Kult des Rotäugigen Stiers
In der Südpforte, besonders im Norden mit seinen abgelegenen, aber fruchtbaren Bergtälern, kennt die Landbevölkerung den Schwarzen Stier als Toro Ojirrojo, der Rotäugige. Er gilt er als der wilde Bruder des Weißen Stiers. Während der Weiße Stier Fruchtbarkeit und friedliches Gedeihen verkörpert, steht der Schwarze Stier für Zeugungskraft, Mut, Zähigkeit und den Schutz der Herde. Die meisten Anhänger betrachten Toro Ojirrojo lediglich als heiliges Tier Peraines, und die örtlichen Geweihten dulden diese Bräuche seit Generationen. Im Volksglauben bilden Weißer und Schwarzer Stier eine göttliches Dualität und so finden sich in vielen Dörfern Altäre, auf denen beide Stiere abgebildet sind und wo diese verehrt werden – mitunter zieren gar Schreine der Peraine diese Abbildungen. Kein Kalb wird ohne den Segen beider Stiere geboren, so ein verbreiteter Volksglaube. Darum stehen auf den Altären stets beide Stiere einander gegenüber.

Ursprungsmythos
Einer uralten Legende nach, schuf Peraine zwei Stiere, den Weißen Stier für Fruchtbarkeit und Frieden und den Schwarzen Stier, damit er Wölfe, Räuber und Hunger von den Herden fernhalte. Durch das Blut der Kämpfe ist der Schwarze Stier „rotäugig“ geworden – zu Toro Ojirrojo. Für die Ras'Ragh-Kultisten, die den Stierglauben der lokalen Bevölkerung bewusst nutzen, ist hingegen klar, dass der rotäugigen Toro Ojirrojo eine Erscheinungsform ihres Gottes Ras'Ragh ist.
Kultorte
Zu den offensichtlichen Verehrungsstätten zählen die Doppelaltäre des Weißen und Schwarzen Stier, die sich in einigen Dörfern befinden und meist von Perainegeweihten gepflegt werden. Besonders in den Tälern der Baronie Mesch befinden sich einige Höhlen, die für Rituale genutzt werden, wie etwa die nur den wenigen Eingeweihten des Kreises der Roten Augen bekannten Höhle in der Nähe des Familiensitzes der Familia de Bolongaro. Eine natürliche Tropfsteinhöhle in den Bergen der Baronie Mesch, in der ein uralter Doppelaltar steht. Auf seiner Vorderseite erheben sich ein weißer und ein schwarzer Stier auf den Hinterbeinen gegeneinander. Auf der Rückseite hingegen befindet sich ein verborgenes Relief eines einzelnen gehörnten Stieres mit roten Augen – eine Darstellung Ras'Raghs.
Allgemein bekannte Bräuche
- Das Treiben des Schwarzen Stiers
Im Peraine-Mond wird ein besonders kräftiger Zuchtstier geschmückt und durch das Dorf geführt. Junge Männer und Frauen versuchen, das Tier anzufassen oder ein Band von seinen Hörnern zu lösen, da dies Fruchtbarkeit und Glück bringen soll.
- Die Nacht der Feuer
In der Nacht springen die Hirten über Feuergruben und treiben ihre Herden zwischen Rauch und Wacholderzweigen hindurch. Dabei sprechen sie: „Möge der Weiße Stier die Weiden segnen und der Schwarze sie schützen.“
- Die Prüfung der Hörner
Junge Caballeros müssen einen wilden Jungstier mit Seil und Geschick bezwingen. Blutvergießen gilt als unehrenhaft; der Stier soll nicht besiegt, sondern unterworfen werden.
- Die Nacht der Zwei Hörner
Im Rahja-Mond versammeln sich die Vaqueros und Bauern um einen Dorfaltar. Ein weißer und ein schwarzer Stier werden mit Blumen, Bändern und Glocken geschmückt. Es wird getanzt, gesungen und bis zum Morgen gefeiert. Während die einfachen Gläubigen Peraine danken, führen die Hüter des Schwarzen Horns in derselben Nacht geheime Riten durch.
Die Hüter des Schwarzen Horns
Innerhalb des Brauchtums existieren verschworene Zirkel, die sich Hüter des Cuerno Negro nennen. Die meisten bestehen aus alten Züchterfamilien, einigen Caballeros und wenigen Dorfvorstehern. Sie glauben, dass der Schwarze Stier nicht bloß ein Tier Peraines, sondern eine uralte Macht ist, die schon vor Bosparans Tagen verehrt wurde.
Sie lehren:
- Stärke ist heilig.
- Feigheit und Schwäche beleidigt den Schwarzen Stier.
- Der Tod eines Gegners stärkt die Lebenskraft des Siegers.
- Die Hüter sind berufen, die Herde und ihre Familien zu führen.
- Blutopfer sind in Notzeiten zulässig.
Die meisten Mitglieder ahnen jedoch nicht, dass diese Lehren bereits auf Ras'Ragh zurückgehen.
Erkennungszeichen
Öffentlich:
- Schwarze Bänder an Zuchtstieren
- Hornamulette.
