Chronik.Ereignis1045 Die Dinge, die man zurücklässt 03

Mûr in der Baronie Bangour, Peraine 1045 BF

Autor: Amarinto

Dinge die man zurücklässt

Am Morgen nach dem Streit erwachte Jandara mit dem Geschmack schlechten Weines im Mund und dem unangenehmen Gefühl, dass ihr Körper die Nacht besser überstanden hatte als ihr Gewissen. Sie lag im Zimmer des Gasthauses, vollständig bekleidet auf der Decke, einen Stiefel noch am Fuß, den anderen neben dem Bett. Der leere Becher stand auf dem Boden. Das Fenster war nicht geschlossen worden, und durch den schmalen Spalt drang kalte, feuchte Luft herein. Draußen hing Regen über Mûr. Er fiel nicht heftig, sondern gleichmäßig und beharrlich, als habe sich der Himmel vorgenommen, jeden Weg, jeden Acker und jede Hoffnung auf einen trockenen Tag mit derselben sorgfältigen Gründlichkeit aufzuweichen. Jandara schloss das Fenster. Im Hof wurde Holz gespalten. Irgendwo klapperte ein Eimer. Das Dorf war längst wach und ging seinen Geschäften nach, ohne zu wissen, dass in einem seiner Gästezimmer eine Junkerstochter saß und sich seit mehreren Minuten weigerte, den vergangenen Abend in einer Reihenfolge zu erinnern, die ihr eine bessere Rolle darin zugestand. Sie hatte nichts Unwiderrufliches getan. Das sagte sie sich zuerst. Sie hatte Liora nicht verlassen. Sie hatte ihr nichts versprochen. Sie hatte nur eine Grenze gezogen, vielleicht etwas schärfer, als nötig gewesen wäre. Menschen sagten im Streit Grausamkeiten. Menschen schliefen getrennt. Menschen wachten auf, wuschen sich, fanden eine angemessene Formulierung und setzten das Leben fort. Das alles war gewöhnlich. Jandara wusste nur nicht, weshalb gewöhnliche Dinge sich bisweilen anfühlten wie Misshandlungen. Sie stand auf, zog den zweiten Stiefel an und betrachtete sich in der kleinen, fleckigen Spiegelscheibe über der Waschschüssel. Ihr Gesicht wirkte müde. Nicht tragisch, nicht zerstört, nicht einmal besonders verkatert. Nur müde. Das war beleidigend. Eine Nacht, in der man einen geliebten Menschen verletzt hatte, sollte wenigstens die Höflichkeit besitzen, sichtbare Spuren zu hinterlassen. Stattdessen sah Jandara aus wie jemand, der zu spät ins Bett gegangen war und beim Erwachen überlegte, ob er vor dem Frühstück noch baden sollte. Sie wusch sich mit kaltem Wasser, band das Haar zurück und setzte den Hut auf.

Als sie den Schankraum betrat, saß Liora bereits dort. Sie trug ihren dunklen Reisemantel. Neben dem Tisch standen eine Ledertasche mit Werkzeugen und eine schmale hölzerne Kiste, in der sie kleinere Bilder und Zeichnungen transportierte. Ihre kurzen hellen Haare waren noch feucht. Vor ihr lagen Brot, ein Stück Käse und ein Becher, den sie mit beiden Händen umfasste, ohne daraus zu trinken. Rogerio stand hinter dem Tresen und polierte einen Krug, der längst sauber sein musste. Niemand sprach. Jandara blieb auf der letzten Stufe stehen. Liora sah zu ihr auf. Ihr Gesicht war ruhig, aber nicht unberührt. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, und um den Mund hatte sich eine Härte gelegt, die Jandara dort bisher nie gesehen hatte. „Ihr reist ab“, sagte Jandara. Es war das erste, was ihr einfiel, und zugleich das Dümmste. Liora blickte auf die Tasche neben sich. „Ich fahre zu dem Gehöft der Familie Molina. Sie haben eine bemalte Truhe und zwei kleine Tafeln, die ich begutachten soll. Wenn ich früh genug aufbreche, bin ich vor Einbruch der Dunkelheit zurück.“ Die Förmlichkeit war wieder da. Das Ihr. Jandara hätte fast gelacht, nicht weil etwas daran komisch war, sondern weil die Rückkehr dieses kleinen Wortes den Streit in eine Form goss, die plötzlich viel schwerer wog. Sie trat näher.

