Chronik.Ereignis1047 Wildnis 02: Unterschied zwischen den Versionen

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"Ja, richtig!", stimmte Emilio zu, schien aber nicht ganz bei der Sache. Er griff jetzt nach Bandagen und Salbentiegel und konzentrierte sich darauf, die am stärksten malträtierten Stellen zu versorgen. Dabei blieb einige Weile nur die gedämpfte Ruhe des Zeltes.  
"Ja, richtig!", stimmte Emilio zu, schien aber nicht ganz bei der Sache. Er griff jetzt nach Bandagen und Salbentiegel und konzentrierte sich darauf, die am stärksten malträtierten Stellen zu versorgen. Dabei blieb einige Weile nur die gedämpfte Ruhe des Zeltes.  


"Danke, dass ich an Euch üben kann." meinte er dann halblaut. "Das ist etwas, das mir wichtig ist. Heilkunde lernen und... vorbereitet sein." Er schien nun mehr zu sich selbst zu reden, als zu dem Verletzten vor sich. "Schlimme Dinge passieren, das kann man nicht ändern. Aber ich möchte in solchen Situationen etwas tun können. Hauptsache, man kann etwas tun. Nicht [[https://wiki.punin.de/Chronik.Ereignis1047_Von_Spinnennetzen_und_Sternen_02|hilflos daneben stehen]]." Einen langen Atemzug verharrten Emilios Hände unbeweglich auf Cuernos Rücken. Dann straffte er sich, und fuhr mit der Behandlung fort. Seine Bewegung hatte in dem Moment jedoch nicht mehr die Routine eines Heilers. Er berührte Cuerno eher, als würde er sich an dessen warmem Körper zurücktasten in den Augenblick hier, jetzt. Ein Leitseil in einer Strömung. Schließlich schüttelte Emilio die Schultern, unausgesprochenes Bedauern im Blick dafür, abgelenkt gewesen zu sein. "Wie ist es bei Euch, Dom Cuerno? Welche Wirkung möchtet Ihr in der Welt haben? Oder geht es überhaupt um andere Dinge?"  
"Danke, dass ich an Euch üben kann." meinte er dann halblaut. "Das ist etwas, das mir wichtig ist. Heilkunde lernen und... vorbereitet sein." Er schien nun mehr zu sich selbst zu reden, als zu dem Verletzten vor sich. "Schlimme Dinge passieren, das kann man nicht ändern. Aber ich möchte in solchen Situationen etwas tun können. Hauptsache, man kann etwas tun. Nicht [[Chronik.Ereignis1047_Von_Spinnennetzen_und_Sternen_02|hilflos daneben stehen]]." Einen langen Atemzug verharrten Emilios Hände unbeweglich auf Cuernos Rücken. Dann straffte er sich, und fuhr mit der Behandlung fort. Seine Bewegung hatte in dem Moment jedoch nicht mehr die Routine eines Heilers. Er berührte Cuerno eher, als würde er sich an dessen warmem Körper zurücktasten in den Augenblick hier, jetzt. Ein Leitseil in einer Strömung. Schließlich schüttelte Emilio die Schultern, unausgesprochenes Bedauern im Blick dafür, abgelenkt gewesen zu sein. "Wie ist es bei Euch, Dom Cuerno? Welche Wirkung möchtet Ihr in der Welt haben? Oder geht es überhaupt um andere Dinge?"  