- Rot-schwarze Stickereien auf Satteldecken.
Geheim:
- Drei rote Punkte auf der Innenseite eines Hornamuletts.
- Begrüßung: rechte Hand auf die Brust, zwei Finger nach oben wie Hörner.
- Der Trinkspruch: „Ein Horn für das Leben, ein Horn für den Kampf.“
Rangordnung
- Vaqueros (gewöhnliche Gläubige)
- Hüter des Horns (eingeweihte Züchterfamilien)
- Die Roten Augen (Ras'Ragh-Kultisten)
- El Toro Mayor (Anführer; traditionell ein Bolongaro)
Der Kreis der Roten Augen
Der eigentliche Kult besteht aus kaum einem Dutzend Personen. Besonders die Familia de Bolongaro gilt in diese Reihen als sehr einflussreich, sind ihre Soberano doch schon seit Generationen Anführer des Kultes.
Die Roten Augen glauben, dass der Schwarze Stier und Ras'Ragh identisch seien. In archaisch anmutenden Ritualen werden Stierblut getrunken, rituelle Zweikämpfe ausgetragen, Bullen geopfert und Visionen gesucht.
Der Kreis hofft auf die Geburt eines Ersten Sohnes des Rotäugigen, eines Kriegers, der die Stierkulte Almadas vereinen soll.
In einer alten Prophezeiung heißt es: Wenn die Herden verdorren und Bruder gegen Bruder kämpft, wird aus dem Blut des Toro Ojirrojo ein Sohn geboren werden. Seine Augen werden wie Glut sein, und unter seinen Hörnern werden sich die Erwählten erheben und das Land vereinen.
Anführer des Kultes, der El Toro Mayor, ist der Landedle Amado Jacopo de Bolongaro, der von seinem Landgut La Matanza in der Baronie Mesch aus den Kreis der Roten Augen anführt und somit maßgeblich Einfluss auf die verschiedenen Hüterzirkel des Schwarzen Horns ausübt. Der alternde Amado sieht sich noch in der Gunst des Toro Ojirrojo, doch weiß er auch, dass seine Lebenskräfte mit zunehmenden Alter schwinden werden. Seinen erstgeborenen Sohn Eslamo hält er hingegen nicht für würdig für die Nachfolge als El Toro Mayor. So zieht er sich immer öfter in die Höhle des Rotäugigen zurück, um in blutigen Ritualen Visionen über den Ersten Sohn des Rotäugigen zu erlangen. Er bevorzugt seinen zweitgeborenen Sohn Perinyo, der dem spirituellen Pfad seines Vaters folgt und oftmals auf Questen im unwegsamen Gebirge unterwegs ist, um das sagenumwobene Schwarze Horn zu finden, ein Artefakt Ras'Raghs. Eslamo hingegen strebt nach Machtzuwachs und Expansion des Kultes und vertritt dabei eine klare politische Agenda. Sein Ziel ist es, sich mit andern Stierkultisten zu vernetzen.
Die Blutweihe
Bei der Aufnahme in den inneren Kreis wird dem Anwärter ein Tropfen Stierblut auf die Stirn gestrichen. Anschließend spricht er:
„Mit einem Horn empfange ich das Leben, mit dem anderen den Kampf. Möge der Rotäugige mich sehen.“
Erst danach gilt er als eines der Roten Augen.
Verhältnis zu Goblins
Die Vaqueros und Hüter des Horns sehen in den Goblins Feinde für Mensch und (S)Tier. Die Roten Augen hingegen haben erkannt, dass manche Goblins ebenfalls den Schwarzen Stier verehren, und unterhalten heimlich Kontakte zu ihnen, allen voran Perinyo Amado de Bolongaro
Verhältnis zur Perainekirche
Die meisten Perainegeweihten dulden die Bräuche, einzelne Geweihte sind selbst Mitglieder der Hüter des Schwarzen Horns. Somit ist der Kult stark im hiesigen Peraineglauben integriert – auch weil die einfachen Gläubigen sich als Teil des Zwölfgötterglaubens sehen und nur die Roten Augen tatsächlich Ras'Ragh-Kultisten sind.
Wichtige Personen
Amado Jacopo de Bolongaro (*990 BF, 1,80 Schritt, dunkelbraunes, graumeliertes, zu einem Zopf gebundenes Haar, unbeugsam, spirituelles Familienoberhaupt; vollendeter Viehzüchter und Kultistenanführer, Mystiker), El Toro Mayor
Amado Jacopo gilt als einer der bedeutendsten Viehzüchter der Baronie Mesch. Unter den Vaqueros genießt er den Ruf eines weisen Patriarchen, der selbst die störrischsten Zuchtbullen zu zähmen vermag. Kaum jemand ahnt, dass der Landedle zugleich als El Toro Mayor die verschiedenen Zirkel der Hüter des Schwarzen Horns zusammenhält.
