Gräflich Taladur, Phex 1047 BF

IV - Ankunft am Fluß

Ufer des Yaquir nahe Quirod

Autoren: InsomniaJones & Amrit

Der Weg stieg leicht an, gesäumt von kargem Buschwerk und den ersten Frühlingsboten, die im milden Licht des Phex zaghaft ihre Köpfe aus dem staubigen Boden reckten. Ingrimiane marschierte mit sturem Blick voran, das rhythmische Klappern der Werkzeuge in ihrer Tasche war das einzige Geräusch, bis ein neues, tiefes Rauschen die Luft erfüllte. Es war kein stürmisches Tosen, sondern ein sattes, beständiges Murmeln, das die Kühle des Morgens unterstrich.

Als sie die Kuppe des Hügels erreichte, blieb sie stehen. Sie setzte ihre schwere Tasche nicht ab, aber sie lockerte den Griff um die Riemen. Vor ihr breitete sich das Tal aus, und dort wand sich der Yaquir wie ein mächtiges Band aus flüssigem Metall durch die Landschaft. Unter der mäßig warmen Phexsonne glänzte das Wasser wie frisch polierter Stahl. An den Rändern, wo das Wasser flacher war, schimmerte es eher grünlich, doch in der Mitte, wo die Strömung am stärksten war, zeigte sich das tiefe, kühle Blau, das sie gesucht hatte.

Ingrimiane kniff die Augen zusammen. In ihrem Kopf rief sie die Zeilen aus dem alten Buch wach, das sie in Taladur so oft bei Kerzenschein studiert hatte. Die Pergamentseiten waren brüchig gewesen, und die Tusche der Zeichnungen fast verblasst, aber die Beschreibungen des Yaquirdar hatten sich in ihr Gedächtnis gebrannt. „Ein Rücken wie geschmiedetes Silber, der die Fluten teilt“, hatte dort gestanden. Sie suchte das Wasser ab – nicht mit der Hoffnung einer Träumerin, sondern mit der Präzision einer Handwerkerin, die ein Werkstück prüft. Der Fluss war viel gewaltiger, als die Skizzen in dem Buch es vermuten ließen. Das Wasser war nicht einfach nur eine Fläche; es war ein Kraftquell, unnachgiebig und stetig, genau wie das Element, das sie täglich in der Esse bezwang.

„Wir werden ja sehen, was von deinen Zeilen übrig bleibt, wenn man dich erst einmal vor Augen hat“, brummte sie leise in Richtung des Flusses, als würde sie das Wesen aus dem Buch direkt herausfordern. Sie rückte den Gurt ihrer Tasche zurecht. Die Kühle, die vom Wasser aufstieg, tat gut nach dem staubigen Marsch. Der Yaquir war nun zum Greifen nah, und mit ihm die Chance, die Theorie der Bücher gegen die harte Realität des Ambosses einzutauschen.

Beppo hörte Ingra leise murmeln und sah den etwas angespannten Ausdruck der Schmiedin. Der Fluss war mächtig und breit. Wie sollten sie die Flussdelfine darin überhaupt finden..? Ein Stück des Weges Richtung Ragath sah er ein weißes Fachwerkhaus nahe am Wasser gebaut, von alten Trauerweiden halb verborgen. “Wollen wir dort fragen gehen, Meisterin?”

Ingrimiane nickte knapp, und Beppo lief voraus. Das Haus wirkte klein, und seine altehrwürdige Struktur strahlte Geborgenheit aus. Die Fachwerkbalken, vom Wetter und der Feuchtigkeit des Flusses gegerbt, waren von Moos und zartem Efeu durchzogen, doch das Mauerwerk dazwischen war frisch und strahlend weiß gekalkt. Hinter jedem Fenster lugten kleine Gegenstände hervor: ein Bienenstock aus geflochtenem Gras, geschnitzte Spielzeugtiere, leicht mit Staub bedeckt, mit Ölen und Pflanzenteilen gefüllte Glasgefäße.

An den Rändern des Grundstücks wuchsen Kräuter und Blumen wild durcheinander, Giersch und Windröschen und blühendes Lungenkraut.