„Bei diesem Wetter? Der Weg dürfte kaum mehr sein als eine Reihe besonders tiefer Pfützen, und der Bach führt seit gestern Hochwasser. Selbst Mûr besitzt vermutlich vernünftigere Tage, um alte Truhen zu besuchen.“ Liora nahm den Becher, trank einen Schluck und stellte ihn wieder ab. „Die Molinas warten seit zwei Wochen. Ich habe den Besuch bereits einmal verschoben, weil die Tafeln im Schrein mehr Zeit brauchten. Außerdem kenne ich den Weg. Es ist nicht angenehm, aber auch keine Reise durch die Khôm.“ „Das ist ein schwacher Trost. In der Khôm wäre wenigstens jede Gefahr groß genug, um ernst genommen zu werden. Hier wird man nur von einem Ast erschlagen, der nie den Ehrgeiz besaß, Teil einer Geschichte zu werden.“ Liora sah sie an. „Dann begleitet mich.“ Die Worte waren ruhig gesprochen. Keine Bitte. Kein Befehl. Auch kein Friedensangebot, jedenfalls keines, das Jandara ohne eigenes Zutun hätte annehmen können. Jandara setzte sich ihr gegenüber. Rogerio legte den Krug beiseite und ging durch die Hintertür hinaus. Die Rücksicht war so auffällig, dass sie beinahe wieder zur Einmischung wurde. „Ihr wisst, dass ich bei diesem Wetter eine ausgesprochen schlechte Reisegesellschaft wäre. Ich habe zu wenig geschlafen, zu viel getrunken und eine Haltung zur Welt, die sich vor dem zweiten Frühstück selten mit menschlicher Gemeinschaft vereinbaren lässt. Außerdem würde meine Anwesenheit den Weg nicht sicherer machen.“ Liora antwortete erst nach einer Weile. „Ich habe nicht behauptet, dass ich Euch brauche, um den Weg zu bewältigen. Ich habe Euch gefragt, ob Ihr mitkommen wollt. Das ist ein Unterschied, den Ihr sonst sehr gern betont. Heute scheint er Euch weniger zu gefallen.“ Jandara sah zum Fenster. Der Regen rann in schmalen Linien über das Glas. „Ihr wollt also unsere gestrige Unterhaltung auf einem Waldweg fortsetzen. Das ist dramaturgisch zweifellos reizvoll. Niemand kann einem Menschen so überzeugend die Wahrheit sagen wie im Regen, während Pferde ungeduldig werden und man nicht weiß, ob der andere deshalb schweigt, weil er nachdenkt oder weil ihm Wasser in den Kragen läuft.“ „Ich möchte die gestrige Unterhaltung nicht auf dem Waldweg fortsetzen. Ich möchte zu den Molinas reiten, arbeiten und wieder zurückkommen. Ihr könnt mitkommen, ohne etwas zu erklären. Oder Ihr könnt hierbleiben. Aber bitte tut nicht so, als müsse jede Entscheidung zuerst durch eine eurer wortreichen Reden hindurch.“ Jandara hob den Blick. Liora wirkte nicht wütend. Gerade das machte es schwerer. Wut hätte Jandara greifen, ablenken oder mit gleicher Schärfe beantworten können. Diese ruhige Erschöpfung ließ ihr nur die Wahl zwischen Ehrlichkeit und Flucht. Sie wusste, welche Wahl sie treffen sollte. Das Wissen änderte nichts. „Ihr habt recht“, sagte sie. „Es wäre töricht, aus einer einfachen Frage mehr zu machen. Deshalb werde ich ebenso einfach antworten: Nein. Ich komme nicht mit.“ Liora nickte.

Nur das. Keine sichtbare Enttäuschung. Kein Vorwurf. Sie stand auf, zog den Mantel enger und nahm ihre Tasche. Jandara spürte, wie etwas in ihr sich gegen diese Ruhe auflehnte. Ein verletzter, kindischer Teil, der wollte, dass Liora blieb, noch einmal fragte oder wenigstens zeigte, dass die Antwort sie traf. „Das scheint Euch bemerkenswert gleichgültig zu sein“, sagte sie. Liora verharrte. Dann stellte sie die Tasche wieder ab. „Was erwartet Ihr von mir? Soll ich Euch bitten? Soll ich sagen, dass der Weg gefährlich ist und ich mich mit Euch sicherer fühlen würde? Soll ich Euch versichern, dass ich gestern nichts verlangt habe und heute auch nichts verlange? Ich könnte das alles sagen, und manches davon wäre sogar wahr. Aber Ihr würdet jedes Wort nur benutzen, um Euch stärker bedrängt zu fühlen. Also nehme ich Eure Antwort an. Das ist keine Gleichgültigkeit. Es ist Respekt vor einer Entscheidung, die Ihr offenbar sehr dringend treffen wollt.“ Jandara hielt ihrem Blick stand. „Ihr seid ungerecht.“ „Worin?“ „Darin, dass Ihr meine Entscheidung so darstellt, als wäre sie nur eine andere Form von Feigheit.“ Liora atmete langsam aus. „Ich habe das Wort nicht benutzt.“ „Ihr musstet es nicht.“ „Dann beschwert Euch nicht bei mir über etwas, das Ihr selbst hören wollt.“ Der Satz war nicht laut. Er war nicht einmal besonders scharf. Doch er traf Jandara an jener Stelle, an der jede Verteidigung wie ein Geständnis wirkte. Liora nahm die Tasche erneut auf. „Ich werde am späten Nachmittag zurück sein. Rogerio weiß, welchen Weg ich nehme. Falls das Wetter schlimmer wird, bleibe ich bei den Molinas und komme morgen.“ Sie ging zur Tür. Jandara sah ihr nach. Der richtige Augenblick lag offen vor ihr. Sie hätte aufstehen können. Sie hätte sagen können, dass sie mitkam. Sie hätte nicht einmal um Verzeihung bitten müssen. Ein Mantel, ein Schwertgurt, zwei Pferde. Mehr wäre zunächst nicht nötig gewesen. Stattdessen sagte sie: „Du bist bemerkenswert gut darin, ohne mich zurechtzukommen.“ Liora blieb mit der Hand auf der Türklinke stehen. Sie drehte sich nicht um. Lange genug geschah nichts, dass Jandara den Satz beinahe zurücknehmen konnte. Dann antwortete Liora ruhig: „Ja. Das bin ich.“ Die Tür schloss sich hinter ihr. Jandara blieb sitzen.

Auf dem Tisch lag eine kleine Brotkrume. Sie strich sie mit dem Finger beiseite und dachte, dass der letzte Satz der schlimmste gewesen war. Nicht weil er besonders grausam klang. Sondern weil sie ihn ausschließlich gesagt hatte, um Liora zu verletzen. Es gab keinen anderen Zweck. Keinen Inhalt, den sie hätte verteidigen können. Nur die absichtliche kleine Wunde, die man einem Menschen zufügte, weil dieser sich nicht sichtbar genug über die größere beklagte. Rogerio kehrte durch die Hintertür zurück. Er sah zur geschlossenen Eingangstür, dann zu Jandara. „Sie ist fort.“ „Das hatte sie offenbar vor.“ „Ihr solltet etwas essen.“ Jandara stand auf. „Ihr solltet aufhören, jede meiner Fehlentscheidungen mit Essen behandeln zu wollen. Es entsteht sonst der Eindruck, Moral ließe sich durch ausreichend Brot wiederherstellen.“ „Nein“, sagte Rogerio. „Aber Menschen treffen hungrig selten bessere Entscheidungen.“ Jandara nahm ihren Hut vom Tisch. „Dann dürfte die Geschichte Almadas im Wesentlichen auf ausgelassenem Frühstück beruhen.“ Sie verließ die Schenke, bevor er antworten konnte.

