Hüfte.
Wenn man sich das lange Haar wegdachte, sah sie aus wie ein einfacher Söldner, der seine Herrin begleitete.

Algerio nickte zustimmend. In der - kurzen - Zwischenzeit hatte ein Knecht das Pferd aus dem Gatter geholt, es gesattelt und vorbereitet. Es graste geduldig, schaute jedoch aufmerksam auf, als sich die beiden Frauen näherten.

“Sehr schön. Es ist alles bereit.” Er griff die Zügel des Pferdes, führte es näher an seine - hoffentlich - zukünftige neue Besitzerin und hielt ihr den Lederriemen hin. “Wenn ich etwas empfehlen darf: Reitet man den Weg hier am Fluss entlang weiter gen Rahja, öffnet sich das Land nach ein paar Augenblicken. Dort hast du die Möglichkeit das Pferd einfach laufen zu lassen, entweder auf dem Weg den Fluss entlang, quer über die Wiesen, oder sogar ein Stück gen Firun die Berge hinaus, wenn du es ein wenig belasten möchtest. Die Aussicht ist wirklich schön dort.”

Während Remira sich noch mit Algerio über Pferd und Wegstrecke austauschte, brauchte Rondirai die gesattelte Heyeshan, auf der bereits die kleine Sherizeth saß und sich auf einen Ausritt freute. Rovena nahm die Zügel entgegen und küsste die Nostriakin: “Danke, für die Hilfe, schöne Frau.” Die Geküsste blickte kurz etwas verdutzt: “Huch, womit hab ich das denn verdient? Hast ja schon lang nich mehr gemacht!” Dann erwiderte sie die Zärtlichkeit und feixte: “Wieviele Geschwister hast Du noch gleich? Wenn du beim Besuch jedes deiner Geschwister so liebesbedürftig wirst, bin ich sehr für regelmäßige Familientreffen!”
Die Efferdierin zwinkerte: “Mal schauen, wie liebesbedürftig ich heute Abend bin!”
In der Tat war es schon einige Götterläufe her, dass sie das Lager miteinander geteilt und Rahja gehuldigt hatten. Irgendwann hatten sie beschlossen, es wäre einfacher, wenn sie nur Freunde waren. Seither hatte Rondirai mit so mancher Maid die Nacht verbracht, Rovena teilte ihr Lager dort mit einer Frau und da mit einem Mann, im Gegensatz zu ihrer Gefährtin war es ihr wichtig, ob sie den Menschen attraktiv oder zumindest interessant fand.
“Bist du soweit, Rovena?” drang die Stimme ihrer Schwester in ihre Gedanken. Etwas überrumpelt küsste sie Rondirai ein zweites Mal und schwang sich auf ihre Stute, umfasste Sherizeths Taille und tippte der Stute mit der Ferse sanft in die Flanke.
“Komme!”
Die Zwillingsschwestern trabten erst locker an, gingen aber rasch in Galopp über und jagten gen Rahja davon. Man hörte noch ein glückliches Jauchzen des kleinen Mädchens, dann waren sie auch schon hinter den Gebäuden verschwunden. Die Ritterin wandte sich Algerio zu: “Na, ein Gläschen Wein bis die Drei zurück sind, alter Kampfgefährte?”
Der Almadaner nickte und gemeinsam ging man zum Herrenhaus.
Es dauerte gute vier Stunden oder in Rondirais Zeitrechnung drei Krüge Wein bis Rovena und Remira mit der kleinen Sherizeth in dem gemütlichen Salon erschienen. Remira war vollkommen euphorisch und kam aus dem Schwärmen über die Stute gar nicht mehr heraus. Rovena schüttelte den Kopf: “Meine Schwester hat wirklich ein Gespür dafür, wie man den Preis nach oben treibt.” Stichelte die Absolventin der Akademie zu Ehren Anshag von Glodenhofs zu Arivor und zwinkerte Algerio zu.
Die sonst sehr beherrschte und eher ernste Remira war vollkommen glücklich mit dem Pferd, in der Tat nicht unbedingt das klügste Verhalten, wenn man dem Verkäufer bereits vor der Preisverhandlung offenbarte, dass man etwas unbedingt haben wollte. Rovena hatte ihr noch geraten, ihre gewohnt kühle und reservierte Fassade zu zeigen und den Pferdezüchter zu fragen, ob es eventuell möglich sei, die andere Stute zu testen oder er gar ein ganz anderes Pferd für sie hätte. Aber wie ein kleines Kind plapperte sie zügellos davon, wie toll dieses Pferd sei, wie man es bereits mit kleinsten Gesten und Kommandos lenken könne und so weiter und so fort. Algerio war ein Freund, sicher, aber Rovena kannte ihn auch als knallharten Geschäftsmann und er hatte gewiss im Geiste bereits den Preis erhöht. Innerlich zuckte sie mit den Schultern, es waren nicht ihre Dukaten und die Gerber waren alles andere als arm. Ein Dutzend Dukaten mehr oder weniger würde diese Familie sicher nicht ruinieren. Ein Diener brachte zwei zusätzliche Gläser und einen neuen Krug Wein, so wie ein Glas Wasser für das Mädchen. Gespannt erwartete Remira den Beginn der Preisverhandlung.
Rovena lehnte entspannt ihren Kopf gegen Rondirais Schulter, die prompt begann ihr sanft über das Haar zu streicheln. Ach was war das Leben herrlich in der linken Hand ein Glas köstlichen Weins, im rechten Arm die kleine Tochter und selbst lehnte man an der Schulter des wohl zuverlässigsten Menschen den es auf ganz Dere gab und wurde sanft gestreichelt.
Gut, dass sie bei der Verhandlung über den Kaufpreis nur Zuschauerin war. Der Ausgang war ihr gleichgültig, ihre Schwester würde ein tolles Pferd bekommen und wenn ihr Freund ein paar Dukaten extra herausschlug, wen kümmerte? Die Familie Gerber wird es ganz sicher verkraften.

