Chronik.Ereignis1045 Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin 1045 BF 15
Ist es weit bis Selkethal?
Autor: Rappach
Man schrieb den 6. Ingerimm 1045 BF als zur 14., der Rondrastunde Ritter Hlûdoald von Markartshof mit seiner Tochter Peraingard, seinem Waibel Praiophatius Dreyschwehrdt, zwei Bewaffneten, die für diese Reise aus den Freien des Lehens rekrutiert worden waren und zwei Packpferden von Gut Rappach aufbrach.
Ihr erstes Ziel war das Jagdschloss Hasenfeld, nahe dem Dorf Altmauern. Dort würde man die erste Nacht verbringen und der Ritter eine Audienz bei Vogt Jast Godehard von Schleiffenröchte erhalten.
Peraingard hingegen war gespannt, ob sie einige der ehemaligen Spielgefährten dort wieder treffen würde, hatte sie doch einige Jahre auf dem Jagdschloss Hasenfeld gelebt, als ihr Vater Dienstritter des Vogts gewesen war. Für beide Markatshofer war es ein positiver Aufenthalt auf dem Jagdschloss.
Am folgenden Tag brachen die Rappacher bereits zur 7., der Firunsstunde auf.
Das heutige Tagesziel hieß Elenvina.
In der Herzogenstadt wollte man zwei Tage verbringen und der Ritter hatte sich vorgenommen, seiner Tochter die Stadt ein bisschen zu zeigen.
Die Herzogenveste Eilenwïd-über-den-Wassern, welche auf einer hohen Felsenklippe über dem Großen Fluss und der Stadt Elenvina gleichermaßen thronte war schon von Weitem zu sehen und die Ritterstochter staunte nicht schlecht.
War es doch eine Mischung von würdevollem Alter und Wehrhaftigkeit, gefertigt aus wuchtigem grauen Stein, den der Anblick der Veste bot.
Man stieg im Hotel und Gasthaus ‘Zum Güldenen Greifen’ ab, der Ritter ließ sich diese Reise mit seiner Tochter ordentlich was kosten. Am ersten Tag führte der Weg Vater und Tochter zuerst zum erst 1037 BF gestifteten Tempel des Raben in Elenvina. Nach der Messe besuchten sie allerlei Sehenswertes, wie die Wehrhalle, die Herzog-Jast-Gorsam- Brücke, auf deren mittlerem Brückenpfeiler sich eine Efferd-Kapelle erhebt, die dem Heiligen Wedegond gewidmet ist. Die Brücke ist eines der Meisterwerke, das seinesgleichen sucht, wie Hlûdoald fand.
Aber auch das Hlutharsdenkmal, das Tulamidische Teehaus oder die Kaiserliche Münze wurden besucht.
Für Peraingard endete die Zeit in der Herzogenstadt viel zu schnell, für Hlûdoald’s Geldkatze nicht früh genug. In Trelm, einem kleinen Dorf etwas abseits der Reichsstraße, das für seine Glaswaren bekannt ist, verbrachte man die folgende Nacht.
Am nächsten Morgen hieß es wieder früh aufbrechen, fast 70 Meilen lagen vor der Reitergruppe bis Imdal, einem Städtchen, welches sicher über 600 Einwohner hatte und bei dem der Farinquir in den Phecadi mündete.
Nun waren sie endgültig in Almada.
Im Imdaler Hof hatte man genächtigt und brach nun am frühen Morgen nach einer kleinen Stärkung auf. Ihr Weg führte sie zum Phecanowald-Pass, einem Teil der Pforte in der Grenzmark, einer Handelsstraße, die von Imdal am Phecadi nach Neu-Süderwacht am Yaquir führt. Auch dieser Teil der Reise hatte problemlos geklappt vielleicht auch weil man sich einem Handelstross angeschlossen hatte, der aus der Markgrafschaft Windhag kommend ebenfalls auf dem Weg nach Schradok war.
Es dämmerte bereits als man die Tore Schradok’s erreichte und kurz darauf passierte.
Es war nicht gerade die nobelste Herberge und absolut kein Vergleich mit dem Hotel ‘Zum Güldenen Greifen’ in Elenvina, aber es gab einen ganz passablen Eintopf mit ordentlich Fleisch darin und Peraingard durfte sogar von dem Bier ihres Vaters probieren, was aber so überhaupt nicht nach ihrem Geschmack war. Die Betten waren nicht die bequemsten, dafür aber sauber und frei von Ungeziefer.