Der Regen ließ gegen Mittag nach. Er hörte nicht ganz auf, sondern wurde zu einem feinen, kalten Nieseln, das sich auf Kleidung und Haar legte, ohne dass man den genauen Augenblick bemerkte, in dem alles feucht geworden war. Jandara verbrachte den Vormittag in der Schmiede. Sie hatte keinen Grund dort zu sein. Esindio brauchte keine Hilfe, und ihr Pferd stand längst gesund im Stall. Dennoch lehnte sie an einem Pfosten und beobachtete, wie der Schmied einen gebrochenen Beschlag richtete. Das Metall glühte orange in der Esse. Esindio legte es auf den Amboss und schlug zu. Jeder Hammerschlag hatte einen Zweck. Kein Zögern, keine doppelte Bedeutung, kein Versuch, den Abdruck eines anderen Schlages zu korrigieren. Jandara beneidete ihn darum. „Wie lange braucht man zu den Molinas?“, fragte sie schließlich. Esindio hob den Hammer erneut. „Bei trockenem Weg zwei Stunden. Heute eher drei.“ „Und zurück?“ „Ebenso.“ „Ihr besitzt einen beneidenswert geradlinigen Humor.“ Esindio schlug weiter. „Der Weg ändert sich nicht, nur weil man darüber Witz macht.“ „Das scheint eine verbreitete Haltung in Mûr zu sein. Ihr seid alle geradezu militant vernünftig.“ Der Schmied legte das Werkstück zurück in die Glut. „Liora ist heute Morgen hingeritten.“ „Das weiß ich.“ „Dann wisst Ihr auch, warum Ihr fragt.“ Jandara sah ihn an. „Es ist eine ausgesprochen schlechte Angewohnheit dieses Dorfes, aus einfachen Fragen Charakterstudien zu entwickeln.“ „In Mûr passiert nicht viel. Wir müssen nehmen, was kommt.“ Sie stieß sich vom Pfosten ab. „Der Weg ist nicht gefährlich.“ Es war keine Frage. Esindio prüfte das Feuer. „Nicht besonders. Es gibt hinter dem alten Steinbruch einen Holzsteg über den Bach. Bei starkem Regen wird er glatt. Weiter oben ist der Hang an zwei Stellen weich. Wer vernünftig reitet, hat keine Schierigkeiten.“ „Liora reitet vernünftig.“ „Meistens.“ „Meistens ist ein Wort, das Menschen benutzen, wenn sie Unsicherheit wie Erfahrung klingen lassen wollen.“ Esindio blickte nun zu ihr. „Domna, wollt Ihr ihr nachreiten?“ Jandara verschränkte die Arme. „Nein. Ich sammle lediglich Informationen. Es wäre fahrlässig, länger in einem Dorf zu verweilen, ohne die Qualität seiner Verkehrswege zu kennen.“ „Dann ist der Weg schlecht, aber passierbar.“ „Ihr seid heute ausgesprochen wenig hilfreich.“ „Ihr habt keine hilfreiche Frage gestellt.“ Jandara wandte sich ab. Bevor sie den Hof verließ, sagte Esindio: „Wenn Ihr reiten wollt, nehmt nicht den Weg hinter der Hammerschlag-Mühle. Der ist überflutet. Reitet über die obere Weide und dann am Steinbruch vorbei.“ Sie blieb stehen. „Ich sagte, dass ich nicht reite.“ „Dann könnt Ihr den Hinweis vergessen.“ Jandara ging.

Sie verbrachte den frühen Nachmittag im Peraine-Schrein. Es war das erste Mal, dass sie den Raum ohne Liora betrat, seit ihre Bekanntschaft begonnen hatte. Die Abwesenheit fiel sofort auf. Nicht als Leere, sondern als Sammlung kleiner Dinge, die plötzlich niemandem gehörten. Ein Pinsel lag auf einem Tuch. Mehrere Muschelschalen standen ordentlich am Fenster. Auf dem Tisch befand sich ein halb gegessenes Stück Apfel, bereits braun an der Schnittfläche. Daneben lag ein Kohlestift. Jandara trat an die Staffelei. Das Porträt war mit einem Tuch verhängt. Sie wusste nicht, ob Liora dies aus Schutz getan hatte oder damit niemand es sah. Nach kurzem Zögern zog sie das Tuch beiseite. Die gemalte Jandara blickte ihr entgegen. Verträumte Augen. Zerzaustes Haar. Der Becher in beiden Händen. Ein sanftes, unbewachtes Lächeln. Jandara betrachtete das Bild mit wachsender Feindseligkeit. „Siehst du“, sagte sie leise, „wie viel leichter du es hast? Du musst nur da sitzen. Du musst nichts entscheiden, niemanden enttäuschen, nicht einmal erklären, weshalb du glücklich aussiehst. Irgendeine Malerin hat dich in einem günstigen Augenblick erwischt und nun darfst du für immer so tun, als hättest du nie etwas Hässliches gesagt oder getan.“ Das Bild antwortete nicht. Jandara trat näher. „Du wärst mitgegangen.“ Auch das war keine Frage. Sie zog das Tuch wieder über die Staffelei. Dann verließ sie den Schrein.

