Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 30

In Almada auf dem Weg ins Selkethal, Anfang RAHja 1045 BF

Autoren: Amarinto, Dominico, Eliane & Boecklin


Die Sonne hing wie ein trüber Golddukat über dem Horizont, als Cavalliere Irion della Camerano die staubige Straße entlangritt, die sich durch die sanften Hügel Almadas schlängelte. Seine Begleitung, sechs berittene Gardisten der berüchtigten Bomeder Buntröcke, hielten Abstand, doch ihre prächtig bestickten rot-grünen Wappenröcke ließen sich nicht übersehen.
Vor ihnen lag ein Gasthof, ein einladendes Gebäude aus hellen Steinquadern und mit von Efeu überwucherten Mauern. Vor dem Hof standen Wagen und Pferde – Zeichen einer lebhaften Kundschaft. Irion spürte bereits beim Anblick des Gasthauses, dass ihre Ankunft nicht unbemerkt geblieben war.
Kaum hatten sie den Hof betreten, breitete sich unter den Anwesenden ein unruhiges Raunen aus. Die Gardisten stiegen von ihren Pferden, und ein Stallbursche nahm sich ihrer Tiere an. Irion, der sich von seinem Schlachtross schwang, bemerkte sofort die angespannten Blicke der anderen Gäste.
Ein Mann erhob sich von einem Tisch im Schatten des Hofes. Sein Gesicht war zerfurcht und narbig, das eines Mannes, der die Härten vieler Schlachten gesehen hatte. Er trug eine abgetragene Lederrüstung und hielt einen Krug in der Hand, während er Irion und die Buntröcke unverhohlen musterte.
„Buntröcke!“ rief er plötzlich laut und spuckte auf den Boden. Alle Gespräche verstummten, und die Aufmerksamkeit des Hofes richtete sich auf die Neuankömmlinge.
Der Mann, offenbar ein ehemaliger almadanischer Söldner, ließ den Blick über die Gardisten schweifen. „Das letzte Mal, als ich diese Farben gesehen habe, brannten die Höfe bei Inostal. Frauen weinten um ihre Kinder, und Männer wurden an Bäume gehängt. Ihr Buntröcke habt das Land der Südpforte geplagt!“
Ein aufgeregtes Murmeln ging durch die Menge. Einige Gäste, die offenbar ähnliche Geschichten kannten – oder sie nun glaubten – nickten und begannen zu tuscheln.
Irion trat mit festen Schritten in die Mitte des Hofes, seine Haltung aufrecht, die Hände entspannt an den Seiten. „Mein Herr“, begann er mit einer Stimme, die ruhig, aber durchdringend war, „die Buntröcke, die mich begleiten, stehen unter meinem Befehl und unter dem Banner des Friedens. Ich kenne die Geschichten, die über vergangene Taten kursieren. Doch ich versichere euch, dass wir nicht als Feinde hier sind.“
Der Söldner lachte bitter. „Versichern? Eure Worte sind wertlos, Horasier! Die Südpforte trägt noch immer die Narben eurer Plünderungen, und die Erde ist getränkt mit Blut. Wer schwört mir, dass es diesmal anders ist?“
Einige der Gäste standen auf, das Knarren ihrer Stühle ein beunruhigendes Geräusch in der drückenden Stille. Ein muskulöser Bauer packte einen Knüppel, und eine Frau schob ihre Kinder hinter sich in Sicherheit.
„Die Höfe wurden ausgeraubt! Die Scheunen niedergebrannt!“ Der Söldner schrie nun, seine Stimme überschlug sich vor Wut. „Erzählt uns keine Märchen vom Frieden! Eure Buntröcke sind Mörder und Diebe, und ihr wisst es!“
Irion hob die Hände, um die Menge zu beruhigen, doch der Tumult schwoll an. „Ich bin Cavalliere Irion della Camerano, Vogt des Grafen von Bomed Rimon Sâlingor! Glaubt ihr, ich reise mit dem Ziel, Schaden anzurichten? Ich bin hier, um zu einem Pferderennen im Selkethal zu reisen – eine friedliche Angelegenheit.“
