Chronik.Ereignis1045 Puniner Geschichten 02

Baronie Kyrstollen, Anfang Rahja 1045 BF

Auf dem Junkergut Hellenwald

Autor: Amarinto, De Verlez

Über die Bewältigung von Unstimmigkeiten

Xerog hatte schon länger nichts mehr gesagt und nur weiter an seinem Krug genippt. Dann seufzte er, als würde er die kommende Frage bereits bereuen bevor er sie gestellt hatte: "Will ich wissen, wer dir die Nase gebrochen hat und warum?"

Jandara grinste. "Eine gute Bekannte." Der Zwerg zog nur fragend die Augenbrauen hoch, während Jandara bereits ansetzte die dazu gehörende Geschichte zu erzählen. Ob er sie hören wollte oder nicht.

Skorpionsstich

Die Taverne "Skorpionsstich" war an diesem Abend wie ein überfüllter Bienenstock – das Lachen von Soldaten und Immanjüngern mischte sich mit dem dumpfen Klirren von Krügen, dem Klopfen von Würfeln auf Holz und dem unvermeidlichen Geruch aus Bier, Fett und nassem Leder. Die meisten Gäste trugen abgewetzte Uniformen oder einfache Arbeitskleidung, die den Staub und den Schweiß des Tages noch in sich trugen. Da öffnete sich die Tür und ließ einen Schwall kalter Abendluft hinein. Die Gespräche stockten für einen Herzschlag, als Jandara Garlischgrötz von Hellenwald eintrat – in einem dunkelgrünen Reitrock mit goldener Kordel, der deutlich zu fein für diesen Ort war, und einem breiten, mit Pfauenfedern geschmückten schwarzen Hut auf ihrem Kopf. Ihr schwarzes Haar war zu einem Zopf gebunden, doch zwei Strähnen hatten sich gelöst und rahmten ihr Gesicht auf unverschämt lässige Weise ein. Ihr von diversen Fechtnarben "verziertes" Gesicht war edel geschminkt. An ihrer Seite baumelten ihre zwei Rapiere in einer Doppelscheide. Sie hielt den Blick der Männer und Frauen, die sie musterten, nicht nur aus, sondern erwiderte ihn mit einem halben Lächeln, das irgendwo zwischen Herausforderung und Einladung lag.

Sie trat an die Theke, stellte klirrend ein Säckel mit Münzen auf die abgenutzte Holzplatte. Mit kräftiger Stimme sagte sie, so dass es auch viele andere Gäste hören konnten. "Wirt! Lokalrunde. Jandara Fhadim Garlischgrötz von Hellenwald waren heute die Würfel hold." Dann drehte sie sich grinsend zum Schankraum und und lehnte sich gegen den Tresen, um die Reaktion der anderen Gäste zu beobachten.

Ihr Blick fiel auf eine Gruppe Soldaten, die sich um einen Tisch gruppiert hatten. Den Farben nach handelte es sich um Ragather Schlachtreiter, deren Farben auch ihr Vater seinerzeit in Taladur gedient hat. Und ja, die Soldaten schauten sie an. Besonders eine Frau. Jandara schätzte sie auf Anfang vierzig. Sie hatte glatte schwarze Haare, die streng gescheitelt ihre linke Gesichtshälfte bedeckten. Unter dem Wappenrock trug sie eine schwarze Lederrüstung und ihre Hände steckten in Handschuhen aus dem gleichen Material. Sie verzog ihr Gesicht zu einem Grinsen. "Sagtet ihr Garlischgrötz von Hellenwald? Seid ihr etwa verwandt mit Dom Jandor Garlischgrötz von Hellenwald?"

Der Wirt ließ die schwere Bronzeglocke ertönen, deren Klang sich über das Stimmengewirr legte wie das Läuten zum Tempelgang – nur dass hier statt eines Gebets ein Krug wartete. "Lokalrunde!" brüllte er über den Tresen hinweg, und sofort brach ein Chor aus Johlen, Lachen und "Hoch!" rufen los. "Auf die edle Spenderin!" schallte es aus mehreren Ecken, begleitet vom Poltern von Krügen auf Tische. Irgendwer begann, im Takt der Rufe mit dem Stiefel gegen die Bank zu schlagen, und schon klatschten die ersten mit.