Am späten Nachmittag setzte erneut Regen ein. Diesmal schwerer. Dicke Tropfen schlugen auf die Dächer und verwandelten den Dorfplatz innerhalb kurzer Zeit in Schlamm. Der Bach war höher gestiegen. Das Wasser schoss dunkel zwischen den Steinen hindurch und trug Äste, Laub und einmal den zerbrochenen Deckel eines Korbes mit sich. Jandara saß im Gasthaus am Fenster. Vor ihr stand ein Becher Wein, den sie nicht bestellt hatte. Rogerio hatte ihn hingestellt, ohne etwas zu sagen. Sie hatte dennoch getrunken. Liora hätte inzwischen zurück sein können. Nicht müssen. Der Weg dauerte länger. Vielleicht hatte die Arbeit mehr Zeit beansprucht. Vielleicht war sie bei den Molinas geblieben, wie sie angekündigt hatte. All das war vernünftig. Die Dämmerung kam früh unter den tiefen Wolken. Ein Fuhrmann betrat die Schenke, schüttelte den Regen vom Mantel und berichtete, der Weg sei an einer Stelle kaum befahrbar. Ein kleiner Hang sei abgerutscht, aber man könne vorbeikommen, wenn man abstieg und die Pferde führte. Jandara hörte jedes Wort. Sie tat so, als höre sie nicht zu. Rogerio stellte dem Mann einen Krug hin. „Seid Ihr am Molina-Hof vorbeigekommen?“ „Nein. Ich kam von Norden. Der Weg zweigt vorher ab.“ Rogerio blickte kurz zu Jandara. Sie hob den Becher. „Ihr müsst mich nicht ansehen, als sei ich persönlich für den Regen verantwortlich. Ich verfüge über viele Talente, aber Wetterbeherrschung gehört bislang nicht dazu.“ „Liora ist noch nicht zurück.“ „Das ist mir bekannt.“ „Sie wollte vor Dunkelheit hier sein.“ „Sie sagte ebenso, dass sie bei den Molinas bleiben würde, falls das Wetter sich verschlechtert. Es hat sich verschlechtert. Daraus folgt mit einer geradezu offensichtlichen Wahrscheinlichkeit, dass sie dort ist.“ Rogerio setzte sich ihr gegenüber. „Möglich.“ Jandara lächelte dünn. „Ihr solltet in einer Schenke keine so bedrohlichen Worte verwenden. Möglich ist der Vetter von Vielleicht und der Onkel von Unheil.“ „Ihr könntet hinreiten.“

Sie sah ihn an. Der Vorschlag war sachlich gesprochen worden. Ohne Vorwurf. Gerade deshalb fühlte er sich wie einer an. „Bei diesem Wetter, in der Dunkelheit und auf einem Weg, den selbst Euer Fuhrmann für kaum befahrbar hält?“ „Ihr kennt den Weg bis zum Steinbruch.“ „Ich kenne Esindios Beschreibung.“ „Das reicht mit einer Laterne.“ Jandara stellte den Becher ab. „Rogerio, ich verstehe Eure Sorge. Sie ehrt Euch und vermutlich auch Euer Dorf. Aber Liora ist kein Kind, das bei Einbruch der Dunkelheit im Wald vergessen hat, nach Hause zu kommen. Sie hat ausdrücklich gesagt, dass sie bei den Molinas bleiben könnte. Nun ist genau das Wetter eingetreten, das diesen Aufenthalt vernünftig macht. Wenn ich ihr hinterherreite, nur weil sie einige Stunden später ist als erhofft, bestätige ich jede Befürchtung, die sie hinsichtlich meiner Fähigkeit zu einfachen Beziehungen möglicherweise hegt.“ Rogerio zog die Braue hoch. „Welche Befürchtung wäre das?“ „Dass ich aus Zuneigung Besitz mache. Dass ich ihre Entscheidungen nicht respektiere. Dass ich auftauche, sobald sie nicht nach meiner Pfeife tanzt, und so tue, als sei Sorge eine Form von Anspruch.“ „Hat sie das gesagt?“ „Nicht in diesen Worten.“ „Dann klingt es eher nach etwas, das Ihr sagen würdet.“

Jandaras Blick wurde scharf. „Ich habe heute ausreichend Menschen erlebt, die sich für berufene Kenner meiner Persönlichkeit halten.“ „Nichts dergleichen. Ich sage nur, dass es dunkel wird und jemand draußen ist, den Ihr mögt.“ „Sie ist nicht draußen. Sie ist sehr wahrscheinlich auf einem trockenen Hof, trinkt bessere Milch als Euren Wein und erzählt Fremden, wie anstrengend ihre letzte Bekanntschaft mit dieser selbstgerechten Junkerstochter gewesen ist.“ Rogerio schwieg. Jandara nahm den Becher erneut. „Falls sie morgen nicht zurückkommt, können wir uns Sorgen machen. Heute Abend wäre es nur Theater. Und ich habe Aventurien in letzter Zeit bereits genug Theater zugemutet.“ Rogerio stand auf. „Wie Ihr meint.“ Er ging zurück zum Tresen. Jandara trank. Sie fühlte keinen Triumph. Nur das dumpfe Bewusstsein, eine Entscheidung verteidigt zu haben, die sie nicht getroffen hätte, wenn niemand sie dabei beobachtet hätte.

Eine Stunde später hatte sich der Schankraum geleert. Der Regen schlug nun so laut gegen die Fenster, dass jedes Gespräch hätte erhoben werden müssen. Rogerio schloss die Läden und legte Holz im Kamin nach. Jandara saß noch immer am selben Tisch. Der Wein hatte ihr Gesicht warm gemacht und ihre Gedanken langsam, aber nicht still. Jeder vernünftige Grund, den sie vorgebracht hatte, kehrte in einer leicht veränderten Form zurück und klang beim zweiten Hören weniger überzeugend. Liora war erwachsen. Liora kannte den Weg. Liora konnte bei den Molinas bleiben. Jandara hätte im Dunkeln selbst verunglücken können. Alles wahr. Daneben stand jedoch eine andere Wahrheit, kleiner und hässlicher: Sie wollte nicht aufbrechen, weil Liora sie am Morgen nicht gebeten hatte zu bleiben. Weil Liora ihr Nein angenommen hatte. Weil Jandara fürchtete, bei den Molinas anzukommen und Liora dort sicher, warm und vielleicht sogar verärgert vorzufinden. Die Vorstellung, sich unnötig gesorgt zu haben, war ihr unangenehm.

