Chronik.Ereignis1037 Studienobjekte 03
Methumis, Phex 1037 BF
Ein milder, aber bereits deutlich frühlingshafterer Abend im Phex lag über Methumis. Der Tag hatte der Stadt einen kurzen Schauer beschert, und nun glänzten die Steine des Wehrgangs der Bunten Mauer feucht im letzten Licht. Eine kühle Brise zog vom Onjet herauf und trieb vereinzelte Wolken über den Himmel. Zwischen ihnen zeigte sich bereits das Madamal, während die Luft nach nassem Stein und Flusswasser roch.
Auf einem etwas geschützten Abschnitt des Wehrgangs saßen Orleane ya Pirras und Emilio Lampérez di Rueda nebeneinander auf der breiten Mauerkrone. Hinter ihnen breitete sich Methumis mit seinen Türmen, Giebeln und zahllosen kleinen Lichtern aus, vor ihnen der Blick aufs weite Meer. Zwischen ihnen stand eine Flasche Rotwein, die sie sich offenbar auf dem Rückweg aus einer nahen Schenke besorgt hatten. Zwei einfache Becher standen daneben. Orleane trug wie gewohnt ein dunkles Kleid mit silbergrauen Rabenfedern bestickt, die Haare kunstvoll hochgesteckt und hatte dezent Schminke aufgetragen.
Monate der Versenkung in künstlerische Themen hatten sich bei dem di Rueda niedergeschlagen, davon zeugte schon seine Aufmachung. Der dunkelolivgrüne Stoff seiner langschößigen Jacke war zum Kragen und zu den Aufschlägen hin reich bestickt mit Motiven, die er entworfen hatte. Gewundene Zweige trugen edelsteinartige Goldbeeren. Dazwischen turnten türkis- und violettfarbene Waldvögel neben dunkel schillernden Libellen. Er hörte der Heilerin aufmerksam zu.
Eine Strähne ihres Haares hatte sich durch den Wind aus Orleanes Frisur gelöst. Sie hielt den Becher mit beiden Händen und betrachtete nachdenklich die Lichter der Stadt. „Ich glaube, unser Magister wollte heute eigentlich etwas Tröstliches sagen. Er hat vierzig Minuten über die Vergänglichkeit gesprochen. Danach weitere zwanzig über die Torheit der Lebenden, die sich dagegen sträuben.“
“Für eine Rede über Vergänglichkeit klingt das erstaunlich hartnäckig.” scherzte Emilio. “Hast du denn nun genug von dem Thema für heute? Es erinnert mich nämlich, dass ich dich dazu gerne gefragt hätte, zu etwas, das du vor längerem angesprochen hast. Kunst und Vergänglichkeit.” Das schwindende Tageslicht ließ seine Augen dabei aufleuchten, brach sich in den Bernsteinfrüchten seiner Bestickung.
Orleane ließ den Blick über die dunklen Dächer schweifen. „Vielleicht ist das gerade das Seltsame an der Kunst“, begann sie leise. „Wir erschaffen etwas, weil wir wissen, dass wir selbst vergehen werden. Ein Gemälde, eine Statue, ein Gedicht. All das kann uns überdauern. Und doch ist auch die Kunst nicht wirklich unsterblich.“ Ein kaum merkliches Lächeln lag auf ihren Lippen. „Die Farben verblassen. Das Holz wird morsch. Stein bekommt Risse. Selbst Worte verlieren irgendwann ihre Bedeutung, wenn niemand mehr da ist, der sie liest. Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe der Kunst also gar nicht darin, etwas für immer zu bewahren.“ Sie senkte die Stimme. „Vielleicht besteht sie darin, für einen kurzen Augenblick etwas sichtbar zu machen, von dem wir wissen, dass wir es nicht behalten können.“
Ihr Blick wanderte in die Ferne und dann sah sie ihren Begleiter an. „Aber sag mir: Ist ein Kunstwerk dann nicht auch ein Widerspruch? Wir schaffen es, um uns an etwas zu erinnern und wissen doch, dass irgendwann niemand mehr wissen wird, woran es erinnern sollte.“ Sie lachte auf. “Entschuldige, ich höre mich schon an wie mein Magister.”