Jandara ließ die Lärmwelle selbstzufrieden über sich hinwegrollen wie eine Katze, die sich im Sonnenschein räkelt. Ihr Blick blieb an der Soldatin mit der strengen Scheitelfrisur hängen, während sie in einem Tonfall antwortete, der wie ein Stück polierter Stahl klang – glänzend, aber scharf: "Verwandt? Ach, meine Liebe – Dom Jandor ist natürlich mein Vater." Sie sprach es so beiläufig aus, als ginge es um die Herkunft ihres Hutes. "Ihr wisst schon – groß, gutaussehend, und mit einer Geduld gesegnet, die nur ein Vater aufbringen kann, um mich zu ertragen."

Sie stieß sich lässig vom Tresen ab und kam langsam auf die Frau zu. Das Schlagen der Stiefel auf dem Boden, das Summen des Raumes – all das wurde leiser in ihrem Kopf, während sie die Fremde aus der Nähe musterte. Die Lederhandschuhe, der strenge Scheitel, das Grinsen, das eher wie ein Messer wirkte, wenn man es im falschen Winkel sah. Ein Soldat, der in ihrem Weg stand, klopfte ihr mit grober Dankbarkeit auf die Schulter. "Das war großzügig, Domna." Er griff nach seinem frisch gefüllten Krug und nahm einen tiefen, ungebremsten Schluck, sodass der Schaum ihm am Kinn hängen blieb. Jandara warf ihm ein spitzbübisches "Schon gut, Kamerad – genieß es, solange es fließt" zu, bevor sie den letzten Schritt tat, um nun dicht vor dem Tisch der Fremden zu stehen.

Diese stand auf und bekam einen neuen Krug mit Bier in die Hand gedrückt. "Haltet doch mal eure Mäuler.", rief sie und verschaffte sich dadurch unter ihrer Einheit Ruhe. "Lasst uns Domna Jandara danken, deren Vater einst einer der unseren war und die Taladurer Gecken bei Laune gehalten hat. Eine wahrlich schwere Aufgabe, die nun auf den Schultern meines vermaledeiten Bruders lastet." Mit einem Jubel nahmen die Schlachtreiter einen tiefen Zug, bis auf die Soldatin, die den Trinkspruch ausgesprochen hatte. "Auf Domna Jandara, wie hieß es noch gleich, Garlischgrötz, welche sich wohl auf ihrer Rückreise ins Liebliche Feld befindet, denn von dort stammt doch ihre Familie." Mit Wucht schmetterte sie den Krug auf den Tisch, sodass das Bier überschwappte. "Bevor ich mit so einer aus dem Land der geckischen Kultur einen hebe, brennt der Himmel. Und nun verpisst euch dorthin, wo ihr her gekrochen kamt und feiert euer Phexensstück mit euresgleichen."

Für einen Atemzug blieb es still um die beiden, nur das Tröpfeln des verschütteten Bieres vom Tisch auf den Boden war zu hören. Jandara stand reglos, die Augen halb geschlossen, als würde sie den Geschmack dieser Provokation auf der Zunge zergehen lassen. Ein Lächeln – dünn wie ein Messerrücken – zog sich langsam über ihr Gesicht, und in den dunklen Tiefen ihrer Augen blitzte etwas auf, das nicht nur Zorn war, sondern auch die freudige Erwartung einer Frau, der man endlich den Grund geliefert hatte, auf den sie gewartet hatte.

Sie rollte langsam die Schultern, als wollte sie den Stoff ihres Reitrocks lockern. Die Finger öffneten und schlossen sich, die Sehnen traten unter der Haut hervor. Mit einer knappen Bewegung legte sie die Hand an den Nacken, neigte den Kopf zur Seite – knack. Die andere Seite – knack. "So, so...", begann sie leise, fast sanft, während ihr Blick die Soldatin wie ein stählerner Haken fixierte. "Ihr hättet einfach die Klappe halten können, euer Bier trinken und den Abend unbeschadet überstehen können. Aber nein – ihr wolltet mir also einen Gefallen tun."