Der Caballero nahm die feinen Veränderungen trotz Schmerzen wahr, er war ein Mensch, der die Welt aufsog in all ihren Facetten. Dann dachte er nach: “Zunächst, Dom Emilio, auch wenn ich durchaus skeptisch gegenüber manchem hier bin, so lässt es mich doch Dinge sehen und erleben, die ich so noch nie gelebt habe und das ist gut. Dass ich - Eurer Meinung nach - dies sogar gut mache, ehrt mich. - Außerdem, etwas tun kann man immer, nein, man kann eigentlich nicht Nichts tun. Denn selbst das lässt die Welt nicht aufhören, ihren Gang zu gehen. Also grämt Euch nicht, lebt den Moment, so tue ich es auf jeden Fall.”  
Der Caballero nahm die feinen Veränderungen trotz Schmerzen wahr, er war ein Mensch, der die Welt aufsog in all ihren Facetten. Dann dachte er nach: “Zunächst, Dom Emilio, auch wenn ich durchaus skeptisch gegenüber manchem hier bin, so lässt es mich doch Dinge sehen und erleben, die ich so noch nie gelebt habe und das ist gut. Dass ich - Eurer Meinung nach - dies sogar gut mache, ehrt mich. - Außerdem, etwas tun kann man immer, nein, man kann eigentlich nicht Nichts tun. Denn selbst das lässt die Welt nicht aufhören, ihren Gang zu gehen. Also grämt Euch nicht, lebt den Moment, so tue ich es auf jeden Fall.”  

Version vom 4. Juni 2026, 17:19 Uhr

Transbosquirien, Efferd 1047 BF

Autoren: Jan, Amrit

Caballero Cuerno humpelte sichtlich mitgenommen aber seltsam glücklich zu den Seinen um Emilio. Sein Gesicht zeigte ein grimmes Lächeln zwischen Schmerz und zerknirschter Zufriedenheit. “Den letzten hätte ich verhindern können…”, rief er leicht gequält in Richtung Emilio, welcher das kaum vernehmen konnte, da es um ihn herum sehr laut war.

Der machte eine beschwichtigende Handbewegung, dann legte er leicht den Arm um Cuerno in etwas, das halb Umarmung war, halb ein weg Geleiten. “Unsere Gastgeber werden sich jetzt auf die Feier vorbereiten. Lasst Ihr Euch inzwischen einmal medizinisch versorgen?” bemühte er sich, den Trubel zu übertönen.

“Für diese Feier hab ich das doch überhaupt alles gemacht, so wie Ihr davon geschwärmt habt. Wenn mein Körper danach genauso schmerzt wie jetzt, dann wird es entweder wirklich sehr gut oder ich bin Eurem Gerede von den Edlen Wilden auf den Leim gegangen. Hahaha.”, Cuerno krümmte sich etwas, setzte dann aber wieder sein bekanntes ‘Ich nehm das Leben wie es kommt’-Lächeln auf. “Wie genau habt Ihr mich zu diesem Wahnsinn nochmal überredet bekommen? Das könnt Ihr mir ja nochmal haarklein erzählen, während Ihr mich versorgt, das seid Ihr mir ohnehin schuldig. Was für eine Reise…mit Euch wird es auch nie langweilig.”

Wirkt richtig euphorisch, dachte Emilio lächelnd. Während er den Caballero in Richtung der almadanischen Zelte begleitete, antwortete er: "Das freut mich. Freut mich ehrlich. Geht mir bei Euch genauso. Wie ich Euch überredet habe, hm?" Er warf Cuerno einen foppenden Seitenblick zu. "Das könnte ich natürlich erklären, aber dann funktioniert es vielleicht nächstes Mal nicht mehr so gut." In Wirklichkeit war Emilio selbst eher überrascht gewesen, dass der Castari seiner Einladung gefolgt war. Die Zusage deutete Emilio also als Zeichen, dass Cuerno ihn wohl aus den Zusammentreffen in Omlad vor drei Monaten in guter Erinnerung behalten hatte. Er lächelte warm: "Aber ja, ich bin Euch jetzt einiges schuldig."

“Gut, dann fangen wir doch damit an, dass Ihr mir diese blutigen Striemen versorgt, meinen Finger wieder richtet und meinen verdammten Steiß kühlt.”, humpelnd stützte er sich auf Emilio und genoss dessen Nähe. “Achja, mit dem Fuß ist auch irgendwas. Hahaha. - Aber mal ehrlich, als mich Euer Brief in Tyras erreichte und Ihr von einer Expedition schriebt, hatte ich nicht damit gerechnet, mich alsbald in einem Wettkampf mit wilden Ferkinahorden zu befinden, ihre widerlich-leckere Milch zu trinken und mit ihnen Seite an Seite auf einer Feier zu sitzen. Was kommt als nächstes?”

