Chronik.Ereignis1047 Frühling in Alina 02

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Gut Schwarzensee im Junkergut Alina, Peraine 1047 BF

Autoren: Jan, Amrit

Der dunkle See lag still, spiegelte den wolkigen Frühlingshimmel und den dichten Wald, der sich an seinem Ufer hochzog. Auf einer kleinen Anhöhe erhob sich das halb verfallene Jagdschloss Schwarzensee, nach langem Schlummer nun Schauplatz geschäftiger Tätigkeit. An der eingerüsteten Fassade und an davor errichteten Werkbänken arbeiteten Handwerker aus dem nahen Alina und aus Ragath. Ratsmeister Luiz Lampérez hatte sie entsandt, galt es doch, den künftigen Sitz jenes Junkergutes herzurichten, das so unerwartet in den Besitz seiner erweiterten Familie gelangt war.

Emilio saß derweil im Inneren des Gebäudes über seiner Korrespondenz und ließ den Blick gedankenverloren durch den Raum schweifen. Die Wände des Trophäensaales bedeckten zahllose Geweihe erlegter Hirsche und Rehe und machten die Halle zu einem eigenartigen Spiegel des Waldes außerhalb: ein wild verästeltes Dickicht kahler Spitzen, während die Bäume vor den Fenstern in lebendiges Frühlingsgrün gehüllt waren. Die Relikte der toten Hirsche hatten etwas, das stetig den Blick des jungen di Ruedas anzog, ihn jedoch zugleich bedrückte. Ein Fall für Veränderungen, beschied Emilio sich still, bevor er den Blick wieder auf die Briefe vor sich senkte.

Zur gleichen Zeit kam vom Dorf Alina im Nordosten her eine Gestalt, gehüllt in einen einfachen graubraunen Überwurf, mit einem tief ins Gesicht gezogenen, breitkrempigen, dunklen Hut. Auf den ersten Blick hätte man diese für einen Landstreicher halten können, aber Statur, das schwertlange Bündel und der vermutlich von Rüstteilen ausgebeulte Überwurf erzählten - auf den zweiten Blick - eine andere Geschichte. Die Handwerker bemerkten den Landstreicher zuerst, woraufhin die einfache Waffenmagd aufmerksam wurde - offensichtlich hielt diese Gestalt auf das Gut zu.

Die Bewaffnete reagierte gemächlich, ohne merkliche Aufregung - seit hier die Bauarbeiten begonnen hatten, waren Lieferanten, Boten und Besucher an der Tagesordnung. So wurde der Reisende nur nachlässig nach seinem Begehr gefragt, als er heran war.

Unter dem Hut schauten dunkelbraune Augen hervor, in denen bernsteinfarbene Sprenkler wie Funken schimmerten. Diese eindringlichen, aber in sich ruhenden Augen waren eingerahmt in ein strohig-stoppeliges Gesicht. “Ich wünsche Euren Herrn zu sprechen. Sagt ihm, der Mann mit dem Gesichtsbrot bittet um Einlass, er wird schon wissen…”, ein breites, beinahe schurkisches Grinsen machte sich auf dem Gesicht des Fremden breit.

Die Augenbraue der Waffenmagd hob sich misstrauisch. Ihr Auftraggeber schien merkwürdige Bekanntschaften zu unterhalten, so es sich denn nicht um einen derben Scherz handelte. Sie musterte die verborgene Rüstung, versuchte abzuschätzen, womit hier zu rechnen war. Erst auf einen zweiten, auffordernden Blick des Besuchers hin wies sie den Weg nach innen. Er fand sich in einer Empfangshalle wieder, die repräsentativ gewesen wäre, hätte nicht das rückwärtige Fenster gefehlt, wodurch der Boden mit Laub bedeckt war. "Wartet hier" beschied die Bewaffnete kurz.

Der Fremde verhielt sich wie geheißen und betrachtete die kleine Halle. So traurig wie die ‘Felder’ um Alina war es nicht, aber alles hier bedurfte noch ein paar Handgriffe mehr. Dann besann er sich auf sein Anliegen, wofür er einen selten ernsthaften Blick auflegte, der sein Gesicht anstrengte.

Die Waffenmagd schob sich durch eine Flügeltüre, die sie halb hinter sich zuzog. Emilio, eben ein Schriftstück siegelnd, blickte fragend zu ihr hoch. "Ja, Cora?" Die Angesprochene blieb einen Moment unschlüssig und murmelte dann mit sichtlichem Unbehagen. "Euer Wohlgeboren, ich soll ausrichten, dass...dass ein Mann mit Brotgesicht eben eingetroffen ist." Der Junker richtete sich ganz auf und starrte die Botin mit einem perplexen Ausdruck an. Als er nach ein, zwei Momenten begriff, zeigte sein Gesicht erst Erleichterung, dann aufrichtige Freude. "Danke, Cora, das ist in Ordnung so. Er soll bitte eintreten." Die Wache zog sich mit einem Nicken zurück und ließ den Wartenden hinein - ohnehin hatte dieser durch die halboffene Türe den Austausch mitgehört.

