Chronik.Ereignis1047 Suche nach dem Yaquir-Flussdelphin 03: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 20. März 2026, 14:32 Uhr
Gräflich Taladur, Phex 1047 BF
III - Die Kutsche
Straße zwischen Taladur und Quirod
Autoren: InsomniaJones & Amrit
Die kühle Morgenluft wirkte wie ein belebendes Elixier, als sie das Gasthaus hinter sich ließen. Der Nebel hing noch in dichten Schleiern über den Senken, doch über ihnen färbte sich der Himmel bereits in ein zartes Rosa. Sie waren erst ein paar Meilen auf der staubigen Straße Richtung Quirod unterwegs, als ein rhythmisches, unschönes Klappern und das ferne Fluchen einer Männerstimme die morgendliche Stille zerrissen.
Hinter einer Biegung erblickten sie die Bescherung: Eine stattliche Reisekutsche stand gefährlich schief am Wegesrand. Ein Hinterrad war gebrochen. Der Kutscher, ein hagerer Mann in einer etwas zu engen Livree, wischte sich verzweifelt den Schweiß von der Stirn, während er das Malheur betrachtete. Neben der Kutsche standen die Insassen, ein Adliger und sein Diener, deren feine Kleidung und vornehme Haltung in scharfem Kontrast zum staubigen Straßenrand standen. Besonders der Adlige wirkte sichtlich ungehalten über die Verzögerung seiner Reise.
„He, Ihr da!“, rief der Kutscher, als er Ingrimiane und ihren Begleiter kommen sah. „Gute Frau, sagt mir, dass Ihr ein Werkzeug bei Euch habt oder zumindest wisst, wo der nächste Stellmacher ist! Uns ist die Achse beinahe um die Ohren geflogen.“
Ingrimiane blieb stehen und legte den Kopf schief. Ihr Blick glitt prüfend über das zerbrochene Rad und die leicht verbogene Achshalterung. Die jahrelange Erfahrung aus der mütterlichen und zwergischen Lehre ließ sie sofort erkennen, wo das Material nachgegeben hatte. „Ein Stellmacher ist weit, aber eine Schmiedin ist nah“, sagte sie ruhig und trat einen Schritt näher, ohne sich von dem forsch blickenden Adligen oder dem nervösen Kutscher beunruhigen zu lassen. Ingrimiane ließ ihren Rucksack mit einem dumpfen Schlag auf den staubigen Boden gleiten. Sie ignorierte den Herren und trat direkt an die Kutsche heran. Mit der Ruhe einer Frau, die ihr halbes Leben lang zwischen Amboss und Esse verbracht hatte, kniete sie sich in den Dreck, um das Desaster von unten zu besehen. Sie ignorierte das ungeduldige Schnaufen des Adligen und konzentrierte sich ganz auf das Metall.
Beppo, hielt sich etwas abseits. Er betrachtete die verunglückte Kutsche und den gestrandeten hohen Herren mit einer Mischung aus Faszination und scheuer Zurückhaltung, so wie man vielleicht ein Fabelwesen ansehen würde, das unvermittelt in gewohnter Umgebung auftaucht und alle Normalität umkehrt. Der Adelige trug Kleidung in einem warmen, blassen Türkiston, besetzt mit goldenen Tressen, die in der Frühlingssonne funkelten. Während Beppo noch guckte, wanderte der Blick des Mannes jetzt zu ihm - amüsiert, aber nicht überrascht. Der Junge wollte sich wegducken, doch der Adlige schien plötzlich Gefallen an diesem möglichen Zeitvertreib zu finden. Er sprach ihn direkt an, mit einer Stimme, die gewohnt war, aufmerksam gehört zu werden, aber leise genug, dass Beppo sich eigenartig ins Vertrauen gezogen fühlte.
“Bei uns im grünen Salon hängt eine große Peraineallegorie. Du siehst genau so aus wie eine der Figuren darin.” Sein Blick wanderte kurz zur Schmiedin, die ihm sichtlich weniger gefiel. Unwahrscheinlich, dass so etwas wie sie auf einem der Gemälde zu finden war.
Nach dem beiläufigen Seitenblick trat der adelige Herr einen Schritt näher an den Lehrling. „Mit deinem Aussehen könntest du leicht in einem besseren Haushalt dienen.“ Das Blut rauschte in Beppos Ohren, und er wusste nicht wohin mit dem Blick. Also hielt er ihn starr auf ein Detail gerichtet, auf die Brosche des adeligen Herrn - Maiglöckchen aus glitzernden Juwelen.
