Chronik.Ereignis1047 Suche nach dem Yaquir-Flussdelphin 05: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 20. März 2026, 14:34 Uhr
Gräflich Taladur, Phex 1047 BF
V - Bei der Mühle
Ufer des Yaquir nahe Quirod
Autoren: InsomniaJones & Amrit
Der Weg war nicht weit, und Schmiedin und Lehrling gingen ihn bestärkt. Die Mühle konnten sie schon von weitem sehen. Sie lag schräg in der Strömung, starke Seilen verankerten sie am nahegelegenen Ufer und an eingeschlagenen Pfählen im Fluß. Ingra und Beppo konnten zwei Schiffe ausmachen: eine große hölzerne Plattform, die das Mühlhaus trug, und ein kleineres Schiff ein Stückchen weiter draußen im Fluss. Zwischen den beiden Schiffen drehte sich ein breites Mühlrad.
Vor der Schiffsmühle wurde ein Pferdekarren gerade mit Säcken beladen. Bevor die Schmiede nahe genug kamen um Hilfe anzubieten war die Arbeit aber schon erledigt. Der Müller, gleich erkenntlich an seiner weißen Kleidung, war ein Mann im fortgeschrittenen Alter. Er wischte nach vollbrachter Arbeit seufzend seine gichtigen Hände an der Schürze ab. Neben dem Müller stand ein etwa dreizehnjähriges Mädchen mit kurzem braunen Haar und phexischen Gesichtszügen. Als Ingrimiane und Beppo sich näherten, musterten sich die beiden Jugendlichen sofort unauffällig, aber prüfend.
Ingrimiane trat vor, die Hand locker auf dem breiten Lederriemen ihrer Werkzeugtasche, und neigte bestimmt das Haupt. „Die Zwölfe zum Gruße, Meister Müller“, sagte sie mit ihrer tiefen, festen Stimme. „Ich bin Ingrimiane, Tochter der Ingwen, Schmiedemeisterin aus Taladur. Man nennt mich auch Ingra. Das hier ist Beppo, mein Lehrling.“
Sie hielt inne und musterte den Müller kurz, so wie sie ein neues Stück Roheisen betrachten würde, um seine Beschaffenheit zu prüfen, bevor sie fortfuhr. „Man hat uns flussaufwärts bei der Imkerin gesagt, dass Ihr den Yaquir und seine Geheimnisse besser kennt als jeder andere hier am Strom. Ich bin gekommen, um den Yaquirdar mit eigenen Augen zu sehen – nicht aus bloßer Neugier, sondern um von der Festigkeit seiner Schuppen und der Kraft seines Körpers zu lernen. In den Büchern steht vieles, aber ich vertraue lieber auf das, was ich selbst prüfen kann.“
“Efferd mit Euch, werte Schmiedin. Ich bin Meister Effram, und dies hier ist meine Ziehtochter, Rania.” Er wies auf das Mädchen, das unverhohlen starrte. “Der Yaquirdar also” er schnalzte mit der Zunge “Ja, da seid Ihr am rechten Ort. Aber nicht ganz zur rechten Zeit. Dieses rätselhafte Wesen zeigt sich immer erst zur Stunde, da die Sonne untergeht. Ihr habt noch ein, zwei Gläser.”
“Magst du die Mühle sehen?” preschte Rania in der Gesprächspause vor. Beppo war gemeint. Der blickte zu Ingrimiane - war es in Ordnung? Ingrimiane spürte Beppos fragenden Blick auf sich ruhen. Sie hielt seine Augen einen Moment lang mit unbewegter Miene fest, dann gab sie ihm lediglich das kurze, knappe Kopfnicken, das er zu Genüge kannte.
Die junge Müllerin führte Beppo ohne Umschweife über die Holzbrücke hinüber und in das schwimmende Haus.
In der Mühle war es düster, die aus dicken Bohlen gezimmerten Wände wiesen nur wenige, kleine Fenster auf. Grünliches Licht vom Fluss filterte hinein durch feinen Mehlstaub, welcher überall in der Luft hing.Es roch säuerlich nach altem Mehl, nach Leinöl, Moder und Flusswasser. Die Luft war erfüllt von ständigem Wasserklatschen und Plätschern, vom Ächzen der Holzbalken unter dem schweren Gewicht, von knirschenden Mahlgeräuschen. Rania zeigte Beppo zuerst das untere Mahlwerk, einen finsteren Raum, in dem sich gleichmäßig und kraftvoll ein hölzernes Gestänge drehte, angetrieben vom bleiernen Strom des Yaquirs auf dem Schaufelrad außen. Nun kletterten die beiden die Treppe hoch zur Mahlkammer, dort wo Korn- und Mehlsäcke lagerten und das Getreide über hölzerne Schütttrichter zwischen die kreisenden Mühlsteine gelangte.