Der neue Morgen empfing die fünf Nordmärker mit einem wolkenlosen Himmel, auf dem sich die Praiosscheibe schon zur Hälfte zeigte.
Nach einer nicht besonders schmackhaften, aber stärkenden Morgenmahlzeit folgten sie weiter der Straße Richtung Neu-Süderwacht. Man legte zur 13., der Praiosstunde eine Rast am Straßenrand ein und stärkte sich aus den mitgeführten Vorräten. Bislang war man gut voran gekommen und der Ritter war guter Dinge für den Rest der Reise.
Nach etwa einer halben Stundenkerze hieß der eisenhuetter Adlige aufsitzen und es ging weiter in südöstlicher Richtung. Nach gut 40 Meilen querte die Straße ein Flüsschen namens Gugella.
Nach der Querung gabelte sich die Straße, während eine Abzweigung der Gugella praioswärts nach Neu-Süderwacht folgte, nutzte die nordmärkische Reisegruppe die gen Rahja führende Abzweigung nach Pildek. Nach einigen Meilen lag etwas Abseits der Straße ein Gehöft und Hlûdoald beschloss den Bauern um Quartier für die Nacht zu Ersuchen.
Auf Peraingard’s betreiben lehnte der Ritter das großzügige Angebot des Bauernpaares ab deren Schlafkammer und Bett zu nutzen und so schliefen die Fünf in der Scheune im Heu.
Die Bäuerin bereitete einen wirklich köstlichen Eintopf mit ordentlich Speck und einigen Scheiben Brot zu.
Am nächsten Morgen gab es Eier, frische Kuhmilch, Rauchfleisch und Brot. Da das Brot und das Rauchfleisch von wirklich großartiger Qualität war, nutzte Hlûdoald von Markatshof die Gelegenheit und füllte den Reiseproviant auf. Auch die Bauern waren mit dem Geschäft zufrieden und würden den Nordmärkern sicher auch auf dem Rückweg Quartier gewähren.
Auch der neunte Tag der Reise war ohne nennenswerte Vorkommnisse verlaufen und man erreichte das Städtchen Pildek. Hlûdoald hatte gehofft, seiner Tochter eines der viel gerühmten Dillwisch-Rösser zeigen zu können.
Diese entstehen angeblich durch die Verpaarung von Yaquirtaler-Stuten mit einem Einhornhengst aus dem Dillwischwald bei Pildek.
Leider war Phex dem Ritter nicht hold und so bekamen sie keines der seltenen Pferde zu Gesicht.
Der nächste Reisetage war wieder etwas kürzer, nach knapp fünf Stunden erreichte man Carhag-Lo, eine kleine Ortschaft, an der Landstraße zwischen Pildek und Endivarol gelegen.
Man war in einem kleinen Gasthaus abgestiegen, das allerdings nur drei Schlafräume mit je sechs Betten hatte. Da Hlûdoald vermeiden wollte, dass irgendwer fremdes mit ihnen im Zimmer war zählte er den vollen Preis für eines der drei Zimmer. Im Verlauf des Nachmittags betrat eine junge, blonde Frau die Gaststube. Man kam ins Gespräch und die Frau stellte sich als Mentorin Roxalba Bahramo vor, eine 23-jährige Hesinde-Geweihte mit auffällig meergrünen Augen.
Auch wenn dem nordmärker Ritter die Allweise nicht besonders nahe stand, so konnte es nicht schaden sich das Wohlwollen der Göttin zu sichern in dem man ihrer Dienerin Speis, Trank und eine Schlafstatt spendierte. Als im Verlauf des gemeinsamen Aufenthaltes in der Gaststube die Rede auf den Zweck der Reise des nordmärker Quintetts kam und man über das Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin zu sprechen kam war die Neugier der Mentorin geweckt und wenig später war es beschlossene Sache, die Hesinde-Geweihte war nun Teil der kleinen Reisegruppe, zumindest bis zum Ende jenes Pferderennens. Am nächsten Morgen brach man nun zu sechst nach Endivarol auf.
