Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 20

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Sewamund, Herzogtum Grangor, Horasreich, Ende Ingerimm 1045 BF

Autoren: Amarinto & Gerberstädter


Die Sonne stand tief über Sewamund und tauchte die Stadt in ein warmes, goldenes Licht, als Dareius und Cariana Amarinto sich auf dem Platz vor dem Osttor trafen. Der Trubel des Markttages flaute ab, doch hier und da waren immer noch Stimmen und Schritte zu hören. Reisende, Händler und Stadtbewohner passierten das Tor, das auch als Anfang des Dämonenstiegs bekannt war.

Cariana saß auf ihrem almadanischen Rennpferd — ein Geschenk ihres Bruders Dareius, das er ihr vom Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin|letztjährigen Pferderennen im Selkethal mitgebracht hatte. An ihrer Seite stand Methelessa Gerber, ihre neue Knappin, die mit ihren gerade einmal zwei Wochen im Dienst noch etwas unsicher wirkte. Sie hielt den Zügel ihres eigenen Pferdes fest umklammert und sah mit einer Mischung aus Nervosität und Stolz auf ihre Herrin. Methelessas Überraschung war groß als, kaum das die erste Woche vergangen war und sie sich gerade ihr Pferd aus dem Bestand der Stallungen der Feste Amardûn hatte aussuchen dürfen, sie quasi in einem Nebensatz erfuhr, dass sie ihre Schwertmutter auf eine weite Reise begleiten würde: „Eine wirklich gute Wahl, Signora Methelessa! Diese Stute wird euch sicher nach Almada tragen!“ Methelessa musste ein wirklich verdutztes Gesicht gemacht haben, da Cariana herzlich gelacht hatte und ihr dann beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt hatte. „Du wirst mich zu einem Pferderennen im Selkethal begleiten.“ Sie musterte die schwarzhaarige Efferdierin kurz: „Wer weiß, wenn ihr mich auf der Reise von eurer Reife und den entsprechenden Fähigkeiten überzeugt, werde ich vielleicht den Gastgeber bitten, euch teilnehmen zu lassen.“ Und nun standen sie hier, fertig zur Abreise.

„Bist du sicher, dass ihr nichts vergessen habt?“ fragte Dareius mit ernster Stimme, während er Cariana musternd ansah. Sein Gesicht war von einem Ausdruck großem Stolzes und zugleich Sorge geprägt.

„Natürlich...“, erwiderte Cariana mit einem selbstbewussten Lächeln. „...und mach dir keine Sorgen, ich habe schon weitaus gefährlichere Reise unternommen.“

Dareius seufzte leise, doch in seinen Augen blitzte Stolz auf. „Ich würde dich gerne begleiten, aber die Verpflichtungen in Ruthor lassen es nicht zu. Du wirst es jedoch gut machen, da bin ich sicher.“

Die beiden schwiegen für einen Moment, während eine leichte Brise durch die Gassen wehte. Methelessa trat einen Schritt zurück, um dem Geschwisterpaar Raum zu geben, und beschäftigte sich mit ihrem Sattelzeug.

Die junge Knappin ließ den Herrschaften etwas mehr Raum und kontrollierte noch einmal den festen Sitz von Sattel, Gepäck und Zügel, streichelte Nebelwind, ihre Schimmelstute und sprach beruhigend zu ihr. Es war aber wohl mehr, um sich selbst zu beruhigen als die Stute, die endlich loslaufen wollte.

Schließlich sprach Dareius wieder. „Das Pferderennen im Selkethal ist nicht nur ein Rennen, es ist auch ein ausgezeichneter Ort um politische Kontakte zu knüpfen."

Cariana stemmte die Hand in die Hüfte, ihr Blick und ihr Tonfall waren belustigt. „Politische Kontakte? Als ob du dort nicht nur den almadanischen Ritterinnen schöne Augen gemacht und den lokalen Wein verkostet hättest.“ Sie lachte herzlich, während Dareius leise seufzte.