Sie stand abrupt auf. Rogerio blickte herüber. „Ich brauche eine Laterne.“ Er stellte den Krug ab. „Ihr wollt jetzt losreiten.“ „Ja.“ Rogerio nahm eine Laterne von einem Haken. „Esindio sagte, der übliche Weg sei überflutet. Ihr müsst über die obere Weide.“ „Ich erinnere mich.“ Sie nahm die Laterne. An der Tür blieb Rogerio stehen. „Ihr habt getrunken.“ Jandara sah ihn an. „Ich trinke seit Jahren. Es ist ein äußerst gewöhnlicher Zustand.“ „Heute genug, um bei Dunkelheit und Regen nicht zu reiten.“ „Vor einer Stunde hieltet Ihr meine Abreise noch für vernünftig.“ „Vor einer Stunde hattet Ihr weniger getrunken. Viel weniger.“ „Das ist ein unverschämter Vorwurf von einem Gastwirt, der daran verdient.“ Rogerio stellte sich vor die Tür. Nicht herausfordernd. Nur standfest. „Wartet bis zum Morgen. Wenn sie bei den Molinas ist, kommt sie dann zurück. Wenn nicht, suchen wir bei Licht und mit mehreren Leuten.“

Jandara hielt die Laterne. Sie hätte darauf bestehen können. Er hätte sie nicht mit Gewalt aufgehalten. Sie war bewaffnet, adlig und in jeder denkbaren Weise fähig, sich über einen Gastwirt hinwegzusetzen. Ein Teil von ihr wollte, dass Rogerio sie hinderte. Dann wäre die Entscheidung nicht mehr die ihre. „Ihr seid bemerkenswert widersprüchlich“, sagte sie. „Erst erklärt Ihr mir, ich müsse handeln, dann verbietet Ihr mir die Handlung, sobald ich dazu bereit bin.“ „Ich verbiete nichts. Ich sage, dass Ihr gerade nicht sicher reiten könnt.“ „Und morgen?“ „Morgen reiten Esindio, ich und zwei Männer vom Vogtshof mit Euch.“ Jandara blickte zur dunklen Tür. Dahinter rauschte der Regen. Sie dachte an Liora am Molina-Hof, trocken und schlafend. An das belustigte Kopfschütteln, wenn sie erfuhr, dass Jandara nachts betrunken nach ihr gesucht hatte. An die Scham, als übertreibende, abhängige, schwache Frau dazustehen. „Gut“, sagte sie. Sie gab Rogerio die Laterne zurück. „Morgen.“ An dieses kleine Wort würde sie sich später häufig erinnern. Nicht den Streit. Nicht den Regen. Nicht einmal den letzten Satz an Liora. Nur: Morgen.

Jandara schlief kaum. Sie lag angezogen auf dem Bett und hörte dem Wetter zu. Mehrmals stand sie auf, ging zum Fenster und blickte auf den dunklen Dorfplatz. Gegen Mitternacht schien der Regen schwächer zu werden. Sie überlegte, allein aufzubrechen. Sie tat es nicht. Gegen Morgen schlief sie schließlich ein. Sie erwachte, weil jemand gegen ihre Tür hämmerte. Nicht höflich. Nicht zögernd. Drei schwere Schläge. Jandara saß sofort aufrecht. Rogerio trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten. Sein Gesicht genügte. „Man hat Lioras Pferd gefunden.“ Jandara stand auf. „Wo?“ „Am Weg hinter dem Steinbruch. Ohne Reiterin. Der Sattel ist verschwunden.“ Sie griff nach dem Schwertgurt. Ihre Hände funktionierten ruhig. „Wie lange?“ „Der Junge vom Molina-Hof hat es vor einer halben Stunde gesehen. Das Tier war nass und erschöpft. Es muss die Nacht draußen gewesen sein.“ Jandara zog den Gürtel fest. „Dann lebt sie.“ Rogerio antwortete nicht. Sie sah ihn an. „Ein Pferd kehrt ohne Reiter zurück. Das bedeutet nicht, dass der Reiter tot ist. Es bedeutet, dass der Reiter gefallen, abgestiegen oder zurückgeblieben ist. Wir suchen. Wir finden sie. Danach könnt Ihr mir erklären, wie lächerlich ich gerade klinge.“ „Esindio wartet draußen.“ Jandara setzte den Hut auf. „Dann los.“

Sie ritten zu fünft. Jandara, Esindio, Rogerio und zwei Männer des Vogtes. Einer trug Seile, der andere Decken und eine kleine Trage, die man hastig zwischen zwei Stangen gebunden hatte. Der Regen hatte aufgehört, doch der Wald tropfte. Nebel hing zwischen den Bäumen. Der Weg war aufgeweicht und an mehreren Stellen von kleinen Rinnsalen durchschnitten. Niemand sprach viel. Jandara ritt an der Spitze neben Esindio. Ihr Rappe bewegte sich sicher, obwohl der Boden glitschig war. „Wo wurde das Pferd gefunden?“, fragte sie. „Hinter der Abzweigung zum alten Steinbruch. Es stand am Weg.“ „Blut?“ „Nein.“ „Dann ist sie abgestiegen oder gestürzt.“ Esindio sah geradeaus. „Möglich.“ Jandara presste die Zähne aufeinander. „Ich beginne dieses Wort zu hassen.“ „Es ist ehrlicher als Gewissheit.“ „Ehrlichkeit ist eine Tugend für Menschen, die nichts Besseres anzubieten haben.“ Esindio antwortete nicht.