Die blonde Hesindianerin entpuppte sich auch als ausdauernde Reiterin, die die Reisegeschwindigkeit der Nordmärker problemlos mithalten konnte.
Hlûdoald freute sich, dass seine Tochter und Roxalba sich sehr gut zu verstehen schienen und die Mentorin nicht müde wurde den Wissensdurst Peraingard’s zu stillen. So hatte der Ritter von Markartshof beschlossen künftig Kost und Logis für sechs Personen zu tragen, das war ihm die Bildung seiner Tochter wert.
Noch vor Untergang der Praiosscheibe erreichte man den wichtigen, gut 800 Einwohner zählenden Marktflecken im Hinterland des Yaquirbruchs.
Man hatte sich angenehm unterhalten und gut gespeist. Mentorin Roxalba war eine freundliche aber bisweilen etwas anstrengende Person, da sie die Neigung hatte Sachverhalte oder Dinge die ihr nicht bekannt waren zu hinterfragen und sich erklären zu lassen, was den Erzählfluss bei Geschichten ziemlich hemmte und die Geduld der Zuhörenden wie des Erzählenden arg strapazierte. Auch die Angewohnheit ständig Eintragungen in ein Büchlein, welches sie ständig und überall bei sich trägt ist sehr gewöhnungsbedürftig.
Allerdings ist ihr Kleidungsstil von durchweg pragmatischer Natur. Mit robuster Lederhose, kniehohen Reiterstiefeln, festem Leinenhemd und einem gewachsten Mantel war sie bestens auf jedes Wetters vorbereitet. Auffällig war jedoch das all ihre Kleidungsstücke in hesindianischem Grün und Gold gehalten waren. Vor allem Mantel und die lederne Hose waren mit aufwendigen Stickereien verziert, die Schlangenornamentik darstellen. Sogar ihr Büchlein verfügte über einen grünen Ledereinband der in Gold geprägte Symbole der Göttin trug.
Eine weitere Umstellung war, das statt dem zugegeben eher sporadischen morgendlichen Gebet nun morgens und abends ein Göttinnendienst stattfand, aber der Nordmärker an sich ist Pragmatiker und gerade bei einer so langen Reise konnte der Beistand einer Göttin nur Vorteile bringen. Tatsächlich hatten sich dem Göttinnendienst am Abend einige der Gäste und sogar der Wirt angeschlossen und als sie erfuhren, das Mentorin Roxalba am nächsten Morgen ebenfalls einen Göttinnendienst feiern würde, hatten sich tatsächlich um die 70 Dörfler am Gasthaus eingefunden um daran teilzunehmen.
Nachdem der Dienst an Hesinde beendet war und man sich etwas gestärkt hatte setzte die sechsköpfige Reiterschar ihre Reise fort. Von Endivarol nach Rengor waren es etwas über 30 Meilen, aber die Landstraße war in gutem Zustand und führte immer an der Brigella entlang. Auch der Ritter mochte diese Art des Reisens, konnte man sich doch auf diese Weise mehr der Landschaft und seinen Mitreisenden widmen und war nicht ständig mit der Frage befasst ob man wohl noch in der richtigen Richtung unterwegs war und ob man sich auch alle markanten Landschaftsmerkmale richtig gemerkt hatte. Es war eine sehr unangenehme Sache wenn man an einem Hügel links statt rechts vorbeiritt nur weil man außer acht gelassen hatte, dass man bei der Besprechung, von seiner Position aus die Karte ja verkehrt herum gesehen hatte. Zum Glück war dies ein peinlicher Fehler in seiner Knappenzeit gewesen, aber der Anpfiff hatte es ordentlich in sich gehabt und der Strafdienst danach auch. Aber genau solche Erlebnisse waren es, die einen diese Fehler niemals wieder begehen lassen würden. Roxalba und Peraingard waren in eine Lehrstunde über die Pflanzen der Region vertieft, die dazu führte, dass man immer wieder anhielt um eine Blume, ein Kraut, Strauch, Baum, Pilz, Farn oder Moos genauer zu betrachten. Urigrid, die blonde Bogenschützin aus dem Weiler Neuböwerdorp, bildete die Vorhut und war wohl die Einzige aus der Gruppe die sehr aufmerksam auf die Umgebung achtete und sich weder von dem Redefluss der Hesindianerin noch von der Unbesorgtheit der Anderen beeinflussen ließ. Während der Ritter und sein Waibel die Nachhut bildeten und in Erlebnissen schwelgten, hatte sich Alfius Ulfarner an die Hesinde-Geweihte und die Ritterstochter angeschlossen und lauschte mindestens ebenso interessiert den Ausführungen und Erklärungen Roxalba’s wie es Peraingard tat. Dem Ritter war’s recht, verursachte es doch keine zusätzlichen Kosten, hielt den Mann nicht sonderlich von seiner Arbeit ab und es war praktisches Wissen aus dem er vielleicht selbst sogar einmal einen Nutzen ziehen konnte. Durch das gemächliche Tempo und eine ausgiebige Rast, Roxalba hatte tatsächlich eine Pflanze entdeckt, welche ihr nicht bekannt war, weshalb sie diese zeichnen und detailliert beschrieben musste, erreichten sie Rengor auch wieder erst kurz bevor die Praiosscheibe am Horizont versank. Hlûdoald stellte fest, es war nicht unbedingt einfach mit einer Geweihten zu reisen, glücklicherweise hatten sie keine Eile.
