Chronik.Ereignis1036 Wider die Taifas - Epilog III
Grenzgebiet der Baronien Brindâl und Brigellan, im Winter 1036 BF
Unweit von Zamora
Autoren: Der Sinnreiche Junker von Aranjuez
„Dort vorne hinter der Biegung ist ein Kontrollposten“, berichtete die Mercenaria. „Sie haben uns gesehen, Capitán. Sie haben einen armdicken Baumstamm über den Weg gelegt, auf Kniehöhe. Kein Hindernis für Berittene.“ Zwei seiner Leute waren vorausgeritten, um den Weg nach Brigrellan hinein auszukundschaften. „Ein halbes Dutzend Bewaffnete. Allerdings mit Armbrüsten.“ Hernán von Aranjuez strich sich über das unrasierte Kinn und sein Blick wanderte zu dem roten Ross vor silberner Mondscheibe, welches seine Bannerträgerin auf ihrer blauen Standarte führte. Die letzten Zeitungen aus Brigellan besagten, dass das ungewöhnliche Trio aus Ferando Meeltheuer, León de Vivar und Shahîm Al'Shirasgan die Baronie den lokalen Taifados entrissen hatte. Doch durfte das Land bereits als gänzlich befriedet gelten? Oder waren das dort vorne Wegelagerer, Versprengte der vorangegangenen Scharmützel? Die dichten Brigellawälder luden seine Reiterkavalkade nicht gerade dazu ein den Weg zu verlassen, um das Hindernis einfach zu umgehen. Natürlich konnten sie ihren Rössern auch einfach die Sporen geben und den Kontrollposten durchbrechen, doch würden sie sich dabei womöglich den einen oder anderen Bolzen einfangen.
Er nickte der Reiterin zu. „Anzures und das Banner mit mir. Der Rest sitzt ab, die eine Hälfte links, die andere Hälfte rechts in den Wald, zwei Mann folgen mit den Rössern. Seine Leute waren erfahren genug, dass es keiner weiteren Details bedurfte: sein Waffenmeister und die Bannerträgerin schlossen zu ihm auf, der Rest saß ab. Wobei sich bis auf zwei Streiter alle alles Überflüssigen entledigten. Mehrere Bögen wurden aus Futteralen gezogen und Sehnen aufgezogen oder Armbrüste gespannt, dann verschwanden jeweils vier, fünf Mann beidseits des Weges im Unterholz. Die verbliebenen Reiter warteten eine Weile, bis der Condottiere und sein Vertrauter sich mit stummen Blicken verständigt hatten, dass genug Zeit vergangen war für die beiden Gruppen sich in Position zu bringen. „Gebt uns noch etwas Vorsprung“, wies er die zwei Abgesessenen an, welche gerade die Zügel der überzähligen Pferde zu zwei langen Reihen verbanden. Dann setzte sich des Aranjuezers Ross langsam in Bewegung.
Der Caldaierin Gemahl war schön wie die Sonne
Und seine Liebkosung sanft wie der Beleman
Doch der Caldaierin Degen war aus kaltem Eisen
Und sein stählerner Kuss keine Wonne.
Anzures Ballan lachte, als sein Herr mit übertriebener Lautstärke und grässlich schiefer Singstimme ein Lied anstimmte, welches sie bereits verraten würde, noch ehe sie im gemächlichen Tritt um die Biegung herum waren. Der Baron und Junker hatte die breite Krempe des Caldabresers tief ins Gesicht gezogen, als so der Kontrollposten in Sicht kam. Dieser hatte in der Zwischenzeit offensichtlich seinen Daseinszweck erfüllt, denn ein Eselskarren hatte vor dem improvisierten Schlagbaum angehalten. Offensichtlich war ein heftiges Wortgefecht im Gange, derweil sich die Reiter langsam näherten. Hernán von Aranjuez hob kurz das Kinn, um unter der Hutkrempe kurz mit zusammengekniffenen Augen die Szenerie einzuschätzen – ebenso, wie man gewisslich drüben die Augen zusammenkniff, als die Berittenen in Sicht kamen, deren Gesang dergestalt die Ohren beleidigte.
Prompt geriet Bewegung in die Szenerie vor ihnen, von wo unter dem langsamen Hufschlag nur unverständliche Gesprächsfetzen herüber wehten: eine wild gestikulierende Gestalt wurde mit einer Hellebarde beiseitegeschoben, derweil ein anderer Bewaffnete drei weitere am Wegesrand mit seiner Armbrust in Schach zu halten schien. Zwei Schützen bezogen beidseits des Weges Stellung gegen die herankommenden Reiter, wobei einer sich leicht herabbeugte und dem kriegsgeschulten Auge anhand seiner typischen Bewegungen das Spannen einer Armbrust verriet. Der letzte Bewaffnete schließlich trat auf die Mitte der Straße und schien dabei jemanden am Haarschopfe hinter sich her zu zerren.