Sie erreichten den Steinbruch. Dort wartete ein junger Mann vom Molina-Hof mit Lioras Pferd. Das Tier zitterte noch immer. Jandara sprang ab. „Wann ist sie gestern bei Euch aufgebrochen?“ Der junge Mann schluckte. „Kurz nach der achten Stunde. Herrin Liora wollte noch vor Dunkelheit zurück sein. Mein Vater sagte, sie solle bleiben, weil der Bach hoch war. Aber sie meinte, der Regen werde schwächer und sie kenne den Weg.“ „War sie verletzt? Krank? Hatte sie getrunken?“ „Nein, Domna.“ „War jemand bei ihr? Ist ihr jemand gefolgt?“ „Niemand.“ Jandara legte die Hand an den Sattel. „Warum kam das Pferd nicht zu Euch zurück?“ Der Mann sah sie hilflos an. „Das weiß ich nicht.“ Natürlich wusste er es nicht. Niemand wusste etwas. Jandara wandte sich ab. Esindio kniete am Rand des Weges. „Hier.“ Im Schlamm waren Spuren. Der Abdruck eines Pferdehufs, tief und seitlich verrutscht. Daneben eine lange Furche. Weiter unten im Gebüsch hing ein Stück dunkler Stoff. Lioras Mantel. Jandara ging mit langen Schritten den Hang hinunter. Esindio griff nach ihrem Arm. „Langsam. Der Boden ist weich.“ Sie riss sich los. „Lasst mich.“ „Wenn Ihr ebenfalls stürzt, helft Ihr niemandem.“ Der Satz war vernünftig. Sie hasste ihn. Gemeinsam stiegen sie hinab. Der Hang fiel stärker ab, als es vom Weg aus wirkte. Unterhalb verlief der Bach, angeschwollen und braun. Ein alter hölzerner Steg führte über eine schmale Schlucht. Mehrere Bretter waren gebrochen. Einer der seitlichen Balken hing schief im Wasser.

Am Fuß des Hanges fanden sie Lioras Tasche. Sie lag offen zwischen Steinen. Pinsel, Tücher und kleine Werkzeuge waren verstreut. Einige waren vom Wasser fortgetragen worden. Jandara hob einen Kohlestift auf. Er zerbrach zwischen ihren Fingern. „Sie muss hier gestürzt sein.“ Esindio zeigte auf den Boden. „Das Pferd ist ausgerutscht. Vielleicht ist sie abgesprungen oder gefallen. Dann ist sie weiter hinunter.“ Sie suchten. Riefen Lioras Namen. Zunächst antwortete nur der Bach. Dann fand einer der Männer einen Stoffstreifen, an einen niedrigen Ast gebunden. Weißer Leinenstoff, schmutzig und vom Regen durchweicht. Jandara kannte ihn. Liora hatte am Vortag eine weiße Unterbluse getragen. Sie starrte auf den Stoff. „Sie hat ihn befestigt.“ Esindio nickte. „Damit man sie sieht.“ „Dann lebte sie nach dem Sturz.“ Niemand antwortete. Jandara wandte sich zu ihnen um. „Sie lebte. Sie hat den Stoff abgerissen, sich bewegt und ihn an diesen Ast gebunden. Das bedeutet, dass sie bei Bewusstsein war.“ Rogerio trat näher. „Ja.“ Sie folgten den Spuren weiter am Bach entlang. An mehreren Stellen war der Boden aufgewühlt. Ein Abdruck einer Hand im Schlamm. Eine Schleifspur zwischen Steinen. Dann nichts mehr, weil der Regen alles geglättet hatte. Jandara rief erneut. „Liora!“ Ihre Stimme brach an den Bäumen. Keine Antwort. Sie gingen weiter.

Vielleicht hundert Schritt flussabwärts öffnete sich das Ufer zu einer kleinen, von Felsen eingefassten Mulde. Dort lag Liora. Sie lag auf der Seite, halb unter einem niedrigen Haselstrauch. Ein Arm war unter ihrem Körper eingeklemmt, der andere ausgestreckt. Ihr helles Haar war dunkel vom Schlamm und klebte an der Stirn. Auf der Wange und am Kinn waren blaue Flecken zu sehen. Ein Stück ihres Mantels war unter ihr ausgebreitet, als habe sie versucht, sich vom nassen Boden zu schützen. Jandara blieb stehen. Die Welt wurde nicht still. Das war das Erste, was sie später daran hasste. Der Bach rauschte weiter. Wasser tropfte von den Zweigen. Hinter ihr atmete jemand schwer. Ein Pferd schnaubte oben am Weg. Die Welt hatte keinerlei Anstand. Sie ging zu Liora und kniete nieder. „Liora.“ Sie legte zwei Finger an ihren Hals. Die Haut war kalt. Jandara drückte fester, als könnte sie einen Puls erzwingen. „Liora.“ Esindio kniete neben ihr. Er berührte Lioras Hals, dann das Handgelenk. Seine Bewegungen waren vorsichtig und vollkommen nutzlos. „Domna.“ „Nein.“

„Sie ist tot.“

„Das könnt Ihr nicht wissen.“ Esindio sagte nichts. Jandara strich Liora das nasse Haar aus der Stirn. Das Gesicht wirkte nicht friedlich. Das war kein sauberer Tod, wie Künstler ihn darstellten. Die Lippen waren leicht geöffnet. An der Schläfe lag eine dunkle Schwellung. Unter dem Kleid zeichnete sich ein unnatürlicher Winkel des Beins ab. Jandara sah die Verletzungen. Sie sah zugleich nur Liora. Den Mund, der im Schrein gelächelt hatte. Das spitze Kinn. Die kleine Nase, über die sie einmal behauptet hatte, sie sei zu vernünftig für das übrige Gesicht.

„Wir brauchen einen Heiler.“ Rogerio stand hinter ihr. „Jandara.“ Es war das erste Mal, dass er ihren Namen ohne Titel oder Formalitäten aussprach. Sie drehte sich zu ihm um. „Holt einen Heiler.“ „Wir nehmen sie mit.“ „Jetzt.“ „Ja.“ „Nein. Einen Heiler hierher. Vielleicht ist sie nur unterkühlt. Menschen wirken tot, wenn sie lange in der Kälte liegen. Ich habe davon gehört. Man darf sie nicht zu früh aufgeben.“ Esindio sprach leise.

„Sie ist bereits seit Stunden tot.“

Jandara schlug seine Hand weg, obwohl er sie nicht berührt hatte. „Ihr seid Schmied.“ „Ja.“ „Dann schmiedet etwas und überlasst den Tod Menschen, die sich damit auskennen.“ Esindio nahm die Worte hin. Das machte sie schlimmer. Rogerio ging neben ihr in die Hocke. „Wir tragen sie zurück nach Mûr. Der Heiler sieht sie dort an.“ Jandara blickte wieder zu Liora. An deren linker Hand klebte Schlamm unter den Fingernägeln. Die Finger waren aufgerissen. Sie hatte sich über den Boden gezogen. Sie hatte gelebt. Nicht nur für einen Augenblick. Lange genug, um den Mantel unter sich zu legen. Lange genug, um den Stoff an den Ast zu binden. Lange genug, um auf Hilfe zu warten. Jandara berührte ihre Hand.