Das Lächeln vertiefte sich für einen halben Herzschlag, bevor es wieder zu einer schmalen Linie wurde. Sie trat einen Schritt näher, der Absatz ihres Stiefels hart auf dem Holzboden. "Denn wisst ihr, Soldatin...ich liebe es, wenn jemand glaubt, er könnte mich beleidigen, ohne den Preis zu zahlen."

Ihre Stimme war leise, aber in der plötzlichen Stille der Taverne schien sie bis in die hinterste Ecke zu tragen. Jandara ließ die Arme locker hängen, aber die Spannung in ihrem Körper verriet, dass sie nur noch darauf wartete, dass der erste Schlag – von welcher Seite auch immer – fallen würde. Das Leder der Handschuhe knarzte, als Roxalba ihre Fäuste schloß und wieder öffnete. Immer und immer wieder. Sie überbrückte das letzte Hindernis zwischen ihnen, indem sie den Tisch einfach zur Seite schob. Ihre Männer hatten bereits einen Kreis um die beiden gebildet. Roxalba war einen guten Kopf größer als Jandara, aber dies musste nicht unbedingt ein Vorteil für sie sein. Kurz warf sie einen genaueren Blick über Frau ihr gegenüber und ihr erster Eindruck war, dass es wohl sehr interessant werden würde. "Ihr scheint ja auch oronische Wurzeln zu haben, denn ihr scheint auf Schmerzen zu stehen. Also gut, ich werde euch euren Gefallen erweisen." Auf dem Tisch rollte der nun umgekippte Krug an den Rand, kam ins Schlingern und fiel zu Boden, wo er zersprang. Und mit diesem Geräusch begann das Chaos.

Roxalba holte ohne Zögern mit der Rechten aus – ein Schlag, so hart und gerade wie ein Schmiedehammer. Jandara hob blitzschnell den linken Unterarm, fing den Stoß ab, der ihr sonst wohl den Kiefer gebrochen hätte. Der Aufprall ließ ihr Handgelenk brennen, doch bevor sie kontern konnte, rammte Roxalba ihr Knie in die Seite. Die Luft entwich Jandaras Lungen mit einem scharfen Keuchen, ihre Deckung öffnete sich, und schon kam der nächste Hieb. Die Faust der Schlachtreiterin traf sie seitlich am Schädel – ein dumpfer, schmerzhafter Knall, der in den Ohren nachhallte. Für einen Moment verschwamm das Bild vor ihren Augen.

Sie neigte den Kopf nach vorn, spuckte einen dünnen Strahl Blut auf den klebrigen Holzboden, atmete tief durch – und grinste breit, kampflustig, als hätte sie nur auf diesen Geschmack gewartet. "Das Beste, was ihr heute getan habt", murmelte sie rau, während sie den nächsten Schlag Roxalbas knapp auspendelte. Die Faust der anderen sauste ins Leere, und Jandara nutzte den geöffneten Raum.

Sie trat einen halben Schritt vor, streckte sich und rammte ihre Stirn mit voller Wucht gegen Roxalbas Gesicht. Der dumpfe Aufprall mischte sich mit einem heiseren Fluch, während die Größere nach hinten taumelte, die Hand vor die Nase geschlagen. Um sie herum brach die Hölle los.

Ein Tisch kippte um, ein Stuhl flog. Ein bärtiger Arbeiter stürzte sich auf einen der Ragather, weil der sein Bier verschüttet hatte. Zwei Imman-Anhänger prügelten sich lachend mit einer Gruppe Reisender, während der Wirt brüllend versuchte, die Glocke zu übertönen. Jemand warf eine halbleere Flasche – sie zersprang an einem Balken, und der Geruch von billigem Schnaps mischte sich mit Schweiß und dem Dunst der Öllampen. Überall polterten Fäuste auf Gesichter, Stiefel gegen Schienbeine, und über allem hallten Gelächter, Flüche und das scheppernde Klirren von Krügen auf dem Boden. Doch Jandara und Roxalba hatten nur Augen füreinander, als wäre der Rest der Taverne nichts weiter als das Dröhnen eines fernen Sturms.