In seiner Jugend war Amado ein gefürchteter Reiter und Kämpfer, doch mit den Jahren wandte er sich zunehmend mystischen Studien und den Visionen des Toro Ojirrojo zu. Immer häufiger zieht er sich in die Höhle des Rotäugigen zurück und sucht in blutigen Ritualen nach Zeichen für das Erscheinen des Ersten Sohnes des Rotäugigen.
Er zweifelt zunehmend daran, ob sein ältester Sohn Eslamo würdig ist, ihm nachzufolgen. Stattdessen sieht er in seinem zweitgeborenen Sohn Perinyo einen Mann, der den Willen des Rotäugigen besser versteht.
Eslamo Amado de Bolongaro (*1012 BF, 1,85 Schritt, dunkelbraunes, schulterlanges Haar, ehrgeizig, politisch denkend, möchte Verbindungen zu anderen Stierkulten knüpfen, strebt nach Einfluss und Macht; meisterlicher Schwertkämpfer und vollendeter Reiter, kompetenter Verwalter; Pragmatischer Machtmensch), Kreis der Roten Augen
Eslam gilt als hervorragender Reiter, meisterlicher Schwertkämpfer und fähiger Verwalter. Im Gegensatz zu seinem Vater ist er kein Mystiker, sondern ein Mann der Tat. Er betrachtet die alten Bräuche vor allem als Mittel, um Macht und Einfluss der Familie de Bolongaro auszubauen.
Als Mitglied des Kreises der Roten Augen bemüht er sich um Kontakte zu anderen Stierkulten Almadas. So steht er bereits mit Tauro Trigorne, dem Stierkönig von Pildek im engen Austausch. Sein Ziel ist ein Netzwerk von Stierkultisten, das eines Tages offen politischen Einfluss ausüben kann.
Die Obsession seines Vaters mit Prophezeiungen und die Questen seines Bruders hält er für Träumereien. Vielmehr versucht er diese für seine Zwecke zu nutzen.
Perinyo Amado de Bolongaro (*1015 BF, 1,83 Schritt, asketisch, fanatisch, sucht Visionen und alte Heiligtümer, glaubt, dass der Erste Sohn des Rotäugigen bald geboren wird, auf der Suche nach dem Schwarzen Horn, Mystiker), Kreis der Roten Augen
Perinyo lebt asketisch und verbringt oft viele Monde in den Bergen Meschs. Er sucht nach vergessenen Höhlen, Ruinen und alten Kultstätten. Dabei unterhält er enge Kontakte zu einigen Goblinstämmen. Er glaubt fest an die Wiederkehr des Rotäugigen.
Innerhalb des Kreises der Roten Augen gilt er als besonders fanatisch und von Visionen gesegnet. Er ist überzeugt, dass die Geburt des Ersten Sohnes des Rotäugigen kurz bevorsteht und dass das sagenumwobene Schwarze Horn tatsächlich existiert.
Viele Vaqueros halten ihn für einen wunderlichen Sonderling. Sein Vater hingegen sieht in ihm den geeigneteren Nachfolger als El Toro Mayor.
Rinaya Peliria de Bolongaro (*1017 BF, 1,78 Schritt, resolut, willensstark, pflichtbewusst, Narbe über der linken Schläfe durch einen Stierritt; versucht zwischen ihren Brüdern zu schlichten; Perainegeweihte), Vaqueros
Rinaya trägt eine auffällige Narbe über der linken Schläfe, die sie bei einem missglückten Stierritt in ihrer Jugend erlitt. Die robuste und resolute Frau dient der Peraine in Mesch und genießt bei den Bauern großes Ansehen.
Sie kennt die Bräuche um den Weißen und Schwarzen Stier seit ihrer Kindheit und betrachtet sie als Teil der almadanischen Tradition. Zwar gehört sie nicht den Roten Augen an, doch ahnt sie, dass ihre Familie dunklere Geheimnisse verbirgt.
Immer wieder versucht sie zwischen ihrem Vater und ihren Brüdern zu vermitteln und den drohenden Bruch innerhalb der Familie zu verhindern. Insgeheim hofft sie, ihren Vater noch vor seinem Tod mit Peraine zu versöhnen.
Strömungen innerhalb des Kultes des Rotäugigen Stiers
- Die Mystiker (Amado und Perinyo)
Sie streben nach Visionen, Prophezeiungen und dem Schwarzen Horn. Für sie ist Politik zweitrangig.
- Die Erneuerer (Eslamo)
Sie wollen die Stierkulte vereinen, Netzwerke aufbauen und politischen Einfluss gewinnen. Eslam sieht sich als Erbe des Mondenkaisers, nicht als Einsiedler.
- Die Bewahrer (Rinaya)
Sie gehören nicht zu den Roten Augen, verkörpern aber die ursprüngliche Harmonie zwischen Weißem und Schwarzem Stier. Sie stehen für die Möglichkeit, dass der Kult nicht zwangsläufig im Ras'Ragh-Glauben endet.
Wer wird nach Amados Tod El Toro Mayor?
Die Antwort darüber wird entscheiden, ob der Kult des Rotäugigen Stiers ein geduldeter Volksglaube bleibt, ein politischer Geheimbund wird oder vollständig dem Ras'Ragh-Kult verfällt.