Chronik.Ereignis1045 Die Dinge, die man zurücklässt 02
Mûr in der Baronie Bangour, Peraine 1045 BF
Autor: Amarinto
Ein Bild, das niemals hätte gemalt werden dürfen
Jandara blieb eine Woche. Dann noch eine. Sie erklärte die erste Verlängerung mit dem Wetter, die zweite mit dem Zustand der Straße und die dritte mit einer bemerkenswert hartnäckigen Verspannung ihres Pferdes, von der außer ihr niemand etwas bemerkte. Esindio hörte sich jede dieser Begründungen an, betrachtete den Rappen, der auf der Weide mit jugendlicher Begeisterung herumlief, und beschränkte sich darauf, den Kopf zu schütteln.
Rogerio zeigte sich weniger zurückhaltend. „Ihr könnt selbstverständlich bleiben, solange Ihr Eure Rechnung bezahlt“, sagte er eines Morgens, während er Krüge auf einem Brett ordnete. „Aber Ihr solltet aufhören, Euer Pferd für Entscheidungen verantwortlich zu machen, an denen es offenbar nicht beteiligt ist. Das Tier genießt seinen Aufenthalt. Ihr dagegen seht jedes Mal aus, als hättet Ihr Euch selbst bei etwas Ungehörigem ertappt, sobald jemand fragt, wann Ihr weiterreist.“ Jandara saß am Fenster und hatte die Stiefel auf einen zweiten Stuhl gelegt. Vor ihr stand ein Frühstück, das sie bislang nur aus kritischer Entfernung betrachtet hatte. „Ihr überschätzt die moralische Bedeutung meiner Reiseplanung. Es gibt Menschen, die aus Pflichtgefühl bleiben, andere aus Zuneigung und wieder andere, weil ihnen das Wetter, der Wein oder die Aussicht auf eine interessante Torheit zusagt. Ich gehöre zur letzten, philosophisch freieren Gruppe. Außerdem habe ich in Mûr inzwischen eine Reihe von Verpflichtungen übernommen. Der Vogt benötigt fortgesetzte Beratung in Fragen der höfischen Kopfbedeckung, zwei Kinder erwarten eine Wiederholung meiner Einführung in das Messerwerfen, und Liora besitzt eine beklagenswerte Neigung, schwere Holztafeln ohne angemessene Aufsicht zu tragen.“ Rogerio stellte einen Krug ab. „Ihr verbringt viel Zeit im Schrein.“ „Dort gibt es Bilder, Licht und eine Person, die ausreichend unhöflich ist, um nicht langweilig zu werden.“ „So nennt man das also in Punin.“ „In Punin nennt man vieles anders, als es ist. Das macht die Stadt interessant.“ Rogerio setzte sich ihr gegenüber. „Ihr könnt sie mögen, ohne daraus eine Staatsaffäre zu machen. Ihr seid die Tochter eines Junkers, Domna.“ Jandara nahm ein Stück Brot, betrachtete es und legte es wieder zurück. „Das ist eine ausgesprochen naive Vorstellung. Natürlich kann man Menschen mögen. Man kann auch Gebäude mögen, Wein, Pferde oder das Geräusch, das ein besonders selbstzufriedener Mann macht, wenn er beim Duell entwaffnet wird. Das Problem beginnt erst, sobald aus einer angenehmen Empfindung eine moralische Forderung entwickelt wird. Aus einem gemeinsamen Abend wird ein Versprechen, aus einem Versprechen eine Erwartung, und irgendwann sitzt man an einem Frühstückstisch, an dem zwei Menschen einander mit erschreckender Vertrautheit fragen, ob noch mehr Butter vorhanden sei.“ Rogerio blickte auf den Teller vor ihr. „Es ist noch mehr Butter da.“ Jandara sah ihn kühl an. „Ihr besitzt einen bäuerlich-groben Sinn für Humor.“ „Ihr besitzt einen adlig-groben Widerstand gegen die Notwendigkeit etwas Ordentliches zu essen.“ Er stand wieder auf, nahm ihren unberührten Teller und stellte ihn näher zu ihr. „Esst. Danach könnt Ihr zu Liora gehen und weiter so tun, als würdet Ihr nur zufällig jeden Morgen im Schrein landen.“ Jandara wartete, bis er sich abgewandt hatte. Dann aß sie.
Im Peraine-Schrein hatte sich ihre Anwesenheit inzwischen so selbstverständlich zwischen Staffeleien, Farbtöpfen und Werkzeugen eingerichtet, als wäre sie Teil der Restaurierungsarbeiten geworden. Liora gab ihr keine Aufgaben mehr, um sie zu beschäftigen. Sie setzte vielmehr voraus, dass Jandara sich nützlich machte. Das war ein Unterschied, den Jandara zunächst als Frechheit empfand und wenig später als angenehm.