"Wenn deine Dozenten so klingen, sollte ich mich als Gasthörer einschreiben lassen." neckte er freundschaftlich. "Und ansonsten: Ja zu all dem, was du gesagt hast. Wenn du aber mich fragst… Erinnerung bewahren ist ein Anlass für Kunst, und nicht der absolute.
Kunst ist Sprache, und Liebe und Verbindung.
Ich denke dabei nicht: Diese Sache soll für alle Zeit festgehalten werden. Ich denke: Lass mich zeigen, was diese Sache mit mir macht. Es ist ein Weg, sich zu öffnen für einen Anblick. Ich male, weil ich es selbst verstehen möchte. Und vielleicht, damit ein anderer Mensch es sieht und wir darin, dadurch, in diesem Moment verbunden sind. So wie ich mich fließend, dankbar verbunden fühle mit Kunst, die andere, bessere Menschen geschaffen haben."
Sein Blick auf Orleane hatte eine recht einzigartige Mischung aus Wertschätzung und Entrüstung, während er dann erklärte: "Was du bei unserem Kennenlernen gesagt hast, hat mich sehr beschäftigt. Ich wollte dir entgegenstellen: Du möchtest dich ganz der Vergänglichkeit ergeben? Dann lass mich dich malen, und nachdem du es gesehen hast, gehe ich und … verbrenne es, meinetwegen." Er lachte bei der Erinnerung. "Aber zugleich haben deine Worte mich auch beschäftigt, weil ich Respekt davor habe. Weil etwas dran ist."
Orleane schwieg lange, nachdem er geendet hatte. Nicht, weil sie keine Antwort wusste, sondern weil sie seine Worte nicht mit einer allzu schnellen erwidern wollte. Schließlich senkte sie den Blick und lächelte kaum merklich. „Du hast dir das also wirklich gemerkt.“
In ihrer Stimme lag etwas Wärmeres als zuvor. „Ich hatte damals das Gefühl, mich erklären zu müssen. Und vielleicht habe ich deshalb so entschieden dagegen gesprochen. Als müsste ich mich selbst daran erinnern, warum ich mich nicht abbilden lassen möchte.“
Sie hob den Blick wieder zu ihm. „Aber wenn ich dir jetzt zuhöre, glaube ich, dass ich etwas nicht verstanden habe." Ihre Finger ruhten still auf dem Rand des Bechers.
„Du willst mich nicht festhalten.“ Eine kleine Pause. „Du willst mir begegnen.“ Das Wort blieb zwischen ihnen stehen.
„Und vielleicht ist das der Unterschied, den ich damals nicht sehen konnte. Ein Bild muss nicht sagen: So sollst du bleiben. Es kann auch sagen: So habe ich dich gesehen. So hast du mich berührt.“
Ihr Lächeln wurde ein wenig unsicherer. „Das macht es für mich viel schwerer.“ Sie atmete leise aus. „Denn wenn ich mich von dir malen ließe, dann würde ich dir nicht nur mein Gesicht anvertrauen. Ich würde dir erlauben, etwas von mir zu sehen, das sonst niemand sehen kann. Nicht nur die Züge, nicht die Haltung, nicht das, was ich anderen zeige... sondern vielleicht auch das, was sich dahinter verbirgt.“ Ihre Stimme war nun kaum mehr als ein ruhiges Gespräch.
„Und genau davor habe ich Respekt.“ Sie sah ihn lange an. „Nicht vor der Leinwand. Nicht vor der Farbe. Vor dir.“
Ein zartes, beinahe verlegenes Lächeln.
„Denn ich müsste dir vertrauen, dass du mich nicht schöner machen willst, als ich bin. Nicht vollkommener. Nicht unvergänglich. Sondern einfach... wahr.“
Sie wandte den Blick für einen Moment ab.
„Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich deinen Vorschlag nicht mehr so leicht abtun kann. Wenn ein Bild nur eine Erinnerung wäre, könnte ich es ablehnen. Aber wenn es ein Gespräch ohne Worte sein kann... dann wäre es vielleicht etwas anderes.“ Wieder sah sie ihn an.