Methelessa errötete etwas bei den letzten Worten ihrer Schwertmutter und hoffte, dass die Amarinto-Geschwister genug mit sich selbst beschäftigt waren, um es nicht zu bemerken. Warum war nur Skrayana brai Rahjalina, die Knappin von Dareius Amarinto, nicht hier? Dann hätte sie Ablenkung und würde nicht unfreiwillig auf die Gespräche der Geschwister achten. Außerdem würde es sie von ihrer Aufregung ablenken. Irgendwie mochte sie die blonde Hünin, obwohl sie sich noch nicht ganz sicher war, ob es auf Gegenseitigkeit beruhte. Die ältere Knappin sah sie immer sehr kritisch an und bemängelte regelmäßig, sie würde zu wenig essen und sei für eine künftige Ritterin zu schmächtig. Tatsächlich konnte Methelessa aufrichtige Sorge und keinen Spott in der Mimik der Blonden erkennen.

Endlich schien es Zeit für den Aufbruch zu sein und so schwang sich auch die Efferdierin auf ihre Stute.

Mit diesen Worten zügelte sie ihr Pferd, während Methelessa sich ebenfalls bereit machte. Dareius bestieg seine eigene Stute, um die beiden Damen noch ein Stück des Weges zu begleiten. Gemeinsam ritten sie durch das Tor hinaus auf den Dämonenstieg, der durch grüne Weiden am Sewak entlang führte.

Nach einer Weile hielten sie an einem kleinen Hain an. Die ersten Schatten des Abends legten sich über die Landschaft. Dareius wendete sein Pferd und blickte Cariana mit einem Ausdruck an, der sowohl geschwisterliche Liebe als auch ein Hauch von Melancholie ausdrückte. „Mögen Rondra und Famerlor deine Wege segnen, Schwester“, sagte er leise und beugte sich vor, um ihr einen sanften Kuss auf die Stirn zu geben als ob sie noch Kinder wären und keine schlachterprobten Ritter. Es war eine geschwisterliche Geste, voller Wärme und Vertrauen.

„Danke, Dareius“, erwiderte sie mit einem sanften Lächeln. „Pass gut auf dich auf, die Ruthorer Patrizier sind gefährlicher als jeder Straßenräuber.“

Er sah ihr noch einen Moment lang nach, bevor er sein Pferd wendete und zurück nach Sewamund ritt. Cariana und Methelessa blickten ihm hinterher, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Dann wandte Cariana sich an ihre Knappin. „Komm, Methelessa. Almada wartet auf uns.“

Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort, Almada und eine aufregende Reise vor Augen.

Die Knappin hatte kurz zur Bestätigung genickt und war ihrer Schwertmutter gefolgt. Einige Zeit waren sie schweigend nebeneinander geritten, eine Jede ihren eigenen Gedanken nachgehend.

„Signora Cariana, werden dort, wo wir hinreiten viele Adlige aus dem Horasreich sein?

Cariana Amarinto zögerte einen Moment. “Ich denke schon, Dareius erzählte mir, dass beim Rennen im letzten Götterlauf bereits einige Horasier teilnahmen, unter anderem der Baron des Yaquirbruchs Erlan Sirensteen und sogar zwei Patrizierinnen aus deiner Heimat Efferdas.” Sie blickte mit hochgezogener Augenbraue zu ihrer neuen Knappin. “Der Name Rovena Gerber sollte dir doch zumindest etwas sagen?”

Spricht man in Almada eine andere Sprache als bei uns?“ Mit Mühe konnte die junge Frau ihren Redefluss bändigen und der Castellanin der Feste Amardûn Gelegenheit geben zu antworten.

“In gewisser Weise ja, auch wenn das Almadanische natürlich ebenso mit dem Horathi verwandt ist wie die Dialekte der anderen Provinzen des Mittelreiches. Stell es dir einfach wie bei einem Gespräch zwischen einem Chababier und einem Phecadier vor.” Dabei imitierte sie mehr schlecht als Recht den kehligen Dialekt Chababiens um dann wieder in ihren phecadischen Zungenschlag zurückzufallen, der unter Horasiern ebenso einen Ruf als wenig elegante Abweichung vom wohlklingenden Horathi Vinsalts genoss.