“...und hier wird das Korn hineingeschüttet” erklärte Rania ihrem Gast und Konkurrenten. “Zwei Dutzend Säcke waren es heute. Die sind ganz schön schwer. Kannst du den hier heben?” Sie wies auf einen mit Gerste gefüllten Sack neben der Mühle. Beppo packte ihn natürlich sofort, wortlos, und stemmte sich gegen das Gewicht. Er schaffte es recht gut, schwang sich den Sack auf die Schulter und stellte ihn dann wieder ab. “Ah. Oder wolltest du, dass ich ihn da einfülle?” fragte er mit Fingerzeig auf den Schütttrichter.
Im nächsten Moment zuckte er zusammen, denn die junge Müllerin hatte seine ausgestreckte Hand rasch nach unten weggeschlagen. Beppo starrte Rania entgeistert an. Nicht nur war seine Hand noch bandagiert, deutlich stärker hatte das Mädchen seinen Stolz verletzt.
“Auf das Mahlwerk darf man nie mit Fingern zeigen”, erklärte Rania rasch, als sie Beppos Ausdruck sah. “Das bringt Unglück.” Er beruhigte sich etwas.
“Es ist aber nicht so schlimm wie Pfeifen!” fuhr das Mädchen dann fort. Sie lehnte sich näher zu Beppo, halb verschwörerisch, halb, um den Lärm der Mühle zu übertönen. “Vor Ragath liegt auch eine Schiffsmühle. Der Lehrling dort hat immer gepfiffen. Seine Meisterin hat ihn gewarnt, aber…war ihm egal. Einmal hat er ein kleines Lied gepfiffen, während er Korn einfüllte. Da hat ihn das Mahlwerk erfasst und zu Brei gerieben.”
Beppo schauderte leicht. Diese Mühle wirkte wie ein gefährlicher Ort, voll von eigenartigen Regeln. Rania sah ihn mit großen Augen an, um zu sehen, welche Wirkung die Geschichte auf ihn hatte. “Traust du dich, hier zu pfeifen?” fragte sie ihn dann scheinheilig: “Pfeif doch mal!” “Ich…kann gar nicht pfeifen”, log sich Beppo heraus und hoffte geniert, dass Praios gerade anderweitig beschäftigt war. “Ja dann.” meinte Rania nur schulterzuckend, “Ich zeig dir jetzt das Wasserrad, komm mit.”
Sie kletterten aus einer Luke, hinaus und hinab auf die hölzerne Plattform des Hausbootes. Vor ihnen drehten sich platschend, quietschend die riesigen Schaufelräder der Mühle. Sie ragten übermannshoch aus dem Wasser, aber vor allem war die Konstruktion breit. Sicher acht Schritt weit spannte sich ein Schaufelrad neben dem nächsten über den Fluss. Auf der jenseitigen Seite war die Achse verankert an dem zweiten Schiff. “Das dort drüben ist das Wellboot” erklärte Rania fachmännisch. “Es gibt zwei Stege hinüber”.
“Das ist ein großes Rad”, meinte Beppo beeindruckt. “Hatte ich mir nicht so vorgestellt.” “Sehr groß und sehr viel Arbeit", seufzte Rania. “Wir müssen ständig aufpassen, dass sich da kein Treibholz verhängt, sonst steht das ganze Werk. Oder es birst am Ende etwas.” Rania funkelte ihn herausfordernd an. “Meister Effram hat hier lange alleine gearbeitet, bevor ich dazu kam. Einmal musste er spätabends mahlen, im Boron oder Hesinde. Weißer Nebel über dem ganzen Fluß. Plötzlich blockiert das Werk. Der Meister ist also auf den Steg, um zu sehen, wo sich ein Stamm verkeilt hat.” Rania sprach mit ernstem Gesicht, aber mit genüsslichem Ausdruck in den Augen. “Dann sah er etwas Dunkles im Rad klemmen – kein Treibholz, ein Ertrunkener! Das strömende Wasser bewegte die Leiche, als würde sie ihm zuwinken. So:” Sie hob sachte winkend den Arm. Ein kleiner Seitenblick auf Beppo: “Kommst du mit hinüber aufs Wellboot?”
Natürlich machte Beppo das. Der Steg war sehr schmal, sehr weit, und sehr knapp an den schnaubenden schwarzen Schaufeln der Mühlräder gebaut. Von den drehenden Holzbrettern gischtete Flusswasser, sprühte dem Schmiedelehrling ins Gesicht und machte die Bohlen unter ihm tückisch glitschig. Zumindest gab es ein schmales Geländer an einer Seite des Steges. Er achtete darauf, es keinen Moment loszulassen.