„Und wenn wir es danach dem Feuer übergeben, dann würde mir das inzwischen weniger bedeuten als früher. Denn dann wäre es nicht ausgelöscht. Wir hätten es gesehen. Du hättest mir gezeigt, was du gesehen hast, und ich hätte dir gezeigt, dass ich bereit war, mich von dir sehen zu lassen.“ Ein stiller Augenblick verging.
„Vielleicht ist das die eigentliche Verbindung, von der du sprichst.“ Ihre Stimme wurde noch sanfter.
„Etwas miteinander zu teilen, obwohl man weiß, dass man es nicht behalten kann.“
Sie lächelte nun offen.
„Also... ich verspreche dir, dass ich darüber nachdenke. Nicht aus Höflichkeit. Und auch nicht, weil du mich mit diesem sonderbaren Vorschlag vom Verbrennen eines Bildes zum Lachen gebracht hast, sondern weil ich dir vertrauen will. Und weil mir inzwischen der Gedanke gefällt, einmal durch deine Augen sehen zu dürfen, wie du mich siehst.“
Sie senkte den Blick.
„Vielleicht ist das Bild dann am Ende gar nicht das, was bleibt. Vielleicht ist es der Augenblick, in dem wir es gemeinsam betrachten.“
Emilio hörte den Gedanken mit einem Leuchten im Ausdruck zu, zugleich mit einer Anwandlung von Achtsamkeit. Der Moment gerade hatte etwas Fragiles. Das wollte er nicht gefährden durch eine zu rasche oder unüberlegte Antwort. Die erste Erwiderung war einfach sein Blick. Dann meinte er: “Es ist schön, das von dir zu hören. Das sind schöne Gedanken und ehrt mich. Tut mir leid, ich würde gerne eine noch bessere Antwort geben. Aber gerade stehe ich vor dir wie vor dem Ozean.”
“Mehr als du erwartet hast?” fragte Orleane nach.
“Mehr als ich erwartet habe.” bestätigte er und wirkte froh darüber.
Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Vielleicht muss man vor einem Ozean auch nicht sofort wissen, was man sagen soll.“
Sie wandte den Blick über die Dächer, dorthin, wo das letzte Licht des Tages längst der Dunkelheit gewichen war.
„Und wenn ich ehrlich bin…“ Ihre Stimme wurde leiser. „Ich glaube, ich habe selbst nicht erwartet, dass dieser Abend so werden würde.“ Einen Moment schwieg sie.
„Ich hatte erwartet, mit dir über unsere Vorlesungen zu reden. Über Boron und Travia. Vielleicht ein wenig Wein zu trinken und mich darüber zu amüsieren, dass unsere Magister aus jedem einfachen Gedanken eine dreistündige Vorlesung machen können.“
Nun sah sie ihn wieder an. „Aber nicht, dass ich irgendwann hier sitze und das Gefühl habe, jemand würde mich tatsächlich sehen.“
Das letzte Wort sprach sie beinahe zögernd aus. „Nicht nur die Studiosin der Boron-Schule. Nicht das, was ich gelernt habe. Nicht das, was ich nach außen hin zu sein versuche.“ Ihre Finger ruhten still um den Becher. „Mich.“
Sie ließ den Gedanken zwischen ihnen stehen, ohne ihn sofort wieder mit Worten zu überdecken.
„Vielleicht ist das mein Ozean, Emilio.“
Ein kleines, melancholisches Lächeln.
„Und vielleicht macht es mir ein wenig Angst, wie schön es ist, darin nicht allein zu sein.“
“Es ist ein Geschenk. Dich zu sehen. Außerdem sind wir jetzt Freunde, und du wirst mich so schnell nicht mehr los.“ Emilio lachte, bevor er ruhiger nachsetzte. „Du bedeutest mir etwas.“
Statt weiter etwas zu sagen, lud er Orleane ein, sich aneinander zu lehnen auf der Mauerkrone, über die sich bereits kühl die Nacht gesenkt hatte. Die verbleibende Zeit verbrachten sie sehr ruhig, Stadt und Meer unter ihnen, den Nachthimmel über sich, und die atmende Wärme des anderen im Rücken.