Cariana hatte sie leider schon häufiger rügen müssen, weil sie sie mit einem nicht enden wollenden Schwall an Fragen überhäuft hatte. So langsam begann sie sich zu beherrschen und ihrem Rededrang nicht mehr nachzugeben.

Sie ritten weiter über die dunklen Basaltplatten des Dämonenstiegs am Sewak entlang und Methelessa hatte zum ersten Mal Gelegenheit, die Landschaft ihrer neuen Heimat genauer zu betrachten. Sewakien war zwar an der Küste sehr flach, von unzähligen Kanälen durchsetzt, windig und generell deutlich kühler als die Coverna, aber bereits als die beiden Sewadâl passierten begann die Landschaft hügeliger und waldreicher zu werden und man konnte das Bergmassiv des Phecanowaldes im Hintergrund aufragen sehen.

Nach einer kurzen Phase der Stille, die Methelessa wie eine Ewigkeit vorkam, begann Cariana Amarinto wieder zu sprechen. “Exercitatio artem parat.” Sie blickte Methelessa fragend an und lächelte milde. “Beherrscht du das Bosparano?” Kurz errötete Methelessa, ihr Großvater hatte ihr immer wieder Unterricht erteilt und sie hatte es nicht besonders gemocht. Sie räusperte sich: „Ääh…üben, nein….Geübtheit, Kunst, berei… oh manno!“ Sie boxte sich auf den Schenkel. ‚Konzentrier dich!‘ ermahnte sie sich selbst: „Geübtheit bereitet Kunst vor? Oder so?“ Schon fast verzweifelt blickte sie ihre Schwertmutter an: „Verzeiht Signora Cariana, in Sprachen bin ich nicht so wirklich gut. Das ist deswegen so peinlich, weil mein Großvater, Signor Barundo Barini, in der kleinen Schule im Hesinde-Tempel St. Brigon über den Wogen in Efferdas Bosparano unterrichtet und er liebt die Sprache.“ Etwas niedergeschlagen blickte sie zu Boden. Toll, die Reise hatte noch nicht einmal richtig begonnen und ihre Schwertmutter musste denken ihre Knappin ist dumm und ungebildet und das nur weil sie lieber mit anderen Kindern herumtoben wollte als Vokabeln zu lernen!

“Ich verstehe. Bosparano ist die Grundlage unserer Sprache, sei es Horathi, Garethi oder Brabaci. Ein Verständnis des Bosparano kann dir dabei helfen zu erkennen, dass Horasier und Almadaner nicht so verschieden sind, wie sie manchmal scheinen. Wir alle stammen von den ersten Siedlern aus dem Güldenland ab, die der göttliche Horas in seiner Weisheit nach Aventurien führte.” Sie zog ein kleines, abgegriffenes Büchlein aus ihrer Satteltasche und reichte es Methelessa. Es enthielt handschriftliche Aufzeichnungen von unbekannten Begriffen aus anderen Ländern und Erklärungen, von welchen bosparanischen Begriffen diese sich ableiteten. “Ich habe es auf meinen Reisen immer bei mir, um mich daran zu erinnern, wo wir herkommen und was uns verbindet.” Als Methelessa von den Aufzeichnungen aufschaute, blickte sie in Carianas ernstes Gesicht. “Lern die Begriffe aus dem Kapitel über Almada bis wir dort ankommen, du wirst das Vokabular dort brauchen, wenn du dich und mich nicht blamieren willst.”