An diesem Morgen stand sie auf einer Leiter und reinigte mit einem weichen Tuch den oberen Rand einer Bildtafel. Das Werk zeigte eine ältere Geweihte mit einem Korb Getreide und einem Gesichtsausdruck, der vermuten ließ, sie habe persönlich jeden einzelnen Halm darin geprüft. „Ich habe inzwischen begriffen, weshalb diese Frau so streng blickt“, sagte Jandara. „Sie ahnte offenbar, dass sie eines Tages über einem Seitenaltar hängen und von einer verirrten Adligen abgestaubt werden würde. Manche Menschen besitzen eine erschreckende Weitsicht.“ Liora saß vor einem niedrigen Tisch und mischte Pigmente. Neben ihr standen Muschelschalen mit gemahlenen Farben, kleine Fläschchen und ein Mörser. „Sie blickt nicht streng. Das Bild ist nur schlecht gealtert. Der Mund war ursprünglich weicher, und um die Augen lagen feinere Schatten. Der Rauch hat die Übergänge verdunkelt, sodass sie nun aussieht, als missbillige sie alles, was seit ihrem Tod geschehen ist.“ Jandara beugte sich näher an die Tafel.
„Dann hatte der Rauch ein gutes Gespür für Charakter. Ich kenne Familienporträts, denen ein wenig Ruß zu größerer Wahrhaftigkeit verhelfen würde. Ein Onkel meines Vaters wurde mit einem Blick gemalt, der Weisheit und väterliche Güte ausdrücken sollte. In Wahrheit besaß er weder das eine noch das andere, aber eine bemerkenswert große Sammlung silberner Knöpfe. Der Maler hätte gut daran getan, ihn als das darzustellen, was er war: ein Kleiderständer mit zu großem Ego.“ Liora lächelte, ohne aufzusehen. „Ihr sprecht erstaunlich oft über Eure Familie, wenn man bedenkt, wie sehr Ihr behauptet, Euch von ihr lösen zu wollen.“ „Es ist schwer, sich von etwas zu lösen, das einem bei jeder Vorstellung im Namen folgt. Eine Adlige kann eine Schenke betreten, ein Duell beginnen, eine Liebschaft beenden oder in einem Straßengraben aufwachen, und noch bevor sie selbst versteht, was geschehen ist, hat jemand bereits entschieden, welche Bedeutung dies für das Haus besitzt. Man wird stets kommentiert.“ „Und deshalb kommentiert Ihr lieber zuerst.“ Jandara hielt inne. „Das war beinahe klug.“ „Es war nicht besonders schwierig.“ „Dann wird es gefährlich. Die meisten Menschen benötigen wenigstens etwas Anstrengung, bevor sie mich beleidigen.“ Liora gab einige Tropfen Öl zu den Pigmenten und verrieb die Masse mit langsamen Bewegungen. „Ich beleidige Euch nicht. Ihr scheint nur jedes Gespräch lieber in eine Auseinandersetzung zu verwandeln. Eine Auseinandersetzung kann man gewinnen. Bei einem gewöhnlichen Gespräch besteht das Risiko, dass man etwas sagen muss, das nicht als Waffe gedacht ist.“ Jandara stieg von der Leiter. Sie hätte darauf mit einem besonders eleganten Spott antworten können. Stattdessen trat sie an den Tisch, nahm eine der Muschelschalen auf und betrachtete das darin liegende dunkle Blau. „Was ist das?“ „Azurit. Nicht besonders fein, aber brauchbar.“ „Es sieht kostbar aus.“ „Das ist etwas anderes.“ „Eine Unterscheidung, die Menschen häufiger treffen sollten.“ Liora nahm ihr die Schale aus der Hand und stellte sie zurück. „Ihr müsst nicht auf alles antworten.“ „Das ist ein Gerücht, das von Menschen verbreitet wird, denen keine gute Antwort einfällt.“ „Oder von Menschen, die Euch Zeit geben wollen.“ Jandara sah sie an. Liora hatte den Blick wieder auf ihre Farben gesenkt. Sie schien nicht zu erwarten, dass Jandara das Gesagte aufgriff. Gerade darin lag die Unannehmlichkeit. Sie stellte keine Fallen. Sie ließ Türen offen und zwang Jandara dadurch, selbst zu entscheiden, ob sie hindurchging. „Ihr gebt mir erstaunlich viel Zeit“, sagte Jandara schließlich. „Ihr seid noch hier.“ „Das ist keine Antwort.“ „Doch. Nur keine, mit der Ihr etwas anfangen könnt.“ Jandara stellte sich hinter Liora und beugte sich über ihre Schulter. „Ihr beginnt, Gefallen an dieser Rolle zu finden. Die ruhige Malerin, die mit wenigen Worten tiefer blickt als alle lärmenden Menschen um sie herum. Ich warne Euch, solche Rollen sind gefährlich. Irgendwann glaubt man selbst an sie, und dann gerät man an den falschen Adligen, der sich davon verspottet fühlt.“ Liora drehte den Kopf leicht. Ihre Gesichter waren nun sehr nahe beieinander. „Dann solltet Ihr mich besser davon abhalten.“ „Das versuche ich seit Tagen.“ „Nein. Ihr versucht seit Tagen, mich zum Lachen zu bringen.“ Jandara zog die Brauen zusammen. „Das schließt einander nicht aus.“ „Für Euch vielleicht nicht.“ Liora wandte sich wieder der Farbe zu. Jandara blieb noch einen Moment stehen, bevor sie sich zurückzog. Es war nicht das erste Mal, dass die Nähe zwischen ihnen plötzlich eine andere Bedeutung angenommen hatte. Doch bislang hatte Jandara jeden solchen Augenblick mit einem Scherz, einer Berührung oder einem raschen Wechsel des Themas überführt. Sie kannte die Regeln unverbindlicher Anziehung. Man bewegte sich vorwärts, solange beide Seiten lächelten, und wich zurück, sobald etwas nach Ernst klang. Liora lächelte nicht immer. Das machte sie schwerer zu lesen. Und leichter zu begehren.
