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==[[Gräflich Taladur]], Phex [[Annalen:1047|1047]] BF== | ==[[Gräflich Taladur]], Phex [[Annalen:1047|1047]] BF== | ||
==II - Der Märchenerzähler== | |||
===Straße zwischen [[Taladur]] und [[Quirod]]=== | ===Straße zwischen [[Taladur]] und [[Quirod]]=== | ||
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Ingrimiane und Beppo setzten ihren Weg fort, während die Sonne tiefer sank und die langen Schatten der Bäume wie dunkle Finger über den staubigen Pfad griffen. Sie marschierten schweigend; das gleichmäßige Knirschen ihrer Stiefel auf dem Kies gab den Takt vor. Ingrimiane achtete darauf, das Tempo so zu wählen, dass Beppo zwar gefordert war, aber seinen Rhythmus fand. | Ingrimiane und Beppo setzten ihren Weg fort, während die Sonne tiefer sank und die langen Schatten der Bäume wie dunkle Finger über den staubigen Pfad griffen. Sie marschierten schweigend; das gleichmäßige Knirschen ihrer Stiefel auf dem Kies gab den Takt vor. Ingrimiane achtete darauf, das Tempo so zu wählen, dass Beppo zwar gefordert war, aber seinen Rhythmus fand. | ||
Als das Licht in ein tiefes Violett überging, erreichten sie eine Herberge am Wegesrand. | Als das Licht in ein tiefes Violett überging, erreichten sie eine Herberge am Wegesrand. | ||
Der ebenerdige Gasthof lag hinter einem wohl gepflegten Obstgarten, dessen Wege mit Schlüsselblumen bestanden waren, und durch die dicken Buntglasfenster des Hauses leuchtete den zwei Reisenden ein freundlicher Lichtschein entgegen. | Der ebenerdige Gasthof lag hinter einem wohl gepflegten Obstgarten, dessen Wege mit Schlüsselblumen bestanden waren, und durch die dicken Buntglasfenster des Hauses leuchtete den zwei Reisenden ein freundlicher Lichtschein entgegen. | ||
Erleichtert ließen sie die schweren Rucksäcke in der Gaststube zu Boden gleiten, und Ingrimiane orderte Abendessen, einen einfachen, aber sättigenden Steckrübeneintopf mit Rindfleisch und Möhren. Es war für Beppo tatsächlich das allererste Mal, dass er eine Taverne besuchte. Der Junge war aufgeregt und erpicht, sich dem Anlass würdig zu zeigen. Daher lehnte er sich immer wieder nahe zu seiner Meisterin und tuschelte ihr halblaut zischende Fragen zu: ”Darf ich mich auf den Platz dort setzen?“...”Soll ich das Essgeschirr abwaschen gehen?” | Erleichtert ließen sie die schweren Rucksäcke in der Gaststube zu Boden gleiten, und Ingrimiane orderte Abendessen, einen einfachen, aber sättigenden Steckrübeneintopf mit Rindfleisch und Möhren. Es war für Beppo tatsächlich das allererste Mal, dass er eine Taverne besuchte. Der Junge war aufgeregt und erpicht, sich dem Anlass würdig zu zeigen. Daher lehnte er sich immer wieder nahe zu seiner Meisterin und tuschelte ihr halblaut zischende Fragen zu: ”Darf ich mich auf den Platz dort setzen?“...”Soll ich das Essgeschirr abwaschen gehen?” | ||