Erst auf kurzen Zuruf seiner Meisterin hin sammelte sich der Junge, riss sich los und beeilte sich zum Fahrgestell. Dort kauerte sich halb kniend neben die Schmiedin, um ihr zuzusehen und gewünschte Handreichungen zu erledigen. Mit den Fingerspitzen fuhr Ingra über den Riss im Eisenbeschlag. „Die Speichen haben nachgegeben, das ist wahr“, brummte sie, ohne aufzusehen. „Aber das eigentliche Problem ist der Eisenring der Felge. Er hat sich geweitet und ist an der Schweißnaht gerissen. Ohne den Halt des Eisens zersplittert das Holz bei jedem Stein auf der Straße.“ Sie stand langsam auf, klopfte sich den Straßenstaub von den Knien und sah dem Kutscher direkt in die Augen, bevor ihr Blick kurz zu dem Adligen wanderte. Es war kein herausfordernder Blick, sondern der eines Handwerkers, der die Fakten kennt.
„Ich habe kein Feuer hier und keinen Amboss“, erklärte sie mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme. „Aber ich besitze ein Maß an Geduld und Präzision, die mein zwergischer Ziehvater mir mitgegeben hat. Wenn Ihr den Wagen aufbockt, Kutscher, kann ich den Eisenbeschlag kalt richten und so verzurren, dass die Felge das Holz wieder einklemmt. Schön wird das nicht, und es wird bei jeder Umdrehung singen wie ein betrunkener Angbarer, aber es wird euch im Schritttempo bis nach Quirod tragen.“
Sie legte eine Hand auf Beppos Schulter, fast so, als wollte sie ihn erden, und wartete auf eine Reaktion der Reisenden. „Die Frage ist nur“, fügte sie hinzu und sah den Adligen direkt an, „ob Eure Eile diese... improvisierte Lösung zulässt. Selbst wenn Ihr Euren Diener jetzt losschickt, um in Quirod oder dem nächsten Weiler einen Stellmacher aufzutreiben, wird es Stunden dauern, bis er mit Werkzeug und Holz hier ist – falls er überhaupt heute noch jemanden findet, der bereit ist, die Reise zu Eurem Wagen anzutreten. Wahrscheinlich säßet Ihr dennoch bis tief in die Nacht oder gar bis morgen früh hier fest.“
Der Angesprochene musterte Ingrimiane einige Momente wortlos und wandte sich dann seinem Diener zu. “Enzo?” - “Jawohl, Herr?” - “Falls wir in einer halben Stunde hier nicht weiter gekommen sind, dann werdet Ihr mir die Pferde abschirren und satteln” - ”Sehr wohl!” kam es zackig zurück. Erst jetzt gab der Adelige der Schmiedin Antwort. “Ihr missversteht die Lage. Wie dem auch sei: Falls Ihr denkt, Ihr könnt das Gefährt instand setzen, lasst euch nicht aufhalten.”
Ingrimiane quittierte die Worte mit einem tiefen, grollenden Brummen, das irgendwo in ihrer Brust ihren Anfang nahm und wie ein heraufziehendes Gewitter klang. Am liebsten hätte sie dem Gecken gesagt, er könne sich sein kaputtes Rad dorthin schieben, wo die Sonne niemals scheint, doch sie warf einen Seitenblick auf den Kutscher. Der Mann stand mit hängenden Schultern und vor Sorge bleichem Gesicht daneben; er tat ihr leid. Er war derjenige, der den Preis für die Arroganz seines Herrn zahlte, und das konnte sie nicht zulassen. „Spart Euch die Goldworte für jemanden, den sie beeindrucken“, brummte sie schließlich gegen den Boden, ohne den Adligen auch nur eines Blickes zu würdigen. „Ich bin hier, um Ordnung zu schaffen, nicht um Eure Launen zu flicken.“
Mit einer impulsiven Bewegung wandte sie sich von ihm ab. „Kutscher!“, herrschte sie den Mann an, wobei ihr Tonfall zwar fordernd, aber nicht bösartig war. „Sucht an der Böschung nach einem starken Ast, der als Hebel taugt, und bringt mir die größten Steine, die Ihr dort drüben finden könnt. Wir müssen das Gewicht von der Achse nehmen, sonst wird das hier gar nichts.“ Beppo, zwar nicht aufgefordert, lief ebenfalls, um Steine vom Hang Richtung der Kutsche zu schleifen. Er merkte, dass der Adelige ihn dabei immer wieder beobachtete, nun aber nicht mehr ansprach. Der Junge war umso bemühter.