Emilio kam ihm schon entgegen, mit gemessenen Bewegungen, aber einem strahlenden Gesichtsausdruck. "Ihr habt es hergeschafft! Das freut mich. Es ist gut, Euch wiederzusehen, Cuerno!" Ihre letzte Zusammenkunft, ein winterlicher Besuch bei Cuernos Schwester in Quirod, lag schon drei Monde zurück. Er hatte ihn vermisst. Mit sachter Neugierde musterte Emilio die ungewohnte Aufmachung des Caballero, den er sonst immer im rot-goldenen Wappenrock gesehen hatte. Vielleicht Reisekleidung.

Als Cuerno den Raum betrat, wurde er sofort der etlichen gehörnten und geweihbewehrten Trophäen gewahr - welch Fingerzeig, in zweierlei Hinsicht. Er ging auf Emilio zu, sagte nichts, grinste nur schief, nahm ihn gar in die Arme. Unter seinen Fingerkuppen und dem Stoff des Umhangs fühlte der di Rueda den starren Widerstand einer Brigantina 1. Er ließ die Finger daher höher gleiten, bis sie an der Stelle zu ruhen kamen, wo Cuernos Nacken frei lag, den Emilio unter der Hand barg. In einer wortlosen Geste lehnte er die Stirn an die Schläfe des anderen. Und Cuerno genoss es - kurz. Doch obwohl Cuernos Umarmung innig und ehrlich war, vielleicht sogar ehrlicher als zuvor, fühlte sie sich nicht so nah an wie sonst. Etwas war anders. Das war für beide zu spüren. Nur wusste der eine nicht warum, der andere aber wusste es nur zu gut - und deshalb war er hier.

Emilio trat einen halben Schritt zurück und begegnete Cuernos Blick schweigend. Dieser war nicht so unerschütterlich und ruhend wie sonst, auch wenn seine Augen wohl nie dieses Glimmen verlieren würden, egal was käme. Und dennoch ein Kampf tobte darin. Cuerno war nie um Worte verlegen, es sei denn er sah keinen Grund, viele davon zu verlieren. Jetzt aber lag ihm die Welt auf der Zunge und sprechen konnte er doch nicht.

Sein Freund, der ihn so nicht kannte, wurde von Besorgnis ergriffen. “Ist …etwas passiert?” erkundigte er sich mit einem weichen Tonfall.

Cuerno besah sich den Raum, dessen Geweihe und Hörner sich bedrohlich auf sie richteten. Sein Blick blieb bei einem großen Bock hängen, der ihn an irgendwas erinnerte. Dann blickte er wieder zu Emilio. “Ja. All das hier.” Emilios Blick glitt zur Wand und wieder zurück zu Cuerno, mit stumm fragendem Ausdruck. “Hör zu, ich wollte schon vorher kommen, aber ich konnte nicht. Ich bin eigentlich nur auf der Durchreise, die Dinge spitzen sich zu im Norden, jeder merkt das. Wer weiß was uns bevorsteht, auch hier gehen Dinge vor sich. Aber deswegen bin ich nicht hier. Bevor ich weiterziehe, muss ich dich warnen. Ich mache mir große Sorgen.”

Emilio machte eine kurze, beschwichtigende Geste. Auch in Ragath herrschte Ausnahmezustand, seit wenige Wochen zuvor der Graf einem Giftanschlag zum Opfer gefallen war. Dinge liefen weiter, Leute führten weiter ihre Aufgaben durch, aber dahinter, darunter fühlte es sich an, als könnten die Welt und die vorsichtig aufrecht gehaltene Ordnung jederzeit auseinanderfallen. “Ich bin froh, dass du jetzt hier bist.” sagte Emilio schlicht. “Worum geht es?”

“Du hast dir Feinde gemacht. Unabsichtlich, sicher, aber mit diesen Gentenes2 ist nicht zu spaßen. Ich weiß das. Und die Zeiten werden gerade rauher und undurchsichtiger. Du solltest auf der Hut sein. Hörst du, sei vorsichtig. Ich würde dich ja bitten, von hier fortzugehen, aber ich denke, ich kenne die Antwort.” Der Caballero nahm nun den Hut ab und knetete ihn ungewöhnlich unsicher in den Händen. Mit mir fortzugehen hätte er gerne gesagt, aber das war unter den Umständen zu riskant.