Nachdem alle gegessen hatten, versammelten sich die wenigen Gäste vor einem Feuer, das heiter in einer Wandnische prasselte. Unter den Reisenden befand sich auch ein Avesgeweihter dessen Umhang aus bunten Flicken und Stoffstücken vieler Ländern genäht war. Leuchtendes Gelb eines Maraskanischen Webstückes fand sich neben dem klaren Indigo, das nur manche Flechten aus Thorwal einem Stoff verleihen können. Geradlinige bornländische Kreuzstickerei prangte neben schillernder Mirhamer Seide. Der Blick Beppos ruhte versonnen auf dem Werk. | Nachdem alle gegessen hatten, versammelten sich die wenigen Gäste vor einem Feuer, das heiter in einer Wandnische prasselte. Unter den Reisenden befand sich auch ein Avesgeweihter dessen Umhang aus bunten Flicken und Stoffstücken vieler Ländern genäht war. Leuchtendes Gelb eines Maraskanischen Webstückes fand sich neben dem klaren Indigo, das nur manche Flechten aus Thorwal einem Stoff verleihen können. Geradlinige bornländische Kreuzstickerei prangte neben schillernder Mirhamer Seide. Der Blick Beppos ruhte versonnen auf dem Werk. | ||
Als die Stimmen ringsum ruhiger wurden, begann der Geweihte des Fröhlicher Wanderers den Abend mit Geschichten zu füllen, die vielfarbig waren wie die Flicken seines Mantels. | Als die Stimmen ringsum ruhiger wurden, begann der Geweihte des Fröhlicher Wanderers den Abend mit Geschichten zu füllen, die vielfarbig waren wie die Flicken seines Mantels. | ||
Erst erzählte er das Märchen vom „Möhrentest“. Der Geweihte beschrieb mit lebhaften Gesten, wie der ziegenköpfige Drache Yalsicor, der gütige Begleiter der Mutter Travia, einem kleinen Gänseküken dabei half, wahre Freunde zu finden. Der Test mit den Möhren sollte zeigen, wer ein ehrliches Herz besaß und wer nur aus Eigennutz handelte. Ingrimiane, die sonst eher für ihre Strenge bekannt war, hielt ihren Becher fest und spürte, wie ein seltenes Schmunzeln ihre Züge stahl. Die Vorstellung des mächtigen, seltsam gestalteten Drachen, der sich so sanftmütig um die Sorgen eines Kükens kümmerte, hatte etwas, das selbst ihren harten Kern für einen Moment erwärmte. | Erst erzählte er das Märchen vom „Möhrentest“. Der Geweihte beschrieb mit lebhaften Gesten, wie der ziegenköpfige Drache Yalsicor, der gütige Begleiter der Mutter Travia, einem kleinen Gänseküken dabei half, wahre Freunde zu finden. Der Test mit den Möhren sollte zeigen, wer ein ehrliches Herz besaß und wer nur aus Eigennutz handelte. Ingrimiane, die sonst eher für ihre Strenge bekannt war, hielt ihren Becher fest und spürte, wie ein seltenes Schmunzeln ihre Züge stahl. Die Vorstellung des mächtigen, seltsam gestalteten Drachen, der sich so sanftmütig um die Sorgen eines Kükens kümmerte, hatte etwas, das selbst ihren harten Kern für einen Moment erwärmte. | ||
Nachdem die Geschichte beendet und der leise Applaus abgeklungen war, begann der Avesjünger seine nächste Erzählung, ein Märchen aus der Wüste Gor: die Fabel eines bei der Geburt verlorenen Prinzen, der unter ärmlichen Schafhirten aufwuchs, der aber schließlich erkannt wurde an seinem einzigartigen Mal auf der Haut, und als Erbe des Kalifen der reichen Oasenstadt einziehen durfte in die marmornen Paläste mit ihren schlanken Goldkuppeln. | Nachdem die Geschichte beendet und der leise Applaus abgeklungen war, begann der Avesjünger seine nächste Erzählung, ein Märchen aus der Wüste Gor: die Fabel eines bei der Geburt verlorenen Prinzen, der unter ärmlichen Schafhirten aufwuchs, der aber schließlich erkannt wurde an seinem einzigartigen Mal auf der Haut, und als Erbe des Kalifen der reichen Oasenstadt einziehen durfte in die marmornen Paläste mit ihren schlanken Goldkuppeln. | ||
