Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 22

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Edlengut Selkethal, Ende Ingerimm 1045 BF

Autoren: BBB, Gerberstädter


Erstaunlich, die beiden Freundinnen wunderten sich fast schon über sich selbst. Nicht nur dass sie es überhaupt zum dritten Selkethaler Pferderennen geschafft hatten, nein sie waren sogar einige Tage vor Beginn auf der Hacienda del Valle eingetroffen. So würden sie ganz sicher den ein oder anderen gemütlichen Abend mit ihrem Freund Algerio da Selaque von Culming verbringen können, über alte Zeiten plaudern und eventuell sogar Pläne für die ein oder andere gemeinsame Unternehmung schmieden.
Die beiden Frauen freuten sich schon sehr auf die Zeit im Selkethal und hofften, auch die ein oder andere Bekanntschaft des letzten Rennens wiederzusehen.
Wie schon im letzten Jahr kamen die Freundinnen über die Burgruine An Holt.
Was allerdings anders war als das Jahr zuvor, war das etwa vier Götterläufe zählende Mädchen, das rittlings vor Remira saß und sich an sie gekuschelt hatte und schlief.
Die beiden Frauen waren sichtlich erleichtert, als sie auf der Hacienda del Valle vor Algerio’s Domizil von den Pferden stiegen. Zahllose Bedienstete passierten sie in geschäftigen Treiben, schon jetzt wurden erste Zelte auf den nahen Wiesen errichtet, Wagenladungen voller frischem Heu zu den Stallungen gekarrt. Der Platz vor der Hacienda, sonst ein Ort der Ruhe und eher beschaulich, war merklich belebter als im letzten Jahr.

So dauerte es auch ungewöhnlich lang, bis endlich eine Bedienstete kam, sich um die Pferde kümmerte und ein Hausdiener seine Arbeit unterbrach und sich auf den Weg machte den Hausherren von der Ankunft der beiden adligen Frauen zu unterrichten. Man hatte offenbar nicht mit ihrer Ankunft gerechnet - oder schlicht so viel anderes, drängenderes zu tun.

“Rovena! Rondirai! Wie schön euch wiederzusehen!” Es war Answin, der langjährige Page des Edlen vom Selkethal, der ihnen vom Haupteingang der Hacienda her entgegen kam und sie freudig begrüßte. “Algerio hat noch gar nicht mit euch gerechnet…”

Rovena hatte das Mädchen auf dem Arm, das nun verschlafen den Pagen musterte, während die Schwarzhaarige freudig lächelnd grüßte: „Answin, schön ein bekanntes Gesicht zu sehen. Gut siehst du aus!“ Sie legte den freien Arm um den jungen Mann und drückte ihn herzlich: „Wäre auch noch schöner, wenn wir auftauchen, wenn man mit uns rechnet.“ Rondirai klopfte Answin auf die Schultern: „Ich kann dich beruhigen Answin, wir haben auch nicht unbedingt damit gerechnet so früh dran zu sein. Was gibt es für Neuigkeiten? Und ist Algerio überhaupt zu sprechen?“ Interessiert musterte die Nostrierin den Pagen.
Das Mädchen behielt den jungen Mann die ganze Zeit über im Auge. Rovena stupste ihr mit dem Zeigefinger sanft auf das kleine Näschen: “Sherizeth, das ist Answin!” Sie blickte zu dem Pagen des Freundes : “Answin darf ich dir Sherizeth vorstellen, meine Tochter!”

Answin schaute verblüfft vom kleinen Kind zu dessen Mutter, zu Rondirai, und wieder zum Kind. “Du… du bist Mutter geworden?!”
Einen Augenblick lang fehlten ihm die Worte, es war offensichtlich, dass er es nicht recht glauben konnte. Dann entsann er sich wieder der Cortezza, fiel Rovena ein weiteres mal in den Arm, herzte sie und das Kind und verkündete überschwänglich: “Herzlichen Glückwunsch!! Ja, bei den Göttern, das ist aber eine Überraschung!”