Fast ehrfürchtig hatte die junge Knappin das Büchlein entgegen genommen und blättere vorsichtig darin. Trotz ihrem Interesse gelang es ihr den Worten Cariana’s zu folgen. Als ihre Schwertmutter geendet hatte sah sie sie mit ernsthaftem, ja enthusiastischen Blick an: „Signora Cariana, ihr könnt euch darauf verlassen, ich werde euch keine Schande machen. Bis wir uns habe ich die Vokabeln erlernt und mit eurer freundlichen Unterstützung die ordentliche Aussprache geübt.“ Es war ihr in den letzten Tagen, auch dank Skrayana’s offener Worte und Erklärungen schmerzlich bewusst geworden, dass ihre Ausbildung sich bei weitem nicht auf das Erlernen von Kampftechniken, Übungen mit den verschiedensten Waffen, der Ausbildung eines Pferdes zum Schlachtross und den Verbesserungen der eigenen Reitkünste beschränkte. Natürlich, so konnte sie sich jetzt im Nachhinein erinnern, hatten Tante, Onkel und selbst Capitan Henando ya Baltar ihr dies bereits mehrfach erklärt, aber irgendwie waren ihre Belehrungen nie in ihrem Bewusstsein angekommen. Sie war damals so sehr mit ihren Träumereien von glorreichen Schlachten und der Teilnahme an den bekanntesten Turnieren beschäftigt und wie stolz sie ihre Familie machen würde und natürlich auch jene die sie ausgebildet hatten, dass sie in jener Zeit nur dann wirklich aufmerksam war, wenn es um die Kampfübungen und die Reitstunden ging. „Methelessa?“ eine laute etwas unwillige, leicht gereizte Stimme schreckte die Schwarzhaarige aus ihren Gedanken und das Blut schoss ihr ins Gesicht und schuldbewusst blickte sie zu Cariana.

Cariana musterte sie mit einem amüsierten Funkeln in den Augen, ehe sie mit gespielter Strenge sprach: "Es wäre gut, wenn du dich in Zukunft bei der Reise auf die Umgebung konzentrierst – wer weiß, welche Gefahren sich hinter der nächsten Wegbiegung verbergen."

Mit gesenktem Blick und betroffener Miene gab die schwarzhaarige Knappin nur ein kleinlautes: „Jawohl Signora Cariana!“ von sich.

Die Sonne war inzwischen fast hinter den Hügeln verschwunden, und die Schatten wurden länger. Der kühle Abendwind brachte den Duft von Kiefern und feuchtem Erdreich mit sich. Vögel riefen in den Baumwipfeln, während gelegentlich das Knacken eines Zweiges die Stille durchbrach. Vor einiger Zeit hatten sie das Dorf Norderau passiert, das vor 25 Götterläufen durch einen Dämon namens Gurondaii zerstört worden war und seither etwa eine Meile nördlich des Dämonenstiegs verlief. Cariana erzählte Methelessa in knappen Worten, was sich damals zugetragen hatte und wie der Dämon erst kurz vor Sewamund gestoppt werden konnte. Dann ritten sie weiter und erreichten bald den großen Marktort Sewadâl. Am Rande des Ortes lag ein wundervolles Schloss aus rotem Backstein, Schloss Sewadâl, das alte Jagdschloss der Barone von Sewamund in dem schon mehrere wichtige politische Abkommen verhandelt worden waren. Cariana Amarinto lenkte ihr Pferd jedoch zum Marktplatz des Ortes, an dem sich ein in rot, gelb und weiß erstrahlendes Herrenhaus erhob. „Die Villa Cantile, der ehemalige Stammsitz des ausgestorbenen Hauses Sewamund-Sewadâl. Es gehört nun dem Baron von Sewamund, wir können auf seine Erlaubnis hin hier übernachten.“ Gespannt lauschte Methelessa der Geschichte über den Dämonen und das, was sich seinerzeit zutrug und hatte etwas Mühe ihre Enttäuschung, dass sich ihre Schwertmutter nur mit einer Kurzfassung der Ereignisse begnügte, zu verbergen. Aber zumindest beantwortete die Castellanin der Feste Amardûn geduldig die vielen Fragen ihrer Knappin.

Die beiden Reiterinnen warfen bereits lange Schatten, als das Fischer- und Viehzüchterdorf erreichten. Ein beschauliches Dorf dieses Sewadâl, welches wohl keine 500 Einwohner hatte. Allerdings hatte die junge Gerber einen Efferdtempel gesehen. Nur wenige Menschen waren in den Straßen und Gassen unterwegs, aber alle, denen sie begegneten, grüßten freundlich. Lediglich zwei Büttel blickten sie misstrauisch an, ehe sie dann ebenfalls grüßten.

