Archiv:1045 EFF 13 Brief Signora Daria an Signora Ricarda
Castillo Chellara, am 13. Tag des Efferdmondes im 1045ten Jahre nach dem Fall der Hunderttürmigen
Daria ya Cantarra, Esq., grüßt ihre liebe Tochter Ricarda ya Cantarra im fernen Sewamund. Möge der Herr PRAIOS alle Tage Sein Licht über Dir und den Deinen leuchten lassen und jeden, der Dir Böses will, durch seinen Bannstrahl blenden.
Wie hat doch mein mütterliches Herz in der Brust vor Freude gehüpft, da der Hüter der Brieftauben des Schlosses Chellara mir ein Brieflein, von Deiner Hand verfasst, dargebracht hat! Es ist mir eine Ehre und Pflicht gleichermaßen, Dir, meiner Tochter, Antwort zu geben, auf dass die geistige Einheit vereine, was Raum und Zeit getrennt halten.
Wisse und erinnere Dich stets, dass wir all unsere Gaben von den ZWÖlfen haben. Was Deinen Vetter Romualdo anbelangt, so ist unstrittig, dass er manches Mal über das Ziel hinausgeschossen ist. Doch vereinte er sein stürmischen Wesen, das er wenn nicht von der Herrin RONdra, so doch von ihrem Sohne KOR hatte, mit einer unerschütterlichen Treue zur Familie, die er von der Herrin TRAVia hatte, und dem Pflichtbewusstsein, seinen – unseren! – Besitz, das liebliche Carindôr in unserer Hand zu halten. Seine Handlungen, so unbedacht sie zuweilen erschienen, entsprangen stets einem festen Willen, den Namen ya Cantarra zu verteidigen und die Ehre unseres Hauses zu wahren. Diesen Willen hatte er vom Herrn PRAios erhalten. Die wahre Schuld an den Bedrängnissen, die unser Haus erlitten hat, liegt nicht bei ihm, sondern bei den schändlichen Intrigen der treulosen Casa della Trezzi. Möge der iudex alveranis omnividens ihr ruchloses Tun richten und für Gerechtigkeit sorgen. Vergiss das niemals.
Was mein Tun und Schaffen betrifft, so ist meine Last in diesen Tagen schwerer denn je. Wie ich Dir bereits schrieb, zeigt mein Herr, Seine Hochgeboren Baron León VI. Dhachmani de Vivar, bedauerlicherweise nur wenig Begeisterung für die praiosgefällige ars regimentis und ist nur selten auf seinen Latifundien im Taubental anzutreffen. Vielmehr zieht es ihn auf weite Reisen, auf denen er sich nicht allein durch die Höfe Almadas, sondern bisweilen gar in fernere Gefilde begibt. Währenddessen bleiben all die Mühen des Alltags an mir haften: die sorgsame Prüfung der Abgabenlisten, die Instandhaltung der Brücken und Wege in diesem den Launen EFFerds und RONdras ausgesetzten Stückchen Dere, die Aufsicht über die Heuernte – kurzum, all das, was einen Herrensitz in Ehren und Wohlstand zu halten vermag. Ich will nicht klagen, doch hätte ich mir bisweilen gewünscht, dass mein Herr mit mehr Hingabe über sein Erbe wacht. So jedoch lastet die gesamte Administration des Taubentals in meinen Händen, und ich bin mir bewusst, dass die Erfüllung meiner Pflichten, so umfangreich sie auch sind, nicht nur vor Seiner Hochgeboren, sondern auch vor dem Herrn PRAios Bestand haben muss.
Zu meiner noch schwereren Sorge trägt bei, dass Seine Hochgeboren nunmehr seit einem Jahr verschollen ist. Einst, im Rahjamond des Götterlaufes 1043, ritt er rahjawärts ins Taladurer Umland, mit dem Ziel, das Selkethal zu erreichen, in welchem er an einem Pferdewettlauf, welches ein Zeitvertreib des hiesigen Adels ist, teilnehmen wollte. Lediglich seine Hofkaplanin, eine Priesterin RAHjens, die in liederlicher Manier selbst in diesem Gebirge stets mit geschürzten Röcken und auf nacktem Fuße unterwegs ist, und einige Gefolgsleute, kehrten auf das Schloss Chellara zurück. Seine Hochgeboren und sein persönlicher Knecht, ein Wüstensohn namens Sadiq ben Omar, seien am letzten Abend des Wettlaufs spurlos verschwunden!