Beppo war von den Bildern geradezu bezaubert, und konnte kaum aufhören, davon zu sprechen, als er und Meisterin Ingra etwas später dann die Bettstatt aufsuchten. | Beppo war von den Bildern geradezu bezaubert, und konnte kaum aufhören, davon zu sprechen, als er und Meisterin Ingra etwas später dann die Bettstatt aufsuchten. | ||
“Stellt Euch vor, wie schön für den Prinzen! Ich frage mich, ob die Hirten schon etwas vermutet haben, als er ein Kind war. Wenn jemand eigentlich ein Prinz ist, das merkt man doch, oder? Vielleicht haben die Schafe zumindest etwas gemerkt. Tiere sind oft klüger als Menschen. Wenn man ein Muttermal hat, sagen wir zum Beispiel am Knie, woher weiß man, ob es königlich ist?” | “Stellt Euch vor, wie schön für den Prinzen! Ich frage mich, ob die Hirten schon etwas vermutet haben, als er ein Kind war. Wenn jemand eigentlich ein Prinz ist, das merkt man doch, oder? Vielleicht haben die Schafe zumindest etwas gemerkt. Tiere sind oft klüger als Menschen. Wenn man ein Muttermal hat, sagen wir zum Beispiel am Knie, woher weiß man, ob es königlich ist?” | ||
Ingrimiane schmunzelte im Dunkeln der Bettstatt, auch wenn Beppo es nicht sehen konnte. Seine Faszination für den Prinzen, der plötzlich in einem Marmorpalast erwacht, war nur zu verständlich. Bei so vielen Geschwistern zu Hause, wo der Alltag aus ständiger Mühsal und dem Teilen des Wenigen bestand, war der Traum von einem Leben ohne tägliche Plackerei, in dem Wohlstand einfach gegeben war, die natürlichste Sache der Welt. Wer hätte da nicht gern ein Zeichen auf der Haut, das einen von all den Sorgen befreite? | Ingrimiane schmunzelte im Dunkeln der Bettstatt, auch wenn Beppo es nicht sehen konnte. Seine Faszination für den Prinzen, der plötzlich in einem Marmorpalast erwacht, war nur zu verständlich. Bei so vielen Geschwistern zu Hause, wo der Alltag aus ständiger Mühsal und dem Teilen des Wenigen bestand, war der Traum von einem Leben ohne tägliche Plackerei, in dem Wohlstand einfach gegeben war, die natürlichste Sache der Welt. Wer hätte da nicht gern ein Zeichen auf der Haut, das einen von all den Sorgen befreite? | ||
Sie selbst hatte das Handwerk von zwei Seiten gelernt: Ihre Mutter hatte ihr die menschliche Kunst beigebracht, das Gespür für Form und die Leichtigkeit des Stahls. Ihr Ziehvater jedoch, ein alter, erfahrener Zwerg, hatte ihr die zwergische Kunst vermittelt – jene unerbittliche Geduld und das Wissen um das Herz des Metalls. Er hielt nun die Esse in Angbar für sie am Brennen, damit sie sich in Taladur niederlassen konnte. Dort suchte sie nach der Wahrheit über ihren leiblichen Vater, während ihre Werkstatt daheim als sicherer Hafen für ihre eigenen drei Kinder bereitstand, die längst als Abenteurer oder auf der Walz unterwegs waren. | Sie selbst hatte das Handwerk von zwei Seiten gelernt: Ihre Mutter hatte ihr die menschliche Kunst beigebracht, das Gespür für Form und die Leichtigkeit des Stahls. Ihr Ziehvater jedoch, ein alter, erfahrener Zwerg, hatte ihr die zwergische Kunst vermittelt – jene unerbittliche Geduld und das Wissen um das Herz des Metalls. Er hielt nun die Esse in Angbar für sie am Brennen, damit sie sich in Taladur niederlassen konnte. Dort suchte sie nach der Wahrheit über ihren leiblichen Vater, während ihre Werkstatt daheim als sicherer Hafen für ihre eigenen drei Kinder bereitstand, die längst als Abenteurer oder auf der Walz unterwegs waren. | ||