Als er sich endlich wieder beruhigt hatte, deutete er den Frauen ihm zur Hacienda zu folgen. “Für euch nimmt sich Algerio immer Zeit, das wisst ihr doch. Also… fast immer.” Er musste selbst lachen, weil die Worte so unglaubwürdig klangen. “Er wird gleich zu euch kommen, hat mich vorgeschickt, euch schonmal abzuholen. Ich hoffe es macht euch nichts aus, wenn wir euch auf dem Zeltplatz unterbringen? Es gab dieses mal so viele Anmeldungen, und von so hochrangigen Herrschaften, dass wir weitere Flächen bereitstellen mussten. Insgesamt werden über zweihundert Gäste erwartet, über sechzig Teilnehmer. Es soll sogar ein direkter Berater des Kaiserhauses dabei sein, wenn ich das richtig verstanden habe!”, prahlte Answin stolz.

Rovena wurde etwas rot und druckste etwas herum: „Naja, sie…. Ist…. Also…. Ähhhh…. Sie ist nicht meine leibliche Tochter, aber ich werde sie adoptieren. Lange Geschichte, komplizierte Geschichte, erzähle ich euch allen später. Die Kleine..“ Sie blickte zu Sherizeth „…braucht jetzt erstmal dringend was zu trinken …“ Dann ging ihr Blick zu Rondirai und sie grinste breit „…naja und die Große auch!“ Das kleine Mädchen blickte sich neugierig um und spielte dabei mit einer Locke von Rovena’s Haar.

Rondirai mischte sich nun auch in die Unterhaltung ein: „Zeltplatz ist für uns vollkommen in Ordnung. Wir schlafen selten in Gebäuden und noch seltener in richtigen Betten. Und die Kleine hat schon mehr Härte erlebt als ein so kleines Ding sollte!“ Die nostrische Ritterin schenkte dem Mädchen ein, für ihre Verhältnisse, ungewöhnlich mitfühlendes Lächeln und strich ihr über die Wange.
Sherizeth blickte kurz zu Answin und sagte mit ihrem glockenhellen Stimmchen recht nüchtern: „Mama mit Golgari gegangen, Rovena jetzt meine Mama!“ dann ging ihr Blick wieder auf Wanderschaft. Es gab ja so viel Neues zu entdecken. Beide Frauen blickten zu Answin.
Während die Horasierin glasige Augen hatte meinte Rondirai: „Jetzt weißt du was ich meinte.“ Sie atmete tief durch und ihr gewohnter, schelmenhafter Blick kehrte zurück: „Was hat das alte Schlitzohr angestellt, dass sich dieses Pferderennen im bislang kaum bekannten Selkethal zu einem gesellschaftlichen Ereignis gemausert hat, dass man gar am Hof der Kaiserin davon Notiz nimmt? Ich sehe schon kommen, nächstes Mal gibt sich der Horas persönlich die Ehre!“

Nun war es an Answin zu lachen. “Ich habe ehrlich keine Ahnung!”, gab er unumwunden zu. “Das müsst ihr ihn selber fragen. Kommt mit.”

Er führte die Frauen in die Hacienda, wo ebenfalls geschäftiges Treiben herrschte und Bedienstete damit beschäftigt waren, die einen Teil der Räumlichkeiten neu zu dekorieren. Zielsicher führte er die kleine Gruppe in einen kleinen Nebensalon mit Blick auf den Vorplatz. Ein Kamin - wenngleich aufgrund der hohen Außentemperaturen ohne Feuer - sorgte für eine gewisse Behaglichkeit und zwischen den Regalen mit Büchern standen mehrere Sessel bereit.
Ein Bediensteter schenkte den drei Erwachsenen je einen Wein ein.
Dem Mädchen wurde auf Answin’s Hinweis ein Becher mit Wasser gebracht.
Die Kleine wollte gleich nach Betreten des kleinen Salons vom Arm und erkundete ganz unbefangen den Raum.
Nach Rovena’s Aufforderung trank das schwarzhaarige Mädchen mit den fast schwarzen Augen artig, ehe sie den Kamin genauer in Augenschein nahm.

“Wie kommt es, dass ihr diesmal so zeitig hier seid?”, erkundigte sich Answin neugierig.

