Chronik.Ereignis1038 Audienz bei der Gräfin 01
Stadt Dâl, Anfang 1038 BF
Autoren: BBB und Domnita Schnurrhaar
Der Saal war gut gefüllt und es fühlte sich an, als würden sämtliche Augen auf der jungen Frau ruhen, die soeben vorgetreten war. Sie war gerade so dem Kindesalter entwachsen und dies… war ihr Auftritt auf großer Bühne. Ihre Gelegenheit… sie war nun gekommen.
“Es hat die Ehre, ihre Wohlgeboren, Domnatella Leonore von Abundil, Edle zu Sopracollina”, kündigte der Herold an.
Die Gräfin, selbst noch eine junge Frau, doch aufrecht und stolz auf ihrem Thron sitzend, bedeutete der Bittstellerin mit einem Nicken, näher zu treten. “Domnita Leonore. Mir wurde zugetragen, Euer Oheim hat Euch mit den Pflichten und Privilegien einer Edlen in den Stammlanden Eurer Familia betraut. Meinen Glückwunsch. Was können Wir für Euch tun?”
Die junge Frau, fast noch ein Mädchen, präsentierte einen formvollendeten Hofknicks. Leise raschelte der schwarze Stoff, in den sie gehüllt war, wie es nur Seide vermochte. Das Kleid wirkte auf den ersten Blick schmuckloser und schlicht im Gegensatz zu den meisten am gräflichen Hof anwesenden Damen, jedoch verriet die Auswahl des Schnittes einen außergewöhnlichen Sinn für Eleganz. Ein Schleier hauchfeiner Spitze wurde nun von behandschuhten Händen angehoben, umgeschlagen, den Blick auf ein fein gezeichnetes Gesicht freigebend, welches ein scheues Lächeln zierte. Doch das Funkeln ihrer meerblauen Augen ließ keinen Zweifel an Leonores Entschlossenheit zu.
"Ich danke euch, Euer Hochgeboren, es ist mir eine große Freude in meinen Stammlanden nun wieder ein Heim gefunden zu haben, nach all den Wirren. Wäret ihr nicht gewesen, so würde meine Heimat wohl noch immer unter der unrechtmäßigen Tyrannei der Taifados darben. "Auch dafür will ich persönlich meinen tiefsten Dank aussprechen."
Die Edle verstand es wahrlich meisterlich, trotz dessen, dass Trauerkleidung oft etwas biederes, matronenhaftes und abschottendes anhaftete, mit der Wahl der heutigen Garderobe ihre nymphenhafte, reine Ausstrahlung zu unterstreichen, ohne das auch nur ein Bruchteil der Botschaft, die diese freilich den Regeln der Cortezza auszusenden hatte, zu schmälern.
Ihre Stimme, zwar klar wie die Quelle eines Gebirgsbaches, begann mit den nächsten Worten zu zittern. "Umso mehr bestürzt es mich, dass meiner Familie der Segen des Friedens bisher nicht gänzlich zuteilwurde." Voll Bitternis pressten die hübschen Lippen sich zusammen, bis sie nur noch einen schmalen Strich bildeten.
Der Saal war schlagartig still geworden, als die Edle zu sprechen begonnen hatte. Man schien neugierig, was sie zu sagen hatte. Auch die Gräfin hatte aufmerksam den Worten gelauscht - nun hob sie eine Augenbraue, nicht sicher, ob diese emotionale Regung aufrichtig war oder ein Schauspiel, um ihr Herz zu erweichen.
“Euer Oheim hat die Stammlande Euerer Familia in Besitz genommen und Uns den Treueeid geleistet”, stellte sie fest, das Gemüt der Kriegerin deutlich durchscheinend. “Drücken die Schulden Dom Talfan so schwer, dass es ihm unmöglich ist, die letzten Vagabunden zu vertreiben?”
"Meine Gräfin, es ist nicht der Friede, den Rondra zu schenken vermag, von dem ich spreche..."
Kurz senkte Leonore von Abundil das schwarz bedeckte Haupt, als sie wieder hoch blickte, glänzte Tränen in ihren Augen. "Es ist mein Vater der noch immer unter größtem Unrecht zu leiden hat, gibt es doch nichts heiligeres als den ewigen Schlaf unter der schützenden Hand des Schweigsamen."
Eine überraschende Wut mischte sich zu ihren nächsten Worten:
"Mit dem gleichen Wunsch wie Ihr, war er in seine Stammlande zurückgekehrt. Man mag Bedauern, dass ihm die Befreiung nicht geglückt war, doch ihn zu besiegen, hatte dem falschen Baron von Inostal nicht gereicht, als er seinen Leichnam schändete, ihn öffentlich köpfen und diesen dann auch noch am Rande der Stadt verscharren ließ!"
Die Edle glitt anmutig vor der Gräfin zu Boden, Tränen, welche sie nicht mehr zurückzuhalten vermochte oder wollte, flossen die geröteten Wangen herab. Dennoch konnte selbst dies das schöne Gesicht kaum verunzieren.