In diesem Moment fragte sie sich, ob ihr Ziehvater wohl ähnlich empfunden hatte, wenn sie ihm als junges Mädchen zwar keine Löcher über das Handwerk, aber dafür über das Leben jenseits der Berge in den Bauch gefragt hatte. Hatte er hinter seinem dichten Bart dasselbe nachsichtige Lächeln verborgen, während er versuchte, ihre Neugier mit der harten Logik des Ambosses zu bändigen? Er hatte immer verstanden, dass sie diese Reise in den Süden antreten musste, um den Teil ihrer Wurzeln zu finden, der ihr im Kosch immer gefehlt hatte. | In diesem Moment fragte sie sich, ob ihr Ziehvater wohl ähnlich empfunden hatte, wenn sie ihm als junges Mädchen zwar keine Löcher über das Handwerk, aber dafür über das Leben jenseits der Berge in den Bauch gefragt hatte. Hatte er hinter seinem dichten Bart dasselbe nachsichtige Lächeln verborgen, während er versuchte, ihre Neugier mit der harten Logik des Ambosses zu bändigen? Er hatte immer verstanden, dass sie diese Reise in den Süden antreten musste, um den Teil ihrer Wurzeln zu finden, der ihr im Kosch immer gefehlt hatte. | ||
„Ein Muttermal am Knie macht noch keinen Prinzen, Beppo“, antwortete sie ruhig, während sie sich die Decke zurechtzog. „Und die Hirten haben es vermutlich erst gemerkt, als der Junge nicht mehr wie ein Hirte handelte. Ein wahrer Prinz – oder ein wahrer Meister – zeigt sich nicht durch ein Zeichen auf der Haut, sondern durch das, was er tut, wenn es darauf ankommt. Ob die Schafe es gemerkt haben? Vielleicht. Tiere scheren sich nicht um Goldkuppeln, aber sie wissen, wer eine ruhige Hand und ein aufrichtiges Herz hat.“ | „Ein Muttermal am Knie macht noch keinen Prinzen, Beppo“, antwortete sie ruhig, während sie sich die Decke zurechtzog. „Und die Hirten haben es vermutlich erst gemerkt, als der Junge nicht mehr wie ein Hirte handelte. Ein wahrer Prinz – oder ein wahrer Meister – zeigt sich nicht durch ein Zeichen auf der Haut, sondern durch das, was er tut, wenn es darauf ankommt. Ob die Schafe es gemerkt haben? Vielleicht. Tiere scheren sich nicht um Goldkuppeln, aber sie wissen, wer eine ruhige Hand und ein aufrichtiges Herz hat.“ | ||
Im ersten Moment fühlte Beppo den leisen Stich einer Enttäuschung, aber dann war es wieder so wie bei der Rast unter der Zypresse: Von den Worten der Älteren ging eine wohltuende, bestärkende Ruhe aus. Es ergab doch Sinn, was sie da sagte. | Im ersten Moment fühlte Beppo den leisen Stich einer Enttäuschung, aber dann war es wieder so wie bei der Rast unter der Zypresse: Von den Worten der Älteren ging eine wohltuende, bestärkende Ruhe aus. Es ergab doch Sinn, was sie da sagte. | ||