Rengor war ebenfalls ein kleines, gemütliches Städtchen in dem man, vor allem mit einer Geweihten im Gefolge rasch ein sauberes und günstiges Quartier fand. Hlûdoald fragte sich ob die Region an sich günstiger war oder ob tatsächlich nur an Roxalba’s Begleitung lag, dass die Kosten für die Übernachtung, Speis und Trank trotz einer zusätzlichen Person geringer waren, als zu Zeiten da sie nur zu Fünft unterwegs waren.
Ähnlich unspektakulär wie Rengor war auch Geierschrei, welches man am folgenden Tag erreichte. Wobei nicht ganz, denn zum einen thronte über dem Ort Geierschrei die Burg Geierschrei, von der der Pfalzgraf die kaiserlichen Lande der Pfalzgrafschaft Geiersgau verwaltete und zum anderen gab es hier den Geiersgau, einen perligen Weißwein, der hier angebaut und gekeltert wurde. Peraingard mochte den Wein sehr und Hlûdoald musste sehr darauf achten, dass seine Tochter nicht ihren ersten Rausch bekam, insgesamt würde er wohl mit Peraingard noch reden müssen, dass es so ein paar Dinge auf dieser Reise gab, die ihre Mutter nicht unbedingt erfahren musste.
Am folgenden Tag überquerte man nun die Brigella, deren Quelle, wie man von Mentorin Roxalba ungefragt erfuhr, unweit von Kellfall entsprang, das sie 140 Meilen lang war, drei Zuflüsse hatte und bei Brig-Lo in den Yaquir mündete. Auch erfuhr man, das man nun auf dem Waldwachter Stieg reiste, der über gut 300 Meilen lang war und von Mesch, an den Hängen des Eisenwaldes bis zur Reichsstadt Taladur führte, wo sie in der Eisenstraße mündete.
Was Hlûdoald tatsächlich interessant fand war dass der Waldwachter Stieg in manchen Karten auch als Agumer Handelsweg verzeichnet war. Auch die restliche Strecke bis Viryamun verlief Dank der Ausführungen der jungen Hesindianerin mit den meergrünen Augen sehr kurzweilig.
Das Dorf lag am Fuße der Burg Viryamun, auf der der Herr über die Baronie Flogglond residierte.
Am Morgen des 22. Ingerimm 1045 BF machte sich die Reisegesellschaft zur nächsten Etappe auf.
Am heutigen Tag hatte Frau Peraine offenbar Wasser für die Felder, Weiden und Weinberge bestellt.
Aufgrund des schlechten Wetters und der Tatsache, dass man gut in der Zeit lag, beschloss man bereits in Bangour, dem um die 700 Seelen zählenden Hauptort der gleichnamigen Baronie.
Auch hier fanden die Nordmärker freundliche Aufnahme. Die Küche war ebenfalls zum Besten, nur die Zimmer hatten schon bessere Tage gesehen. Zwar war alles sehr sauber, aber die Möbel zeigten bereits einige Gebrauchsspuren.
Der nächste Morgen zeigte sich noch bewölkt, aber trocken und in den folgenden Stunden setzte sich Herr Praios durch und die Praiosscheibe strahlte an einem blauen Himmel.