„Glückliche Fügung könnte man sagen.“ Begann Rondirai. „Hatten einen Auftrag des Vorstehers der Karawanserei in Anchopal“, fuhr die Efferdierin fort, während sie trank übernahm die Nostrierin wieder. „War ein hartes Stück Arbeit und bedurfte sowohl einiger glücklicher Zufälle und als sicher auch dem Wohlwollen des Ewig Flinken um Aufträge von Mondsilberwesirs Sherek ibn Cherdiz zu erhalten. Für die Mada Basari Aufträge machen zu können öffnet auch so mach andere Tür im Mhaharanyat Aranien.“ Die Absolventin der Akademie zu Ehren Anshag von Glodenhofs übernahm wieder. „Wir haben eine Karawane der Mada Basari von Anchopal über Samra, Beysal und Madrash in die Khom. Haben etliche Oasen abgeklappert. In der Oase El’Ankhra war unsere Aufgabe dann erfüllt. Wir haben uns dann entschieden, dass es am besten ist gleich ins Selkethal zu kommen.“ Sie seufzte: „Diese Entscheidung hat Sherizeth das Leben gerettet!“

“Oha…! Das klingt aber übel. Auch eine Geschichte, für die wir auf Algerio warten sollten?”, fragte Answin, vor Neugier schon ganz ungeduldig.

Rondirai lachte: „Wer kann es denn da nicht erwarten auf seine Aventurie auszuziehen?" Die Ritterin aus Nostria klopfte dem Pagen auf die Schulter. „Na, ein bisschen Wasser wird da wohl die Selke noch hinabfließen.“ Die Rothaarige wuschelte Answin durch das Haar. „Wo ist denn der alte Rumtreiber? Hat er Besuch? Oder ist er gar auswärts?“ Hakte die Efferdierin nach. „Na jetzt lass doch Algerio, Algerio sein. Der arme Answin denkt noch, wir würden seine Gesellschaft nicht schätzen.“
„Blödsinn, dafür kennt er uns inzwischen zu…“ Rovena’s Blick ging plötzlich an Answin vorbei. „Halt, halt, halt Fräulein.“ Die Efferdierin sprang auf und angelte das Mädchen aus dem Kamin von den nur noch die Füße zu sehen waren. „Wo willst du den hin, Sherizeth?“ Die Kleine, die jetzt nicht nur kohlrabenschwarze Haare hatte, sah Rovena vollkommen unschuldig an: „Oben hell! Sherizeth kucken wohin Gang führt.“ Die Esquiria lachte herzlich. „Natürlich, der Gang! Ach Süße!“ Sie küsste das Mädchen und drückte sie. „Wohin führt Gang?“ Die Kleine blieb unnachgiebig.
„Könnte wirklich deine Tochter sein!“ Grinste Rondirai. Rovena ließ sich jedoch nicht ärgern, nicht wenn sie dieses wundervolle Wesen auf dem Arm hielt. „Der Gang ist ein Kamin und er führt auf das Dach.“ Sie stupste der Kleinen mit dem Zeigefinger sanft auf das Näschen. „Der Kamin ist für den Rauch gedacht und nicht für kleine, neugierige Mädchen.“ Sherizeth drehte sich wieder zu dem Kamin um und wiederholte nachdenklich: „Rauch gedacht!“ „Deswegen mag ich Zelte lieber, viel weniger zu erklären!“ Rondirai sah von der Freundin zu dem Pagen. „Wobei, das Kind ist wirklich erstaunlich! Seit Sherizeth bei uns ist, ist Romama die Geduld in Person! So ausgeglichen und entspannt habe ich diese Frau in all den Götterläufen, in denen wir nun schon gemeinsam unterwegs sind, noch nicht einmal schlafen gesehen.“ Sie schüttelte den Kopf, das die rote Löwenmähne nur so hin und her schwang.

“Romama?” Answin konnte sich das Lachen nicht verkneifen, beruhigte sich aber schnell wieder. “Steht dir in jedem Fall - sowohl das Kind als auch der neue Spitzname”, fügte er augenzwinkernd hinzu.
Er wollte sich gerade wieder dem kleinen Mädchen widmen, als sich die Tür öffnete und der Hausherr eintrat.
“Rovena, Rondirai, was für eine schöne Über…” Als sein Blick auf das kleine Kind auf Rovenas Arm fiel, stockte er kurz, fuhr dann langsamer fort: “...raschung. Und das gleich in doppeltem Sinne, wie ich sehe haben wir einen Gast mehr als ich vermutet hatte.” Mit zwei schnellen Schritten hatte er den Raum durchquert und Rovena und Sherizeth erreicht. “Hallo meine Kleine, wer bist denn du?”