Der erste Kuss geschah ohne Vorbereitung. Es war später Nachmittag. Regen schlug gegen die Fensterläden des Schreins, und das Licht war so schlecht geworden, dass Liora ihre Arbeit beenden musste. Jandara saß auf dem Rand eines Tisches, hielt einen Becher Wein und erzählte von einem puniner Empfang, bei dem ein betrunkener Edelmann während einer Rede in einen Zierbrunnen gefallen war. Sie schilderte die Szene ausführlich, mit nachgeahmter Stimme, präzisen Gesten und jener Mischung aus Spott und Beobachtung, die selbst belanglose Ereignisse wie kleine höfische Tragödien erscheinen ließ. Liora hörte ihr zu, während sie Pinsel reinigte.
„Das Bemerkenswerte“, erklärte Jandara, „war nicht sein Sturz. Menschen fallen häufig. Manche verbringen ihr gesamtes Leben damit und nennen es Absicht. Das wirklich Kunstvolle war die Reaktion seiner Gemahlin. Sie sah ihn im Wasser liegen, wartete einen Atemzug lang und begann dann zu klatschen. Nicht aus Verwirrung, sondern mit jener feierlichen Anerkennung, die man sonst nur einem besonders gelungenen Musikstück entgegenbringt. Innerhalb weniger Augenblicke klatschte der gesamte Saal. Der Mann erhob sich tropfend und verbeugte sich, weil ihm keine andere Möglichkeit blieb, seine Würde zu retten. Es war vermutlich der ehrlichste Erfolg seines Lebens.“ Liora stellte den letzten Pinsel beiseite. „Ihr erzählt grausame Geschichten mit viel Zuneigung.“ Jandara schwenkte den Wein im Becher. „Grausamkeit ohne Zuneigung ist bloß schlechte Erziehung. Man sollte die Menschen wenigstens genug mögen, um ihre Absurditäten sorgfältig zu würdigen.“ „Und wenn Ihr jemanden wirklich mögt?“ „Dann werde ich vermutlich noch sorgfältiger.“ „Das klingt anstrengend für die betreffende Person.“ „Zuneigung ist selten bequem.“ Liora trat zu ihr. „Ihr sagt das, als hättet Ihr viel Erfahrung damit.“ „Ich verfüge über eine umfassende Sammlung gescheiterter Beispiele.“ „Das ist nicht dasselbe.“ Jandara setzte den Becher ab. „Ihr stellt heute viele Fragen.“ „Nein. Nur eine.“ „Dann ist sie schlecht verborgen.“ „Ich versuche sie nicht zu verbergen.“ Liora stand nun zwischen ihren Knien. Jandara hätte zurückweichen können, doch der Tisch hinter ihr ließ wenig Raum. Sie spürte Lioras Hand an ihrem Kragen, nicht fordernd, nur leicht genug, um die Möglichkeit offenzuhalten. „Was genau möchtet Ihr wissen?“, fragte Jandara. Liora sah sie ruhig an. „Ob Ihr mich küssen wollt oder nur weiter darüber reden.“ Jandara lachte leise. „Ihr habt eine erstaunlich schlichte, geradezu einfältige, Vorstellung von der Kunst der Verführung.“ „Ich habe eine schlichte Vorstellung von Zeit und wie man sie verschwendet.“ „Und wenn ich sage, dass ausgefeilte Reden ein wesentlicher Teil meiner Verführungskünste sind?“ „Dann seid Ihr bereits seit zwei Wochen dabei…ohne zählbaren Erfolg“ Jandara küsste sie. Nicht weil sie keine Antwort fand. Sondern weil jede Antwort plötzlich weniger ehrlich gewesen wäre.