Jandara nutzte den kurzen Moment, als Roxalba durch den Schmerz an ihrer Nase abgelenkt war. Sie stürmte vor, rammte ihren Körper in den der Schlachtreiterin und diesen an die nächste Wand. Ein weiterer Schmerz durchfuhr Roxalbas Rücken und machte sie nur noch wütender. Sie hämmerte beide Fäuste zusammen auf den Rücken ihrer Gegnerin. Immer und immer wieder, bis Jandara losließ. Sofort setzte Roxalba nach und trat Jandara mit dem Knie gegen den Kopf. Kurz verlor Jandara die Orientierung und fand sich auf dem Boden liegend wieder.

Sie wartete auf das Nachsetzen von Roxalba, aber es kam nicht. Verwundert blickte sie auf und sah Roxalba. Ihr gegenüber stand wohl einer der anderen Gäste und drohte ihr mit einem Immanschläger. Diesen hatte er wohl aus der Dekoration der Taverne 'geliehen'. Jandara hörte noch, wie Roxalba den Mann ansprach und ihm sagte, dass er einen großen Fehler machte. Diese Worte fielen wohl auf keinen fruchtbaren Boden, denn er griff trotzdem mit einem lauten Aufschrei an. Viel Platz war nicht und er war ungeübt. Roxalba duckte sich unter einem Schlag weg, kam in den Nahkampf und boxte genau in eine Achsel, sodass der Angreifer den Schläger fallen lassen musste. Sie nahm ihn auf, drehte sich von ihm weg und kam in seinen Rücken. Ein kraftvoller Schlag gegen das Knie. Es gab ein hässliches Geräusch und der Mann begann vor Schmerzen zu schreien. "Ich habe dich gewarnt.", sagte sie zu ihm und wandte sich in die Richtung, in der sie Jandara vermutete. Den Schläger hielt sie immer noch fest. Ihr Gesicht war schweißnass und die Haare klebten an ihrem Kopf und gaben den Blick auf vernarbtes Gewebe frei. Die Narben schimmerten violett und waren von schwarzen Adern durchzogen. Das Auge war nur noch eine blinde Fläche. Sie verzog ihre Lippen zu einem Grinsen. "Wir sind noch nicht fertig, Garlischgrötz." Mit diesen Worten ließ sie den Schläger fallen und stapfte auf Jandara zu.

Jandara stemmte sich vom Boden hoch, das Pochen in ihrem Schädel wie der Takt einer Kriegstrommel. Sie wischte sich das Blut vom Mundwinkel und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Der Blick und das Lächeln, die sie Roxalba zuwarf, waren kalt und voller Hunger nach dem nächsten Zusammenstoß. Sie machte einen Schritt nach vorn – doch ein breitschultriger Soldat drängte sich zwischen sie und ihr Ziel. "Aus dem Weg!" knurrte sie, doch er reagierte nicht schnell genug. Also trat sie hart und präzise von hinten in seine Kniekehle. Der Mann sackte mit einem überraschten Fluch nach unten und Jandara stieg über ihn, als wäre er nur ein Hocker, der im Weg stand. Dann prallten sie wieder aufeinander – zwei Körper im engen Raum, ein Wirbel aus Armen und Stiefeln. Jandaras Faust schlug tief in Roxalbas Seite, genau auf die Nieren, und sie spürte den Ruck, als der Schlag saß. Ohne Zögern trat sie ihr auch noch gegen das Schienbein. Roxalba fauchte auf wie ein gereizter Panther, packte Jandara an der Kleidung und hämmerte ihr einen brutalen Schlag in die Magengrube. Die Luft entwich Jandaras Lungen in einem schmerzhaften Stoß, ihre Knie gaben kurz nach, und sie musste sich gegen die Wand drücken, um nicht zu Boden zu gehen.

Doch bevor eine von beiden den entscheidenden Schlag setzen konnte, riss der tobende Kampf im "Skorpionsstich" sie auseinander. Zwei Soldaten stürzten zwischen sie, einer riss Jandara unabsichtlich an der Schulter herum, während Roxalba von einem taumelnden Imman-Anhänger gegen die Theke gedrängt wurde. Im nächsten Moment fanden sie sich auf entgegengesetzten Seiten des Raumes wieder – die eine keuchend, die andere mit zusammengekniffenen Augen, beide mit demselben unheilvollen Blick, als wüsste sie genau, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie wieder aufeinandertreffen würden.