Der Caldaierin Gemahl pflegte zu singen beim Bade
Mit einer Zunge süß wie reifste Datteln
Doch der Caldaierin Degen hatte ganz eig’nen Klang
Mit schärfstem Biss ohne Gnade.
Je näher man der Straßensperre kam, desto mehr konnte man vermuten, was sich zugetragen hatte: anders als einer Reiterschar war es dem Eselskarren natürlich nicht möglich gewesen einfach über das quer über den Weg gelegte Hindernis zu setzen. Dann war es offensichtlich zum Handgemenge mit den Bewaffneten gekommen, denn Mann in einfacher Kleidung lag regungslos in einer Blutlache, einen Bolzen in der Brust. Dem Äußeren nach zu urteilen Fellachen, die wohl mit ihren Habseligkeiten in Richtung Dâl flüchten wollte. So wie dies in Kriegszeiten immer geschah, dass viel Landvolk in die vermeintliche Sicherheit einer Ummauerung floh.
Und nun lieg ich darnieder in heraufzieh’ndem Dunkel
Meines Blutes Geschmacke im Munde
Die Kameraden knien sorgend und bangend im Rund
Meine Lippen aber lächeln und ich schmunzel:
Bei dem Toten mochte es sich wohl ob der kräftigen Gestalt um den Sohn handeln, während der greise Vater mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung auf die Bewaffneten eingeschimpft hatte, nun aber ob der Ankunft der Reiter innehielt. Lediglich das Wehklagen der alten Mutter über ihren getöteten Sohn mochte nicht verstummen, wenngleich zwei halbwüchsige Mädchen, selbst Tränen auf den Wangen, vergeblich versuchten sie zu beruhigen. Die junge Frau, welche der offensichtliche Anführer – denn alle Bewaffneten wechselten mit den Blicken zwischen ihm und den Neuankömmlingen hin und her – am Schopfe gepackt hielt, mochte eine weitere Tochter sein, vielleicht aber auch die Frau des Toten. Die Bewaffneten aber waren eine bunte Truppe, sodass es schwer fiel abzuschätzen, ob es sich um Mercenarios handelte oder Versprengte, gar Deserteure der vorangegangenen Kämpfe, die jetzt als Bandoleros, als Gebrochene die Brigellawälder unsicher machten.
Offenkundig war nur, dass sie vor kurzem noch in anderen Diensten gestanden haben mussten, denn alle trugen Farben oder Abzeichen ihrer vormaligen Herren: der Anführer trug über seinem Kettenhemd einen blauen Waffenrock und war vielleicht einmal Teil eines Streitziger Aufgebotes gewesen. Die beiden Armbrustschützen am Wegesrand hatten breite Khunchomer in ihre Schärpen geschoben und rot-gelbe Turbane um ihre Baburiner Hüte gewunden, wie es bei den Kriegern Chabun ben Nafirefs üblich war. Die Schützin, welche gerade nachgeladen hatte, hatte einen roten Wolfskopf in der Herzgegend auf ihr ungefärbtes Wams genäht, welches sie als Angehörige von Rakanes Rauwölfen ausweisen mochte und die Hellebardierin mit dem Rücken zu ihnen trug eine Schärpe, die auf Boraccio D'Alteas Sturmfalken hindeuteten konnte. Das Treibgut des Krieges.
Jungens und Mädels, zu Ende geht’s für mich
Der Caldaierin Degen hat mich durchbohrt
Doch ist mir nicht gram, wir alle müssen sterben
Der Caldaierin Gemahl zu kosten, war wert den Stich.
Hernán von Aranjuez zügelte sein Ross in einigen Schritten Abstand und hob, ohne aufzusehen, die Rechte – halb zum Gruße, halb um seinen Leuten den Halt zu befehlen. Der Blick des Anführers ging zum Banner, welches die Reiterin trug und ein Grinsen breitete sich auf seinem Antlitz aus: „Seid gegrüßt, edler Herr! Ihr kommt genau zur rechten Zeit! Wenngleich es mir etwas unvorsichtig erscheinen mag, heutzutage so schwer zu überhören unterwegs zu sein“, sprach er mit hörbarem Akzent des Yaquirtales. Der Condottiere legte zum Gruße lediglich kurz die Rechte auf die Brust und nickte dann in Richtung der Szenerie: „Es gibt Schlimmeres als mit einem Lied auf den Lippen zu sterben. Was geht hier vor?“ Prompt wollte sich der Vater weiter hinten zu Wort melden, doch hieb die ehemalige Sturmfalkin ihm das Schaftende der Hellebarde in den Magen, sodass er nach Luft ringend zusammensackte.