Danach wurde nichts ausgesprochen. Jandara verbrachte die Nacht in Lioras kleinem Zimmer über dem Haus einer Witwe, bei der diese während ihrer Arbeit wohnte. Am Morgen kehrte sie zum Gasthaus zurück, als wäre sie lediglich länger als gewöhnlich aufgeblieben. Rogerio sagte nichts, stellte ihr jedoch zwei Becher auf den Tresen, bevor er bemerkte, dass sie allein war. Jandara sah die Becher an. „Ihr werdet zunehmend indiskret.“ „Ich habe zwei hingestellt, weil einer noch nicht sauber war.“ „Das ist eine schlechte Lüge.“ „Dann passt sie gut zu Eurer Erklärung, weshalb Ihr gestern nicht zurückkamt.“ „Ich habe keine Erklärung gegeben.“ „Eben.“ Sie nahm den sauberen Becher und ging. In den folgenden Tagen stellte sich eine Form von Vertrautheit ein, die Jandara nicht beabsichtigt hatte und gerade deshalb zunächst übersah. Sie schlief häufiger bei Liora als im Gasthaus. Manchmal kehrte sie nachts dennoch in ihr Zimmer zurück, weil es ihr wichtig erschien, einen Ort zu besitzen, an dem niemand mit ihrer Anwesenheit rechnete. Liora fragte nie, weshalb. Sie frühstückten gemeinsam. Sie stritten über Farben, über Dichtung, über die Frage, ob ein gelungenes Porträt Wahrheit oder Schönheit schulde. Sie gingen am Abend am Bach entlang, während Jandara von Punin erzählte und Liora ihr Geschichten aus kleineren Städten und Dörfern entgegensetzte, in denen keine Grafen, keine Bälle und keine Duelle vorkamen, dafür Menschen, die Jandara nach wenigen Sätzen lebhaft vor Augen standen. Einmal fanden sie am Weg eine verletzte Krähe. Liora wickelte den Vogel in ihren Schal und brachte ihn zu einer alten Frau, die sich mit Tieren auskannte. Jandara trug die Krähe, obwohl sie den gesamten Weg behauptete, das Tier blicke sie undankbar an. Ein anderes Mal überredete Jandara Liora zu einem nächtlichen Bad im Bach. Das Wasser war so kalt, dass beide nach wenigen Augenblicken wieder herauskamen und halb angezogen, halb lachend durch das nasse Gras zurückliefen. Die Leichtigkeit dieser Tage war für Jandara zunächst nichts als ein angenehmer Zustand. Sie genoss Lioras Körper, ihre Gesellschaft und die ungewöhnliche Erfahrung, von jemandem weder bewundert, gehasst oder gefürchtet zu werden. Sie sagte sich, dies sei genau die Art von Verbindung, die sie verstand. Keine Verpflichtung. Keine Zukunft. Kein Besitzanspruch. Nur zwei Menschen, die einander gefielen und klug genug waren, daraus kein Drama zu machen. Doch unmerklich veränderte sich etwas. Jandara begann, Dinge zu erzählen, die keine ironische Pointe besaßen. Sie sprach von ihrer Mutter, zunächst beiläufig, dann länger. Von dem Gefühl, ein Gegenstand gewesen zu sein, über dessen Aufbewahrungsort Adelshäuser entschieden hatten. Sie sprach von Jandors väterlicher Liebe und davon, wie schwer sie diese manchmal ertrug, weil bedingungslose Zuneigung keine Flucht zuließ. „Mein Vater hat mich nie aufgegeben“, sagte sie eines Abends, als sie gemeinsam auf den Stufen des Schreins saßen. „Das klingt rührend, und vermutlich ist es das auch. Aber es bedeutet ebenso, dass ich mich nie erfolgreich davon überzeugen konnte, ihm sei gleichgültig, was aus mir wird. Jede Torheit erreicht irgendwann einen Menschen, der mich liebt und sich fragt, ob er etwas hätte verhindern können. Es wäre leichter, wenn er mich ein wenig schlechter behandeln würde. Dann könnte ich ihm die Schuld geben und mich dabei moralisch ausgezeichnet fühlen.“ Liora zog die Knie an und legte die Arme darum. „Ihr wünscht Euch nicht, dass er Euch schlechter behandelt. Ihr wünscht Euch, seine Liebe würde Euch nichts kosten.“ Jandara blickte in den dunkler werdenden Garten. „Liebe sollte nichts kosten.“ „Das tut sie immer.“ „Eine ausgesprochen unromantische Ansicht für eine Malerin.“ „Ihr verwechselt Romantik mit Unverbindlichkeit. Etwas kann schön sein und trotzdem etwas verlangen.“ Jandara ließ die Fingerspitzen über eine kleine Kerbe im Stein gleiten. „Und was verlangt sie?“ „Dass man nicht so tut, als sei einem alles gleichgültig.“ Jandara lächelte, doch es war kein spöttisches Lächeln. „Ihr besitzt eine unangenehme Neigung, den schwersten Teil eines Gedankens am Ende zu setzen.“ „Sonst würdet Ihr vorher davonlaufen.“ „Ihr überschätzt meine Fluchtbereitschaft.“ Liora sah sie an. Jandara hob beide Hände. „Gut. Nicht vollkommen.“ Sie küsste Liora, damit diese nicht weiterreden konnte. Diesmal wusste sie sehr genau, was sie tat.