Doch der Söldner ließ nicht nach. „Friedlich? Eure Art des Friedens kenne ich. Ein Frieden, der mit Stiefeln und Schwertern erzwungen wird! Sagt es ihnen, Almadaner! Wollt ihr das wieder geschehen lassen?“
Einige Gäste griffen nach ihren Waffen, und die Buntröcke legten instinktiv die Hände an die Griffe ihrer Schwerter. Irion spürte, wie die Stimmung im Hof zum Zerreißen gespannt war. Er trat einen Schritt weiter nach vorne, seine Stimme scharf und autoritär: „Wenn wir uns jetzt in Gewalt stürzen, dann bestätigen wir nur die Geschichten, die uns spalten. Das ist nicht der Weg, wie wir Horasier und Almadaner handeln sollten. Wir sind Nachbarn, keine Feinde!“
Die Menge zögerte, doch der Söldner kniff die Augen zusammen. „Worte, Cavalliere, nichts als Worte! Aber Worte löschen keine Flammen und erwecken keine Toten!“
Die Luft schien stillzustehen, jeder im Hof hielt den Atem an. Irions Augen wanderten über die Gesichter, die von Zorn und Zweifel erfüllt waren, und dann zu den Buntröcken, die nervös ihre Positionen hielten.
In diesem Moment schwang eine Tür auf, und jemand trat aus dem Gasthaus …
Dom Yantur von Pildek trat unter seinem breitkrempigen Hut, seinen Anderthalbhänder in der Schwertscheide in einer Hand und einen Krug in der anderen Hand, aus dem Gasthaus hinaus in den Hof. Die Türe übertönte mit leisem Quietschen die plötzlich eintretende Stille im Hof, als sie langsam wieder zu fiel. Es schien, als ob alle Augen auf ihn gerichtet wären. Dom Yantur schien für einen Augenblick die Stille zu genießen und aufzusaugen. Er stellte demonstrativ sein Schwert an die Wand des Gasthofes mit dem Hintergedanken, die Emotionen etwas zu beruhigen, und trank in aller Gelassenheit eines alten Veteranen einen Schluck kühlen Wassers aus seinem Krug.
“Seid gegrüßt, Cavalliere. Mein Name ist Yantur von Pildek zu Kleinblitzackern. Wir hatten bisher nicht das Vergnügen, uns kennenzulernen. Euren Namen konnte ich im Innenraum wegen des aufkommenden Trubels nicht allzu gut verstehen.” Dabei nickte er dem Horasier mit einer kleinen Kopfneigung und der rechten Hand an seiner Hutkrempe leicht zu. Sein Blick machte einen kurzen Abstecher durch die Runde der Anwesenden, wobei seine Augen für einen Moment den almadaner Söldner zu durchbohren schienen.
Die sieben Horasier hatten ihre Hände noch immer griffbereit an ihren Schwertern, schienen sich jedoch für einen Moment zu entspannen, während einige der anwesenden Gäste ihre Waffen noch immer für eine mögliche Auseinander fest hielten. In der hitzigen Atmosphäre fiel es schwer, die aufkommende Wut in den Augen der Almadaner, angestachelt durch den Söldner, zu übersehen.
Irion della Camerano neigte leicht den Kopf. Für einen Herzschlag ruhte sein Blick auf Yantur von Pildek, maß ihn, wie ein Reiter den Untergrund prüft, bevor er die Sporen gibt. Dann trat er einen halben Schritt vor, weit genug, um Präsenz zu zeigen, nah genug, um Vertrauen zu signalisieren.
„Cavalliere Irion della Camerano,“ sagte er klar und deutlich, jedes Wort sauber gesetzt wie ein Stein im Mauerwerk. „Herr von Tarcallo und gräflicher Vogt von Hausbach.“
Irion ließ sich Zeit, wartete, bis die Worte sich gesetzt hatten, und hob dann leicht die rechte Hand, die Handfläche offen.