Der Yaquirtaler wandte sich mit entschuldigendem Lächeln wieder den Neuankömmlingen zu: „Wir kontrollieren die Straße im Namen von Baron…Fe…nardo…von…“. Er zögerte, als von hinten die vermeintliche Sturmfalkin korrigierend einwarf: „Baron Ferando Meeltheuer von Brigellan!“ Der Anführer lachte kehlig. „Meeltheuer? Ernsthaft?“ Vereinzeltes Gelächter brandete auf und selbst der Reiter vor ihm konnte sich ein Grinsen auf den unrasierten Zügen nicht verkneifen. Dadurch bestärkt fuhr der Mann fort: „Baron Ferdano von Brigellan. Als wir den Karren nach…“ Er suchte nach den richtigen Worten, sodass wiederum seine Spießgesellin von hinten aushelfen musste: „Waffen und Konterbande!“ Wiederum nickte er erleichtert ob der offiziell klingenden Worte. „Als wir den Karren nach Waffen und Konterbande durchsuchen wollten, hat uns dieses Fellachenpack einfach angegriffen, edler Herr.“ Schamlos gelang es dem Bandolero seinen Worten einen vorwurfsvollen Unterton zu verleihen. „Unprovoziert!“, ergänzte Dom Boraccios womöglich ehemalige Mercenaria mit dem Rücken zum Geschehen, was bei ihren Kameraden wiederum zu Gelächter führte.
„Einen Schleier aus Trug und Täuschung webst du, elender…“, meldete sich die junge Frau zu Wort, die in eine linkisch gebückte Haltung gezwungen war, wie der Mann sie beim Schopfe hielt. Prompt fing sie sich einen Faustschlag ein, gefolgt von seinem Dolch unter der Kehle. „Still jetzt“, zischte er warnend. Der Condottiere stellte sich in seinen Steigbügeln auf und musterte abermals die Szenerie unter seiner Hutkrempe hervor. „Soso“, sprach er mit einem verschmitztem Lächeln. „Ihr wurdet also angegriffen. Sechs Bauern, davon zwei Mädchen und zwei Alte, haben also fünf Soldaten angegriffen. Und dabei sehe ich nicht einmal Waffen“ Der Anführer lächelte entschuldigend und zuckte mit den Schultern: „Ihr wisst ja, wie das manchmal ist, edler Herr.“ Hernán von Aranjuez nickte und zwinkerte dem Mann vielsagend zu, eine verständige Geste von Veteran zu Veteran.
Dann fiel sein Blick auf die fünf Schlingen, welche über zwei Ästen am Wegesrand baumelten. „Was meint ihr, edler Herr“, beeilte sich die vermeintliche Rauwölfin von hinten „Wir wollten uns noch rasch ein wenig mit dem Pack vergnügen, ehe wir sie ihrer gerechten Bestrafung zuführen.“ Der Condottiere hob die Augenbrauen, sodass sich wiederum der Anführer bemüßigt fühlte zu übernehmen: „Natürlich teilen wir gerne mit Euch und Euren Leuten, edler Herr.“ Er schüttelte die junge Frau kurz durch, was ihr einen Schmerzenslaut entlockte ob ihrer um seine Faust gewickelten Haarflechten. „Zuerst Ihr, dann ich. Und Eure Leute dürfen sich bei den anderen bedienen, wenn meine Leute mit ihnen fertig sind.“ Kurz schien der Aranjuezer das Angebot abzuwägen, wandte seinen Blick gen Himmel, so als versuche er anhand des Standes der Praiosscheibe zu bestimmen, wieviel Zeit ihnen bliebe. „Was meint Ihr Leute, eine kurze Rast?“ Es hätte des zustimmenden Gemurmels nicht bedurft, da er bereits das Bein über den Pferderücken schwang und abstieg, derweil seine Leute auf ihren Rössern aufrückten.