"Eines nach dem anderen", meinte Emilio ruhig. "Jetzt ist ja mal einiges zu tun, nach dem was Ihr beschreibt."

Sie waren inzwischen angelangt. Die Zelte der Almadaner standen etwas abseits des Ferkinalagers unter hochgewachsenen Pinien, deren Kronen den größten Teil des Nachmittagslichtes brachen, so dass nur Lichtflecken leise schwankend auf dem Leinen der Zeltwände lagen. Der Lärm der beginnenden Feierlichkeiten drang gedämpft hierher — fernes Johlen, Lachen, vereinzelte Rufe und Wiehern. Dazwischen das leise Knarren von Seilen im Wind. Zu Fuß eines Baumes lungerten zwei zur Lagerwache eingeteilte Söldner, denen Emilio kurz Bescheid gab, sie könnten eine gute Stunde Pause machen, er wäre für die nächste Zeit im Quartier.

Unter dem Zeltdach war die Luft merklich kühler. Es roch nach trockenem Gras und Föhrenharz, darüber legte sich der Geruch nach Pferden, Schweiß und Blut, den Cuerno hereinbrachte. Die Einrichtung des Zeltes wirkte nüchtern. Auf einer niedrigen Reisekiste lagen zusammengerollte Landkarten, mehrere in Leder gebundene Notizbücher, Schreibzeug und Tabellen zu Handelsgütern. Daneben stapelten sich Geschenke und Warenproben: Gefärbte Bauschtuche, Wolle, Salz, Schmuckstücke. Dazu eine Sammlung an Gesteinsbrocken und Pflanzen der Gebirgsregion.

Das erste, was Emilio tat, war den Caballero davon abzuhalten, sich das Hemd über den Kopf zu ziehen. "Im Fall offener Wunden neigt der Stoff dazu, nach einiger Zeit daran zu kleben, man reißt sie unnötig wieder auf, wenn man nicht darauf achtet. Ich hoffe ja, das ist alles Schafsblut…aber habt Ihr irgendwo Schmerzen in dem Bereich?"

“Schade, dabei bin ich doch so gut im Aufreißen.”, witzelte der Caballero mit verkniffenem Gesicht, was ein lautes Auflachen des di Rueda zu Folge hatte, er verhielt sich aber wie geheissen. “Entschuldigt, die Vorlage war einfach zu schade um sie liegen zu lassen. - Ich nehme an, unser Blut teilt sich die Aufgabe zur Färbung meines Hemdes. Aber dieser Kadaver war wirklich noch sehr frisch. Aber was habe ich anderes erwartet. Achja, Schmerzen habe ich quasi überall, zumindest fast, das meiste ist verkraftbar. Also macht Euer Ding.”, Cuerno lächelte schelmisch.

“Wird gemacht.” Emilio lotste den Caballero zu einem niedrigen Feldstuhl nahe einer halboffenen Zeltbahn, auf den sich dieser vorsichtig und eher seitlich niederließ, sein Steiß schien wirklich etwas abbekommen zu haben. Sein Gegenüber nahm nun Arme und Oberkörper in Augenschein und träufelte an einige Stellen vorsichtig eine klare Flüssigkeit, die sich rasch in den Stoff sog. Dann tränkte er weiße Tücher in Wasser.

"Steißbein ist eine gemeine Stelle für Verletzungen." meinte Emilio mitfühlend. "Erlaubt Ihr?" Erst nach Cuernos Zustimmung ließ er die Hand den Rücken hinabgleiten, bis seine Finger den schmerzenden Knochenansatz fanden. Mit einer leisen Entschuldigung tastete er die Stelle vorsichtig ab, was dennoch eine Welle neuen Schmerzes durch Cuernos Körper schickte. "Nicht gebrochen, denke ich, einfach geprellt. Das sollte mit einem Heiltrank und etwas Ruhe wieder in Ordnung kommen." - “Schade - ich dachte schon, ich würde die nächste Zeit, auf dem Bauch liegend mit Trauben gefüttert werden.”, scherzte Cuerno erneut. Emilio lächelte amüsiert und ließ seine Hand etwas oberhalb, am Hüftansatz, noch einige Augenblicke warm liegen, was der Caballero genoss. Dann wandte er sich Richtung einer Truhe, in der er kurz kramte. Das Mulltuch, das er Cuerno danach in die Hand drückte, war überraschend kalt. "Alchemistisch erzeugt. Bitte behaltet im Blick, dass es nicht zu kalt wird, die Effektivität schwankt bei so etwas."