„Signor Yantur von Pildek,“ fuhr er fort, „es ist mir eine Ehre. Wenn unsere Ankunft Unruhe gestiftet hat, so bedaure ich das aufrichtig.“ Sein Blick glitt kurz zu dem narbigen Söldner, blieb dort einen Atemzug zu lange stehen, bevor er wieder zu Yantur zurückkehrte. „Ich will es ohne Umschweife sagen: Weder ich noch die Männer und Frauen, die ihr hier seht, suchen Streit oder gedenken, alte Wunden aufzureißen.“
Eine Gardistin aus den Reihen der Buntröcke räusperte sich leise, ein nervöser Laut, der sofort verebbte, als Irion den Kopf minimal senkte. Disziplin lag wie ein unsichtbarer Zügel über der Gruppe.
„Wir sind auf der Durchreise,“ sagte Irion nun fester, beinahe sachlich. „Unser Ziel ist das Selkethal bei Taladur. Dort findet ein Pferderennen statt, an dem ich teilzunehmen gedenke.“
Einige der Gäste wechselten Blicke.
Irion atmete tief durch und senkte die Stimme. „Die Buntröcke stehen unter meinem persönlichen Befehl. Ich schwöre hiermit bei den Zwölfen, kein Almadaner wird von uns beraubt, kein Hof beschädigt, kein Krug ohne Bezahlung geleert.“ Er deutete mit einer knappen Bewegung auf den Gasthof. „Wir bitten um Brot, Wasser und einen Platz für die Nacht. Mehr nicht.“ Der Söldner schnaubte, aber sagte nichts und blickte zu Yantur.
„So frage ich euch, Signor Yantur von Pildek: Dürfen Reisende in Almada noch rasten, wenn sie friedlich kommen? Oder sollen wir weiterziehen und die Sonne hinter uns untergehen lassen?“
Yantur blickte noch einmal in die Runde. Dann schaute er Irion in die Augen. "Cavaliere Irion della Camerano, das Vergnügen gilt ebenso für mich, euch kennenzulernen. Es mag sein, dass es von Euch und Euren Begleiterinnen ungeschickt war, in den Farben der Buntröcke hier in der Südpforte zu erscheinen. Eure Vorgänger haben hier viel unnötiges Blut fließen lassen, was, wie ihr eben erfahren habt, nicht vergessen wurde. Wir Almadaner und ihr Horasier sind uns in vielen Eigenschaften und Wesenszügen ähnlicher, als wir uns alle eingestehen wollen. Vor Allem können wir alle heißblütig und Hitzköpfe sein.” Dabei zwinkerte er dem Cavalliere mit einem Auge zu.
“Und so wie ich es im Lieblichen Feld vor vielen Jahren erfahren durfte, so kommt, wie unser leicht zu erhitzendes Blut, genauso die Gastfreundschaft von Herzen.” Sein Blick ging zu dem alten Söldner, der Yantur missbilligend zunickte. “Wenn ihr auf dem Weg zum Selketaler Pferderennen seid, so wäre es mir eine Ehre, wenn Ihr mich auf dem Weg dorthin begleiten würdet. Und nein, Ihr müsst nicht weiter ziehen, bis die Sonne hinter den Bergen und dem Meer in eurem Rücken verschwunden ist, bevor ihr Getränke und Essen bekommen habt.”
Yantur trat näher an Irion heran und streckte ihm seinen halbvollen Wasserkrug entgegen und brüllte in Richtung des Gasthauses “Wirt! Wir brauchen noch Bänke, einen Tisch und ein paar Krüge mit Bechern und gekühlten Getränken für unsere Gäste.” Die eben noch hitzige und kurz vor dem Überkochen stehende Atmosphäre war merklich abgekühlt. Langsam lösten sich die Hände aller beteiligten von ihren Waffen, die Almadaner setzten sich wieder auf ihre Stühle und Bänke, während die sieben Horasier noch immer in Erwartung eines plötzlichen Umschwenkens der Stimmung, leicht angespannt, die Szenerie wachsam beobachtend, im Hof standen.