Kannst Du Dir mein Entsetzen vorstellen, als ich das vernahm? Seine Hochgeboren ist zwar mehr den Tugenden RAHjens als denen TRAviens zugetan und ich habe auch noch nie wahrgenommen, wie er das Wort an den Herrn PRAios gerichtet hat – wie ich es selbst täglich verrichte und auch Dich gelehrt habe. Aber er hat mich, um der verwandtschaftlichen Bande willen, die unser Haus und das Haus Vivar seit 80 Jahren verknüpfen, um seiner Liebe zu Deinem Vetter Balafûr – der Hl. Horas führe ihn vor PRAios‘ Richterstuhl! – willen, und um seiner Großmut willen in meiner niedrigsten und dunkelsten Stunde fraglos in seinem Hause aufgenommen. Dafür werde ich ihm Zeit meines derischen Lebens treu und dankbar sein. Und mit Sadiq ben Omar, jenem weisen Wüstensohn, verband mich, obwohl er ein ketzerischer Heide ist, ein Band der Freundschaft – war es doch ihm zu verdanken, dass meine Schwester Morena und ihre Base Juana de Vivar von ihrer verhängnisvollen Expedition in die khômische Wüste mit dem Leben zurückkehrten – auch dies war die Schuld der della Trezzi, deren Stunde kommen wird!
Zwar trauert jedermann hier auf dem Schloss Chellara dem „geliebten Dom“ (so nennen die Almadaner ihre Signori) nach, doch keinem dieser Stumpfköpfe scheint es einzufallen, Nachforschungen anzustellen. Die Kaplanin hat sich seit diesem unglückseligen Vorfall ins „Gebet“ – wenn man die wirbelnden und schamlosen Tänze der Catalinenser so bezeichnen mag - zurückgezogen und auch aus den Reitern Seiner Hochgeboren war nichts Vernünftiges herauszubringen. Immerhin hat Ihre Hochwohlgeboren, die Gräfin, mir geschrieben, dass sie einige ihrer Gefolgsleute auf die Suche nach ihrem Gemahl geschickt habe. Ich selbst halte hier die Stellung, so gut ich es vermag, ohne einen Herrn, an dessen Weisung ich mich halten könnte. Allein das Vertrauen in die Götter stärkt mich und gibt mir Kraft, die Verantwortung in diesen unsicheren Zeiten zu tragen.
Zuletzt komme ich zu Deiner Bitte um eine ehrenhafte Ausbildung für Morena und Tharinda: Es erfreut mein Herz, von der Tatkraft und Entschlossenheit Deiner Töchter zu hören, und es ist mir ein heiliges Anliegen, sie in ihrem Wege zu unterstützen. Der zweifellos beste Weg wäre es, Seine Hochgeboren selbst als Fürsprecher zu gewinnen, um Deinen Mädchen den Pagendienst am Hofe seiner hochwohlgeborenen Gemahlin, der Gräfin von der Südpforte, zu Dâl zu ermöglichen. Ihre Hochwohlgeboren Gerone vom Berg ist eine rondragefällige Kriegerin und tatkräftige Staatslenkerin, obendrein Cronrätin des almdanischen Fürstin, so dass ich zuversichtlich bin, dass du den beiden Kindern an ihrem Hofe eine Erziehung unter den besten Lehrmeistern und im Schatten großer Herrschaften angedeihen können ließest. Angesichts des langen Verschwindens Seiner Hochgeboren bleibt dies ein schwieriges Unterfangen.
Dennoch versichere ich Dir, meine geliebte Tochter, mein Bestreben und mein Gebet, dass Deine Mädchen in Almada ihren Stand festigen mögen, um schließlich als große Cavalliere mit ihren Rössern die della Trezzi in den Staub zu trampeln und so das Vermächtnis unseres Hauses ehrenvoll fortzuführen. Mögen RONdra und PRAios über diesen Plan wachen und uns den rechten Weg weisen.
Mors trezzi certa, hora incerta!
Deine Mutter Daria ya Cantarra-Brief der Esquiria Daria ya Cantarra an die Cavalliera Ricarda ya Cantarra, 13. Efferd 1045 BF