Er überließ es dem Caballero, den kühlenden Stoff an die Stelle zu legen, wo die meiste Linderung spürbar wurde. Dann meinte er: "Jetzt könnt Ihr das Hemd ausziehen. Habt Ihr was zum Umziehen für danach?” Cuerno nickte, fühlte sich aber, so befreit von den Textilien, gerade ganz wohl.

Emilio betrachtete nun Cuernos Oberkörper, stumm und aufmerksam. Über Brust und Schultern liefen rote Striemen, manche bereits dunkel anschwellend. Schürfwunden und einige tiefe Kratzer zogen sich über Unterarme und Flanken. Darüber Erdstaub und Tierblut. Der di Rueda machte sich an die Behandlung. Mit einer alkoholischen Tinktur ging er als erstes daran die offenen Hautstellen zu reinigen, immer von den Verletzungen nach außen weg streichend, sachte.

"Ich möchte mich nochmals bedanken, dass Ihr Euch auf diesen Wahnsinn mit dem Buskurdh eingelassen habt, Dom Cuerno. Ich denke, es hat der diplomatischen Sache sehr geholfen." Erst jetzt schien die gefasste, leicht angespannte Haltung, die Emilio außen gezeigt hatte, richtig abzufallen. Er strahlte Cuerno an "Und Ihr habt es so gut gemacht! Wirklich..! Mutig, geschickt und kompromisslos. Ihr habt wie in Eurem Element gewirkt." Er klang glücklich.

Cuerno lächelte sanft, gab dann ein Zischen von sich, ob des Alkohols auf den Wunden. “Mit dem Wahnsinn, meinte ich eigentlich die ganze Expeditio - dieser Buskurdh war eher eine unerwartete Vergnüglichkeit, wenn es auch etwas archaisch anmutet.”, dann lachte er auf. “Und Diplomatie - das nennt Ihr Diplomatie? Einem Haufen Wilden bei blutigen Spielen und Gelagen beizuwohnen und dabei nicht bei lebendigem Leibe geschält zu werden...wenn das Diplomatie ist...”, der Caballero machte eine Kunstpause, “...dann könnte ich vielleicht doch noch Diplomat werden.” Er lachte lauthals, krümmte sich dabei vor Schmerz, aber konnte dennoch nicht aufhören zu lachen. “Ich weiß, mir sollte das nicht so gefallen, diese Leute sind nun...Wilde, aber ich muss sagen, ich hatte selten so viel Spaß und eine solche Herausforderung im Leben.” Insgeheim schickte er ein Stoßgebet an seine Götter.

"Ich finde, es ist hervorragende Diplomatie", pflichtete Emilio ihm aus vollem Herzen bei. "Ihr habt Freude daran, im Buskurdh wagemutig Kopf und Kragen zu riskieren. Mir macht es Freude, Euch dabei zuzusehen.“ Er lächelte halb entschuldigend, halb verschwörerisch. „Dass die Bân Gassârah unsere Karawanen künftig eher über den Pass lassen werden, ist dabei eine angenehme Nebenerscheinung.“

“Das sie diesen Pass überhaupt als ihren bezeichnen, ist wiederum…fragwürdig. Aber nun gut, man muss es nehmen, wie es kommt, auch wenn andere das sicher nicht unterschreiben würden. Wie mit unserer Heimat, Dom Emilio.” Cuerno blickte fast entschuldigend, er schien in seiner Nähe ohnehin sanfter, als vor einigen Monaten. Vermutlich hatte er eine deutlich klarere Meinung zu solchen Dinge, nahm Emilio in seinem Bestreben aber anscheinend ernst und fand auch eindeutig mehr in der Kultur der “Wilden”, als er sich selbst gegenüber zugeben wollte.