"Demütig tritt diese hier, heute nicht als Vasallin vor euch, sondern als sorgende Tochter. Es mag verwundern, dass ich noch immer Trauer trage, doch wie könnte ich dies nicht, wenn der Leutnant außer Dienst,
Raul von Abundil y Braast, fernab seiner Familie auf unweihevollem Boden gefangen liegt. So ist es nur eine natürliche Bitte, seine Gebeine in das Mausoleum derer von Abundil bei Alcazar de Inostal überführen zu dürfen. "Verzeiht mir, damit zu behelligen, doch wie könnte ich dies an jemand anderen herantragen als der Bringerin des Friedens der Südpforte?"
Da kniete die schlanke Gestalt nun, die Hände in flehender Geste erhoben, voller Hoffnung zu der über ihr thronenden Gerone vom Berg aufblickend.
Ein Raunen ging durch die anwesende Menge. Stimmen wurden laut, stellenweise brach Empörung brach. Die Erwähnung des Raul von Abundil, dessen letzte Tage unrühmlich hinter der Maske des Briganten El'Fenneq geendet hatten, erregte offenbar noch immer die Gemüter - und spaltete sie vielleicht sogar. Einen Augenblick lang lauschte die Gräfin den Rufen und Empörungen, dann hob sie die Hand und es kehrte schnell wieder Ruhe ein. Vollkommen ruhig senkte sie ihren Blick herab auf die kniende junge Frau zu ihren Füßen.
“Wir sind nicht hier, um Gericht zu halten über die Taten eines Mannes, den man mit Fug und Recht einen Briganden und Bandolero schimpfen kann”, richtete sie ihre Worte an alle Anwesenden, die Bittstellerin im Blick. Doch ihre Worte waren nüchtern, eine sachliche Feststellung, gesprochen um das Feuer der Leidenschaft im Raum zu ersticken, nicht um es zu schüren. Und sie zeigten Wirkung, der Saal verstummte.
“Es ist nicht der Tag”, fuhr die Gräfin fort, “um zurück zu blicken - nach vorn soll Unser Blick gehen und nach vorn ist er gerichtet. Nun denn. Ihr habt wohl gesprochen, Domnatella, und wenngleich Wir Eure Ansichten bezüglich Eures Vaters nicht unbedingt teilen, dem Bild, das Ihr von ihm zeichnet, nicht unbedarft Glauben schenken, so sind Wir doch von der Aufrichtigkeit Eures Ansinnens überzeugt. Als trauernde Tochter seid Ihr vor Uns getreten und als trauernde Tochter sollt Ihr Unsere Entscheidung vernehmen, auf dass sie Euch Linderung und den Frieden bringen möge, den wir alle hier ersehnen und so bitter nötig haben: Findet die letzte Ruhestätte Eures Vaters. Findet einen Diener des Schweigenden, der eine gewissenhafte Prüfung vornehmen möge, ob es eine Bestattung gab und ob die Segnungen intakt sind. Sind sie es, nehmt Abschied von Eurem Vater, dort, an eben jenem Ort und lasst die Vergangenheit dort zurück. Blickt nach vorn. Ihr seid zu jung, um Euch an Dinge zu ketten, die Ihr nicht mehr ändern könnt. Doch sind sie es nicht…” Sie hielt einen Moment inne, ehe sie fortfuhr: “...sind sie es nicht, habt Ihr Unsere Erlaubnis einen Diener Borons darum zu bitten, die Gebeine zu überführen und in Eurem Mausoleum den Göttern gefällig zu bestatten, sofern er dies für angemessen erachtet.”
Mit einer Geste gab sie zu verstehen, dass die Audienz beendet war. “Findet Frieden, junge Leonore. Findet einen Weg, abzulassen von Kämpfen, die Ihr nicht gewinnen könnt”, fügte sie merklich leiser hinzu. Ihre Worte waren nicht für jedermann bestimmt.
Die Trauernde schloss die Augen, sobald die Stimmen erhoben wurden. Knieend, und dennoch aufrecht, ertrug Leonore von Abundil die Welle aus Wiederspruch, welche ihr entgegenschlug. Lediglich ihre Würde, als Rüstung tragend.
Erst die Antwort der Gräfin erhielt wieder Aufmerksamkeit. Erleichterung ließ das hübsche Gesicht aufhellen. Die Blicke beider Frauen schnappten für ein Momentum des Einvernehmens ineinander.
"Ich danke euch vielmals, euer Hochwohlgeboren. Aus tiefstem Herzen!"
Behände war sie aufgestanden und verbeugte sich tief.
Kein weiteres Wort mehr entwich ihren Lippen, keine Rechtfertigung, sie hatte alles gesagt. Die Empörung war eine billige Inkaufnahme gewesen, die vorletzte Ehre, welche die Tochter ihrem Vater hatte erweisen wollen: einmal in aller Öffentlichkeit, ihre Wahrheit der Geschichte auszusprechen.
Erhobenen Hauptes, den Schleier bewusst nicht wieder über das tränen nasse Gesicht geschlagen, verließ sie den Saal, auf dem Weg, Raul von Abundil y Braast aber auch sich selbst, etwas Frieden zu schenken.
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