“Feinde gemacht..?” wiederholte Emilio, während sein fahriger Blick erkennen ließ, dass sich die Gedanken in seinem Kopf überschlugen. “Geht es um meine Verbindungen in den Süden hinunter oder…” Er stützte sich am Schreibtisch ab, das gesenkte Gesicht unter den Locken verborgen. Die Ferkinaexpedition hatte er nach bestem Vermögen abseits der öffentlichen Wahrnehmung organisiert, zuverlässige Söldner, sorgfältig gewählte Routen. Aber wenn das an die falschen Ohren gelangt war…oder hatte es mit Ragath zu tun? Sein Großvater hatte beileibe nicht nur Freunde in seiner Rolle als Ratsmeister der freien Bürger, und die Stadt war derzeit unter der Oberfläche wie mit Brandöl gesättigt. Mit wem war er selbst in den vergangenen Wochen überhaupt in Berührung gekommen..? Mühsam versuchte Emilio, zu erinnern, wer die Personen gewesen waren. Ob er jemanden vor den Kopf gestoßen haben könnte. Das erinnerte ihn aber an Cuerno, der gerade hier war…für eine Zeitspanne, die sich anfühlte, wie dem Schicksal abgetrotzt.

Er sah wieder hoch zu ihm. "Danke für deine Warnung. Ich möchte aber nicht agieren als wäre jeder Mensch, dem ich begegne, ein möglicher Feind. Mich zermartern mit der Frage, was es war, das ich falsch gemacht habe. Das ist keine Art zu leben. Ich weiß das, weil ich lange so gelebt habe. Daher ist das Beste, ich denke nicht übermäßig über die Sache nach. Ich kann nicht gegen Schatten kämpfen. Danke trotzdem." Er betrachtete den Caballero mit einem Blick, in dem sich Wehmut mit Zuneigung mengte. "Für den Moment halten mich meine Pflichten hier fest, ja. Wenn du möchtest, begleite ich dich aber zur Grenze der Grafschaft. Soviel Zeit kann ich auf jeden Fall erübrigen. Ich würde dir für die weitere Reise auch sehr gerne eines von den Pferden überlassen.”

Betreten schaute Cuerno zu Boden, schüttelte leicht den Kopf. Für gewöhnlich schwelgte er gerne in seinen Gefühlen, dies hier war anders. Er rang mit sich, er hatte schon sehr viel verraten, seine Loyalität stark erschöpft, aber Emilio hatte Recht: Was brächte ihm eine Warnung ohne den Grund. Anders als geplant ergänzte er noch: “Du sollst hier nicht in Ungewissheit leben. Wenn ich dir zu viel verrate, könnte es noch gefährlicher werden, aber hast du schon mal darüber nachgedacht, wem Alina zuvor zu Lehen war?”

"Das sollte ich wohl..." meinte Emilio, der gedankenverloren wirkte. "Die ganze Belehnung ist für mich überraschend gekommen. Ich bin dankbar, natürlich. Sehr. Aber verstehe noch gar nicht ganz, was da geschehen ist…und warum."
Er fasste Cuerno nun in den Blick: "War das ein Nein zum Pferd, oder..?"

“Ja, das war ein Nein. Aber du solltest gut auf deine Pferde achtgeben. Überhaupt, ich weiß nicht, wie die nächsten Monde aussehen werden, sicher ist nur, dass du auf dich Acht geben musst. Diese Überraschung war kein Segen. Bist du sicher, dass du das von hier aus regeln musst?”

Ob es Cuernos bedrohliche Warnungen waren, oder dessen Ablehnung seiner Angebote - Emilio verspürte ein Gefühl wie eine feine und kalte Klinge, die sich vom Herzen bis hinab in die Magengrube zog. Eine Anwandlung von Schwäche. Der einzige Halt, den er sich jedoch zugestand, war, dass er die rechte Hand fest um die Finger seiner linken schloß.

"Punin vermeide ich seit neuestem. Und ich kann den Ort hier nicht im Stich lassen. Schade mit dem Pferd." Die Worte kamen rau hervor, als läge ein Druck auf seiner Kehle. "Du bist gut darin, auf andere acht zu geben. Nicht gewohnt, dass man sich um dich sorgt." Emilio rang sich ein schiefes Lächeln ab. "Ich wünsche dir erstmal eine gute und sichere Reise. Nach deiner Rückkehr wirst du dich daran gewöhnen müssen. Ich habe nicht vor, so bald damit aufzuhören." Sein Blick glitt über Cuerno, als wollte er sich den Anblick einprägen. "So. Jetzt bist du auch gewarnt." sagte er dann mit Wärme.

“Ja, von Punin habe ich gehört…” - eine kurze Pause - “...du siehst, ich leide nicht unter Einbildungen.” Mit bedauerndem Gesichtsausdruck wiederholte Cuerno “Im Stich lassen… dann pass wenigstens auf dich auf. Vielleicht sind ein paar Bewaffnete mehr nicht verkehrt…und vielleicht bist du so oft wie möglich woanders."