Während das kleine Mädchen noch interessiert den Neuankömmling musterte, war es Rondirai, die, gespielt empört, das Wort ergriff: „Ist es zu glauben, kaum ist eine jüngere und hübscher Dame im Raum zählt selbst alte Freundschaft nichts mehr! Man wird schlicht mit der Nennung des Namens abgespeist und dann ignoriert! Frag mich noch einmal jemand, warum mir kein Mann ins Haus, geschweige denn ins Bett kommt!“
Algerio zuckte entschuldigend mit den Schultern. “Sagt man das nicht allgemein uns Almadanern nach?”, fragte er unschuldig und kassierte einen überraschten Seitenblick Answins, der seinen Herrn in dieser Beschreibung so gar nicht wiedererkennen konnte.
Die Hände zu Fäusten geballt und in die Hüften gestemmt blickte Rondirai Algerio mit finsterer Miene, aber diesem gewissen spöttischen Funkeln in den Augen an. Wer die Nostrierin kannte, konnte gut erkennen, dass sie ihren Groll nicht Ernst meinte, ein Außenstehender würde aber leicht vermuten, dass sich hier in Kürze ein Donnerwetter zusammenbrauen würde. In dem kurzen Moment der Stille war unvermittelt das helle Stimmchen des schwarzhaarigen Mädchens zu vernehmen: „Salâm! Almâ Sherizeth bint Rovena!”1 Sie legte den Kopf leicht schräg und blickte den Mann interessiert an, als sie fragte: „Kîf-ash emestân Effendi?“2
“Marhaba, Sheriseth”3, wechselte auch Algerio ins Tulamidya, vorgetragen mit dem leichten Akzent eines Mannes, der die Sprache nicht mehr tagein, tagaus gebrauchte. Er verneigte sich in einer ausschweifenden Geste. “Ismî Algerio.4 Salâm!”
Dann wechselte er wieder ins Garethi und wandte sich seinen beiden Freundinnen zu. “Verzeiht, dass meine alten Freunde nicht meine volle Aufmerksamkeit genießen, doch bisweilen gelingt es den Göttern noch diesen alten Mercenario so zu überraschen, dass es ihn aus der Fassung bringt.” Er zwinkerte ihnen zu, trat an sie heran und, wie es Brauch war, küsste sie auf beide Wangen. “Euch scheint es gut ergangen zu sein, wie ich sehe?”

Rondirai klopfte Algerio leicht auf den Bauch und mit nachdenklicher Miene, aber den Schalk in den Augen fragte sie: „Bilde ich es mir nur ein, oder hast du etwas zugelegt?“

Algerio schaute an sich herab. “Was, das?”, erwiderte er mit Blick auf seine austrainierte Körpermitte. “Das nennt man einen Wohlstandsbauch. Irgendworan muss man ja bei einer durch und durch bescheidenen Person wie mir den Reichtum erkennen”, scherzte er.

Rovena mischte sich nun ebenfalls in das Gespräch. „Kein Grund sich zu entschuldigen, alter Freund. Du hast uns ja einen angenehmen Gesellschafter geschickt, der sich ganz hervorragend um uns gekümmert hat.“ Sie blickte zu Answin und zwinkerte ihm zu, was ihn sichtlich peinlich berührte.
„Darf man fragen, womit die Götter den alten Mercenario aus der Fassung gebracht haben?“ Interessierte blickten Rovena und Sherizeth den Gutsherrin an.
Und auch Rondirai blickte neugierig von ihrem Kelch mit Rotem auf.

Algerio grinste. “Natürlich darf man fragen und die Antwort ist so offensichtlich wie einfach. Es ist die Freude über die wie immer unerwartete Ankunft alter Freunde, die freudige Überraschung darüber, dass der erlauchte Kreis ganz offenbar um ein noch dazu so süßes Mitglied gewachsen ist, und zugleich die damit einhergehende tiefe Kränkung, dass ich erst jetzt davon erfahre und so der Möglichkeit beraubt werde die kleine Sherizeth mit Geschenken zu überhäufen! Jetzt stehe ich da wie ein verarmter haferyaquirischer Landadliger, mit leeren Händen und gänzlich unvorbereitet. Ihr solltet euch schämen, Rondirai, Rovena”, erwiderte er gespielt empört.

