Chronik.Ereignis1045 Puniner Geschichten 01

Baronie Kyrstollen, Anfang Rahja 1045 BF

Auf dem Junkergut Hellenwald

Autor: Amarinto

Der geflügelte Tyrann

Die Sonne stand schon tief, als Xerog, der zwergische Waffenmeister, und Jandara Garlischgrötz von Hellenwald auf dem flachen Stein oberhalb der Weinstöcke, am Fuß des Castillo Hellenwald saßen. Unter ihnen lag Feldonsquell, in goldenes Licht getaucht. Xerog hielt einen Krug Bier, der Schaum klebte in seinem Bart. Jandara drehte gedankenverloren ihr Weinglas in der Hand, die dunkle Flüssigkeit glitzerte im Abendlicht.

Eine lange Zeit sprachen sie kein Wort. Das Zirpen der Grillen und das Schlagen eines entfernten Hammers vom Dorfplatz waren die einzigen Geräusche. Schließlich seufzte Xerog, rieb sich den Bart und sagte lakonisch: "Was ist eigentlich in Punin alles so passiert?"

Jandara lachte leise, schüttelte den Kopf und blinzelte schelmisch in die untergehende Sonne. "Oh, Xerog...wo soll ich da anfangen?"

Der Zwerg nahm einen tiefen Zug aus seinem Krug, stellte ihn ab und knurrte trocken: "Fang mit dem Pfau an."

Die Wette

"Es begann", erzählte Jandara, "wie so viele meiner besten...und schlechtesten Entscheidungen – mit einer Wette und zu viel Wein."

Bei einem Gelage im Palazzo der Familia Meeltheuer hatte sie einen Pfau in deren Garten erspäht, prachtvoll und ungewöhnlich, mit Federn, die im Licht schimmerten, als wäre Feuer in ihnen gefangen. Ein stolzes Tier, das sich selbst mehr wert war als die Gäste, die ihn anstarrten. Rahjalina Meeltheuer, eine Jugendliche mit großem Mundwerk, schwor, kein Dieb, kein Räuber und schon gar keine Junkerstochter aus den Bergen könne diesen Vogel rauben.

"Und ich", fuhr Jandara milde lächelnd fort, "konnte diese Einladung ja wohl kaum ablehnen."

Noch in derselben Nacht stieg sie über die Mauern des Palazzo, lockte den Vogel mit Trauben und Brotstücken und verschwand unbemerkt mit ihm – in einem alten Rübensack, der vor Wut flatterte. Am nächsten Morgen führte sie den Pfau, den sie spontan Kaiser Eslam taufte, an einer Leine durch die Straßen von Punin. Die Bürger starrten, die Kinder jubelten, die Wachen schüttelten den Kopf. "Ich wusste nicht, was ich mit ihm tun sollte", sagte Jandara schmunzelnd. "Also tat ich, was man auch mit einem Hund tun würde: Ich führte ihn spazieren."

Der Barde und die Herausforderung

Die Nachricht vom geraubten Pfau verbreitete sich rasch. Bald schon suchte ein junger Barde aus der Bardenschule Torbenia, Leodan, Jandara auf. Mit einem breiten Grinsen und einer Laute über der Schulter sprach er: "Eine Junkerstochter mit einem Kaiser an der Leine? Das ist ein Lied wert. Aber ich wette, Ihr traut Euch nicht, den Vogel in die Bibliothek der Schreiberschule zu führen. Stellt Euch dort als Schriftstellerin vor, Domna Jandara, und ich singe von Euch im ganzen Yaquirtal!"

"Nicht trauen?" Jandaras Augen funkelten. "Mein Lieber, ich habe schon an weitaus gefährlicheren Orten als einer Bibliothek gelogen."

Also marschierte Jandara am nächsten Tag durch die ehrwürdigen Tore der Sprach- und Schreiberschule, den Pfau stolz an ihrer Seite. Die Gelehrten tuschelten, die Studenten lachten verstohlen, und der Bibliothekar, ein hagerer Mann mit Bernsteingläsern, erhob entsetzt die Hände. "Was in Hesindes Namen soll das?"

"Das ist mein Lektor", antwortete Jandara ernst. "Er sortiert schlechte Literatur aus, bevor ich sie lesen muss."

Die Gelehrten zischten, doch sie ließ sich nicht beirren, setzte sich an einen Tisch, schlug ein Buch auf und hielt es dem Pfau hin. Kaiser Eslam scharrte, schnappte nach dem Einband und riss die erste Seite heraus. Dann flatterte er auf einen Stapel Pergamente, pickte wild um sich und warf mit einem Flügelschlag ein Tintenfass zu Boden. Schwarze Flecken sprenkelten die Schriften.

"Er hat Geschmack", erklärte Jandara mit einem spöttischen Lächeln. "Er hasst schlechte Prosa."

Die Bibliothek explodierte in Chaos. Gelehrte rannten, Studenten schrien, der Bibliothekar jammerte. Eslam flatterte auf ein Regal, schrie ein triumphales "Kraa!", und flatterte durch die gesamte Halle. Die Gelehrten riefen nach der Stadtwache, doch Jandara packte Eslam, der sich wehrte als wäre er ein kleiner Dämon und dessen Krallen so einige blutigen Spuren auf ihren Händen hinterließen und stürmte hinaus.

Leodan, der Barde, wartete außerhalb auf der Straße, applaudierte und rief: "Das Lied wird herrlich! Vielleicht schreibe ich sogar eins über den Pfau mit dem exquisiten Literaturgeschmack!"

"Wunderbar", keuchte Jandara mit grimmigem Blick, "aber jetzt lad mich gefälligst auf ein Festmahl ein oder ich erzähle Kaiser Eslam, dass du ein Buch von Rapiro Floretti in der Hose hast. Dann kannst du deinem Gehänge zum Abschied winken..." Das Lächeln des Barden gefror langsam ein, doch Jandara tätschelte ihm aufmunternd die Wange. "...und das wäre doch schade. Vielleicht brauchst du es später heut Abend noch." Sie zwinkerte ihm keck zu und schnalzte dabei mit der Zunge.

Die Heimkehr mit einem Kaiser

"Natürlich", sagte Jandara, während sie den letzten Schluck Wein nahm, "gab es danach noch reichlich Ärger mit den Gelehrten und der Stadtwache. Aber ich konnte den Vogel unmöglich zurücklassen. Er war frei – und doch meiner."

So brachte sie den Pfau nach Hellenwald und seither stolziert Kaiser Eslam über die Mauern des Castillos, pickt unerlaubt in den Vorräten und scheuchte die Hunde davon. Die Knechte fluchen, die Kinder lieben ihn, und Xerog knurrt jedes Mal genervt, wenn er ihm begegnet.

"Er ist ein Tyrann mit Federn", brummte der Zwerg.

"Natürlich ist er das", erwiderte Jandara zufrieden. "Was hast du denn erwartet? Er ist ein Kaiser."

Xerog nahm einen langen Zug aus seinem Krug, wischte sich über den Bart und seufzte. "Bei Angroschs Hammer!Wann wirst du jemals erwachsen Jandara?"

Jandara lachte, hob ihr Glas in die untergehende Sonne und sagte: "Aus der Sicht von Euch Zwergen werden wir Menschen doch sowieso niemals richtig erwachsen. Also versuche ich es erst gar nicht."