Schließlich erreichte er die Plattform des Wellbootes. Es war deutlich kleiner als das Hausboot, überdacht und mit einer einzelnen Holzwand an der Wetterseite. Die anderen Seiten waren zum Fluss hin offen. Strömungsabgewandt lagen zwei kleine Boote vertäut.Unter dem Dach des Gebäudes hingen verschiedene Utensilien aufgehängt - Netze, Korkschwimmer, gefüllte Tuchsäcke. Auch eine große Hängematte war zwischen den Stehern gespannt, Rania war bereits hineingeklettert. Beppo setzte sich also dazu, ihr gegenüber. Hier draußen war es deutlich ruhiger als in der Mühle. Es musste ein angenehmer Ort sein, vor allem wenn es etwas heißer war. Inzwischen war der frühe Abend angebrochen, und Kühle stieg vom Fluss auf.
“Du redest nicht viel", stellte Rania fest. “Ich habe zuhause sechs ältere Geschwister und zwei kleine. Da fällt es nicht weiter auf.” erklärte Beppo entschuldigend “Über was soll ich denn reden?” Die junge Müllerin dachte einen Moment nach. “Du bist Schmiedelehrling, ja? Da arbeitet ihr also mit schweren Werkzeugen. Mit weißglühendem Metall, vielleicht auch geschmolzen. Gibt es bei euch in der Werkstatt oft Unfälle?” Sie wirkte geradezu hungrig auf weitere Gruselgeschichten.
Beppo wog ab. “Eigentlich nicht so. Es ist schwere Arbeit, aber sie ist recht sicher. Meisterin Ingra ist sehr gewissenhaft und kann gut erklären. Jedes Werkzeug ist an seinem Platz, und ist bestens in Schuss. Gefährliche Sachen macht man zu zweit, und nur wenn man ausgeruht ist. Bei uns in der Schmiede kann man auch ohne Probleme pfeifen.” Rania sah ihn sofort scharf an und ergänzte streng: “Wenn man überhaupt pfeifen kann.” “Wenn man es kann", pflichtete Beppo ihr bei und grinste. _______
Ingrimiane nutzte die Zeit, während die Lehrlinge in der Mühle verschwanden. Sie trat an den Rand der hölzernen Plattform, dort, wo die massiven Taue in der Strömung vibrierten, und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Blick glitt prüfend über die Konstruktion, suchte nach dem Zusammenspiel von Holz, Eisen und Wasser. „Eine stolze Arbeit, Meister Effram“, begann sie, ohne den Blick vom rauschenden Yaquir zu wenden. „Das Wasser hier hat Kraft. Wie oft müsst Ihr die Beschläge der Achsen erneuern? Bei der ständigen Nässe und dem Druck der Schaufeln frisst sich der Rost doch sicher schneller ins Eisen, als einem lieb ist.“ Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern kam zum eigentlichen Grund ihres Besuchs.
„Und dieses Tier... der Yaquirdar. Ihr sagtet, er zeigt sich bei Sonnenuntergang. Sucht er die Nähe der Mühle, weil ihn das Klappern lockt, oder meidet er das Rad? Ein Wesen mit solchem Panzer muss eine ungeheure Kraft aufwenden, um in dieser Strömung so ruhig zu liegen, wie man es ihm nachsagt. Hat er jemals versucht, sich am Holz zu reiben? Ich habe Proben von Horn und Schuppe gesehen, die so hart waren, dass sie Funken schlugen.“ Sie sah den Müller fordernd an.
“Das Wasser frisst beständig an der Mühle, Eisen, Holz. Taue…alles.” Der Alte sprach grimmig, zum Fluss gewandt, wie wenn der Yaquir ihn persönlich treffen wollte mit seiner Erosion. “Das Wasser frisst von außen, und die Ratten und Mäuse fressen von innen. Ich kann mir also nicht leisten, mir hier die Beine in den Bauch zu stehen. Kommt mit, wenn Ihr Euch nichts Besseres zu tun findet.”