Das Porträt begann an einem Morgen, den Jandara für belanglos gehalten hätte. Sie erwachte spät. Liora war bereits aufgestanden. Durch das geöffnete Fenster fiel helles, kühles Licht in das Zimmer. Draußen hörte man einen Wagen über das Pflaster rumpeln und irgendwo einen Hund bellen. Jandara lag noch im Bett, in eine Decke gewickelt. Ihr Haar war ungeordnet, ihre Kleidung auf zwei Stühle und den Boden verteilt. Sie hatte einen Becher Kräutertee in beiden Händen und fühlte sich auf eine unerklärliche Weise friedlich. Liora saß am Fenster und zeichnete. Jandara bemerkte es zunächst nicht. „Ich beginne zu vermuten“, sagte sie schläfrig, „dass Ihr mich mit Absicht so früh mit Tee versorgt. Ein Mensch, der morgens keinen Wein erhält, ist leichter zu beobachten und deutlich weniger wehrhaft.“ Liora antwortete nicht sofort. Ihre Hand bewegte sich über das Papier. Jandara trank und betrachtete sie. „Was tut Ihr?“ „Arbeiten.“ „Das ist unhöflich.“ Liora hob den Blick. „Bleibt so.“ Jandara erstarrte. „Das war ein Befehl.“ „Eine Bitte.“ „Ihr habt den Ton einer Frau benutzt, die erwartet, dass ihr gehorcht wird.“ „Und Ihr gehorcht.“ Jandara blickte an sich hinunter. Die Decke war um ihre Schultern geschlungen. Ein Knie ragte hervor. Sie war ungeschminkt, ungekämmt und trug keinerlei Schmuck außer einem kleinen Ohrring, den sie am Vorabend abzunehmen vergessen hatte. „Ihr zeichnet mich.“ „Ja.“ „Warum?“ „Weil das Licht gut ist.“ „Das Licht ist grausam. Es fällt von der Seite ein und enthüllt jede unvernünftige Entscheidung der vergangenen Nacht.“ „Dann passt es zu Euch.“ Jandara stellte den Becher ab und wollte aufstehen. Liora senkte den Kohlestift. „Bitte.“ Es war nur dieses eine Wort. Nicht fordernd. Nicht flehend. Jandara blieb sitzen. „Ihr werdet das bereuen“, sagte sie. „Ich bin am Morgen ein ausgesprochen undankbares Motiv. Mein Gesicht ist noch nicht über die Anforderungen des Tages informiert, meine Haare planen einen Aufstand, und ich besitze weder Hut noch Waffe, um dem Bild einen Mindestgrad an Glaubwürdigkeit zu verleihen.“ „Gerade deshalb.“ „Ihr könntet mir wenigstens eines der Rapiere geben.“ „Nein.“ „Eine Flasche.“ „Nein.“ „Eine unbekleidete Person im Hintergrund, mit prägnanten Geschlechtsmerkmalen. Etwas, das die Nachwelt beruhigt.“ Liora lächelte. „Trinkt Euren Tee.“ Jandara tat es. Sie saß länger still, als sie es für möglich gehalten hätte. Nach einer Weile vergaß sie sogar, dass Liora zeichnete. Sie beobachtete den Staub im Licht, hörte den Geräuschen des Dorfes zu und dachte an nichts Bestimmtes. Einmal trafen sich ihre Blicke. Liora lächelte. Jandara erwiderte es, ohne darüber nachzudenken. Später erinnerte sie sich genau an diesen Augenblick. Nicht weil er damals groß gewesen wäre. Sondern weil er der letzte war, in dem sie nicht wusste, dass dadurch etwas einzigartiges bewahrt wurde.
Liora arbeitete in den folgenden Tagen heimlich weiter. Jandara bemerkte dies erst, als sie eines Nachmittags früher als erwartet in das Zimmer kam. Auf einer Staffelei stand ein fast vollendetes Porträt. Sie blieb in der Tür stehen. Das Bild war nicht groß. Es zeigte sie von der Hüfte aufwärts, in eine Decke gehüllt, den Becher in beiden Händen. Das Haar fiel ihr unordentlich über die Schultern. Einige feine Fechtnarben waren sichtbar. Ihr Gesicht wirkte weich, beinahe offen. Und sie lächelte. Nicht spöttisch. Nicht herausfordernd. Nicht mit jenem kontrollierten Zug um den Mund, der anderen signalisierte, dass jede Verletzung bereits in eine Pointe verwandelt worden war. Sie sah glücklich aus. Jandara trat näher. „Was ist das?“ Liora, die hinter ihr eingetreten war, schloss die Tür. „Ein Porträt.“ „Das sehe ich.