Beppo klopfte vorsichtig, und eine ruhige Stimme rief aus dem Inneren: „Herein, wer einen Namen hat.“ Sie leisteten der Einladung Folge und traten in den warmen Hauptraum des Häuschens, in dem es nach Bienenwachs duftete, und nach Holz. An einem großen Tisch in der Raummitte stand die Bewohnerin; sie war dabei einen weiteren Bienenkorb aus langen Schilfblättern zu flechten. Die Frau wirkte etwas älter als die Schmiedin, die Haare sonnengebleicht, und sie sah ihnen mit freundlichem Funkeln entgegen. “Die Zwölfe zum Gruße, ihr seid im Hause von Frau Heller. Hier, um Honig zu kaufen?”

Ingrimiane trat über die Schwelle. Der Duft von Wachs und getrockneten Kräutern erinnerte sie flüchtig an die Vorratskammern in Angbar, doch die Leichtigkeit dieses Hauses war ihr fremd. Sie blieb im Eingangsbereich stehen, die Beine breit aufgestellt, als müsse sie auch auf diesem Dielenboden den festen Stand eines Ambosses bewahren. Ihre Augen wanderten prüfend über die Glasgefäße und die kunstfertig geflochtenen Körbe. „Die Zwölfe zum Gruße“, entgegnete sie mit ihrer tiefen, etwas rauen Stimme und neigte knapp den Kopf. Ihr Blick blieb an den flinken Fingern der Frau hängen, die das Schilf bearbeiteten. Handwerk erkannte sie sofort, egal in welcher Form.

Sie trat einen Schritt näher an den Tisch, wobei ihre schweren Stiefel dumpf auf dem Holz aufsetzten. Das freundliche Funkeln der Gastgeberin quittierte sie mit einem kurzen, fast unmerklichen Nicken. „Euren Honig behaltet für die Schleckermäuler in der Stadt, Frau Heller“, sagte sie, nicht unhöflich, aber direkt, wie es ihre Art war. „Wir sind nicht wegen der Süße gekommen. Ich suche nach dem Yaquirdar. In einem alten Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe, stand geschrieben, dass diese Wesen im Yaquir leben. Aber die Zeilen schwiegen sich darüber aus, an welchen Stellen man suchen muss.“ Sie legte ihre schwielige Hand auf den schweren Ledergurt ihrer Tasche. „Man sagt, das Wasser habe Ohren und die Leute am Ufer Augen für das, was unter der Oberfläche glänzt. Habt Ihr – oder vielleicht jemand, der bei Euch einkehrt – jemals von den silbernen Rücken gehört? Wisst Ihr, wo der Yaquir tief genug ist, dass ein solches Wesen sich dort verbergen könnte?“

Frau Heller legte den Kopf tadelnd schief bei Ingrimianes knappen Antworten. „Ein wenig Süße hat noch keinem geschadet“, sagte sie dann gelassen „Und Travia sieht es gern, wenn man Gäste nicht hungrig wieder auf den Weg schickt. Der Yaquirdar zieht seit zwanzig Jahren seine Runden, der schwimmt Euch so schnell nicht davon.“

Damit hatte sie sich offenbar entschieden. Die Imkerin öffnete eine Flügeltür, die zum Fluss hinausging, und ein Streifen warmer Mittagssonne fiel in den Raum. Draussen lag eine kleine Terrasse aus alten, teergeschwärzten Bohlen, auf der ein schmaler Tisch und eine Bank standen. Ein Wiesenstück, blühende Aprikosenbäume und Kopfweiden, in deren Kronen hunderte Bienen summten. Dahinter der gemächlich strömende Yaquir.

„Setzt Euch“, sagte Frau Heller. „Ich hol nur schnell etwas.“ Beppo setzte sich sofort.

Wenig später kam Frau Heller mit einem bemalten Steingutteller zurück, auf dem kleine, glänzende Honigkuchen lagen. Daneben stellte sie einen Krug mit Ziegenmilch. Sie musterte ihre Besucher zufrieden, aber auch neugierig. „Lasst es euch schmecken. Euer Enkel sieht aus, als wäre er weit gelaufen.“

Ingrimiane spürte, wie ihr bei der Bezeichnung „Enkel“ kurz der Kiefer mahlte. Sie war eine Frau in den besten Jahren, gestählt durch das Feuer der Esse, und auch wenn ihre Statur stämmig und ihr Gang schwer war, so war sie doch unverkennbar ein Mensch. Es war wohl die hiesige Sonne und die Leichtigkeit der Flussbewohner, die den Blick für die harten Kanten einer Frau trübte, die ihr Handwerk bei einem Kind Angroschs gelernt hatte.