Sie schwieg einen Moment und hörte auf das ferne Knarren der Dielen im Gasthaus. „Schlaf jetzt. Morgen auf der Reichsstraße brauchen wir deine Augen für die Wirklichkeit, nicht für Märchenschlösser. Wir suchen keine Goldkuppeln, sondern die Rücken der Yaquirdare.“ | Sie schwieg einen Moment und hörte auf das ferne Knarren der Dielen im Gasthaus. „Schlaf jetzt. Morgen auf der Reichsstraße brauchen wir deine Augen für die Wirklichkeit, nicht für Märchenschlösser. Wir suchen keine Goldkuppeln, sondern die Rücken der Yaquirdare.“ | ||
“Jawohl, Meisterin Ingra!”. Der Junge rutschte auf der Bettstatt in den Decken hin und her bis er eine gemütliche Kuhle gefunden hatte und fiel in einen erholsamen Schlaf, mit Träumen, die so buntschillernd waren wie der Umhang des Erzählers und worin goldgeschuppte Rücken von Flußdelphinen Wasserwellen durchkämmten, die klar waren wie grüner Kristall. | “Jawohl, Meisterin Ingra!”. Der Junge rutschte auf der Bettstatt in den Decken hin und her bis er eine gemütliche Kuhle gefunden hatte und fiel in einen erholsamen Schlaf, mit Träumen, die so buntschillernd waren wie der Umhang des Erzählers und worin goldgeschuppte Rücken von Flußdelphinen Wasserwellen durchkämmten, die klar waren wie grüner Kristall. | ||
Noch ehe die ersten Sonnenstrahlen die Hügelkuppen berührten, saßen Ingrimiane und Beppo bereits in der kühlen Gaststube. Sie frühstückten ausgiebig – ein warmer Brei und frisches Brot sollten die nötige Kraft für den Tag liefern. Ingrimiane achtete darauf, dass der Junge ordentlich zulangte; der Weg am Fluss würde lang werden. | |||
Für unterwegs ließ sie sich vom Wirt noch Proviant einpacken: einen Laib kräftiges Graubrot, ein ordentliches Stück Hartkäse und ein wenig gedörrtes Fleisch. „Man weiß nie, wann die nächste verlässliche Küche kommt“, brummte sie, während sie die Riemen ihres Gepäcks festzog. | Noch ehe die ersten Sonnenstrahlen die Hügelkuppen berührten, saßen Ingrimiane und Beppo bereits in der kühlen Gaststube. Sie frühstückten ausgiebig – ein warmer Brei und frisches Brot sollten die nötige Kraft für den Tag liefern. Ingrimiane achtete darauf, dass der Junge ordentlich zulangte; der Weg am Fluss würde lang werden. Für unterwegs ließ sie sich vom Wirt noch Proviant einpacken: einen Laib kräftiges Graubrot, ein ordentliches Stück Hartkäse und ein wenig gedörrtes Fleisch. „Man weiß nie, wann die nächste verlässliche Küche kommt“, brummte sie, während sie die Riemen ihres Gepäcks festzog. | ||
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Aktuelle Version vom 20. März 2026, 14:31 Uhr
Gräflich Taladur, Phex 1047 BF
II - Der Märchenerzähler
Straße zwischen Taladur und Quirod
Autoren: InsomniaJones & Amrit
Ingrimiane und Beppo setzten ihren Weg fort, während die Sonne tiefer sank und die langen Schatten der Bäume wie dunkle Finger über den staubigen Pfad griffen. Sie marschierten schweigend; das gleichmäßige Knirschen ihrer Stiefel auf dem Kies gab den Takt vor. Ingrimiane achtete darauf, das Tempo so zu wählen, dass Beppo zwar gefordert war, aber seinen Rhythmus fand. Als das Licht in ein tiefes Violett überging, erreichten sie eine Herberge am Wegesrand.
Der ebenerdige Gasthof lag hinter einem wohl gepflegten Obstgarten, dessen Wege mit Schlüsselblumen bestanden waren, und durch die dicken Buntglasfenster des Hauses leuchtete den zwei Reisenden ein freundlicher Lichtschein entgegen.