“ Jandaras Stimme war leiser geworden. „Ich frage, warum diese Frau mein Gesicht trägt.“ Liora stellte die Tasche ab. „Weil Ihr es seid.“ Jandara betrachtete das Bild erneut. „Nein.“ „Doch.“ „Ich sehe nicht so aus.“ „An diesem Morgen schon.“ „An diesem Morgen war ich verkatert, ungekämmt und in eine Decke gewickelt. Das Bild zeigt eine Frau, die offenbar glaubt, die Welt werde ihr nichts antun.“ Liora trat neben sie. „Vielleicht hat sie das für einen Augenblick geglaubt.“ Jandara lachte kurz. Der Laut klang falsch. „Das ist eine bemerkenswert sentimentale Auslegung von Tee und schlechtem Licht. Ihr habt mich geglättet. Nicht im Gesicht, sondern im Charakter. Ich sehe aus, als sei ich glücklich.“ „Ihr wart glücklich.“ „Das könnt Ihr nicht wissen.“ „Doch.“ Jandara wandte sich ihr zu. „Nein. Ihr könnt beobachten, wie ich sitze, wie ich lächle oder einen Becher halte. Ihr könnt Linien nachzeichnen und Farben mischen. Aber Ihr könnt nicht einfach beschließen, dass Ihr einen verborgenen, besseren Teil von mir entdeckt habt, nur weil dieser sich hübscher malen lässt.“ Liora blieb ruhig. „Ich habe keinen besseren Teil gemalt. Ich habe Euch gemalt, wie Ihr an diesem Morgen wart. Nicht für immer. Nicht im Verborgenen. Nur in diesem Moment.“ „Das ist dasselbe.“ „Nein. Ihr macht daraus dasselbe, weil Ihr glaubt, jedes Bild müsse eine Behauptung über den ganzen Menschen sein.“ Jandara trat an die Staffelei. Ihre Finger berührten beinahe den Rand, zogen sich jedoch zurück. „Verbrenn es.“ Liora antwortete nicht sofort. „Nein.“ Jandara drehte sich langsam zu ihr um. „Das war keine Bitte.“ „Das weiß ich.“ „Dann wisst Ihr auch, dass ich es ernst meine.“ „Ja.“ „Und dennoch weigert Ihr Euch.“ „Ja.“ Jandara atmete einmal tief ein. „Ihr überschreitet gerade eine Grenze. Ich habe Euch nicht erlaubt, mich so darzustellen.“ „Ihr habt mir erlaubt, Euch zu zeichnen.“ „Nicht so.“ „Ihr wusstet nicht, wie es aussehen würde.“ „Genau deshalb.“ Liora verschränkte die Arme. „Was fürchtet Ihr? Dass jemand das Bild sieht? Ich werde es niemandem zeigen. Dass es Euch nicht schmeichelt? Das tut es. Dass es zu viel zeigt? Es zeigt nichts, was nicht da war.“ Jandaras Blick glitt zurück zu dem Porträt. „Es lügt.“ „Nein.“ „Es zeigt eine Frau, die ich nicht bin.“ „Es zeigt eine Frau, die Ihr nicht sein wollt.“ Der Satz traf. Jandara wandte sich so abrupt ab, dass ihr Knie gegen den Tisch schlug. „Ihr besitzt eine bemerkenswerte Begabung, Besitzansprüche als Erkenntnis zu verkleiden. Einige gemeinsame Nächte, ein paar Gespräche und schon glaubt Ihr, Zugang zu einer Wahrheit zu haben, die mir selbst entgangen ist. Das ist sehr romantisch. Auch überaus anmaßend.“ Liora wurde blass, doch ihre Stimme blieb ruhig. „Ich besitze Euch nicht. Ich behaupte auch nicht, Euch vollständig zu kennen. Aber ich habe Euch an diesem Morgen gesehen. Ihr Euch auch. Der Unterschied besteht nur darin, dass Ihr ihn sofort wieder aus Eurer Erinnerung entfernen wollt.“ Jandara sah sie an. Für einen Augenblick lag etwas Verletztes und beinahe Kindliches in ihrem Gesicht. Dann kehrte die bekannte Eleganz zurück. „Ihr macht aus einem gewöhnlichen Morgen eine moralische Prüfung. Das ist genau der Grund, weshalb Menschen niemals einfach genießen können, was sie haben. Alles muss Bedeutung erhalten. Eine Nacht wird zur Verbindung, ein Blick zum Geständnis, ein Bild zum Beweis. Und irgendwann soll man etwas erfüllen, das man selbst nie versprochen hat.“ „Ich verlange nichts von Euch.“ „Das behaupten alle, kurz bevor sie es doch tun.“ Liora schwieg. Dieses Schweigen war schlimmer als Widerspruch. Jandara griff nach ihrem Hut. „Behaltet das Bild, wenn Ihr unbedingt müsst. Aber bildet Euch nicht ein, Ihr hättet darauf eine verborgene Wahrheit freigelegt.“ Sie ging.