Die Villa war sehr schön und in bestem Zustand, wie die Knappin erfuhr, hatte Baron Irion von Streitebeck sie aufwändig renovieren lassen. Seither residierten dort die Vögte von Sewadâl, der derzeitige war der Schatzmeister des Barons, Esquirio Pandrigo ya Diamero, aber er hatte wiederum einen Untervogt ernannt, da er selbst in Sewamund residierte. Während zwei Stallburschen sich der Pferde annahmen, kümmerte sich die Efferdierin um das Gepäck.

In der Villa Cantile wurden sie von besagtem Untervogt, dem Magier Ludolfo Bleywercker, empfangen, mit dem sie das Abendessen einnahmen. Der Magier war noch relativ jung und Cariana Amarinto blieb zwar stets höflich, aber wirkte auch misstrauisch und stellte viele Fragen. Der Untervogt und Magier machte einen überheblichen Eindruck und prahlte frei heraus mit seinen magischen Studien, die er im Turm des Schlosses Sewadâl, der einst vom Magierbaron Adaon Garlischgrötz von Veliris erbaut worden war, durchführte. Am nächsten Morgen machten sie sich wieder auf den Weg Richtung Veliris. Nachdem sie Sewadâl hinter sich gelassen hatten, brach Cariana das morgendliche Schweigen. “Methelessa, was hältst du von Sewadâl, dem Schloss und den ganzen Vögten und Untervögten. Sprich frei heraus. Ist dir bei unserem Besuch etwas aufgefallen?” Sie blickte ihre Knappin mit durchdringendem Blick an.

Der Gerberspross dachte einen Augenblick nach: „Naja, die Menschen hatten zwar alle gegrüßt, aber waren sonst sehr zurückhaltend, auch die Bediensteten waren sehr wortkarg. Einzige dieser Signor Bleywercker war sehr redselig, aber auch irgendwie komisch. Ein eingebildeter, hochmütiger Kerl. So wie der am Prahlen war und mit seinen, zumindest für mich unverständlichen Magierbegriffen um sich geworfen hat.“ Bei der Erinnerung musste sie sich unwillkürlich schütteln: „Entweder ist er wirklich ein Meister oder einfach nur ein Prahlhans. Auf jeden Fall ist er ein Unsympath.“ Unsicher blickte sie zu Cariana: „Habt ihr das gemeint Signora Cariana, oder liege ich komplett daneben!“

Cariana schwieg für einen Moment. “Das hast du richtig beobachtet und doch ist es nur die eine Seite der Medaille. Dieser Magier ist ganz offensichtlich mehr an seinen magischen Forschungen interessiert als seinem Amt als Untervogt. Er sitzt nicht in Sewadâl aus Pflichtbewusstsein oder Interesse für die Verwaltung, sondern weil ihm dieses Amt ermöglicht, seinen Forschungen nachzugehen und zugleich in einer standesgemäßen Residenz zu logieren. Dieser Mann hat sein Amt nicht erhalten, weil er ein guter Verwalter wäre. Im Gegenteil, ich denke, seine Schreiberinnen und Bürokraten erledigen die gesamte Arbeit. Er hat dieses Amt aus rein politischen Gründen erhalten. Warum jedoch Baron Irion Kontakte zu den Patriziern Bethanas pflegt, liegt weiterhin im Dunkel.” Sie lächelte sanft. “Sieh dies jedoch als deine erste Lektion in den politischen Künsten an. Wenn man das Labyrinth der Politik navigieren will, so ist man gut beraten, stets hinter die Fassade zu blicken. In der Welt des Adels tut niemand etwas ohne Hintergedanken. Eine Ritterin muss sich dessen stets bewusst sein, um in diesem Spiel nicht nur Spielfigur, sondern auch selbst Spielerin sein zu können.”