Sie setzte sich auf die Bank, die unter ihrem Gewicht und der schweren Werkzeugtasche vernehmlich knarrte. Die Idylle hier – die blühenden Aprikosenbäume und das friedliche Summen – war ihr fast suspekt. Es war ein krasser Gegensatz zu dem Ruß und dem harten Stein von Taladur, und erst recht zu den tiefen, kühlen Hallen, in denen ihr Ziehvater sie gelehrt hatte, den Stahl zu brechen. Doch die Terrasse aus teergeschwärzten Bohlen gefiel ihr; das war ehrliches Material, das dem Yaquir trotzte.

„Er ist mein Lehrling, Frau Heller. Nicht mein Enkel“, korrigierte sie mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme, während sie einen der Honigkuchen mit ihren schwieligen Fingern aufnahm. Sie betrachtete das Gebäck kurz, als prüfe sie die Konsistenz eines Werkstücks, bevor sie hineinbiss. Die Süße war ungewohnt, fast zu viel für jemanden, der meist nur kräftiges Brot und Eintopf gewohnt war.

„Ach so.“ Frau Heller nickte beifällig, als sei das eine ebenso gute Erklärung. „Dann habt Ihr wenigstens jemanden, der Euch später die schweren Sachen tragen kann. Meine Kinder sind schon lange ausgeflogen.“

“Ich trage jetzt schon ziemlich schwere Sachen", meinte der Junge sofort, legte seinen halb gegessenen Honigkuchen an der Tischkante ab und hob wie zum Beweis den Sack mit dem Schmiedewerkzeug. “So ist es recht”, strahlte ihn die Gastgeberin aufmunternd an. “Unsere Götter lächeln über den Emsigen.”

„Ihr sagt, der Yaquirdar zieht seit zwanzig Jahren seine Runden“, begann Ingrimiane wieder und wandte den Blick dem glitzernden Yaquir zu. Das Wasser gab hier am Ufer ein ständiges, geschwätziges Glucksen von sich. „In dem Buch, das ich in den Händen hielt, klang es, als wäre das Wesen schon ewig Teil des Flusses. Wenn es dasselbe Tier ist, muss es zäh wie alter Stahl sein oder... es gibt eine ganze Sippe von ihnen.“ Sie trank einen Schluck von der Ziegenmilch, wobei sie den Becher mit festem Griff hielt, und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. „Habt Ihr ihn selbst gesehen? Ich meine, wirklich gesehen, nicht nur als fernen Schimmer?“, fragte sie fordernd. „Man schreibt ihm eine Haut zu, die wie Silberplatten gefügt ist. Ich muss wissen, ob das Licht nur auf den Wellen tanzt oder ob da draußen etwas schwimmt, dessen Körper mir zeigen kann, wie man wahre Flexibilität mit härtester Panzerung verbindet.“

“Der Fluss und meine Bienen, beide wissen besser als ich, wohin sie wollen. Ihr habt Euch offenbar auch ein Ziel gefasst. Denkt nur daran, wer ständig am Stock rüttelt, bekommt selten guten Honig.“ Frau Hellers Blick lag einen Augenblick sinnend auf der Schmiedin. “Euren Yaquirdar habe ich selbst nicht gesehen, nein. Aber wendet euch eine halbe Meile flußabwärts, dort wo jenseitig die Sandbänke beginnen. Dort liegt eine Schiffsmühle vertäut. Der Müller hat mir oft von jenem Tier erzählt.” Heiterkeit huschte nun über das Gesicht der alten Imkerin „Eine Schmiedin, die nach Flusstieren sucht...Euch ist das Feuer allein wohl langweilig geworden.”