„Gestern Abend“, sagte sie. „Sie war gestern Abend noch hier.“ Niemand antwortete. „Wie weit ist dieser Ort vom Dorf entfernt?“ Esindio sah zum Hang. „Zu Pferd bei gutem Weg vielleicht eine Stunde. Gestern länger.“ „Und wenn jemand am späten Nachmittag aufgebrochen wäre?“ Rogerio schloss kurz die Augen. „Jandara.“ „Antwortet.“ „Vielleicht hätte man sie vor Einbruch der Dunkelheit erreicht.“ „Vielleicht.“ Sie sprach das Wort aus, als wäre es etwas Bitteres. „Und wenn ich am Abend aufgebrochen wäre? Mit einer Laterne?“ Esindio sagte: „Man hätte die Spur im Dunkeln leicht übersehen.“ „Aber man hätte sie finden können.“ „Möglich.“ Jandara senkte den Kopf. Das Wort setzte sich in ihr fest. Möglich. Nicht sicher. Nicht wahrscheinlich. Nur möglich. Es war genug.

Sie trugen Liora auf der improvisierten Trage zurück. Jandara ging neben ihr. Sie ritt nicht. Den gesamten Weg hielt sie eine Hand auf der Decke, die man über den Leichnam gelegt hatte. Nicht auf Lioras Hand. Nicht auf ihrem Gesicht. Nur auf der groben Wolle über ihrer Schulter, als müsse sie verhindern, dass selbst der Körper ihr noch verloren ging. In Mûr wartete der Heiler im Peraine-Schrein. Er war ein älterer Mann aus Bangour, den jemand schon am Morgen hatte holen lassen. Er untersuchte Liora sorgfältig. Jandara stand dabei. Niemand wagte, sie hinauszuschicken. Der Heiler stellte einen Bruch des linken Beins fest, mehrere gebrochene Rippen, eine schwere Verletzung an der Schläfe und Anzeichen innerer Blutungen. Er sprach ruhig, sachlich und mit jener behutsamen Genauigkeit, die Mitgefühl zeigen sollte, ohne Hoffnung vorzutäuschen. „Der Sturz allein hat sie nicht getötet. Sie hat noch eine Zeit gelebt. Das sehen wir an ihren Händen und an den Spuren, die Ihr gefunden habt. Wahrscheinlich war sie längere Zeit bei Bewusstsein. Später dürfte sie schwächer geworden sein. Kälte und Blutverlust kamen hinzu.“ Jandara stand am Fuß des steinernen Altars. Liora lag bereits darauf, noch in der nassen Reisekleidung. Zwei Frauen aus dem Dorf warteten mit warmem Wasser und weißen Tüchern, um sie zu waschen und für die Aufbahrung vorzubereiten. „Wie lange?“, fragte Jandara. Der Heiler sah sie an. „Das lässt sich nicht genau sagen.“ „Ihr habt sie untersucht. Ihr kennt die Verletzungen. Also sagt mir, wie lange ein Mensch damit leben kann.“ „Das ist verschieden. Eine innere Blutung kann rasch töten oder über viele Stunden. Die Kopfverletzung könnte ihr Bewusstsein genommen haben. Vielleicht hat sie danach nichts mehr gespürt.“ „Das habe ich nicht gefragt.“ Der Heiler schwieg einen Moment. „Nein.“ Jandaras Hände schlossen sich um den Rand des Altars. „Hätte sie bis zum späten Nachmittag leben können?“ „Ja.“ „Bis zum Abend?“ „Möglich.“ Wieder. „Bis in die Nacht?“ „Auch das ist möglich.“ „Und wenn jemand sie gefunden hätte?“ Der Heiler blickte zu Liora. „Man hätte sie wärmen, die Blutung versorgen und das Bein richten können. Für innere Verletzungen sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Ohne Magie, Heiltränke oder göttliches Wirken hätte man ihr kaum helfen können.“ „Das war nicht meine Frage.“ „Ich weiß.“ „Hätte sie leben können?“ Der Heiler nahm sich Zeit mit der Antwort. Vielleicht suchte er nach einem Satz, der wahr und erträglich zugleich war. Er fand keinen.

„Ja“, sagte er schließlich. „Sie hätte leben können.“

Jandara nickte. Eine einzige langsame Bewegung. „Danke.“ Der Heiler wirkte erschrocken über das Wort. Jandara ließ den Altar los und ging zur Tür. Rogerio stand dort. Sie blieb vor ihm stehen. „Ihr habt mich aufgehalten.“ Es war leise gesagt. Rogerio wurde blass. „Ja.“ „Ich wollte reiten.“ „Ihr hattet getrunken. Der Weg war dunkel und überflutet.“ „Ihr habt mich aufgehalten.“ „Ja.“ Jandaras Gesicht verzog sich. Für einen Moment sah es aus, als würde sie ihn schlagen. Dann schloss sie die Augen. „Und vorher wollte ich nicht.“ Rogerio sagte nichts. „Vorher saß ich an Eurem Tisch und erklärte Euch ausführlich, weshalb es vernünftig sei, nichts zu tun. Ich machte aus Feigheit Respekt und aus Eitelkeit Besonnenheit. Ihr habt mir sogar gesagt, ich solle reiten.“ „Jandara, niemand weiß, ob...“ „Nein.“ Rogerio schwieg. Jandara ging hinaus.