An diesem Abend trank sie zu viel. Nicht genug, um die Kontrolle zu verlieren. Nur genug, um jedes Gefühl in eine angenehmere Entfernung zu rücken. Sie spielte Würfel, kokettierte mit einem durchreisenden Händler und erzählte eine besonders ausschweifende Geschichte aus Punin, die mit jedem Krug unwahrscheinlicher wurde. Rogerio beobachtete sie, sagte jedoch nichts. Liora kam nicht. Jandara bemerkte es und verbrachte den restlichen Abend damit, so zu tun, als hätte sie es nicht bemerkt. Am nächsten Morgen ging sie nicht zum Schrein. Auch am zweiten nicht. Sie ritt allein in den Wald, trainierte mit den Rapieren, bis ihre Arme schmerzten, und kehrte erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Am dritten Tag saß Liora im Schankraum. Sie hatte Brot, Käse und einen Krug Wasser vor sich. Als Jandara eintrat, blickte sie auf, sagte aber nichts. Jandara blieb am Eingang stehen. Für einen Moment erwog sie, sich an einen anderen Tisch zu setzen. Dann ging sie zu Liora. „Ich habe in den vergangenen Tagen eingehend geprüft, ob Mûr ohne meine Anwesenheit im Schrein zusammenbricht. Es scheint sich erstaunlich gut gehalten zu haben. Ich bin nicht sicher, ob ich das als Befreiung oder Beleidigung verstehen soll.“ Liora legte das Messer beiseite. „Ihr müsst nicht scherzen.“ „Das ist keine notwendige Tätigkeit. Es ist eine Lebenseinstellung.“ „Dann müsst Ihr auch nicht hier sitzen.“ Jandara zog den Stuhl zurück und setzte sich. „Ihr seid heute weniger gastfreundlich.“ „Ich bin müde.“ „Wegen des Bildes?“ „Wegen Euch.“ Jandara hob leicht die Brauen. Liora sah sie an. In ihrem Gesicht lag keine Wut. Nur Erschöpfung. „Ihr habt mir vorgeworfen, Euch besitzen zu wollen, weil ich etwas gemalt habe, das Euch Angst macht. Danach seid Ihr drei Tage verschwunden, obwohl Ihr genau wusstet, dass ich nicht das Bild verteidigen wollte, sondern den Umstand, dass dieser Morgen stattgefunden hat. Ich werde nicht behaupten, das verletze mich nicht. Aber ich werde Euch auch nicht nachlaufen und Euch versichern, dass Ihr jederzeit gehen könnt. Das wisst Ihr bereits.“ Jandaras Hände lagen ruhig auf dem Tisch. „Ich wollte Euch nicht verletzen.“ „Das glaube ich sogar.“ „Das klingt nicht besonders versöhnlich.“ „Es ist auch keine Versöhnung.“ Jandara blickte zum Fenster. „Ihr macht es einem schwer, sich angemessen zu entschuldigen.“ „Ihr könntet es ohne angemessene Form versuchen.“ Lange sagte Jandara nichts. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme frei von jener leichten Übertreibung, die gewöhnlich jeden ernsten Satz auffing. „Es tut mir leid. Nicht, dass ich das Bild nicht ertragen konnte. Das kann ich noch immer nicht. Aber es tut mir leid, dass ich Euch so behandelt habe, als wäre Eure Zuneigung eine Art Hinterhalt. Ihr habt nichts verlangt. Ich habe mich dennoch verteidigt.“ Liora betrachtete sie. „Danke.“ Mehr sagte sie nicht. Jandara wartete vergeblich auf Erleichterung. „Und das Bild?“ „Ist fertig.“ „Ihr habt weiter daran gearbeitet.“ „Ja.“ „Trotz allem.“ „Gerade deswegen.“ Jandara schloss kurz die Augen. „Das ist entweder sehr mutig oder sehr grausam.“ „Vielleicht beides.“ Liora nahm ein Stück Brot und brach es entzwei. Eine Hälfte legte sie vor Jandara. „Es gehört Euch.“ Jandara sah auf das Brot. „Das Bild?“ „Auch. Aber zuerst solltet Ihr essen.“ Jandara nahm die Brothälfte. Am Abend ging sie mit Liora zurück. Das Porträt stand noch immer auf der Staffelei. Jandara betrachtete es lange. Diesmal sprach sie nicht sofort. Schließlich sagte sie: „Ich sehe glücklich aus.“ Liora stand neben ihr. „Ja.“ „Das ist ausgesprochen dreist.“ „Dann verklagt mich.“ Jandara lächelte schwach. „Kann ich wenigstens ein Rapier hinzufügen lassen?“ „Nein.“ „Eine Flasche?“ „Nein.“ „Etwas Dunkles im Hintergrund, das andeutet, diese Frau besitze wenigstens eine Vergangenheit von zweifelhaftem Geschmack?“ Liora lehnte den Kopf an ihre Schulter. „Sie hat Euch.“ Jandara hätte lachen sollen. Stattdessen schloss sie die Augen.