Nachdenklich nickte die junge Frau. Es dauerte einige Augenblicke bis sie wieder sprach: „Signora Cariana? Gibt es eine Möglichkeit zu erkennen, ob ein Zauberwirker sich den dunklen Mächten verschrieben hat?“ Sie drehte ihren Oberkörper nun auch ihrer Schwertmutter zu: „Ich meine bei einem solchen Anlass wie dem Abendessen mit diesem Ludolfo Bleywercker! Könntet ihr jetzt sagen, ob der Magier nur ein arrogantes Ekel ist oder ein Schwarzmagier?“ Methelessa wirkte sichtlich aufgeregt und hatte große, neugierige Augen.

Die Esquiria ließ sich Zeit mit der Antwort. “Nein, ich denke nicht, sofern man nicht selbst der arkanen Künste mächtig ist. Zudem ist die schwarze Magie im Rahmen der Bruderschaft der Wissenden, also der schwarzen Gilde, nicht verboten im Horasreich. Soweit ich weiss müssen alle Magier ein Gildensiegel in Form eines magischen Hautbildes tragen, du kannst danach Ausschau halten. Signor Bleywercker trug seines jedenfalls in der rechten Handfläche.” Sie schwieg einen Moment. “Ich glaube nicht, dass Signor Bleywercker ein Anhänger der dunklen Künste ist. Er ist nur etwas sehr von sich selbst überzeugt.” Sie lächelte sanft. “Das ist jedoch nichts Ungewöhnliches, weder unter Magiern noch unter Adligen.”

Die beiden setzten ihre Reise fort und überquerten den Sewak bei Veliris, wo sie im Hotel in der alten Therme übernachteten. In den Tagen danach reisten sie weiter über Unterfels nach Oberfels, wo sie die Grenze nach Almada erreichten und in Neu-Süderwacht erstmals mittelreichischen Boden betraten.

“Jetzt sind wir in Almada. Ist es so wie du es dir vorgestellt hattest, Methelessa?”

Methelessa blickte sich einmal gründlich um und lächelte scheu: „Nun die Reichsgrenzfeste Neu-Süderwacht ist beeindruckend, aber …“ sie zögerte: „Es sieht nicht anders aus als bisher auf unserem Weg und ich muss gestehen, ich habe mir auch nicht wirklich Gedanken gemacht dass die Landschaft anders sein könnte, ich habe mir mehr Gedanken zu den Menschen die hier leben gemacht. Meine Großmutter, Floria Gerber, eine geborene Furlani stammt aus Almada, aus Ragath. Sie sieht nicht unbedingt aus als wäre sie keine Horasierin.“ Die schwarzhaarige, junge Frau holte das Büchlein, welches ihr Cariana gegeben hatte hervor. „Sie hat nie mit mir in ihrer Muttersprache gesprochen oder mir angeboten es mich zu lehren.“ Ihr Blick wurde etwas wehmütig: „Andererseits habe ich sie auch nie danach gefragt!“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Sie wird sich bestimmt freuen, wenn ich sie bei unserem nächsten Treffen in der Sprache ihrer Heimat anspreche!“ Die Efferdierin steckte das Büchlein wieder ein. Kurz schwiegen die beiden Frauen, dann wandte sich die Knappin wieder an ihre Schwertmutter: „Das Tal der Könige und das Tal der Drachen ist zuweit entfernt, dass ist mir bewusst. Aber vielleicht ist es möglich den Madasee zu besuchen. Vielleicht bekommen wir ja den Wasserdschinn zu sehen!“ Mädchenhafte Begeisterung lag in ihrem Blick und ihrer Mimik, sie war eben noch an der Grenze auf dem Weg vom Mädchen zur Frau. Dann bekam ihr Blick etwas fast flehendes: „Ich hoffe ihr haltet mich nicht für unverschämt Signora Cariana, aber meine Großmutter hat ganz oft vom Regenbogentempel in Punin erzählt und von dem Artefakt, dass dort aufbewahrt werden soll, die Kreide der Tsa. Könnten wir vielleicht dorthin?“ Noch ehe die Esquiria antworten konnte fügte ihre Knappin hinzu: „Meine Großmutter ist eine der Heiteren Göttin, müsst ihr wissen!“