Als der Kutscher mit einem stabilen Stamm herbeieilte, sah Ingrimiane prüfend auf ihn und dann zum Diener des Adligen hinüber. „Ihr da“, rief sie dem Diener zu und deutete gebieterisch auf den Hebel. „Packt mit an! Der Kutscher allein bricht sich nur den Rücken, und dann kommen wir hier gar nicht mehr weg. Stemmt euch beide mit eurem ganzen Gewicht gegen das Ende, wenn ich das Zeichen gebe.“ Der Angesprochene sah erst fragend zu seinem Dienstherren. Erst auf ein kaum wahrnehmbares Nicken des Adeligen setzte er sich in Bewegung.
Ingrimiane wartete nicht auf einen Einspruch, sondern positionierte den Hebel eigenhändig unter der Hinterachse. „Und jetzt... stemmen!“, kommandierte sie mit einer Wucht in der Stimme, die den Diener unwillkürlich springen ließ. Unter dem gemeinsamen Ächzen der beiden Männer und dem bedrohlichen Knarren des Holzes hob sich die Kutsche schwerfällig um wenige Fingerbreit an. Ingrimiane schob mit sicherem, fast liebevollem Griff die Steine unter die Achse, bis das beschädigte Rad schließlich frei in der Luft schwebte. Sie rüttelte kurz an der Konstruktion, um die Standfestigkeit zu prüfen. Erst dann wandte sie sich ihrem Lehrling zu, der bereits aufmerksam wartete.
„Gut. Beppo, jetzt die Keile und den Fäustel“, sagte sie nun deutlich ruhiger und schob sich die Ärmel ihres Hemdes noch ein Stück weiter hoch. Sie kniete sich in den Staub, das Gesicht nun ganz nah am entlasteten Rad. „Siehst du das? Jetzt, wo der Druck weg ist, lässt sich das Eisen überhaupt erst wieder bändigen. Wenn das Metall reißt, verliert das Rad seine Seele und fällt auseinander. Wir zwingen es jetzt zurück in die Pflicht.“
Der Junge war ganz Aufmerksamkeit und blickte nicht einmal mehr zu dem adeligen Reisenden, während er der Schmiedin zusah. Mit jedem wuchtigen Hieb auf den Keil trieb sie die aufgesprungenen Enden des Eisenreifens wieder zusammen. Ingrimiane legte all ihren aufgestauten Groll gegen den Adligen in die Schläge gegen das Metall, bis es fast bündig aufeinandertraf. Sobald der Ring geschlossen war, hämmerte sie mit dem Vorstecher vier Löcher durch den Reifen tief in das harte Eichenholz der Felge. Sie legte eine flache Eisenlasche als Schiene über den Bruch und trieb dicke Stifte durch die Öffnungen. Mit gezielten, harten Schlägen vernietete sie die Enden auf der Innenseite der Felge, bis die Lasche den Reifen wie eine unnachgiebige Klammer auf das Holz presste. „So!“, stieß sie hervor und wischte sich den Staub und Ruß mit dem Handrücken von der Stirn. Sie packte das Rad und drehte es einmal kräftig mit der Hand; die aufgesetzte Lasche schlug bei jeder Umdrehung mit einem harten, ehrlichen Tock-Tock auf den Boden. „Das muss genügen. Vorsichtig ablassen, jetzt!“ Unter dem Ächzen der Männer senkte sich die Karosse, bis das volle Gewicht wieder auf dem Rad lastete. Ingrimiane lauschte mit grimmiger Miene auf das Holz, doch die Konstruktion hielt ihrem prüfenden Blick stand. „Sie wird hinken, aber sie wird nicht brechen“, sagte sie und legte den Fäustel mit sorgsamer Bedachtsamkeit zurück in die Werkzeugrolle, bevor sie sich aufrichtete und den Adligen direkt anfunkelte. „Haltet Ihr den Schritt, kommt Ihr an. Aber bildet Euch ja nicht ein, Ihr könntet jetzt wie ein Wahnsinniger weiterjagen. Wenn Ihr meint, Eure Eile sei wichtiger als das Material, dann reißt es Euch die Speichen aus der Nabe und Ihr landet genau da, wo Ihr vorhin schon wart: im Dreck.“
Beppo kannte es, dass Leute rot werden vor Ärger. Der feine Herr wurde stattdessen eine Spur blasser als zuvor. “Keine Frage, dass Dreck etwas ist, womit ihr euch bestens auskennt.” Er musterte die Schmiedin abschätzig. “Man sollte Ihr besseres Benehmen beibringen…” seine Stimme war kalt, die Hand lag nahe an der Waffe, “aber ich habe hier schon mehr als genug Zeit verschleudert.” Damit wandte er sich abrupt ab und gab Weisungen an sein Personal. Ein, zwei Momente später, und die Kutsche war auf den Weg gebracht und verschwand hinter der nächsten Biegung.