Erleichtert ließen sie die schweren Rucksäcke in der Gaststube zu Boden gleiten, und Ingrimiane orderte Abendessen, einen einfachen, aber sättigenden Steckrübeneintopf mit Rindfleisch und Möhren. Es war für Beppo tatsächlich das allererste Mal, dass er eine Taverne besuchte. Der Junge war aufgeregt und erpicht, sich dem Anlass würdig zu zeigen. Daher lehnte er sich immer wieder nahe zu seiner Meisterin und tuschelte ihr halblaut zischende Fragen zu: ”Darf ich mich auf den Platz dort setzen?“...”Soll ich das Essgeschirr abwaschen gehen?”
Nachdem alle gegessen hatten, versammelten sich die wenigen Gäste vor einem Feuer, das heiter in einer Wandnische prasselte. Unter den Reisenden befand sich auch ein Avesgeweihter dessen Umhang aus bunten Flicken und Stoffstücken vieler Ländern genäht war. Leuchtendes Gelb eines Maraskanischen Webstückes fand sich neben dem klaren Indigo, das nur manche Flechten aus Thorwal einem Stoff verleihen können. Geradlinige bornländische Kreuzstickerei prangte neben schillernder Mirhamer Seide. Der Blick Beppos ruhte versonnen auf dem Werk.
Als die Stimmen ringsum ruhiger wurden, begann der Geweihte des Fröhlicher Wanderers den Abend mit Geschichten zu füllen, die vielfarbig waren wie die Flicken seines Mantels. Erst erzählte er das Märchen vom „Möhrentest“. Der Geweihte beschrieb mit lebhaften Gesten, wie der ziegenköpfige Drache Yalsicor, der gütige Begleiter der Mutter Travia, einem kleinen Gänseküken dabei half, wahre Freunde zu finden. Der Test mit den Möhren sollte zeigen, wer ein ehrliches Herz besaß und wer nur aus Eigennutz handelte. Ingrimiane, die sonst eher für ihre Strenge bekannt war, hielt ihren Becher fest und spürte, wie ein seltenes Schmunzeln ihre Züge stahl. Die Vorstellung des mächtigen, seltsam gestalteten Drachen, der sich so sanftmütig um die Sorgen eines Kükens kümmerte, hatte etwas, das selbst ihren harten Kern für einen Moment erwärmte.
Nachdem die Geschichte beendet und der leise Applaus abgeklungen war, begann der Avesjünger seine nächste Erzählung, ein Märchen aus der Wüste Gor: die Fabel eines bei der Geburt verlorenen Prinzen, der unter ärmlichen Schafhirten aufwuchs, der aber schließlich erkannt wurde an seinem einzigartigen Mal auf der Haut, und als Erbe des Kalifen der reichen Oasenstadt einziehen durfte in die marmornen Paläste mit ihren schlanken Goldkuppeln.
Beppo war von den Bildern geradezu bezaubert, und konnte kaum aufhören, davon zu sprechen, als er und Meisterin Ingra etwas später dann die Bettstatt aufsuchten. “Stellt Euch vor, wie schön für den Prinzen! Ich frage mich, ob die Hirten schon etwas vermutet haben, als er ein Kind war. Wenn jemand eigentlich ein Prinz ist, das merkt man doch, oder? Vielleicht haben die Schafe zumindest etwas gemerkt. Tiere sind oft klüger als Menschen. Wenn man ein Muttermal hat, sagen wir zum Beispiel am Knie, woher weiß man, ob es königlich ist?” Ingrimiane schmunzelte im Dunkeln der Bettstatt, auch wenn Beppo es nicht sehen konnte. Seine Faszination für den Prinzen, der plötzlich in einem Marmorpalast erwacht, war nur zu verständlich. Bei so vielen Geschwistern zu Hause, wo der Alltag aus ständiger Mühsal und dem Teilen des Wenigen bestand, war der Traum von einem Leben ohne tägliche Plackerei, in dem Wohlstand einfach gegeben war, die natürlichste Sache der Welt. Wer hätte da nicht gern ein Zeichen auf der Haut, das einen von all den Sorgen befreite? Sie selbst hatte das Handwerk von zwei Seiten gelernt: Ihre Mutter hatte ihr die menschliche Kunst beigebracht, das Gespür für Form und die Leichtigkeit des Stahls. Ihr Ziehvater jedoch, ein alter, erfahrener Zwerg, hatte ihr die zwergische Kunst vermittelt – jene unerbittliche Geduld und das Wissen um das Herz des Metalls. Er hielt nun die Esse in Angbar für sie am Brennen, damit sie sich in Taladur niederlassen konnte. Dort suchte sie nach der Wahrheit über ihren leiblichen Vater, während ihre Werkstatt daheim als sicherer Hafen für ihre eigenen drei Kinder bereitstand, die längst als Abenteurer oder auf der Walz unterwegs waren.