Ingrimiane quittierte die Bemerkung über die Langeweile mit einem tiefen, grollenden Lachen, das eher wie ein kurzes Gewitter klang als wie echte Heiterkeit. Sie griff nach ihrer Werkzeugtasche, und das vertraute Metallgeklapper darin schien ihre Worte zu unterstreichen. Doch anstatt Beppo sofort aufzuscheuchen, blieb sie noch einen Moment stehen und sah ihm dabei zu, wie er den Honigkuchen vertilgte. „Das Feuer lügt nie, Frau Heller, aber es zeigt einem auch nur das, was man hineinwirft“, entgegnete sie und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen einen der hölzernen Pfosten der Terrasse. „Um ein Werkstück zu schaffen, das Generationen überdauert, muss man manchmal über den Rand des Schmelztiegels schauen. Wenn der Yaquirdar mir zeigen kann, wie man Härte und Bewegung vereint, dann ist er mehr wert als jeder Barren Gold.“

„Das Feuer zeigt nur, was man hineinwirft?” sann Frau Heller “Das gibt sicher viel Kontrolle. Meine eigene Kunst ist ja anders. Freilich, ich kann entscheiden: stelle ich den Stock an den Waldrand oder zu den Praiosblumenfeldern. Aber jedes Jahr blüht anders. Jedes Bienenvolk hat sein eigenes Wesen…seine eigene Seele, möchte ich fast sagen. Man stellt die Körbe auf, man wartet, aber die Honigernte ist wie das Leben, man weiß nicht vorab, was man bekommen wird. Euer Schmiedefeuer klingt vorhersehbarer, das ist sicher nicht schlecht.” Sie lachte leise “Mir persönlich liegt das sanfte Summen mehr als das harte Hämmern. Aber auch ich kann manchmal Nägel und Krampen gebrauchen. Das ist schon gut so.”

Ingrimiane sah zu Beppo hinunter, dessen Beine nach dem langen Marsch sicher noch schwer waren. Ein kurzer Blick auf seine Haltung genügte ihr; er brauchte diese Rast mehr als sie. Ingrimiane setzte sich nicht wieder, aber sie nahm die Spannung aus ihren Schultern und ließ ihm die Zeit. „Iss auf, Junge“, brummte sie, diesmal mit einem Anflug von Milde in der tiefen Stimme. „Und trink die Milch aus. Wir haben eine halbe Meile vor uns, wenn wir aufbrechen. Und ich will nicht, dass du auf halbem Weg zur Schiffsmühle schlappmachst, nur weil dein Magen knurrt.“

Sie blieb ruhig stehen, den Blick auf den gemächlich dahinziehenden Yaquir gerichtet, und wartete geduldig, bis Beppo sichtlich neue Kraft geschöpft hatte. In ihrem Kopf ordnete sie bereits die Informationen: Eine Schiffsmühle bedeutete Mechanik, Wasserräder und ständige Reibung – sie war gespannt, was ein Müller über ein Wesen zu sagen hatte, das sich gegen eben jene Strömung stemmte, die seine Räder antrieb. Ihr Lehrling ließ sich Gebäck und Milch sichtlich schmecken, und genoß die Sonnenwärme im bienenumsummten Garten. Nachdem er aufgegessen hatte packte er sich zusammen.

“Bevor du gehst, sollst du mir etwas versprechen” sagte die Imkerin zu Beppo, als dieser vom Tisch aufgestanden war. Ihre Stimme klang milde und bestimmt. “Wenn du eine Biene in Not siehst, hinter Fensterglas gefangen, oder in die Regentonne gefallen, versprich ihr zu helfen. Möchtest du das für mich tun?” Der Lehrling sicherte es ihr zu.

“Das ist gut. Dann bekommst du noch etwas.” Frau Heller griff in die Schürzentasche und gab dem Jungen in Wachspapier gewickelte Honigbonbons. “Für den Weg. Eine Handvoll Heller Freude. Weil ich ja Frau Heller bin.” Die alte Imkerin hatte diesen Scherz sicher schon hunderte Male gemacht, doch ihr schmaler Rücken schüttelte sich vor Lachen. Beppo lächelte breit – über das kleine Geschenk, aber auch, weil Frau Hellers Lachen etwas Ansteckendes hatte.

Ingrimiane neigte den Kopf zu Frau Heller, eine Geste, die trotz ihrer schroffen Art tiefe Anerkennung ausdrückte. „Habt Dank für die Bewirtung. Es ist selten, dass man am Wegesrand so viel Verstand und so gute Kost findet. Mögen Eure Bienen immer den Weg zurück zum Stock finden.“

“Ein guter Wunsch, danke. Auch Eure Wege mögen sicher sein, und Ihr mit reicher Ernte heimkommen” wünschte die Imkerin, bevor sie in ihr Haus und an ihre Arbeit zurückkehrte. Hinter ihnen schloss sich die Flügeltür, und das Summen der Bienen mischte sich wieder mit dem ruhigen Murmeln des Flusses.