Kurze Zeit darauf brachten der Wirt und drei Helfer einen schweren rustikalen dunklen Tisch aus Eichenholz aus dem Gasthaus, mit zwei Bänken der gleichen Machart, und stellten sie ein wenig abseits der anderen Gäste, unter eine große, hochgewachsene Stieleiche im Hof. Eine junge Frau und ein ebenso junger Mann folgten ihnen, mit vier Tonkrügen und mehreren Bechern auf hölzernen Tabletts und stellten diese auf den Eichentisch.
Yantur wartete, bis der Wirt und die Bediensteten wieder durch die Tür in den Schankraum verschwunden waren, um die Horasier mit einer einladenden Geste zum Tisch zu bitten, um sich selber an ein Ende der Bank zu setzen, die dem Baum näher stand. Er wollte seine Landsleute, allen voran den alten Söldner, gerne im Auge behalten.
Irion nahm den dargebotenen Krug mit einer ruhigen, beinahe feierlichen Bewegung entgegen, als würde er nicht nur Wasser, sondern den Ernst der Situation selbst in die Hand nehmen.
„Signor Yantur,“ sagte er leise, aber deutlich genug, dass die Umstehenden es hören konnten, „für dieses Angebot danke ich euch. Es ehrt euch – und Almada.“
Dann hob er den Blick und wandte sich, ohne jede Hast, seinen Buntröcken zu.
Ein kaum merkliches Nicken, ein kurzes Senken der Hand – und doch lag darin mehr Befehl als in einem gebrüllten Kommando.
Die Wirkung war unmittelbar. Einer nach dem anderen ließen seine Gardisten die Finger von den Schwertgriffen gleiten. Schultern, eben noch gespannt wie Bögen, sanken um einen Fingerbreit. Eine Gardistin atmete hörbar aus, als hätte sie die Luft seit Minuten angehalten.
Irion ließ den Blick über sie gehen, prüfend, streng – und dann, für einen kaum wahrnehmbaren Augenblick, fast milde.
Er reichte den Krug nicht sofort zurück, sondern nahm einen kleinen Schluck, mehr Geste als Bedürfnis, und trat dann mit Yantur gemeinsam zu dem aufgestellten Tisch unter der alten Eiche. Das Licht der sinkenden Sonne fiel gefiltert durch das Blattwerk, legte ein flackerndes Muster aus Gold und Schatten auf den Tisch.
Irion setzte sich nicht sofort. Stattdessen legte er eine Hand auf die Tischkante, drehte sich noch einmal halb zu seinen Leuten um und machte eine einladende, aber bestimmte Bewegung.
„Setzt euch.“
Es war kein Befehl im strengen Sinne, eher eine Erlaubnis, die zugleich Erwartung war.
Zögernd erst, dann geschlossener, folgten die Buntröcke der Aufforderung. Sie verteilten sich auf die Bänke, nicht ungeordnet, aber doch lockerer als zuvor. Helme wurden abgelegt, Handschuhe ausgezogen. Metall verlor seine Drohkulisse und wurde wieder zu bloßem Werkzeug.
Irion ließ sich schließlich Yantur gegenüber nieder. Er stellte den Krug zwischen sie, als gehöre er beiden.
Einen Moment lang sagte er nichts. Seine Augen wanderten über den Hof, über die Gäste, die sich langsam wieder ihrem eigenen Gespräch zuwandten, über den alten Söldner, der noch immer beobachtete, aber nun schweigend.
Dann kehrte sein Blick zu Yantur zurück.
„Euer Name,“ begann Irion, „ist mir nicht fremd, Signor.“ Ein feines Lächeln spielte um seine Lippen, nicht aufdringlich, eher wie ein gut gehütetes Detail.
Er nahm den Krug wieder auf, drehte ihn leicht zwischen den Fingern.
„Doch Gerüchte reisen oft schneller als die Wahrheit,“ fuhr er fort. „Sagt mir – wie stellt sich die Lage derzeit in der Baronie Pildek dar?“
Er lehnte sich ein wenig zurück, die Haltung entspannt, aber aufmerksam.
„Ruhig?“ fragte er dann, fast beiläufig. „Oder nur… ruhig genug, damit man Zeit findet, an Pferderennen teilzunehmen?“