„Alter Schwindler!“ grinste Rovena „Aber die Antwort ist sehr lieb.“ Sie neigte sich vor und gab Algerio einen Kuss auf die Wange. „Leider…“ Die Kleine auf ihrem Arm begann zu zappeln und wollte wieder auf den Boden. Sherizeth ging zu dem Kamin und kurz fürchtete Rovena, das Mädchen würde erneut versuchen, in dem Kamin herumzuklettern, aber ihre Tochter rollte sich wie ein Kätzchen vor dem Kamin zusammen und schlief fast augenblicklich ein.
Liebevoll lächelnd stand die im Rondra-Glauben stark verwurzelte Frau da und blickte auf das schlafende Kind.
Nach einigen Augenblicken wandte sie sich wieder Algerio zu.
„Das mit Sherizeth konnten wir dir gar nicht früher sagen, sie ist noch keinen Götternamen bei uns.“
Rovena erzählte, mit diversen Ergänzungen und Erklärungen durch Rondirai, die Geschichte, wie sie wieder einmal in der Khom gelandet waren und wie sie dann beschlossen hatten von der Oase El’Ankhara aus direkt nach Selkethal zu reiten. „Wir hatten Glück und trafen auf eine Karawane, die ebenfalls gerade Rast machen wollte. Sie waren von Shinadra nach Keft unterwegs.“ Die Rothaarige ergriff wieder das Wort: „Naja, darüber, wer Glück hatte, lässt sich streiten. Am Ende wohl hauptsächlich Sherizeth. Es kam in der Nacht zu einem Überfall, den wir mit vereinten Kräften gerade so zurückschlagen konnten. Gab einige Tote auf beiden Seiten.“
Dann übernahm Rovena das Erzählen wieder: „Wir haben dann einen kleinen Umweg gemacht und die geschwächte Karawane zur Oase Alam-Terekh begleitet, wo sie sich wieder mit Leuten verstärken konnten.“
Rondirai griff den Faden auf: „Wir haben die Gelegenheit genutzt und in der Oase übernachtet. Am nächsten Morgen sind wir noch vor dem Aufgang der Praiosscheibe aufgebrochen.“
Die Efferdierin nickte bestätigend.
„Wir sind der Karawanenroute von Alam-Terekh nach Omlad durch die Amhallassih-Kuppen gefolgt. Wir waren sehr wachsam und hatten die Hufe der Pferde mit Lumpen umwickelt, um möglichst wenig Geräusche zu machen.“ Die Nostrierin übernahm wieder: „Weder auf die Gesellschaft von Ferkinas noch von novadischen Räubern hatten wir besonderen Wert gelegt und uns daher besonders vorsichtig bewegt. Ich glaube nur deshalb sind wir auch gegen Ende der Tagesetappe auf die Sterbende und ihre Tochter aufmerksam geworden.“

Rovena blickte erneut zu Sherizeth, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Algerio „Es war vielleicht noch eine Meile bis zum Abzweig der Karawanenroute nach El’Ankhara, als wir ein leises Wimmern und eine schwache Frauenstimme hörten. Man konnte erkennen, dass die Frau Mühe hatte zu sprechen und in beruhigendem Ton mit jemandem redete. Aber die Worte selbst waren zu leise, um sie zu verstehen. Uns war gleich klar, da ist jemand, der dringend Hilfe braucht. Wenig später haben wir dann Sherizeth und ihre Mutter gefunden. Während Rondirai die Umgebung im Auge behielt, bin ich zu der Frau hin. Sie lächelte mich sichtlich erleichtert an und sagte zu ihrer Tochter auf Khôm-Novadisch ‚Siehst du, wie ich es dir versprochen habe, deine neue Mutter ist gekommen.‘ Dann hatte sie mich flehend angesehen und mich mit Horasisch angesprochen. ‚Ich kann Golgaris Schwingen schon rauschen hören, er ist nicht mehr weit. Du musst mir versprechen, dich um Sherizeth, meine Tochter, die jetzt deine Tochter ist, zu kümmern, ihr ein sicheres Zuhause zu geben und sie zu einer starken und selbstbewussten Frau zu erziehen. Du musst es mir versprechen, es ist der Wille der Zwölf, sie haben dich zu mir geführt.‘ Ihr Blick war so entschlossen und von dem, was sie gesagt hatte, so überzeugt, dass ich gar nicht anders konnte, als es ihr zu versprechen. Nachdem ich ihr mein Versprechen gegeben hatte, umarmte sie Sherizeth, flüsterte ihr etwas ins Ohr, küsste sie und ergriff dann meine Hand. ‚Du wirst meinem Kind eine gute Mutter sein, das kann ich spüren!‘ Ihr Blick war so glücklich, kurz drückte sie meine Hand, dann wich das Leben aus ihren Augen.“ Tränen rannen über das Gesicht der Horasierin und die Ritterin aus Nostria übernahm wieder das Sprechen:

„Wir haben uns dann zuerst um Sherizeth gekümmert, nachgesehen, ob sie verletzt ist, ihr zu Essen und Trinken gegeben. Als sie dann eingeschlafen war, habe ich die Tote untersucht und nachgesehen, ob sie irgendwelche Sachen bei sich trug, damit wir einen Anhaltspunkt hätten, wer sie war, woher sie kam oder wohin sie mit ihrem Kind wollte. Aber außer einem Waqqif, einem Lederbeutel mit achtzig Dukaten und einem silbernen Armreif war da nichts. Allerdings war es ein Wunder, dass die Frau überhaupt noch am Leben war. Sie hatte eine Wunde im rechten Schulterblatt und eine in Höhe der Hüfte, links, knapp neben der Wirbelsäule. In beiden Wunden waren abgebrochene Pfeilschäfte zu sehen. Die Wunde an der Wirbelsäule begann bereits zu eitern und alles war schon verkrustet. Auf dem Rücken waren zudem unzählige Narben von Peitschen- oder Rutenhieben in unterschiedlichsten Stadien der Heilung, viele waren schon mehrere Götterläufe alt, andere vielleicht einen Götternamen und alles dazwischen. Sie wurde also über sehr lange Zeit immer wieder gezüchtigt. Am linken Bein war noch eine Wunde einer Tatze. Wir haben dem Leichnam ein Boronrad aus geflochtenem Gras auf die Brust gelegt, einige Gebete für sie gesprochen und ihn dann mit Steinen bedeckt. Von Sherizeth haben wir am nächsten Tag dann erfahren, dass die Beiden auf einem Pferd unterwegs gewesen waren. Sie waren bereits viele Tage unterwegs und hatten immer jede Oase und jedes Nomadenlager gemieden. Waren abseits der Karawanenrouten geritten und kurz bevor sie ins Gebirge geritten sind, wurden sie von Sandlöwen angegriffen. Sie hatten wirklich den Beistand aller Überderischen, denn sie konnten entkommen. Die Mutter hatte mit einem Speer wohl die Rudelführerin erlegt, das hat die übrigen Löwen dann wohl verunsichert, so dass die Zwei auf ihrem Pferd fliehen konnten. Aber das Tier war so schwer verletzt, dass es bald immer langsamer wurde und schließlich von der Mutter erlöst worden war. Sie haben sich dann bis zu der Stelle durchgequält, an der wir sie gefunden haben. Zuerst hatten wir überlegt den Pferdekadaver zu suchen, in der Hoffnung dort, in Satteltaschen Hinweise auf die Identität der Toten oder Sherizeths Herkunft zu finden, aber das Mädchen war sich nicht sicher aus welcher Richtung sie gekommen waren, so haben wir den Plan verworfen und uns auf den Weg zu euch gemacht. Der Rest der Reise ist glücklicherweise sehr unspektakulär verlaufen.“ Rondirai nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Wein und Rovena, die inzwischen ihre Tränen wieder niedergekämpft hatte, lächelte etwas bemüht. „Nun kennt ihr die Geschichte wie ich zu meiner Tochter gekommen bin.“ Auch die Horasierin trank nun einen ordentlichen Schluck Wein.

“Eine wahrhaft abenteuerliche Geschichte… und Zeugnis, dass der Wille der Götter wahrhaftig und ihre Macht groß ist.” Algerios Blick fiel auf das kleine, schlafende Mädchen. Er empfand tiefes Mitleid mit dem Kind, aber auch Erleichterung, darüber, dass sie nun in Sicherheit war und - auch wenn er dies nie gegenüber seinen Freunden zugeben würde - auch darüber, dass sie offenbar einer rechtgläubigen Familia entstammte.

“Bei allem Unglück, dass ihr widerfahren ist… sie hätte keine bessere zweite Mutter finden können, Rovena.” Seine Stimme war warm und voller Anerkennung. “Was haltet ihr davon, wenn ihr wir sie auf euer Zimmer bringen, auf dass sie etwas bequemer liegen und sich erholen kann. Die Reise muss euch alle drei viel Kraft gekostet haben.”



1 Seid gegrüßt! Nennt mich Sherizeth Tochter der Rovena!

2 Wer seid ihr, Exzellenz (Anrede für Adlige)?

3 Sei mir willkommen, Sherisbeth.

4 Mein Name ist Algerio.