Er betrat nun auch das Mühlhaus, und kramte in einem Speicherkämmerchen nach Werkzeugen, einigen Mausefallen und Ködern. Langsam arbeitete er sich in der eng gebauten Mühle von Winkel zu Winkel vor, kontrollierte, reparierte und werkte an den dort aufgestellten Fallen. Jedes Mal, wenn der Alte dabei in die Knie ging, stieß er einen schmerzhaften Seufzer aus. Ingrimiane war nicht sicher, ob die Zurschaustellung ihr persönlich galt. Unter dem Hantieren an den Fallen begann der Alte zu erzählen, wie die ständige Feuchte vom Fluß ihm in die Knochen fuhr. Die Mehlsäcke immer schwerer wurden. Das andauernde Arbeiten gegen den Strom einen müde machte. Seine Ziehtochter Rania war für den Alten jedoch ein Lichtblick. "Mit den Mäusen ist mir ein Fehler unterlaufen", schnaubte er zwischendurch. “Wer über Mäuse laut schimpft, der zieht noch mehr davon an. Mir ist aber doch das Temperament durchgegangen, als sie meine besten Pantoffeln zernagt haben. Und jetzt haben wir die Bescherung.” Was Ingra dazwischen über den Flussdelfin erfahren konnte, war bruchstückhaft, übertönt vom Lärmen der Mühle. Die Schuppen waren eher golden als silbern. Er schwamm gern nahe der Sandbänke. Er war ein vernunftbegabtes Wesen und stieß einen eigentümlich sangartigen Ruf aus.
Während die Schatten der Weiden am Ufer länger wurden, suchte sie in seinen Erzählungen nach jenen Details, die kein Gelehrter in ein Buch geschrieben hatte. In der Zwischenzeit waren die zwei Lehrlinge damit beschäftigt, in der Hängematte weiter Geschichten auszutauschen und dabei Frau Hellers Honigbonbons zu dezimieren, als plötzlich Schritte auf der Plattform hallten und man den Müller hörte, wie er zu Ingrimiane meinte: “Da draußen, er sollte sich bald zeigen. Wenn ihr möchtet, vermiete ich euch eines der Boote, dann seht ihr ihn besser.” Beppo erstarrte und sank etwas tiefer. Rania schälte sich indes blitzschnell aus der Hängematte und landete auf den Holzbohlen, wütend wie eine aufgestörte Hornisse. Erwachsene waren unmöglich und hatten wirklich keine Ahnung davon, wie man sich gut benimmt.
“Ach, hier bist du,” brummte Meister Effram betreten, “wo hast du den jungen Schmied gelassen?” “Der hat beim Mahlwerk gepfiffen und wurde zu Brei gemahlen", sagte Rania kühl und querte zurück zum Hausboot. Beppo bedauerte einen Moment, dass diese Geschichte nicht der Wahrheit entsprach und beschloss dann, dass es wohl das Klügste war, sich schlafend zu stellen. Ingrimiane quittierte Ranias düstere Antwort mit einem kaum merklichen Zucken ihrer Mundwinkel. Sie war nicht so leicht zu erschüttern, und das offensichtliche Drama des Mädchens entlockte ihr eher eine trockene Belustigung als Sorge.
Ihr Blick glitt zu der Hängematte, in der sich eine sehr verdächtige, unbewegliche Wölbung abzeichnete. Sie trat näher, bis sie direkt neben dem Stoff stand, und sah auf ihren Lehrling hinab, der krampfhaft versuchte, wie ein Stein zu wirken. „Wenn du wirklich zu Brei gemahlen wurdest, Beppo“, begann sie leise, und ein seltenes, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf ihre Züge, „dann ist das ein erstaunlich friedliches Ende für einen Schmied.“
Sie beugte sich ein Stück vor, so dass ihre Stimme nur für ihn hörbar war, während der Müller noch damit beschäftigt war, die Taue eines der Boote zu prüfen. „Ich weiß, dass du wach bist“, raunte sie ihm zu, die Stimme tief und verschwörerisch. „Bleib ruhig noch einen Moment liegen und lass den Müller glauben, du schläfst, wenn dir das lieber ist. Aber sobald wir ablegen, brauche ich deine Augen auf dem Wasser.“
Beppo schlug die Hände vor die Augen und ließ sie zwei, drei Momente dort liegen. Wie man das so macht, wenn man aufwacht.
Ingrimiane richtete sich wieder auf und wandte sich mit gewohnt fester Stimme an Meister Effram. „Ich danke Euch für das Angebot, Meister Effram. Das Boot wird uns gute Dienste leisten“, sagte sie mit einem knappen, aber aufrichtigen Kopfnicken. „Es ist ein fairer Preis für die Aussicht auf den Yaquirdar. Beppo wird jeden Moment soweit sein – er braucht nur einen Augenblick, um wieder unter den Lebenden zu weilen.“ Hinter ihr schwang der Junge die Beine über die Matte und ging schon mal zur Kante der Plattform, angestrengt die Wasserfläche musternd.
Nachdem die Meister alles zum Boot geregelt hatten, konnte die Jagd nach dem Flussdelfin richtig Fahrt aufnehmen. Im Dämmerlicht der untergehenden Sonne zog das Boot seine Spur über das goldglänzende Wasser des Flusses.