„… und das, was du gerade gesehen hast, Hanu, sind die Folgen, wenn Verwundungen schlampig versorgt wurden. Ein zerquetschter Fuß führt zum Verlust eines Beines oder direkt zu einem Besuch Golgaris. Die Frau hat damals Glück gehabt. Und ihre Stute heute auch - wäre sie mit der Entzündung im Gelenk morgen früh aufgebrochen, hätte das Pferd nicht lange durchgehalten. Was weißt du über Wundversorgung?“

Hanu nickte im ersten Moment erfreut, bis ihm bewusst wurde, um welches Thema es ging und er wurde wieder ernst. Seine Freunde kam dadurch, dass er sich, entgegen Krankheiten und Heilung der Seele mit Wunden, relativ gut auskannte.
“Ganz gut würde ich sagen…ich hab keine Angst, wenn was…offen ist und es blutet. Wir sind zu Hause oft jagen gewesen und da habe ich sowohl die ein oder andere Blessur versorgen dürfen als auch, beim Aufbrechen der Beute, schon viel über das Innere gelernt!”
Stolz nickte er dazu bekräftigend.

„Sehr gut. Dann sehen wir uns beim nächsten Schlachter an, was du weist.“ Die beiden traten aus dem Stall des Gasthauses. Der ältere, vielleicht in seinen Dreißigern, gerade dabei, sich die Hände an einem Tuch zu trocknen, blieb überrascht stehen. Er war groß gewachsen, athletisch gebaut. Die dunklen Augen in dem von schulterlangen dunklen Locken umrahmten Gesicht, das einem Diener der Schönen gut gestanden hätte, musterten die Neuankömmlinge aufmerksam, erfassten die Veränderungen auf dem Hof.
Er ließ die Hände sinken, steckte das Tuch in seinen Gürtel. Sein Ornat, das er mit Würde und lässiger Eleganz zugleich trug, war das eines Perainegeweihten, die drei goldenen Ähren als Brosche über dem Herzen, ergänzt um passende grüne Lederstiefel.

Der Geweihte wandte sich leise zu dem Novizen an seiner Seite. „Hoffen wir, dass du heute nicht noch zeigen musst, was du über Wundversorgung weist. Die Neuankömmlinge dort am Tisch - Bomeder Buntröcke, aus dem Horasreich. Heute Teil der Garde des Grafen von Bomed. Zu Zeiten der Taifados äußerst brutale Mercenarios unter Horasio della Pena, die Inostal und große Teile der Südpforte verwüstet haben. Auf grausamste Art und Weise. Etwas, das die Menschen hier nicht vergessen haben, wenn ich die Reaktion der Veteranen und meiner Landsleute dort drüben recht deute. Ein provokante Wahl, sie als Bedeckung mitzunehmen.” Er nickte in Richtung des ihm unbekannten Horasiers, der offensichltich das Kommando führte. „Der Almadaner bei ihm am Tisch - das ist Dom Yantur von Pildek. Ebenfalls ein Veteran, aber soweit ich weiß nicht aus den Taifado-Kriegen. Lass uns sehen, ob die Situation so ruhig ist, wie es scheint. Wenn nicht, halte dich im Hintergrund, dann wird unsere Zeit früh genug kommen.”

“Nein das muss wohl nicht sein und würde den meisten sicherlich die Stimmung verhageln. Meint ihr wir können die Männer vielleicht nach ihren Narben fragen. Ich bin ganz fasziniert wie Wunden und Narben nach vielen Jahren aussehen gegenüber dem wenn sie frisch sind und was man vielleicht machen kann um das zu beeinflussen!”

Tariano Al'Morsqueta schmunzelte. Die Neugier seines Novizen erinnerte ihn an seine jüngeren Geschwister. „Vielleicht später, wenn wir sicher sind, dass die Situation nicht eskaliert. Manche Mercenarios geben bereitwillig mit ihren Narben an. Aber falle nicht direkt mit der Tür ins Haus. Und sei bei den Damen unter ihnen vorsichtig, dass sie es nicht als Avancen missverstehen. Enttäuschte Mercenarias können unerfreulich werden.“
Der Geweihte trat auf die Eiche zu, näherte sich dem Tisch, an dem die Buntröcke, der Horasier und Dom Yantur saßen.

„Peraine zum Gruße. Habt Ihr noch Platz für zwei bescheidene Diener der Bewahrerin des Lebens?”

Irion hatte die beiden bereits bemerkt, noch bevor ihre Stimmen den Schatten unter der Eiche erreichten.

Sein Blick hatte sie gestreift wie ein erfahrener Reiter den Horizont prüfte – nicht misstrauisch, aber wachsam. Das Grün des Gewandes, die Haltung, das leise, selbstverständliche Auftreten… kein gewöhnliches Gesinde.

Als die Worte des Geweihten fielen, hob Irion den Kopf ganz, ließ sich einen Herzschlag Zeit. Dann glättete sich seine Miene.

„Immer,“ erwiderte er ruhig. Er hob leicht die Hand und deutete auf die freie Seite der Bank.
„Setzt euch. Unter diesem Baum ist genug Platz.“
Sein Blick ruhte einen Moment länger auf dem Geweihten, maß ihn nun bewusster. Die Kleidung, die Haltung, die Hände – Hände, die eher heilten als verletzten. Und doch… Hände, die wussten, was sie taten.

Er schob den Krug ein wenig zur Seite, sodass Raum zwischen ihm und Yantur entstand – Raum, der nun den Neuankömmlingen gehörte.
Erst als sie näher traten, erhob er sich halb von der Bank, nicht ganz, aber genug, um die Geste der Höflichkeit zu wahren, ohne die eben erst erreichte Ruhe zu zerbrechen.