Danach hätte alles leicht bleiben können. Vielleicht war es gerade diese Möglichkeit, die Jandara unruhig machte. Liora verlangte weiterhin nichts. Sie sprach nicht von Treue, nicht von einer gemeinsamen Zukunft und nicht davon, Jandara nach Hellenwald zu begleiten. Doch sie begann, kleine Fragen zu stellen. Wie lange Jandara noch bleiben wolle. Welche Straße sie nehmen werde. Ob sie auf dem Rückweg durch Bangour käme. Ob es dort Arbeit für sie gäbe. Keine dieser Fragen war bedrohlich. Zusammen ergaben sie dennoch etwas, das einer Richtung ähnelte. Eines Abends lagen sie im Bett, während Regen auf das Dach schlug. Liora zeichnete mit einem Finger die Linie einer alten Fechtnarbe auf Jandaras Schulter nach. „Ich könnte Euch ein Stück begleiten“, sagte sie. „Nicht bis Hellenwald, falls Euch das zu viel ist. Nur bis Bangour. Dort soll ein Gutshof stehen, dessen Besitzer mehrere alte Tafeln restaurieren lassen möchte.“ Jandara blieb reglos liegen. Der Vorschlag war vernünftig. Leicht. Ohne Forderung. Gerade deshalb empfand sie ihn als Gefahr. „Das klingt nach einem erstaunlich günstigen Zufall“, sagte sie. „Zuerst begleitet Ihr mich zufällig auf derselben Straße, dann findet Ihr zufällig Arbeit in derselben Gegend, und eines Tages bemerke ich, dass Ihr seit zehn Götterläufen in einem Zimmer meines Hauses malt und mein Vater Euch bei Tisch nach dem werten Befinden fragt.“ Liora zog die Hand zurück. „Ich habe nicht von zehn Götterläufen gesprochen.“ „Nein. Ihr habt nur einen Weg beschrieben, der theoretisch dorthin führen könnte. Menschen sind sehr geschickt darin, große Veränderungen als kleine Schritte zu tarnen.“ „Dann sagt nein.“ „So einfach ist das nicht.“ „Doch.“ Liora setzte sich auf. „Ihr könnt sagen, dass Ihr allein reisen wollt. Ich werde enttäuscht sein, aber ich werde es verstehen. Was ich nicht verstehe, ist, weshalb Ihr aus einer einfachen Frage eine Falle machen müsst, aus der Ihr Euch heldenhaft befreit.“ Jandara richtete sich ebenfalls auf und zog die Decke um sich. „Weil einfache Fragen selten einfach bleiben. Ihr begleitet mich nach Bangour. Wir verbringen weitere Tage miteinander. Vielleicht wird daraus mehr. Dann erwartet irgendwann jemand eine Entscheidung, und plötzlich bin ich die Grausame, weil ich mich weigere, etwas fortzusetzen, das nie versprochen war.“ „Ihr seid nicht grausam, wenn Ihr ehrlich nein sagt.“ „Das glaubt Ihr jetzt.“ „Nein. Das glaube ich auch später.“ Jandara lachte leise, doch ohne Freude. „Ihr habt eine bemerkenswert hohe Meinung von Eurer eigenen Vernunft.“ „Und Ihr eine bemerkenswert niedrige Meinung von meiner Fähigkeit, Enttäuschungen zu ertragen.“ Der Regen füllte das Schweigen zwischen ihnen. Liora sah sie an. „Du hättest mir auch einfach sagen können, dass du Angst hast.“ Es war das erste Mal, dass sie das förmliche Ihr fallen ließ. Jandara spürte den Satz körperlich. Nicht weil er besonders scharf gewesen wäre. Sondern weil er nichts enthielt, woran sie sich festhalten konnte. Keinen Vorwurf. Keine Übertreibung. Nur eine Wahrheit, die Liora nicht einmal als Waffe benutzen wollte. Jandara erhob sich aus dem Bett und begann, ihre Kleidung vom Boden aufzusammeln. „Angst ist ein großes Wort für eine so kleine Reise.“ „Ich meine nicht die Reise.“ „Natürlich nicht. Ihr meint das Bild, das Bett, die gemeinsamen Mahlzeiten und all die anderen liebenswerten Kleinigkeiten, aus denen Menschen gern ein gemeinsames Schicksal basteln. Es muss enttäuschend sein, dass ich darin nur ein paar angenehme Tage sehe.“ Liora blieb sitzen. „Das glaube ich dir nicht.“ Jandara zog das Hemd über. „Dann habt Ihr immerhin etwas gelernt. Bilder lügen, Menschen auch, und selbst die überzeugendste Zärtlichkeit ist nicht automatisch ein Versprechen.“ Liora wurde sehr still. Jandara wusste augenblicklich, dass sie zu weit gegangen war. Sie hätte innehalten können. Sich umdrehen. Den Satz zurücknehmen. Stattdessen schloss sie den Gürtel. „Ich schlafe heute im Gasthaus.“ Liora antwortete erst, als Jandara bereits an der Tür stand. „Das weiß ich.“ Jandara legte die Hand auf die Klinke. „Liora.“ „Geh.“ Keine Wut. Nur Müdigkeit. Jandara ging.
Draußen hatte der Regen nachgelassen. Mûr lag dunkel und still vor ihr. In den Fenstern brannten nur wenige Lichter. Der Peraine-Schrein zeichnete sich als helle Fläche zwischen den Häusern ab. Jandara ging langsam zum Gasthaus. Sie sagte sich, sie habe lediglich eine Grenze gezogen. Dass Liora klug genug sei, dies zu verstehen. Dass es besser sei, jetzt einige Dinge klarzustellen, bevor aus einer angenehmen Verbindung etwas Ernstes wurde. Sie sagte sich vieles. Im Schankraum bestellte sie Wein. Rogerio stellte den Krug vor sie und betrachtete ihr Gesicht. „Schwieriger Abend?“ Jandara nahm den ersten Schluck. „Keineswegs. Ich habe lediglich eine mögliche Zukunft verhindert. Andere Menschen benötigen dafür viele Götterläufe, endlose Verhandlungen und Advokaten.“ Rogerio setzte sich nicht. „Dann seid Ihr sicher zufrieden.“ Jandara hob den Becher. „Vollkommen.“ Der Wirt sah sie noch einen Moment an und ging. Jandara blieb allein am Tisch. In Lioras Zimmer stand das Porträt auf der Staffelei. Die Frau darauf hielt einen Becher in beiden Händen und lächelte, als müsse sie nichts verteidigen. Jandara trank, bis sie glaubte, dieses Gesicht vergessen zu können. Es gelang ihr nicht.