Cariana hielt dem Redeschwall ihrer Knappin stoisch stand. Sie konnte die Begeisterung der Jugendlichen nachvollziehen, ihr war es selbst genauso ergangen als sie ihre ersten Reisen ins Ausland unternommen hatte, ihre ersten Turniere im Mittelreich absolvierte. Sie dachte zurück an Finnian, den schüchternen albernischen Ritter, ihre erste große Liebe. Ein mildes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. “Angeblich gab es einmal einen Tsa-Priester unter meinen Vorfahren, Reggio Amarinto, angeblich ein meisterlicher Sänger. Aber die meisten meiner Verwandten behaupten, dies wäre nur ein bösartiges Gerücht, welches die Feinde unseres Hauses in die Welt gesetzt haben. Kein Amarinto würde sich jemals zu Tsa bekennen.” Sie grinste, ein durchaus ungewohnter Anblick bei der sonst so ernsten Ritterin. “Aber wer weiss es schon genau? Mein Bruder ist auch ein hervorragender Sänger und Dichter, von unserer Mutter hat er es jedenfalls nicht geerbt.” Dann nickte sie. “Gut, lass uns den Regenbogentempel in Punin besichtigen, wenn wir dort sind. Eine Ritterin muss alle Zwölfe ehren, auch wenn es einem manchmal schwer fällt.” Sie ritten weiter am rauschenden Yaquir entlang.

Die junge Knappin staunte nicht schlecht, nicht weil sie lächelte. Nein, das kam zwar nicht sehr häufig vor, aber schon immer wieder und sie war ja durchaus eine lebensfrohe Person. Vielmehr, weil ihr ihre Schwertmutter von Gerüchten über einen Tsa-Priester in der Ahnenreihe der Amarinto erzählte. Methelessa freute sich sehr, dass Cariana ihr so ein Geheimnis anvertraute. Nun, dass ein Haus aus dem eine solch beeindruckende Reihe an tapferen und siegreichen Streitern, sei es nun auf dem Schlachtfeld oder im Turnier, hervorgingen nicht gerade mit Tsa in Verbindung gebracht werden wollte und schon gar nicht mit einem Priester der jungen Göttin aus den eigenen Reihen. Wobei? „Signora Cariana? Tsa gilt ja als die jüngste der Zwölfgötter. Sie steht unter anderem für Geburt, Wiedergeburt, Kinder, Erneuerung, Beginn, Alternativen, Heilung, Leben und auch Zukunft.
Sind das nicht auch alles Aspekte die für die Ritterschaft von Bedeutung sind?“ Ihr Blick war nachdenklich geworden, dann wurde sie plötzlich rot im Gesicht: „Verzeiht Signora Cariana, ich bin euch natürlich sehr dankbar, dass ihr mir diesen wirklich großen Wunsch erfüllt und mit mir nach Punin zum Regenbogentempel geht! Ihr ahnt gar nicht, wie viel mir das bedeutet!“

Cariana Amarinto antwortete erst nicht sofort, sondern ließ Maldonaldo, das almadanische Ross, welches ihr Bruder ihr im Selkethal gekauft hatte, in einen gleichmäßigen Trab übergehen. Die flach geschwungene Landschaft Almadas begann nun deutlicher in Erscheinung zu treten – Weinberge, Olivenhaine und verstreute Gehöfte. Schließlich sprach sie mit ruhiger, ernster Stimme.

„Deine Beobachtung ist nicht unklug, Methelessa. Tsa steht für vieles, was auf den ersten Blick nicht mit der Strenge und Entschlossenheit des Ritters vereinbar scheint. Und doch …“ Sie drehte sich leicht zu ihrer Knappin, die aufmerksam neben ihr ritt. „… liegt in der Erneuerung, der Veränderung, dem stetigen Werden und Wachsen auch die Essenz unseres eigenen Weges.“