„Cavalliere Irion della Camerano,“ sagte er erneut, nun den beiden zugewandt, seine Stimme fest, doch frei von Schärfe. „Herr von Tarcallo und gräflicher Vogt von Hausbach.“
Ein kurzes Nicken folgte.
„Auf der Durchreise. Und, wie es scheint, heute in guter Gesellschaft.“

Auch Dom Yantur lud die Neuankömmlinge mit einem Nicken an den Tisch.

Ein feiner Zug lag in Signore Irions Worten, etwas zwischen Ironie und ehrlicher Anerkennung, als hätte der Abend beschlossen, ihm mehr Gesprächspartner zu schenken, als er erwartet hatte.

Sein Blick wanderte kurz zu Yantur, dann zurück zu dem Geweihten.
„Ein Diener der Peraine ist selten dort, wo nichts zu heilen ist,“ fuhr er fort, leise genug, dass es mehr Feststellung als Herausforderung war. „Ich hoffe, ihr findet hier heute nur Durst und müde Glieder… und nichts, was eurer Kunst ernsteren Anlass gibt.“
Er setzte sich wieder, diesmal vollständig, und legte die Hände locker auf den Tisch.
„Doch bevor wir weiter raten, mit wem wir es zu tun haben,“ sagte er, mit einem kaum merklichen Anflug von Wärme, „würde ich mich freuen, eure Namen zu hören.“

Der Geweihte deutete dem Horasier als auch Dom Yantur gegenüber eine Verbeugung an. „Dom Tariano Al'Morsqueta, Meister der Ernte. Und dies ist Hanusch von Mispelberg, Knecht der Göttin. Auch wir sind auf der Durchreise. Für Diener der Gebenden gibt es kaum einen Ort, an dem unsere Kunst nicht gefragt ist. Glücklicherweise sind es dieser Tage selten Verletzungen, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen.“ Er schmunzelte.
Aus dem Stall kam ein großer, grauer Hund gelaufen. Sah sich kurz um, bevor er zum Tisch herüber kam und sich neben den Geweihten legte, der inzwischen Platz genommen hatte.

„Ihr sagtet, Ihr seid auf der Durchreise, Signor Irion. Mit welchem Ziel? Etwa in offizieller Mission, dass Ihr so viel Garde für notwendig erachtet?“

Irions Blick glitt kurz zu dem Hund, der sich mit der Selbstverständlichkeit eines Tieres niederließ, das sich weder um Rang noch um menschliche Politik scherte. Für einen Moment lag etwas beinahe Nachdenkliches in seinem Gesicht. Hunde, dachte er, waren oft klüger als Menschen. Sie spürten, wann ein Ort noch nach Gefahr roch, auch wenn die Stimmen bereits wieder leiser wurden.
Dann hob er den Blick wieder zu Tariano Al'Morsqueta.

„Dom Tariano. Hanusch von Mispelberg.“ Er neigte den Kopf beiden nacheinander zu, als messe er dem Geweihten wie auch dem Novizen den ihnen gebührenden Respekt bei. Bei der Frage nach dem Ziel seiner Reise huschte ein feiner Zug der Überraschung über sein Gesicht, nicht gespielt, aber beherrscht. Als hätte ihn weniger die Frage selbst erstaunt als der Umstand, dass sie überhaupt gestellt werden musste.
„Nein“, sagte er dann, in ruhigem Ton. „Keine offizielle Mission. Zumindest keine, die ein Pergament, ein Siegel oder eine geheime Botschaft verlangte.“ Er legte zwei Finger an den Krug und drehte ihn ein wenig, während er sprach. „Ich reise zum Pferderennen im Selkethal. Ein Vergnügen, gewiss. Aber auch eines, das sich mit dem Nützlichen verbinden lässt.“

Sein Blick wanderte kurz zu Yantur, dann zu den Buntröcken, die am Tisch und in seiner Nähe saßen, nun stiller, aber noch immer wachsam.
„Was die Eskorte angeht…“ Er hob die Brauen ein wenig, gerade so viel, dass es wie aufrichtige Verwunderung wirkte. „Ist sie denn so ungewöhnlich?“

Er sagte das ohne Schärfe. Eher mit jener höflichen Verwunderung eines Mannes, der in einer anderen Ordnung der Dinge lebte als jene, die ihn befragten.
„Ich bin gräflicher Vogt von Hausbach,“ fuhr er fort, „und zähle zu den Beratern des Grafen von Bomed. Da erscheint es mir kaum mehr als angemessen, auf Reisen nicht allein oder mit einem Diener und zwei Packpferden unterwegs zu sein.“ Ein kaum sichtbares Lächeln zog über seine Lippen. „Zumal in einer Gegend, in der man, wie ich soeben lernen durfte, rasch Erinnerungen weckt, noch bevor man abgestiegen ist.“
Seine Stimme blieb ruhig, doch sie gewann an Festigkeit, wie ein Zügel, der ohne Ruck straffer genommen wurde.

