Chronik.Ereignis1047 Unter Krähen 01
Szenen einer Ehe, Boron 1047 BF
Autor: CuervoOscuro
Castillo Valdecorneja, Boron 1047 BF
"Au!", zischte Caneya und leckte sich dann jenen Tropfen Blut von der Fingerspitze, den der Stich der Nadel hinterließ. Die junge Adelsdame hatte es sich in der Nähe des Kamins gemütlich gemacht und vertrieb sich den dunklen, feuchten und nebelverhangenen Tag mit einer Stickarbeit. Dass sie sich dabei für gewöhnlich nicht allzu geschickt anstellte, war ein offenes Geheimnis, doch schaffte sie es normalerweise dennoch zu vermeiden, sich bei dieser Art des Zeitvertreibs selbst zu verletzen.
Dass dies gegenwärtig nicht der Fall war, lag unter anderem an einem äußeren Umstand. Wieder knallten die Absätze schwerer Stiefel auf dem Holzboden vor Caneya, als ihr Ehemann Caldimero - nun bereits zum gefühlten hunderten Mal - an ihr vorbei lief. Hin zum Fenster der gemeinsamen Gemächer ... und wieder zurück zu seinem Schreibpult. Wieder und wieder. Dabei legte der Mundillo des Junkerguts Valdecorneja eine Unruhe an den Tag, die sich langsam aber sicher auch auf Caneyas Gemüt schlug.
Schwer seufzend legte sie ihre Handarbeit beiseite und ihre Augen suchten zornig funkelnd jene ihres Mannes, der sich ihrer Aufmerksamkeit - gekonnt wie immer - entzog. "Was tust du?, fragte sie, nachdem der Caballero ein weiteres Mal an ihr vorbei stapfte.
Sichtlich aus brütenden Gedanken gerissen war ein verstörter Blick alles, was Caldimero seiner Frau entgegnete. Wie es Caneya schien, hatte er ihre Anwesenheit bis gerade gar nicht registriert.
"Ich ... überlege ...", kam es dem Caballero dann immer noch sehr zögerlich über die Lippen.
Eine Reaktion, die Caneya mit ihren Augen rollen ließ. "Das dachte ich mir bereits. Und würde mich mein Göttergatte auch an seinen Gedanken teilhaben lassen?" Ihre Augenbrauen wanderten nach oben. "Oder wird er mich ... wie immer ... darüber im Dunkeln lassen?"
Caldimero schien auf diese Spitze entweder nicht einzugehen, oder er hatte sie schlicht und einfach nicht verstanden. "Es geht um ... meinen ... Bruder." Der Mundillo der Valdecornejas verzog einen Mundwinkel. "Seit er wieder da ist ... ist ..."
"Jaaaa?", fragte Caneya lauernd.
"Seit er wieder da ist ...", fasste sich Caldimero nur sehr langsam, "... ist es nicht mehr so wie früher. Er nimmt Mutter in Beschlag, geht mit Vater auf die Jagd und auch sonst scheint sich alles ... um ihn zu drehen."
Das war es also? Caneya hätte ihren Mann aufgrund der gezeigten Eifersucht am Liebsten ausgelacht. "Er war wie lange nicht zuhause?", antwortete die Adelsdame stattdessen mit einer Gegenfrage. "Vier Götterläufe? Oder waren es fünf? Und davor war er zwölf Götterläufe in Knappschaft." Sie hob ihre Schultern. "Vielleicht wollen deine Eltern einfach ein bisschen Zeit mit ihm verbringen ... nach den langen Jahren der Abwesenheit ist der verlorene Sohn heimgekehrt ... wäre ja verständlich."
Worte, auf die hin Caldimero lediglich ein verächtliches Schnauben ausstieß. "Verlorene Sohn ... jaja", er seufzte. "Was auch immer, er selbst hatte Mutter ja gesagt, dass er glaubt Corvara hätte ihn gerufen."
"Die silberne Krähe?", Caneya zog skeptisch ihre Stirn kraus. Sie kannte natürlich die hiesige Sage, die von der Familia de Valdecorneja gerne als ihre Gründungsgeschichte verstanden wird. "Wie kommt er denn darauf?"
"Er sprach eben von einer silbernen Krähe, die ihm erscheint ... und auch von einer Frau ...", Caldimero verfiel für einige Herzschläge lang in ein Grübeln. "Dass er dem Tod in Mhanadistan von der Schippe gesprungen ist und er auch meint, von ihr ... gerettet worden zu sein."
"Eine Frau?", wurde Caneya hellhörig. "Hat er etwa eine Geliebte?"
Abermals schnaubte Caldimero verächtlich, empfand er es doch als enttäuschend, dass seine Frau diese auf Klatsch abzielende Frage stellte. "Ach, was weiß ich. Ich hoffe er findet bald ein Eheweib. In Weiden ... oder besser noch ... in Thorwal ... je weiter weg desto besser, damit er die Burg wieder verlässt und nicht mehr zurück kommt. Es ging lange Götterläufe ohne ihn, es wird auch weiterhin ohne ihn gehen." Innerlich dachte der Caballero daran, seine Mutter dahingehend zu sensibilisieren, Rondraldo eine Frau zu suchen.
"So solltest du nicht über deinen Bruder reden", ermahnte ihn Caneya tadelnd. "Aber findest du es nicht interessant?"
"Was soll ich daran interessant finden?"
"Dass er nach all den Jahren fern der Heimat mit genau einer solchen Begründung wieder nach Hause kommt", führte die Adelsdame aus. "Was wenn da was dran ist?"
"Unsinn!", begehrte Caldimero auf.
"Ich meine ja nur", tat Caneya den Protest ihres Mannes ruhig ab. "Die Geschichte ist ein bisschen zu weit hergeholt, um sie als valide Basis einer Lüge zu nutzen." Im Gegensatz zu Caldimero schien ihre Neugier geweckt zu sein. "Ich werde dem nachgehen."
Worte auf die hin abermals ein Schnauben, doch keine Antwort mehr folgen sollte. Mit dem Redefluss des Mundillos erstarb dann auch das Gespräch der beiden Eheleute, das sich eher unerwartet entsponnen hatte. Und mit einem Mal war da nur noch der hektische Ton von knallenden Absätzen auf dem hölzernen Boden der Gemächer im Wohnturm des Castillo Valdecorneja.
-Fin-
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