Auch die werte Hesindianerin war bei solchem Wetter wieder deutlich gesprächiger und nutzte die Zeit um Peraingard und sehr zu dessen Leidwesen auch den braven Alfius nachdem bereits Erlernten abzufragen. Doch die beiden ungleichen Schüler schlugen sich sehr gut. Roxalba war zutiefst erfreut, dass man ihrem Unterricht so vorbildlich gefolgt war.
Etwas schockiert war die Hesinde-Geweihte allerdings von dem Umstand, dass Peraingard nur sehr rudimentäre Schriftkenntnisse hatte und Alfius gar überhaupt nicht lesen und schreiben konnte.
Als der Ritter nun bestätigte, dass wohl kaum einer seiner Unfreien lesen und schreiben konnte und er auch den Sinn darin nicht sehen könne, da, so seine Argumentation, die Leute zum Einen nicht das Geld hatten um sich Bücher zu kaufen und zum Anderen auch gar nicht die Zeit finden würden um Bücher zu lesen, wurde die sonst sehr ausgeglichene und freundliche Roxalba äußerst ungehalten und hielt dem Ritter einen sehr langen Monolog über die Volksbildung.
Als endlich Hundred in Sicht kam, hatten sich die Gemüter bereits wieder beruhigt.
Hundred war noch etwas kleiner als Bangour und zählte wohl so um die 500 vielleicht 550 Einwohner. In dem Gasthof, in welchem man abgestiegen war, erfuhr man, dass man um zwei Tage zu spät dran sei. Bis dahin sei eine wirklich gute Gauklertruppe in der kleinen Stadt gewesen. Lediglich die drei Frauen zeigten sich betrübt, die Gelegenheit verpasst zu haben.
Hlûdoald hatte da seine ganz eigene Meinung. Er hielt es für einen Frevel, dass erwachsene Menschen, statt einer anständigen und sinnvollen Arbeit nachzugehen sich wie Kinder gebärdeten, alberne Späße machten, irgendwelche Dinge in die Luft warfen um sie wieder aufzufangen und ähnlichen Unfug trieben. Zudem war ja wohl hinlänglich bekannt, dass dieses Gesindel es nicht so genau mit den Eigentumsverhältnissen nahm und bisweilen gar kleine Kinder stahl, um sie zu ihresgleichen zu erziehen. Wodurch dieses heimatlose Gesindel verhinderte, dass aus diesen Kindern anständige und zwölfgöttergläubige Menschen werden konnten.
Sollte sich solches Pack je nach Rappach wagen, er würde sie persönlich von seinem Land vertreiben. Schließlich war es seine Aufgabe für die Sicherheit und das Wohl der Menschen in seinem Lehen zu sorgen.
Am nächsten Morgen beschlossen der Ritter und die Geweihte, dass man noch einen Umweg nach Taladur unternahm. Schließlich lag man ausgesprochen gut in der Zeit und so bald würde der Ritter sicher nicht mehr eine so weite Reise unternehmen. Die Hesindianerin wollte sich die Streittürme, für welche Taladur bekannt war, ansehen und Hlûdoald wollte seiner Tochter möglichst viel zeigen, bevor sie in die Heimat zurückkehrten.
So ging es also nach Taladur.
Je näher sie Taladur kamen, desto flacher wurde die Landschaft. Nach Phecanowald und den zahllosen Hügeln des Culminger Landes, Thangolforst und der Madahöhen war dies schon ein fast ungewöhnlicher Anblick.
Einige flache, weiß gekalkte Gebäude fanden sich am Wegesrand. Dann erhob sich die äußerst wehrhaft anmutende Silhouette der Stadt.
Von Roxalba erfuhr man, dass es sechzehn Streittürme in Taladurs gäbe, die allesamt im Besitz der reichsten und ältesten Adelsfamilien der Stadt waren. Auch sei die Streitsucht der Taladuri sprichwörtlich.
Die Höhe der Türme zeigt das Ansehen und den Reichtum des jeweiligen Geschlechts überdeutlich an.
Außer für ihre Streitbarkeit seien die Taladuri für ihr Handwerk, vor allem der Herstellung hochwertiger Erzwaren, Wolle und Stoffe bekannt.