Beppo sah dem Gefährt hinterher, mit vor Enttäuschung heißen Ohren. Er verbiss sich offensichtlich den Wunsch, etwas zu sagen. Ingrimiane starrte der Kutsche hinterher, bis der aufgewirbelte Staub sich langsam wieder auf die Fahrrinne legte. Ihr Gesicht war eine Maske aus Schweiß und grauem Straßendreck, doch als der Wagen hinter der Biegung verschwand, entlud sich das Gewitter in ihrem Inneren.
„Besseres Benehmen?“, stieß sie hervor und spie einen dicken Klumpen staubigen Speichels genau dorthin, wo eben noch der polierte Stiefel des Adligen gestanden hatte. „Bei Angroschs Hammer, dieser geleckte Pfau! Dreck nennt er das? Das ist ehrliche Arbeit, du hohlköpfiger Sohn einer bartlosen Bergziege!“
Sie fuhr sich mit den zittrigen, noch immer vom Hämmern angespannten Fingern durch das Haar und wirbelte dabei nur noch mehr Staub auf. „Hast du das gehört, Beppo? ‚Zeit verschleudert‘ nennt er es, wenn man ihm den hochedlen Hintern rettet! Wir hätten ihn sitzen lassen sollen. Ja, genau das! In diesem Graben hätte er hocken können, bis seine feine Seide am Leibe verrottet. Kein einziger Hammerschlag war dieser Kerl wert.“
Sie stampfte zu ihrer Werkzeugrolle und begann, die restlichen Eisenstifte mit unnötiger Wucht in ihre Schlaufen zu stoßen, während das Metall in ihrer Tasche wütend klirrte. „Nur wegen des Kutschers habe ich den Finger krumm gemacht. Nur wegen des armen Teufels, der wahrscheinlich die Peitsche spürt, wenn der Herr nicht pünktlich zu seinem Wein kommt. Undankbares Pack! Keine Ehre im Leib, keinen Respekt vor dem Material, aber die Hand am Degen, wenn man ihm die Wahrheit direkt ins Gesicht sagt.“
Beppo stierte auf die Stelle im Staub. In ihm arbeitete es offensichtlich, und dann brach es aus dem Jungen heraus: “Wir waren nicht höflich genug. Wir haben ihn geärgert! Man muss immer freundlich sein, schon überhaupt zu jemandem von Stand!” Er starrte seine Meisterin einen Moment an - wie konnte sie nicht wissen, was seine Mutter ihm ständig gepredigt hatte? Er drehte den Kopf zur Seite, rieb an den Fingern seiner rechten Hand, die er sich beim Steineschleppen aufgeschürft hatte. “Wenn wir alles richtig gemacht hätten, dann hätte er uns belohnt.”
Ingrimiane bemerkte Beppos enttäuschte Miene. Ihr Schnauben wurde ein wenig leiser, auch wenn der Groll noch in ihrer Stimme vibrierte. „Lass die Ohren nicht hängen, Kleiner. Solche Leute wissen nicht, was ein Handwerk wert ist, weil sie in ihrem ganzen Leben noch nie etwas geschaffen haben, das länger hält als ein Fluch im Sturm. Wir haben unsere Arbeit getan. Das Rad hält, und das ist es, was zählt. Der Stahl lügt nicht, auch wenn der Besitzer nichts als heiße Luft im Schädel hat.“ Sie zurrte die Riemen ihrer Tasche so fest, dass das Leder protestierend knirschte. „Komm jetzt. Pack dein Zeug. Wir haben noch Meilen vor uns, und ich will den Gestank von diesem Hochmut aus der Nase kriegen, bevor wir Quirod erreichen.“
Der Junge schob die Keile in den Rucksack und machte sich auf. Die nächsten Weiler entlang ging er tief in Gedanken versunken. Ingrimiane hielt abrupt inne. „Zeig mir deine Pfoten, Junge“, brummte sie und blieb mitten auf dem Weg stehen. Sie ließ ihre schwere Werkzeugtasche zu Boden sinken und kramte in einem der Seitenfächer, bis sie einen sauberen Leinenlappen und ein kleines Fläschchen mit einer stechend riechenden, klaren Flüssigkeit hervorforderte. Die Haut an Beppos Händen war vom Schleppen der scharfkantigen Steine aufgerissen, roher Dreck klebte in den Wunden. „Hände sind zum Arbeiten da, nicht um sie unachtsam kaputtgehen zu lassen“, sagte sie, während sie seinen rechten Arm mit einem Griff packte, der keinen Widerspruch duldete. Sie goss etwas von dem starken Schnaps auf das Tuch. „Zähne zusammen. Das brennt wie Angroschs Esse, aber es treibt den Straßendreck aus dem Fleisch.“ Sie presste den nassen Lappen fest auf die Schürfwunden. „Stillhalten! Dreck verzeiht nicht – weder im Metall, noch in der Haut. Wenn sich das entzündet, kannst du den Hammer für den Rest des Monats vergessen.“
Beppo verzog das Gesicht, blieb aber lammfromm mit den ausgestreckten Händen stehen. Die Begegnung an der Kutsche hatte in ihm ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen, verschmutzt zu sein in einer Weise, die über die aufgeschürften Knöchel hinausging. Die routinierten Griffe der Schmiedin, die Verarztung, taten ihm gerade gut.