"Ja, richtig!", stimmte Emilio zu, schien aber nicht ganz bei der Sache. Er griff jetzt nach Bandagen und Salbentiegel und konzentrierte sich darauf, die am stärksten malträtierten Stellen zu versorgen. Dabei blieb einige Weile nur die gedämpfte Ruhe des Zeltes.

"Danke, dass ich an Euch üben kann." meinte er dann halblaut. "Das ist etwas, das mir wichtig ist. Heilkunde lernen und... vorbereitet sein." Er schien nun mehr zu sich selbst zu reden, als zu dem Verletzten vor sich. "Schlimme Dinge passieren, das kann man nicht ändern. Aber ich möchte in solchen Situationen etwas tun können. Hauptsache, man kann etwas tun. Nicht hilflos daneben stehen." Einen langen Atemzug verharrten Emilios Hände unbeweglich auf Cuernos Rücken. Dann straffte er sich, und fuhr mit der Behandlung fort. Seine Bewegung hatte in dem Moment jedoch nicht mehr die Routine eines Heilers. Er berührte Cuerno eher, als würde er sich an dessen warmem Körper zurücktasten in den Augenblick hier, jetzt. Ein Leitseil in einer Strömung. Schließlich schüttelte Emilio die Schultern, unausgesprochenes Bedauern im Blick dafür, abgelenkt gewesen zu sein. "Wie ist es bei Euch, Dom Cuerno? Welche Wirkung möchtet Ihr in der Welt haben? Oder geht es überhaupt um andere Dinge?"

Der Caballero nahm die feinen Veränderungen trotz Schmerzen wahr, er war ein Mensch, der die Welt aufsog in all ihren Facetten. Dann dachte er nach: “Zunächst, Dom Emilio, auch wenn ich durchaus skeptisch gegenüber manchem hier bin, so lässt es mich doch Dinge sehen und erleben, die ich so noch nie gelebt habe und das ist gut. Dass ich - Eurer Meinung nach - dies sogar gut mache, ehrt mich. - Außerdem, etwas tun kann man immer, nein, man kann eigentlich nicht Nichts tun. Denn selbst das lässt die Welt nicht aufhören, ihren Gang zu gehen. Also grämt Euch nicht, lebt den Moment, so tue ich es auf jeden Fall.”

Er kratzte sich am borstigen Kinn, zischte noch einmal ob der Behandlung, sog diesen Moment auf. “Dementsprechend mache ich mir nur bedingt Gedanken darüber, welche Wirkung ich in der Welt haben werde und haben möchte. Die einzige Welt, die ich sehe, ist die Welt in diesem Moment - und die versuche ich, so intensiv wie möglich zu erleben, zu spüren und…nun mich in ihr zu beweisen.”

Er versuchte, den Blick des di Rueda zu erhaschen, doch dieser war auf seine Wunden gelenkt. “Was ist es, das Euch nach vergangener oder zukünftiger Bedeutung streben lässt, und nicht nach solcher im Hier und Jetzt, wo ihr Einfluss darauf habt? Und den habt ihr - augenscheinlich.” Wenn der Caballero klar war, hatte er beinahe etwas von einem Straßenphilosophen.

Emilio hob bei den letzten Worten den Blick der hellen Augen hoch zu Cuerno und sah ihn mit einem neuen Ausdruck an. Für den Moment ließ er die Hände sinken, ließ sich nahe schräg vor dem Caballero auf einer Kiste nieder und dachte etwas nach. Seine Stimme hatte einen weichen Einschlag, als er dann Worte fand. "Ich...mag die Welt im Moment. Also - jetzt gerade - aber auch sonst. Ich kenne das losgelöste Gefühl, wenn Empfindungen und Inspiration eines leuchtenden Augenblicks über einen gehen wie warmer Regen. Das ist sehr beglückend.” Er wirkte tatsächlich gelöst, schon bei der bloßen Beschreibung.