Dass die Wurzeln der Stadt der streitbaren Streitturmbesitzer auf einen friedliebenden Handelsplatz der Elfen mit den Zwergen zurückreichte, konnte widersprüchlicher kaum sein, fand Peraingard.
Man fand Herberge im Gasthof ‚Der Hammer‘ und als der Wirt den Preis für die Schlafplätze und die Verköstigung der sechs Reisenden nannte, fühlte sich Hlûdoald auch wie von Ingerimm’s Hammer getroffen. Zwei Übernachtungen hatte der Ritter geplant, denn am heutigen Tag war ohnehin nicht mehr viel von der Reichsstadt zu erkunden und so stärkte man sich und begab sich zeitig zu Bett.
Nachdem man sich am folgenden Tag ordentlich gestärkt hatte, begab man sich auf Erkundung. Das schlichte, aus Backsteinen errichtete Bodartor führte in ein Viertel mit hübschen Natursteinbauten, in denen Weber, Färber und Schneider ihrem Handwerk nachgingen.
Auch der blumengeschmückte Traviatempel der Guten Frau fand sich hier. Der Wollmarkt war, wie eigentlich alle Märkte, ein sehr lebhafter und lauter Ort. Wollballen von Phraischafen, Eisenwalder Langohren, Amboss-Schnucken und Caldaischen Heidelämmern wurden angeboten und teils ganze Karrenladungen auf einen Schlag verkauft. Dabei wurden Summen aufgerufen, die selbst den Ritter blass werden ließen.
Die Eisenstraße führt mitten durch Taladur.
Links und rechts davon erheben sich die mehrgeschossigen Bauten, die, wie die Hesinde-Geweihte zu berichten wusste zum Teil noch weit vor der Zeit der Priesterkaiser datierten. Quaderschwere Sandsteinburgen erhoben sich martialisch, hier und da die fast archaisch wirkenden Familientürme, geziert lediglich von den Wappen der Familien. Jetzt in der Stadt und aus der Nähe wirkten die Türme noch beeindruckender, auch wenn manch einer der Türme etwas schief da stand und andere wiederum tiefe Risse im Mauerwerk zeigten und von klobigen Mauerankern mühsam zusammengehalten werden mussten.
Hoch über der Stadt thront der Sitz der waldwachter Gräfin, die Feste Spähricht. Das Heim der zwergische Gräfin Groschka Tochter der Bulgi machte Dank des, aus düsterem, massivem Granitgestein errichteten Gemäuer und seinem gut 25 Schritt hohen Bergfried wahrlich keinen besonders einladenden Eindruck.
Der schattige Gongplatz war dann doch ein wesentlich freundlicherer Platz und der zentrale Ort der Stadt. Dort war auch die, vollständig aus Marmor errichtete, Halle der Erze gelegen, der Ingerimmtempel.
Hlûdoald wunderte es nicht, dass der marmorne Koloss nicht nur das prunkvollste Bauwerk der Stadt war, sondern auch der bedeutendste Tempel Ingerimms in ganz Almada. Man sagte ihnen, der kupferne Ingerimm-Gong, über Jahre von den Handwerkern der Familia Tandori gefertigt, welcher über der großen Halle des Tempels thronte, sei noch weit über die Stadtmauern Taladurs hinaus hörbar.
Reichlich erschöpft fand man sich zum Abendmahl wieder im ‚Hammer‘ ein.
Dort wurde der Taladura, ein Eintopf aus vielerlei Gemüse, Früchten und Innereien gereicht, der sich angeblich in ganz Almada großer Beliebtheit erfreute.
Während Hlûdoald und Praiophatius sich einig waren, dass es der Früchte in dem Eintopf nicht bedurft hätte, hätte Peraingard liebend gerne auf die Innereien verzichtet.
Man kam mit einem Händler aus Ferdok ins Gespräch der irgendwann, fast beiläufig erwähnte: „Die stolzen Taladuri hören es zwar nicht gerne, aber das Zentrum des almadanischen Handels hat sich eindeutig nach Punin verlagert.“
Etwas, das der Ritter nicht zu beurteilen vermochte und es für ihn auch nicht von Belang war, ging er auch nicht weiter auf das Thema ein.
Der neue Morgen stand nun endgültig im Zeichen des Selkethals. Heute Abend würden sie ihre Zelte am Ort des Pferderennens aufschlagen.