Aus Wut, nicht so schnell an Jandars heran zu kommen, nahm Roxalba einen Krug in Griffweite und schlug diesen auf den Kopf desjenigen, der sie abgedrängt hatte. Der Unglücksrabe fiel zu Boden und auf einmal wurde die Tür aufgerissen und die Stadtwache erschien. Roxalba erblickte sie und pfiff einmal laut. Es kam Jandara vor wie ein Signal. Sofort stellten alle Schlachtreiter die Kampfhandlungen ein, halfen ihren Kameraden auf und flüchteten zu einer Hintertür. Es sah schon routiniert aus, als einer nach dem anderen dort verschwand. Die letzte war Roxalba und sie warf Jandara einen kalten Blick zum Abschied zu.

In den Gassen Punins

Jandara stolperte aus dem "Skorpionsstich" hinaus, während hinter ihr die Rufe der Wache und das Schimpfen des Wirts verklangen. Die eisige Nachtluft Punins biss ihr ins Gesicht, mischte sich mit dem metallischen Geschmack von Blut auf ihren Lippen. Es waren nicht die schlimmsten Wunden, die sie je davongetragen hatte – aber genug, um ihr bei jedem Schritt das Bewusstsein für den eigenen Körper zurückzuhämmern.

Die Gassen waren beinahe leer um diese Stunde. Nur das Geräusch ihrer Stiefel und das ferne Bellen eines Hundes waren zu hören. Sie zog den Hut tiefer ins Gesicht, um nicht unnötig Aufsehen zu erregen, und nahm den Weg zu jenem Gasthaus, in dem sie ihre Habseligkeiten untergebracht hatte. Jandara bewegte sich wie ein Schatten durch die Straßen. Doch dann blieb sie abrupt stehen. Keine zehn Schritt entfernt, unter einer schiefen Hausfassade, stand jemand. Eine hochgewachsene Frau, die den linken Arm mit einer gewissen Steifheit hielt. Das Haar, vom Schweiß feucht, klebte an der Stirn, und selbst im fahlen Licht erkannte Jandara die violett schimmernden Narben, die das Gesicht zeichnete.

Roxalba.

Einen Augenblick lang herrschte nur Stille. Die Geräusche der Stadt rückten in den Hintergrund. Nur wenige Schritte entfernt voneinander standen sie sich gegenüber, beide verwundet, beide müde, beide mit dem Wissen, dass sie die andere gerade erst noch im Chaos des "Skorpionsstich" fast in Stücke geschlagen hatten. Jandaras Finger verkrampften sich kurz um den Griff ihres Rapiers, dann entspannte sie die Hand wieder. Ihr Blick glitt prüfend über die Gegnerin – nein, über die Frau. Roxalba wirkte ebenso ausgezehrt wie sie selbst, ihre Schultern sanken ein Stück, und in den Augen lag kein lodernder Funken mehr, sondern ein matter Rest von Glut.

Kein Wort fiel. Sie sahen einander an, und die Spannung zwischen ihnen war eine andere als zuvor. Kein lodernder Zorn mehr, sondern ein stilles, erschöpftes Anerkennen: beide hatten genug. Jandara neigte leicht den Kopf, nicht spöttisch, nicht provozierend – sondern wie jemand, der den anderen als ebenbürtig anerkannt. Roxalba hob eine Augenbraue, ihre Lippen zuckten, als wolle sie etwas sagen – doch kein Laut kam. So standen sie dort, zwei Kämpferinnen, die wussten, dass dieser Abend bereits genug Blut gefordert hatte.