Über die nächsten Worte dachte er wieder nach. “Meine Vergangenheit ist belasteter, worin ich ja, das wissen die Götter! nicht alleine bin", setzte er dann leise hinzu. "Dass ich versuche, ihr Bedeutung zu geben...Stützende Mauern, würde ich sagen. Stützmauern, damit Dinge nicht einstürzen. Dämmwalle, damit sie nicht über das Ufer treten. Weit in die Zukunft denke ich gar nicht. Aber ja, ich möchte eine Wirkung in der Welt haben. Im besten Fall möchte ich die Wirkung haben, dass das Leben für andere ein Stück sicherer wird, und heiler, und weniger alleine. Das wünsche ich mir natürlich auch selbst. Und das zu erreichen braucht etwas Vorausdenken. Wohlüberlegtes Vorgehen. So würde ich sagen."

Er blieb sitzen, fasste nun aber mit einer kleinen, auffordernden Geste nach Cuernos Hand. Nachdem er sie vorsichtig begutachtet hatte, wickelte er Bahn für Bahn eine stützende Bandage um die zwei äußeren, verstauchten Finger.

Cuerno lauschte den Worten mit einer Mischung aus Mitgefühl und Verständnis. Diese Welt der Melancholie lag ihm so fern, aber es bedrückte ihn, dass Emilio, den er mittlerweile sehr schätzte - mehr noch - dieser immer wieder erlag. Nicht, dass er die Melancholie nicht kannte, oder Trauer oder Angst. Er konnte auch in solchen Gefühlen schwelgen, sie auskosten, aber sie hatten ihn nie gefangen genommen, er hatte stets die Oberhand - er war Herr über sein Gemüt, nicht sein Gemüt über ihn - also meistens.

Also nahm er Emilios Hand, die gerade noch die seine verbinden wollte - er war hier nicht der Verletzte. Die Bernsteinsprenkler in seinen ansonsten so dumpfen braunen Augen schienen wie stiebende Funken. So saß er kurz da, mit einer Ruhe, die nur ein Mensch aufbringen konnte, der auch die Unruhe gemeistert hatte und der mit sich selbst im Reinen war. “Nun, Dom Emilio, Freund - ich bin niemand, der dich von deinen Leiden befreien will oder kann - das kannst nur du. Aber ich weiß, dass die Vergangenheit einen solange verfolgt, bis man sich ihr im Jetzt stellt. Tut man dies nicht, wird auch die Zukunft zur Vergangenheit. Nur im Jetzt liegt die Kraft, beides zu bestimmen - immer und immer wieder. Mauern und Wälle brechen, das lässt sich nicht verhindern, so wurde es gefügt, das können wir nicht ändern. Wir können ändern, wie wir jetzt damit umgehen, dann fügt sich der Rest von allein. Wirksamkeit wird nicht geplant, sie geschieht.”

Er hatte einen ernsten Gesichtsausdruck für Cuernos Verhältnisse, dann aber hellte sein Gesicht wieder auf, schelmisch zeigten sich seine charakteristischen Lachfalten. Er drückte Emilio einen bübischen Kuss auf, frech und ehrlich zugleich. “Aber wenn Ihr wollt, kann ich Euch auch wie dieser Horasier in Omlad durch die Gossen ziehen, wenn ihr meint, das hilft mehr.” Er lachte so herzhaft und wahr, dass es auch Emilio ansteckte.

"Signore Cuerno," sagte dieser forsch, nachdem er sich gefasst hatte, "...damit wir hier nicht zu provinziell werden." Den Tonfall hielt Emilio allerdings nicht lange durch. Er strahlte den Caballero vielmehr warm und mit stiller Freude an. "Ich mag Eure Augen. Wie Gold unter der Erde...oder Glutfunken. Das habe ich schon in Omlad gedacht. Und Cuerno di Castari ist ein wirklich schöner Name." "Darf ich trotzdem noch die Verstauchungen versorgen?" fragte Emilio dann, erfolgreich darin, fast ernsthaft auszusehen. "Ihr seid nämlich gut im Aufreißen, aber ich bin gut im Einwickeln."