In diesem Moment fragte sie sich, ob ihr Ziehvater wohl ähnlich empfunden hatte, wenn sie ihm als junges Mädchen zwar keine Löcher über das Handwerk, aber dafür über das Leben jenseits der Berge in den Bauch gefragt hatte. Hatte er hinter seinem dichten Bart dasselbe nachsichtige Lächeln verborgen, während er versuchte, ihre Neugier mit der harten Logik des Ambosses zu bändigen? Er hatte immer verstanden, dass sie diese Reise in den Süden antreten musste, um den Teil ihrer Wurzeln zu finden, der ihr im Kosch immer gefehlt hatte.
„Ein Muttermal am Knie macht noch keinen Prinzen, Beppo“, antwortete sie ruhig, während sie sich die Decke zurechtzog. „Und die Hirten haben es vermutlich erst gemerkt, als der Junge nicht mehr wie ein Hirte handelte. Ein wahrer Prinz – oder ein wahrer Meister – zeigt sich nicht durch ein Zeichen auf der Haut, sondern durch das, was er tut, wenn es darauf ankommt. Ob die Schafe es gemerkt haben? Vielleicht. Tiere scheren sich nicht um Goldkuppeln, aber sie wissen, wer eine ruhige Hand und ein aufrichtiges Herz hat.“ Im ersten Moment fühlte Beppo den leisen Stich einer Enttäuschung, aber dann war es wieder so wie bei der Rast unter der Zypresse: Von den Worten der Älteren ging eine wohltuende, bestärkende Ruhe aus. Es ergab doch Sinn, was sie da sagte.
Sie schwieg einen Moment und hörte auf das ferne Knarren der Dielen im Gasthaus. „Schlaf jetzt. Morgen auf der Reichsstraße brauchen wir deine Augen für die Wirklichkeit, nicht für Märchenschlösser. Wir suchen keine Goldkuppeln, sondern die Rücken der Yaquirdare.“
“Jawohl, Meisterin Ingra!”. Der Junge rutschte auf der Bettstatt in den Decken hin und her bis er eine gemütliche Kuhle gefunden hatte und fiel in einen erholsamen Schlaf, mit Träumen, die so buntschillernd waren wie der Umhang des Erzählers und worin goldgeschuppte Rücken von Flußdelphinen Wasserwellen durchkämmten, die klar waren wie grüner Kristall.
Noch ehe die ersten Sonnenstrahlen die Hügelkuppen berührten, saßen Ingrimiane und Beppo bereits in der kühlen Gaststube. Sie frühstückten ausgiebig – ein warmer Brei und frisches Brot sollten die nötige Kraft für den Tag liefern. Ingrimiane achtete darauf, dass der Junge ordentlich zulangte; der Weg am Fluss würde lang werden. Für unterwegs ließ sie sich vom Wirt noch Proviant einpacken: einen Laib kräftiges Graubrot, ein ordentliches Stück Hartkäse und ein wenig gedörrtes Fleisch. „Man weiß nie, wann die nächste verlässliche Küche kommt“, brummte sie, während sie die Riemen ihres Gepäcks festzog.