Ganz gleich was in Algerios Kopf tatsächlich vor sich ging, er ließ sich jedenfalls nichts anmerken, sondern stand - als guter Gastgeber - auf, begrüßte die beiden und lud sie ein, sich zu setzen.
Erst nachdem sie etwas zu trinken bekommen und mit allen angestoßen hatte, richtete er das Gespräch auf den Ausritt. “Mir scheint, der Ausritt hat Freude bereitet… jedenfalls wart ihr eine Weile unterwegs. Alles zur Zufriedenheit?”

In seiner Stimme schwang ehrliches Interesse. Wenn dahinter eine Verkaufsstrategie steckte, war sie zumindest gut verborgen.

Remira strahlte Algerio an und schwärmte ihm von dem Ausritt, der leichten Führigkeit und den weichen Gängen, der eleganten Bewegung und vielem mehr vor. Rovena schmiegte sich an Rondirais Schulter, auf deren Schoß es sich die kleine Sherizeth bereits bequem gemacht hatte. Rondirai, der man von ihrem nicht gerade geringen Weinkonsum nichts anmerkte streichelte der Freundin sanft über den Kopf und flüsterte: „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich jetzt denken deine Schwester versucht unserem guten Algerio ein Pferd zu verkaufen!“ Rovena kicherte, raunte: „Ist bestimmt eine Verhandlungsstrategie die man auf der Universität in Methumis erlernt.“
Ganz abrupt stoppte Remira in ihren Schwärmereien und sagte mit fester Stimme: „Ich gebe dir 80 Dukaten Algerio, das sollte deine Unkosten decken, letztlich hast du ja nur drei Pferde gekauft, von denen du jetzt eines weiterverkaufst.“ Sie lächelte den Almadaner freundlich an und trank von ihrem Wein!

Algerio lächelte, doch wer ihn gut kannte, konnte erkennen, dass dieses Lächeln etwas gequälter war als normalerweise. Nichts, was Remira auffallen konnte… aber ihre Schwester? Rovena kannte ihn mittlerweile gut genug.

Tatsächlich war Rovena etwas mulmig in der Magengegend. Das Angebot war eher ein Schlag ins Gesicht als ein ernsthaftes Angebot. 180 Dukaten, zwar noch weit unter dem Wert eines reinrassigen und voll ausgebildeten Yaquirtalers, aber man hätte es als mutigen Verhandlungsauftakt akzeptieren können.
Wären sie und Algerio nicht schon so lange befreundet und hätten gemeinsam Schweiß und Blut vergossen und wäre Remira nicht ihre Schwester…. Sie wollte es sich lieber nicht vorstellen.