Während Ingrimiane die Hände mit geübten, wenn auch groben Bewegungen reinigte und anschließend mit schmalen Stoffstreifen bandagierte, sprach sie weiter, ohne den Blick von ihrer Arbeit zu wenden. „Du denkst an das, was deine Mutter dir gesagt hat, hm? Freundlich sein, den Kopf neigen, die Zunge hüten.“ Sie knüpfte das Band an seinem Handgelenk mit einem festen Ruck zu. „In ihrer Welt mag das das Leben retten. Wenn du nichts hast als deine Hände und einen Acker, der einem anderen gehört, dann ist das Bücken dein einziger Schild. Aber du bist jetzt ein Lehrling des Handwerks. Das ändert die Dinge.“
Sie erhob sich, wobei ihre Kniegelenke leise knackten, und rückte den schweren Gurt ihrer Tasche zurecht. Ihr Lehrling nickte, um zu zeigen, dass er aufmerksam zuhörte. „Ein Adliger wird als Adliger geboren. Er hat Gold, weil sein Urgroßvater vielleicht mal einem König den Steigbügel gehalten hat. Aber das Gold in seiner Tasche macht ihn nicht klüger, nicht stärker und erst recht nicht besser als dich. Er kann befehlen, dass ein Rad repariert wird, aber er kann es nicht verstehen. Wenn wir nicht gewesen wären, säße er jetzt noch immer da hinten im Staub und würde versuchen, sein Rad mit hochadligem Starren zu heilen oder darauf zu warten, dass das Eisen vor Ehrfurcht von selbst wieder zusammenwächst.“
Beppo stellte sich den türkisgoldenen Adeligen dabei vor, und es rang ihm ein leichtes Lächeln ab. Ingra wartete kurz, bevor sie den Marsch fortsetzte. „Das Handwerk, Kleiner, ist die einzige Wahrheit, die zählt. Wenn ich einen Stift schmiede, dann hält er, weil ich ihn richtig gestaucht habe, nicht weil ich höflich zu ihm war. Das Metall fragt nicht nach deinem Namen oder deinem Stand. Wenn du pfuschst, bricht es. Wenn du ehrlich arbeitest, trägt es dich.“
Sie legte ihm kurz die schwere Hand auf die Schulter. „Ich war nicht grob, weil ich ihn ärgern wollte. Ich war deutlich, weil er die Realität nicht sehen wollte. Wer vor einem Nichtsnutz buckelt, der gibt ihm nur die Gelegenheit, ihm auf den Nacken zu treten. Ein Handwerker steht aufrecht, oder er taugt nichts für den Amboss. Deine Belohnung heute ist nicht das Gold von so einem Gecken. Deine Belohnung ist, dass das Rad hält – und dass du weißt, warum.“
Beppo ließ die Worte einsinken. So wie Ingrimianes Hände zuvor das aufgerissene Eisen zusammengefügt hatten, so fügte sie jetzt mit ihren Erklärungen etwas zusammen, was im Weltgefüge des Jungen auseinandergegangen war und nicht mehr rundlaufen hatte wollen. Er hielt sich den restlichen Weg immer nahe bei der Schmiedin… bis hinter einer Hügelkuppe das glitzende Band des Flusses Yaquir vor ihnen auftauchte.