Wieder eine Pause, dann meinte er: “Um mich musst du dir keine Sorgen machen, ich weiss, mit wem ich es zu tun habe und reise erstmal, sehe mir die Entwicklungen an. Mich findet man nicht so leicht, aber ich bin es auch nicht, der aufpassen muss…” - noch nicht, dachte sich Cuerno. Mit dem Treffen hier war er ein Risiko eingegangen, und es kam ihm vor, als würde das Brandzeichen auf seiner Brust brennen - Verrat, auch wenn er nicht alles gesagt hatte. “Aber es schmeichelt mir, dass du in so einem Moment an mich denkst.” Erneut blickte er verlegen zu Boden, nahm dieses Gefühl wahr, das kannte er noch nicht gut. Etwas überrascht war er allerdings über den schnellen Abschied, aber was hatte er erwartet? Nichts, wie immer, dachte er nur im Moment. Dementsprechend verlegen druckste er herum, konnte zuerst nicht mal den lockeren Scherz Emilios wahrnehmen, der aber nachhallte und ihm ein Lächeln abrang. “Immerhin werden deine Scherze besser. Behalt dir das bei.” - Aber nimm bitte meine Warnung ernst, fügte der Caballero in Gedanken an.

"Ich glaube dir, vollkommen. Und ich werde Schritte setzen, um vorbereitet zu sein." erwiderte Emilio ernsthaft. "Danke." setzte er dann leise nach. Dann stand er still, etwas verloren wirkend. Umarmte den anderen kein zweites Mal, weil es zu schwer gewesen wäre, ihn wieder loszulassen.

Ich hoffe, dass diese Vorbereitungen ausreichen, dachte Cuerno, der nicht genau wusste, wie weit seine “Verbündeten” und insbesoders diese Unberechenbare gehen würden. Er traute vor allem ihr einiges zu. Aber er nickte nur und sagte: “Gut. Du musst mir nicht danken, sei einfach vorsichtig.”

Er hätte gern noch mehr gesagt oder Emilio von hier weggelotst. Ihn doch um Begleitung gebeten...ihn ebenfalls gern umarmt...aber er tat es nicht. Er wusste, Abschiede waren leichter, wenn man einfach ging. “Also dann…” wendete er sich ab. An der Tür drehte er doch nochmal um, warf Emilio ein vielsagenden Blick zu. “Auf bald.” - Wenn all das, was hier gerade passiert, gut geht… dachte er noch. Dann öffnete er die Pforte, schritt hindurch und ging - vielleicht das erste Mal schweren Schrittes.

“Auf bald.” wiederholte Emilio, den Blick auf die Tür gerichtet, auch nachdem der andere schon fort war. Der Raum fühlte sich kühler an, nun da Cuerno gegangen war, als wären ringsum Schatten aufgezogen, und der junge Mann schluckte schwer.

Was war das für ein Feind, der Gemälde vernichtete, der Pferden gefährlich werden konnte, und offenbar allem, woran Emilio wirklich hing. Es machte ihm Angst, mehr als er zugeben wollte.

Dann stand ihm wieder Cuerno vor Augen, bewaffnet, gerüstet und zugleich verletzlicher, als er ihn jemals erlebt hatte. Er hatte tief besorgt um ihn gewirkt, und ihn doch zugleich immer auf Armlänge gehalten. Emilio spürte sein Fehlen, das schmerzhafte Ziehen in der Brust, nun in aller Intensität, doch das Gefühl war zuvor schon dagewesen. Warum hatte Cuerno ihn nicht mitgehen lassen, wenigstens ein Stück?
Das alte Echo, die Stimme aus seinen Träumen, legte sich über die Gedanken, leise erinnernd: Du wirst alles verlieren, was du liebst. Lass es fallen, öffne einfach deine Hände. Was du selbst preisgibst, darüber bleibst du Herr.
Vielleicht dachte Cuerno ähnlich und hatte ihn deshalb auf Distanz gehalten.
Vielleicht war es zu gefährlich, zu lieben, was gefährdet war.

Lange Zeit saß er ins Leere starrend. Dann ein Versuch, seine Korrespondenz wieder aufzunehmen, aber es war sinnlos. Die Worte verschwammen vor seinem Blick.

Schließlich raffte der Junker sich auf; hob eine der Trophäen von ihrem Haken an der Wand. Nachdenklich musterte er den toten Hirsch. Es wurde Zeit, dass er heim durfte. Das schwere Geweih behutsam an sich haltend trat Emilio hinaus in den frühlingshellen Wald.


1 Rüstung aus Metallbändern, die unter eine Lage Stoff oder Leder genietet wurden.
2 vulg. Bosparano: Leute