Der Anführer schob die junge Frau in seine Richtung, beließ es allerdings dabei ihr die Klinge unter die Kehle zu drücken. „Ich halte sie für Euch fest, edler Herr“, bot er an, zweifellos um gegebenenfalls zu verhindern, dass sie verriet, was ohnehin alle wussten. Den eigentlichen Tathergang. Der Baron und Junker aber schüttelte das Haupt und wies mit breitem Grinsen mit dem Daumen hinter sich: „Das besorgt mein Waffenmeister Anzures. Er und ich haben schon so manche Sünde geteilt.“ Einen Moment lang zögerte der Soldat, sei es, weil es ihm widerstrebte die Bedrohung der Frau aufzugeben, sei es ob der Aussicht lediglich als Dritter an der Reihe zu sein. Als freilich Anzures Ballan bereits abgestiegen war und ihm auffordernd die Zügel seines Rosses entgegenhielt, neigte er das Haupt. Widerwillig stieß er die Frau zu den beiden Ragatiern und griff stattdessen die Zügel deren Rösser. Plötzlich stöhnte der vermeintliche Tote auf dem Weg auf und regte andeutungsweise die Glieder. „Sieht so aus, als hätten wir einen Strick zu wenig“, grinste der Yaquirtaler. „Nein, ihr habt zu viele“, gab Hernán von Aranjuez zurück, derweil er die ihm entgegenstolpernde Frau grob am Arm griff und hinter sich schob.
Dann geschah alles gleichzeitig. Die mögliche Sturmfalkin wandte sich um und riss die Augen auf: „Ihr Narren!“, schrie sie „Das ist Hernán von A…“ Doch konnte sie den Satz nicht beenden, denn im nächsten Moment ging sie gurgelnd mit einem Pfeil in der Kehle zu Boden. Anzures Ballan riss den rechten Arm hoch und einen Augenblick später steckte einem der Armbrustschützen ein Wurfmesser im Arm, sodass dessen Bolzen fehl ging. Der andere brauchte kostbare Sekunden, um den Bogenschützen auf der Flanke zu suchen, nur um sich aus der gegenüberliegenden Richtung einen Bolzen in den ungeschützten Rücken einzufangen. Die ehemalige Mercenaria ließ ihre Armbrust fallen und riss die Arme hoch, als beidseits des Weges der Rest der Truppe aus dem Unterholz drohend trat, Bogen und Armbrust im Anschlag oder Klinge gezückt. Der Anführer wandte sich mit dem Dolch in der Hand mal hierhin, mal dahin, scheiterte damit mit links sein Schwert freizubekommen und ließ schließlich ebenfalls die kurze Klinge fallen.
Sogleich stürzte die Familie zu ihren verwundeten Angehörigen und ein heilkundiger Landsknecht folgte, um einen Blick auf dessen Bolzenwunde zu werfen. Die Frau aber drängte sich an Hernán von Aranjuez vorbei und begann kreischend auf den Yaquirtaler einzuprügeln, bis Anzures Ballan sie beiseite zog. Auf einen Wink des Condottieres hin wurden die drei überlebenden Bandoleros gebunden – Almadanische Lächeln sorgten dafür, dass die beiden anderen Gefallene blieben – und hinüber zu den Schlingen geschleift. „Dom Hernán! Dom Hernán!“, flehte die vermeintliche Rauwölfin verzweifelt und kämpfte gegen die beiden Söldner an. „Ihr werdet doch einer Mercenaria nicht den Schimpf einer Schlinge überantworten wollen?“ Kurz sah der Angerufene unter seiner Hutkrempe auf, dann zuckte er lediglich mit den Schultern: „Dankt den Göttern, dass wir nicht später gekommen, denn auf Notzucht steht vorherige Verstümmelung.“ Kurze Zeit später vollführten drei Fußpaare ihre letzten Zuckungen.
Kaum hatte er sich umgedreht, fielen die beiden Alten vor ihm auf die Knie und griffen seine Hände. „Oh, Sayyid, habt Dank für Euer Eingreifen, oh löwenmutiger Retter, auf ewig stehen wir in Eurer Schuld, oh großer Sohn der Gerechtigkeit“, bekundete der Fellache auf im melodischen Rhythmus der Khôm gefärbten Garethi. „In den güldenen Hallen unserer Erinnerungen werden wir auf ewig Eure Redlichkeit und Tugendhaftigkeit bewahren, Sayyid, den kostenbaren Schätzen eines verborgenen Palastes gleich. Möge der Alleine und Eure Götter Euch stets mit segensreichen Gaben beschenken und mögen Eure Tage erfüllt sein von Freude, wie die Oasen in der Wüste des Lebens. Habt Dank, Sayyid, habt Dank, habt Dank, habt Dank!“ Hernán von Aranjuez löste sich von den beiden und deutete auf den Karren, wo die Söldner gerade behutsam den Verwundeten unter Anleitung der jungen Fellachin aufluden, derweil anderen den improvisierten Schlagbaum zur Seite räumten: „Ihr solltet zusehen, dass ihr weiterkommt. Vielleicht schafft ihr es vor Einbruch der Dunkelheit noch bis Tolacas. Dort gibt es gewisslich einen Hakim[1].
- ↑ Tul.: Arzt.