Das Dorf behandelte sie in den folgenden Stunden mit einer Güte, die sie kaum ertrug. Niemand beschuldigte sie. Esindio brachte ihr Pferd zum Gasthaus und sagte nur, es sei versorgt. Der Vogt ordnete an, die beschädigte Brücke abzusperren. Zwei Frauen wuschen Lioras Leichnam und kleideten sie in ein schlichtes weißes Gewand. Eine alte Geweihte aus Bangour kam am Abend und bereitete die Totenwache vor. Niemand sagte, Jandara hätte mitgehen sollen. Niemand erwähnte, dass Liora sie am Morgen darum gebeten hatte. Niemand wusste von den letzten Worten. Niemand außer Jandara. Sie trank an diesem Abend nicht, obwohl sie es versuchte. Rogerio stellte ihr einen Becher hin, weil er vermutlich nicht wusste, was er sonst tun sollte. Jandara nahm ihn, führte ihn an die Lippen und roch den Wein. Dann stellte sie ihn zurück. „Er schmeckt noch immer entsetzlich.“ Rogerio saß ihr gegenüber. „Ja.“ „Das ist fast beruhigend.“ Sie blickte in den Becher. „Falls ich mitgegangen wäre, hätten wir beide stürzen können. Vielleicht wäre der Steg unter unseren Pferden eingebrochen. Vielleicht hätte sie mich retten wollen und wäre deshalb noch schwerer verletzt worden. Vielleicht hätte ich sie gefunden, aber nichts tun können. Vielleicht wäre sie in meinen Armen ebenso sicher gestorben wie allein.“ Rogerio sagte nichts. „Das ist alles durchaus möglich.“

„Ja.“ „Ihr solltet mir zustimmen. Es würde mir erlauben, Euch später dafür zu hassen.“ Rogerio sah sie an. „Ich weiß nicht, ob Ihr sie hättet retten können.“ Jandara nickte. „Ihr lernt schnell.“ Sie stand auf. „Morgen wird sie aufgebahrt.“ „Ja.“ „Ich möchte allein zu ihr.“ „Das lässt sich einrichten.“ Jandara ging zur Treppe. Auf der ersten Stufe blieb sie stehen. „Rogerio.“ „Ja?“ „Als ich gestern Abend aufbrechen wollte... hättet Ihr mich mit Gewalt aufgehalten?“

Er dachte lange nach. „Nein. Wenn Ihr darauf bestanden hättet, hätte ich Euch eine Laterne gegeben und Esindio geweckt.“ Jandara hielt sich am Geländer fest. „Ich hätte also nur darauf bestehen müssen.“ Rogerio stand auf. „Ihr wart betrunken und aufgewühlt. Ihr habt auf meinen Rat gehört. Das ist nicht dasselbe wie...“ „Doch.“ Sie drehte sich nicht um. „Genau das ist das Problem. Ich höre immer dann auf andere, wenn ihr Rat mir erlaubt, das zu tun, was ich ohnehin tun möchte. Danach nenne ich es Vernunft.“ Dann ging sie.

In Lioras Zimmer brannte keine Lampe. Jandara öffnete die Tür und blieb im Dunkeln stehen. Der Raum roch noch nach Farbe, Leinöl und dem Lavendel, den Liora zwischen ihre Kleidung gelegt hatte. Auf dem Stuhl lag ein Schal. Am Fenster stand eine Tasse mit eingetrocknetem Kräutersatz. Auf dem Boden befand sich eine einzelne Stiefelschnalle, die Liora seit Tagen hatte annähen wollen. Alles wartete auf jemanden, der nicht zurückkehren würde. Jandara zündete eine Kerze an. Jemand hatte das Portröt hierher gebracht. Es stand noch immer unter dem Tuch. Sie zog es beiseite. Die Frau auf dem Bild lächelte. Jandara betrachtete sie lange. Dann setzte sie sich auf den Boden vor der Staffelei.

„Sie hat dich gefragt“, sagte sie. „Sie hat dich angesehen und gefragt, ob du mitkommst. Es wäre leicht gewesen. Du hättest dich nur anziehen müssen.“ Ihre Stimme blieb ruhig. „Stattdessen wolltest du, dass sie ein zweites Mal fragt. Du wolltest sie zwingen, dir zu beweisen, dass du wichtig für sie bist, damit du sie dafür verachten kannst.“ Sie legte beide Hände auf die Knie. „Und als sie nicht zurückkam, wolltest du nicht die Frau sein, die sich sorgt. Du wolltest nicht lächerlich aussehen. Du wolltest nicht an einem warmen Hof ankommen und entdecken, dass du umsonst Angst hattest.“ Jandara lachte einmal. Ein kleiner, trockener Laut. „Das wäre entsetzlich gewesen. Stell dir vor, du hättest dich blamiert. Wie erbärmlich du ausgesehen hättest.“

Sie sah das Bild an. Das gemalte Lächeln blieb unverändert. „Ich weiß nicht, ob ich sie hätte retten können.“ Zum ersten Mal brach ihre Stimme. „Ich werde es niemals wissen.“ Sie hob die Hand und berührte den gemalten Rand des Bechers. „Aber ich hätte mitgehen sollen.“ Kein Vielleicht. Keine Möglichkeit. Darin lag die Wahrheit, die ihr niemand nehmen konnte. Sie hätte mitgehen sollen. Sie hätte suchen sollen.

Ob Liora dann gelebt hätte, blieb im Nebel jener Stunden verborgen, die sich nicht wiederholen ließen. Doch Jandaras Entscheidung lag offen, klar und unveränderlich vor ihr. Sie hatte einen Menschen, den sie liebte, zweimal allein gelassen. Nicht aus Not. Nicht aus Unwissenheit. Sondern weil ihr Stolz in beiden Augenblicken schwerer gewogen hatte. Jandara saß bis zum Morgen vor dem Porträt. Sie weinte nicht. Noch nicht. Draußen begann Mûr zu erwachen. Ein Hahn rief. Ein Wagen rollte über den Platz. Im Peraine-Schrein entzündete die Geweihte die ersten Kerzen für Liora. Und während das Dorf sich auf den Abschied vorbereitete, lernte Jandara die erste Gestalt ihrer Schuld kennen. Sie war nicht laut. Sie klagte sie nicht an. Sie stellte nur immer wieder dieselbe Frage. Nicht, ob Liora hätte gerettet werden können.

Sondern weshalb Jandara es nicht einmal versucht hatte.