„Die Buntröcke begleiten mich nicht, weil ich den Konflikt suche. Sie begleiten mich, weil mein Amt es verlangt, dass ich sichtbar als das reise, was ich bin.“ Er breitete die Hände leicht aus. „Ein gräflicher Amtsträger, der sich verbirgt, wäre entweder ein Narr oder ein Mann mit schlechtem Gewissen. Ich hoffe, für keines von beidem gehalten zu werden.“
Eine der Gardistinnen am Tisch senkte für einen Augenblick den Blick in ihren Becher. Irion wandte sich wieder dem Geweihten zu.
„Ich verstehe jedoch den Gedanken hinter eurer Frage, Dom Tariano. In Almada tragen diese Farben eine gewisse historische Bedeutung mit sich.“ Sein Blick streifte für einen Atemzug den alten Söldner im Hof. „Vielleicht eine größere, als mir bewusst war.“
Dann lehnte er sich ein wenig zurück.
„Doch heute bin ich weder als Steuereintreiber, noch als Unterhändler, noch als Kundschafter hier. Nur als Reisender auf dem Weg ins Selkethal.“ Ein feiner, trockener Ton schlich sich in seine Worte. „Und offenbar als Mann, dessen Begleitung mehr Gespräche eröffnet, als ihm lieb sein kann.“
Er sah Tariano offen an.
„Und ihr, Dom Tariano? Führt euch euer Weg ebenfalls gen Taladur? Oder hat euch die Göttin nur auf jenen Pfad gesetzt, auf dem Ihr nun wandert?“

Tariano, vor den die Bedienung zwei Becher Wein und einen Krug Wasser gestellt, sich mit einem gemurmelten „Als Dank, für Eure Hilfe“ zurückgezogen hatte, sah den Horasier schmunzelnd an. „Ah, so viele subtile Vorlagen, um einen Streit vom Zaun zu brechen, Signor Irion. Wie auch Euren Begleitern offensichtlich nicht entgangen ist.“ Der Blick seiner dunklen Augen streifte die Gardistin einen Moment länger als unbedingt notwendig.

Seine Stimme war freundlich, sein Ton der kurzweiliger Konversation, als er fortfuhr: „Als Vogt von Hausbach und gräflicher Berater zu Bomed habt Ihr sicherlich vieles zu Bedenken. Da kann die erwartbare Reaktion auf gewisse Farben natürlich leicht entfallen. Zumal bei einer rein privaten, wenn auch nützlichen Vergnügungsreise ins Ausland.“

Bei den nächsten Worten veränderte sich Dom Tarianos Haltung leicht. Signalisierte Ernst, Stolz und Entschlossenheit, allerdings ohne jegliche Aggression oder Drohung. „Nur um bedauerliche Missverständnisse zu vermeiden, wo wir doch den selben Weg zu haben scheinen: wärt Ihr als Steuereintreiber hier, hättet Ihr Euch auf die falsche Seite der Grenze verirrt, und es wäre jedem Almadaner ein Vergnügen, Euch und Euren Begleitern hilfsbereit den Heimweg zu weisen. Wie Ihr selbst ja gesagt habt, sind die alten Zeiten vorbei.
Und wärt Ihr als Kundschafter oder Unterhändler hier… nun, dann wäre Eure Bedeckung überraschend plump gewählt.“ Dom Tarianos leichtes Kopfschütteln ließ keinen Zweifel, dass er dies für unwahrscheinlich hielt.
„Vielleicht wäre dies eine gute Gelegenheit, auch jene mit schlechten Erinnerungen von an die heutige horasisch-almadanische Freundschaft zu erinnern. Mit einer Runde auf den Frieden und gute Nachbarschaft anzustoßen. Aber ich bin sicher, ein Cavalliere Eures Formates und Eurer Position weiß, was er tut.“