“Hast du schon jemals ein Pferd selbst erworben?”, fragte er freundlich, während er ihr eine lederne Mappe reichte.
Remira errötete bei der Frage und fühlte sich sichtlich ertappt.
Eigentlich war angedacht, dass die Preisverhandlungen von Signor Sibernius di Rahjavebenga geführt würden. Aber sie wollte es ja unbedingt selbst machen. Für seine Freundin war deutlich, dass er dieses Angebot unter normalen Umständen als geradezu unverschämt empfunden hätte. Zum Glück waren dies keine normalen Umstände und er war mehr als bereit, das Angebot auf Unerfahrenheit zu schieben… und sein Gegenüber aufzuklären.
In der Mappe enthalten waren die Unterlagen des Pferdes, fein säuberlich sortiert und gesiegelt. “Rinaya hat einen eigenen Stammbaum, reinstes Yaquirtaler Blut”, erklärte Algerio, “ohne Einkreuzungen. Sie ist ein erfahrenes Reitpferd, zusätzlich ausgebildet für Repräsentanz. Das war ja einer deiner Wünsche und nur deswegen habe ich überhaupt an sie gedacht. Wäre ich daran interessiert ein solches Pferd im freien Markt zu verkaufen, würde ich ohne zu zögern 280 Dukaten und mehr ansetzen.”
Noch immer mit leicht geröteten Wangen sah sich die Frau die gereichten Unterlagen durch und folgte Algerios Erläuterungen.
Einen kurzen Augenblick lang ließ er diese Zahl wirken, dann fuhr er fort: “Es hat mich mehrere Monde gekostet, das richtige Pferd für meine Zucht zu finden und zu erwerben, es hier einzugewöhnen. Wenn ich Glück habe, muss ich das nicht noch einmal, denn immerhin habe ich noch, wie du richtig festgestellt hast, Caneya. Aber wenn Rahja launisch sein sollte…” Er zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Dann gemahnte er sich selbst in Gedanken, dass er nicht hier war, um ein Geschäft zu machen. Er war hier, um einer Freundin einen Gefallen zu tun. Deswegen fuhr er fort: “Ich möchte dich nicht mit den Komplikationen und Herausforderungen des Pferdehandels langweilen, Remira, entschuldige bitte. Folgender Vorschlag: Ich überlasse dir das Pferd deutlich unter dem Marktpreis. Ich will mich hier nicht bereichern, aber auch nicht draufzahlen.” Er nahm die Kladde wieder an sich, kramte einen Augenblick darin herum und reichte Remira ein gesiegeltes Dokument: seinen ursprünglichen Kaufvertrag. Aufmerksam betrachtete sie die Urkunde und erneut wurde ihre Gesichtsfarbe etwas dunkler.
Indessen fragte sich Rowena, wo die selbstsichere, energische, stolze, manchmal arrogant wirkende junge Frau geblieben war, mit der sie aufgewachsen war.
“Du kannst das Pferd für die Rennen testen und schauen, ob es dir wirklich zusagt. Bis zum Abschluss der Rennen brauchst du keine Entscheidung zu treffen. Wenn du es dann noch immer erwerben willst, überlasse ich es dir zu dem Preis, den ich gezahlt habe. 235 Dukaten. Die Kosten, die ich mit dem Transport, der Unterbringung hier und allem weiteren hatte, decke ich selbst, dafür…”, er griff ein weiteres mal in die Kladde und holte ein weiteres Dokument hervor, “behalte ich aber die Zuchtrechte. Nur für den Fall. Solltest du eines Tages selbst züchten wollen, finden wir da eine Lösung, sei unbesorgt. So habe ich kein Risiko und keinen Verlust und du ein hervorragendes, nobles, sehr edles Pferd.”
Die Efferdierin blickte kurz zu ihrer Schwester, diese nickte knapp. Er streckte ihr die Hand entgegen.
“Passt das für dich?”
Remira nickte und schlug ein. “Das ist ein gutes Angebot. Im Augenblick habe ich keineswegs vor mit Rinaya zu züchten, aber wer weiß schon was in ein oder zwei Götterläufen ist. Sollte es so kommen werde ich zuvor sowieso deinen fachmännischen Rat einholen.”
Sie lächelte scheu: “Ich hatte die Situation wohl etwas verkannt, ich nahm an wir würden Feilschen, wie auf einem Markt, verzeih, wenn der Versuch etwas respektlos gewirkt hat.” Hastig trank sie einen ordentlichen Schluck Wein.

Algerio, sehr zufrieden, lächelte freundlich und drückte die Hand. “Da gibt es nichts zu verzeihen, es ist alles gut. Ich feilsche sehr gern, versteh mich nicht falsch. Aber nicht unter Freunden. Mit Freunden macht man keine Geschäfte, mit Freunden schafft man Verbindungen. So, und nun genug davon.” Er griff nach seinem Kelch, hob ihn.
“Auf die geglückte Zusammenführung, auf einen schönen Abend unter Freunden und mit der Familie und darauf, dass Rinaya euch noch lange an diesen denkwürdigen Tag erinnern möge!”