Es hatte eigentlich alles nach Plan funktioniert. Ihre Truppe hat sich aufgelöst und näherte sich jetzt aus verschiedenen Richtungen ihrem Quartier, so dass es der Stadtwache zu mühselig war sie alle zu verfolgen. Nur zu deutlich klangen ihr die Worte ihres Rittmeisters in den Ohren, als dieser von Repressalien bei irgendwelchen negativen Auffälligkeiten während dieses Aufenthalts sprach. Der alte Sack sollte endlich mal abdanken. Ein Schmerz zuckte durch ihren linken Arm und riss sie aus diesen Gedanken. Und dann glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Stand da wirklich diese Liebfelderin? Sie sah deren Hand auf dem Griff ihres Zahnstochers und kurz juckte es ihr in den Fingern, den Knauf ihres Schwertes zu greifen, aber da nahm die andere ihre Hand schon wieder weg. Kurz schlich sich ein Gefühl der Enttäuschung in ihren Geist, doch dann erinnerte sie das erneute Aufflackern der Schmerzen an ihre momentane Verfassung. Nein, es wäre keine gute Idee, aber wenn die andere darauf bestand. Obwohl, sie sah keinen Deut besser aus. Sie sah das Nicken Jandaras und nach kurzem Überlegen erwiderte sie es.

"Einigen wir uns heute auf ein Unentschieden und vertagen die endgültige Entscheidung, Garlischgrötz? Oder wir machen dort weiter, wo wir aufgehört haben, bevor dieser Idiot in unseren Weg lief. Es liegt ganz bei euch." Roxalba spannte ihren Körper an, jeden Moment bereit sich zu verteidigen.

Jandara atmete tief durch. Der metallische Geschmack von Blut vermischte sich mit dem kalten Hauch der Nacht. Für einen Moment musterte sie Roxalba schweigend, das schmale, zynische Lächeln zurückgekehrt auf ihre Lippen. Doch anstatt erneut die Hand zum Rapier sinken zu lassen, hob sie beide Hände leicht, fast beschwichtigend.

"Unentschieden." Ihre Stimme war heiser, aber fest. "Und glaubt mir – ich vergebe solche Dinge nicht leichtfertig." Sie trat einen Schritt näher, nicht drohend, sondern so, als wolle sie ihre Worte mit der Nähe unterstreichen. "Ihr habt mir einen guten Kampf geliefert. Besser, als ich ihn erwartet hätte. Dafür zolle ich Euch Respekt." Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die blutige Lippe, sog scharf die Luft ein und grinste dann schelmisch. "Aber wir sollten die Waffen wechseln. Das nächste Mal..." – sie ließ die Finger wie beiläufig über den Griff ihres Rapiers gleiten, ohne ihn zu ziehen – "...wählen wir ein anderes Schlachtfeld. Eines, das würdiger ist. Vielleicht mit Waffen, die mehr hochprozentig sind?"

Sie neigte leicht den Kopf, ein Funkeln in den Augen. "Was meint ihr? Wir lassen die Fäuste ruhen und prüfen unsere Standfestigkeit an einem Krug Wein oder einer Flasche Premer Feuer? Ich versichere euch – im Trinken bin ich ebenso ausdauernd wie im Kämpfen." Für einen Augenblick lag Stille über der Gasse.

Jandara stand ruhig, ihr Körper noch voller Anspannung, aber ihre Worte waren eindeutig ein Angebot: eine Waffenruhe und Friedensverhandlungen.

Roxalba hielt den Kopf schief und grinste. "Nun, auch ich zolle euch Respekt. Ihr steht noch...so einigermaßen. Ich weiss auch nicht, was ihr erwartet habt. Samthandschuhe?" Sie lachte und schlug Jandara fast schon freundschaftlich auf die Schulter. "Aber reizt die Geduld von Väterchen Phex nicht aus. Also trinken wollt ihr? Nun gut, sagt wann und wo und ich werde da sein. Solange ich in Punin bin und nicht in Arbasim, denn wie heißt es - Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps."

Jandara nickte und die Anspannung ließ sichtbar nach. "Dann morgen Abend im Scharfen Hoben? Ich hörte die Wirtin ist eine Thorwalerin und das Premer Feuer echt. Die erste Runde geht auf mich." Sie streckte der Offizierin ihre behandschuhte Hand hin.

"Und die zweite auf mich. Alles andere wird sich ergeben.", erwiderte Roxalba und ergriff die dargebotene Hand.