Irion della Camerano lächelte, doch seine Augen verrieten weiterhin Wachsamkeit und einen gewissen Ernst. Mit ein wenig aufgesetzter Jovialität sagte er schließlich: “Ach wisst Ihr, diese verirrten ‘Steuereintreiber’, die sich einfach nicht an diese so ordentlich gezogenen Linien auf wundervoll bedrucktem Pergament halten konnten, waren doch so lange eine Plage, welche den gesamten Yaquirbruch und die Südpforte belästigten. Kein Wunder, dass die Leute immer noch empfindlich reagieren.” Er blickte sich demonstrativ um. “Ich habe zu oft in der Südpforte mit Almadanern gegen Horasier, im Yaquirbruch mit Horasiern gegen Almadaner oder irgendwo dazwischen mit irgendwem gegen irgendjemand gefochten, irgendwann beginnt man sich zu fragen, was diese Begriffe eigentlich bedeuten, die alle so groß im Munde führen. Letztlich wollen wir doch alle nur in Frieden leben und gutes Essen, Wein und stolze Rösser genießen."

„Da sprecht Ihr ein wahre Worte gelassen aus. Auf Frieden, gutes Essen, Wein und feurige Rösser!“ Dom Tariano entspannte sich wieder, hob seinen Becher. Dann fuhr er fort: „Zu Eurer Frage von unserem Ziel, Signor Irion: Es sieht aus, als hätten die Götter es gefügt, dass wir uns treffen. Wie Ihr und Dom Yantur sind wir ebenfalls auf dem Weg ins Selkethal, zu eben jenem Rennen. Wo ich meine zukünftige Frau finden werde.“

“Interessant, Ihr wollt also Eure zukünftige Frau beim Pferderennen finden? Das klingt nach einer unterhaltsamen Geschichte, vielleicht wollt Ihr sie mir auf dem Weg ins Selkethal erzählen? Gemeinsam reist es sich doch immer leichter. Wir wollen ja alle nicht, dass mich jemand doch aus Versehen für einen Steuereintreiber hält. In Eurer Begleitung wird mir das sicher nicht passieren.”

Der Geweihte lachte leise auf, sein Ausdruck beinahe jungenhaft-verschmitzt. „In Gesellschaft reist es sich angenehmer, und der junge Hanu wird sich über die Gelegenheit freuen, seine Neugier zu stillen.“

Yantur hatte die Begegnung und das Gespräch der beiden mit einer gewissen Spannung und Neugierde verfolgt, bevor er sich selbst daran beteiligen wollte. Er vermied es zu erwähnen, was er wirklich davon hielt, dass Irion della Camerano die Buntröcke als seine Begleitung gewählt hatte. Es waren weit mehr als zehn Jahre vergangen, seit die Taifados die Baronie Pildek und die angrenzenden Gebiete erbarmungslos gebrandschatzt und geplündert hatten. Aber er wollte die Geschichte ruhen lassen. Yantur hatte in seinem Leben schon zu viel Leid und Blut fließen sehen, als die Vergangenheit an diesem schönen Tag im Raja des Jahre 1045 BF wieder aufleben zu lassen.
“Seid mir ebenfalls gegrüßt, Dom Tariano und Hanusch.” Seine Hand ging zu seinem Hut. “Ich meine, wir kennen uns zumindest vom Sehen, Dom Tariano. Wir hatten wohl bisher nie die Gelegenheit auf eine längere Unterhaltung. Ihr seid hier im südlichen Teil unseres schönen Almadas, dank eurer Künste, wohl bekannter wie ihr ahnt.” Dabei huschte ein leichtes Grinsen über Yanturs Gesicht.
Dom Tariano nickte seinem Landsmann zu. „In der Tat, Dom Yantur. Es ist mir ein Vergnügen, dieses bedauerliche Versäumnis in den nächsten Tagen zu korrigieren. Ich danke für das Kompliment. Ihr züchtet Pferde, wenn ich mich recht entsinne? Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, Eure Zucht zu besuchen. Wie macht sich der junge Hengst?“ Er war in der Nähe gewesen, und es hatte sich ergeben, dass er bei der sehr schweren Geburt eines Hengstfohlen mit seiner Expertise und dem Segen der Gebenden hatte beistehen können. So hatten Mutterstute und Fohlen überlebt, war der Fortbestand der Hauptlinie nicht länger gefährdet gewesen. Der Verwalter war erleichtert gewesen, seinem Herren bei dessen Heimkehr keine herben Verluste melden zu müssen.
Die unerwarteten Reisegefährten bestellten weiteren Wein, wandten sich den Themen der bevorstehenden Rennen, edlen Rössern und Pferdezucht zu.