Reichsstraße von Punin nach Ragath, Ingrimm1047 BF

Autor: Amrit

Der Fluss linkerhand war fast unnatürlich blau, die Wiesen hielten grün dagegen, doch die Straße dazwischen wurde langsam langweilig. Dulcineo ritt gut, selbstverständlich, wenn die Familie früher ein kleines Gestüt innehatte und weitläufige Ebenen an Landbesitz - früher. Erst hatte er den Falben zu einem Galopp getrieben, der auf dem Pflaster der Reichsstraße Funken schlug und den Weg mit seinen langsam hinziehenden Händlern und Wandernden zu einem fordernden Hindernisparcours machte. Nachdem das den Reiz verloren hatte, kreuzte er seitlich und ritt neben der Straße her, über Äcker und Wiesen, jeder Bach, jede niedrige Mauer eine Einladung darüberzusetzen. Nun wurde das Pferd aber immer schwergängiger. Zeit, sich die Kehle zu befeuchten. Unter einer Eiche fand sich ein Rastplatz, er ließ sich nieder, löste den Trinkschlauch vom Gürtel. Ein Stück entfernt, auf einem Zaunpfosten, turnte eine schwarz-weiße Elster und zerrte an einem Fundstück.

„Dom Saksağan“1 tippte der Reisende an die Krempe seines Caldabresers, der mit Federn gleicher Farben geschmückt war, war die Elster doch der Wappenvogel seiner Heimat und Familie. El’Saksağan, das war auch sein Großvater gewesen. „Unser Großvater,“ wie Dulcinea einschob. Der Gedanke an den alten Dom Rigoroso war für sie kein angenehmer. Der stiernackige Alte mit den groben Händen und den noch groberen Umgangsformen war bei seinen Fellachen gefürchtet gewesen, bei seinen Tieren, aber besonders bei seiner kleinen Enkeltochter, deren Existenz El’Saksağan von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen war. Schmächtig, ängstlich, und - in der persönlichen Weltsicht des Alten am unverzeihlichsten: ein Mädchen, eben.

„Er hat dich nicht gekannt, so wie ich dich kenne.“ beruhigte ihr Zwillingsbruder, Dulcineas verlässlicher Halt und Gefährte, die Stimme im Kopf, den sie sich teilten. „Der alte Rigoroso wäre stolz auf uns. Vater auch.“ Dulcinea schwieg. War das wirklich wahr?

14 Götterläufe war es her, doch deutlich stand ihr das Gesicht ihres Vaters Ordonyos vor Augen, als sie sich zuletzt gesehen hatten. In der hellen Feste Albacim, wo er dieser Vettel von Vogtin die Stirn geboten hatte - möge sie in ihrem eigenen Fett in der Niederhölle rösten. Wo ihr Vater zwischen Hakenspießen und Schwertern schließlich klein beigeben musste. Eisen auf den Kerl! In den Kerker mit ihm! Und Dulcinea wurde davongejagt, in die Nacht. Ihren Vater hatte sie nie wieder gesehen.

Sie aber waren zurückgekommen. Natürlich. Nicht unmittelbar. Nach der Flucht, in den Wochen danach, hatte eins zum anderen und ihr Weg sie nach Gareth geführt. Aber nach der Heimkehr, da waren Dulcinea und ihr Bruder zurückgekehrt zur Burg.
„Wir hätten nichts tun können.“ versicherte Dulcineo. Die Wache, die sie damals am Weg von der Taberna abgefangen hatten, gab eindeutige Auskunft. Eine Klinge an der Kehle konnte überraschend rasch ausnüchtern. Ordonyo, meinte der Gardist, hatte damals nicht lange überlebt im Kerker von Albacim. „Wir hätten nichts tun können.“ wiederholte Dulcineo. Was die Wache betraf…wer volltrunken nachts einen Bergpfad entlang torkelt, der kann eben mit gebrochenem Genick in einem Graben landen.
'Nichts tun können...' - 'So wie jetzt?' Jetzt wo ein anderer auf ihrem Erbe saß, einem Erbe wofür ihr Vater geblutet und gelitten hatte. 'So wie wir dafür gelitten haben.' - 'Reiss dich zusammen. Wir haben einen Plan. Dieser di Rueda wird auch leiden. Du musst nur Geduld haben.' - 'Geduld?! Ha, ich habe schon so lange Geduld bewiesen, es ist Zeit für Vergeltung.' - 'Die werden wir bekommen, bald. Unsere Freunde werden uns helfen...'

Dulcinea dachte darüber nach und betrachtete nachdenklich die Elster. „Sie gefällt mir nicht. Die Armbrust?“ Pflichtschuldig und langsam griff ihr Bruder nach der Waffe. Ein Ziel dieser Größe, auf diese Distanz… immerhin eine gute Gelegenheit, seine Fähigkeiten zu schärfen. Die Elster flatterte jedoch mit heiserem Geschrei hoch und verschwand im Feldrain.

Enttäuscht blickte Dulcineo hinterher. „Mach dir nichts daraus", munterte Dulcinea ihn auf. „Die Sache erinnert mich…nächste Woche haben wir Geburtstag. Ich darf jetzt schon verraten: Ich habe etwas Besonderes für dich.“ Dulcineo lächelte leise.

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Emilio sah mit Erleichterung, dass der Geweihte sich im Hafenviertel neben ihn gesellte, passenderweise zur vereinbarten Stunde, da Phex die Stadt Punin in blaues Dunkel zu tauchen begann. Die schmale Figur, vor allem aber das freundliche Gesicht gaben dem Mann etwas fast jugendliches, trotz des schon grau durchzogenen Haarschopfes. „Alles gut gegangen?" fragte der Junker.
„Bevor wir von Ergebnissen reden", meinte der Geweihte ernsthaft, „müssen wir erst über eine zusätzliche Gefahrenzulage sprechen. Die Person hat eine Armbrust gegen mich gezogen!“ Er schüttelte den Kopf. „Wer schießt mit der Armbrust auf Vögel…?“

Emilio blickte bestürzt: „Das tut mir leid! Ja natürlich… das ist kein Problem.“ Besorgt fragte er dann nach: „Denkt Ihr, sie hat die Tiergestalt vermutet?“
„Vielleicht…glaube nicht.“ sann sein Gegenüber. „Er hat den Ritt jedenfalls fortgesetzt und ein Ziel erreicht.“ Nachdem ein schwerer Beutel die Hand gewechselt hatte, sprach er weiter. „Sein Ritt endete etwa fünf Stunden nördlich von Punin, an einem Gutshof, wo er gut bekannt und gut gelitten scheint. Junkergut Tyras.“ Der Phex-Geweihte musterte seinen Auftraggeber mit Seitenblick. „Scheint Euch etwas zu sagen?“

„Ich … habe davon schon gehört.“ erwiderte Emilio wie mechanisch. Cuerno war oft in Tyras. Cuerno hatte Freunde dort…


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1tulamidisch: Elster