Chronik.Ereignis1037 Sternenkunde

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Sternenkunde

Castillo Melanor, 1037 BF

Auf dem Dach des Castillos saßen zwei Gestalten in der Dunkelheit. Östlich von ihnen erhoben sich die Berge der Nelaja, im Westen erstreckte sich das weitläufige Heideland der Caldaja. Über ihnen leuchteten Phexens Sterne.

Shafir hatte einige weiße Steine auf den Boden ausgelegt. Angestrengt blickte Thesia zwischen den Steinen und dem Nachthimmel hin und her. Dann zeigte sie triumphierend auf eine Sternkonstellation. “Da!”

“Richtig. Und wie nennt man die?”

Das Mädchen überlegte. Trotz der späten Stunde zeigte sich keine Müdigkeit auf ihrem Gesicht; noch war die Aufregung stärker. Und sie war ja schließlich kein kleines Kind mehr, das ins Bett gehen musste, sobald es Abend wurde. Ihr Onkel hatte sein Versprechen wahr gemacht und sie regelmäßig nach Einbruch der Dunkelheit abgeholt. Dieses kleine Geheimnis hütete sie sogar vor ihrer Schwester. Ihre Furcht vor dem Dunkel war mit der Zeit immer geringer geworden. Stattdessen war es dem alten Tulamiden gelungen, den Reiz des Geheimnisvollen und Unbekannten in ihr zu wecken.

Sie hatte ihrem Onkel trotzdem versprechen müssen, der Großmutter nichts zu sagen. Die war sicherlich nicht mit dem spätabendlichen Abenteuer einverstanden.

“Der Storch?” Es war auf jeden Fall ein Vogel, sie war sich aber nicht mehr sicher, welcher genau. Erwartungsvoll blickte sie zu ihrem Onkel. “Aha. Und warum nicht die Gans?” Er lächelte freundlich, doch aus seinem Gesicht war nicht abzulesen, ob sie richtig lag. Natürlich hatte er bemerkt, dass sie ihre Antwort wie eine Frage formuliert hatte. Nun wollte er sie verunsichern. Die beiden Sternenbilder sahen sich auch recht ähnlich. “Die Gans hat mehr Sterne”, behauptete sie.

Er nickte zurfrieden. “Der Storch ist richtig. Aber die Gans hat weniger Sterne. Schau mal..” Geschickt änderte er die Anordnung der Steine auf dem Boden. Das Mädchen beobachtete ihn genau, prägte sich die Positionen gut ein. Schließlich legte er noch ein paar weiße Steine in die Mitte. “Dann zeig mal den Fuchs.”

Diesmal war sich Thesia sicher. Den Fuchs kannte sie natürlich am besten. Sie schaute wieder eine Weile in den Himmel, bis sie das Sternenbild gefunden hatte. Dann legte sie es sorgfältig mit den Steinen nach. Wieder das bestätigende Nicken des Onkels.

“Aschere, Adhara, Wezem, Mirzam und Phurud*.” Er deutete nacheinander auf die Steine. “Du solltest sie dir gut merken. Das sind die Namen der großen Sterne im Mungo.” Das Mädchen wiederholte die Namen, wenn auch nicht fehlerfrei. Allmählich bemerkte sie die Müdigkeit doch. Sie unterdrückte ein Gähnen und versuchte es weiter, bis es klappte.

“Sehr gut. Und nun sollten wir dich ins Bett bekommen, bevor deine Großmutter mir die Ohren langzieht.”


*”Scharfrichter” von Dorothea Bergmann S. 226