Sie schwieg einen Moment, ehe sie fortfuhr: „Ein Ritter oder eine Ritterin, die aufhört, sich zu hinterfragen, zu lernen, sich selbst zu prüfen – sie wird früher oder später nicht nur sich selbst gefährden, sondern auch jene, die sie schützen soll. Tsa mag für das Spiel der Kinder, das bunte Leben und die fröhliche Unbeschwertheit stehen – aber in ihrem tiefsten Kern ruft sie uns auch zur stetigen Wandlung auf. Das ist ein Prinzip, das ich sehr wohl achte. Besonders in einer Welt, in der man oft versucht ist, sich hinter alten Regeln zu verstecken.“

Sie blickte nach vorne, in Richtung eines von Kiefern gesäumten Hügels, über den sich der Weg schlängelte. „Die Rolle einer Ritterin ist nicht nur die der Kämpferin. Sie ist Schutzschild, Richterin, Mahnerin und – ja – auch Beispiel. Das verlangt von uns mehr, als eine Lanze gut zu führen. Es verlangt Hingabe, Demut und Bereitschaft zur Veränderung.“

Mit einem leisen Schmunzeln, beinahe zärtlich, ergänzte sie: „Und sei es nur, dass wir lernen, eine neue Sprache zu sprechen, ein anderes Land zu verstehen oder... einer jungen Knappin zu helfen, über sich hinauszuwachsen.“

Cariana ritt eine Weile schweigend weiter, ehe sie hinzufügte: „Ein Turnier ist mehr als nur ein Kampfspiel. Es ist eine Bühne. Dort kann man Ehre erringen, Ruhm – doch auch Demut lernen, Niederlagen einstecken, Stärken anderer erkennen. Ich trete bei jedem Turnier nicht nur gegen andere an, sondern auch gegen die Ritterin Cariana Amarinto an, die ich beim letzten Mal war. Und wenn ich es recht bedenke, ist auch das ein sehr Tsa-gefälliger Gedanke.“

Sie lachte leise, ein warmer, ruhiger Klang. „Also ja, Methelessa – Tsa hat ihren Platz im Herzen einer jeden Ritterin. Denn jede von uns muss sich immer wieder neu erfinden, um auf dem Weg des Guten, Gerechten und Tapferen zu bleiben.“ Dann fügte sie mit einem Seitenblick hinzu: „Und jetzt... schlag dein Büchlein auf. Ich frage dich heute Abend ab. Am besten du lernst schon einmal das Wort für 'Fehde' auf Almadanisch.“

Die schwarzhaarige Efferdierin hatte die Gangart ihres Rosses dem des Rosses ihrer Schwertmutter angepasst und hörte dieser sehr aufmerksam. Es freute sie sehr, dass Cariana ihre Überlegung aufgegriffen hatte und ihr den Bezug zu dem Wesen des Rittertums verdeutlicht hatte. Auch wenn sie nicht alles verstanden hatte, zum Beispiel, was die jüngste Tochter von Darion Amarinto damit meinte, dass sie nicht nur gegen andere Ritter bei einem Turnier, sondern auch gegen die Cariana vom letzten Mal antreten würde, gemeint hatte. Sie wollte aber nicht gleich nachfragen, sondern darüber nachdenken und sehen, ob sie es selbst herausbekommen würde und ihre Schwertmutter dann nochmals darauf ansprechen, um zu sehen, ob sie richtig lag oder am Güldenland vorbei gesegelt war. Auch das mit dem Neuerfinden war ihr noch nicht ganz klar, aber auch dieses Rätsel würde sie in Ruhe durchdenken und wenn sie glaubte, den Sinn verstanden zu haben, dann würde sie das Thema ebenfalls noch einmal ansprechen.

Sie hob die rechte Augenbraue und sah die Castellanin der Feste Amardûn überrascht an, als sie ausgerechnet auf das Wort Fehde gekommen war. Holte aber artig das Büchlein hervor und begann sogleich mit der Lektüre, sie wollte ihre Schwertmutter auf keinen Fall enttäuschen.

Cariana lächelte innerlich, als sie den Lerneifer ihrer Knappin aus dem Augenwinkel beobachtete. Gemeinsam ritten sie weiter, Richtung Punin, Richtung Selkethal. Diese Reise würde für beide eine wertvolle Erfahrung werden.