Chronik.Ereignis1045 Puniner Geschichten 05

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Punin im Hesindemond 1045 BF

Tee zur Traviastunde

Zur Traviastunde stand sie vor dem Palacio Tournaboni. Jandara Garlischgrötz von Hellenwald erschien pünktlich. Keine Maske, kein falscher Name. Schlichte Kleidung, sauber gebundener Zopf, ein Blick, der nicht um Erlaubnis bat. Der Diener führte sie in den Salon. Torquato Tournaboni saß bereits am Tisch. Tee dampfte, Gebäck lag sauber geordnet auf teurem Porzellan. Er verneigte sich knapp.

"Domna Jandara", sagte er. "Ich nehme an, Ihr seid gekommen, um Euch zu entschuldigen?" Jandara setzte sich. "Ich nehme an, Ihr habt den Tee nicht aufbrühen lassen, um mich zu belehren."

Ein kurzer Schlagabtausch der Blicke. Torquato hob die Kanne. "Milch?" "Nein." "Honig?" "Auch nicht." "Wie Ihr wünscht, Domna."

Sie musterte den Salon, ließ den Blick über Bücher, Gemälde, sorgfältig platzierte Ordnung gleiten. "Schön habt Ihr es. Sehr...langweilig." "Man nennt es Würdevoll." "Man nennt es Selbstverleugnung."

Er schenkte ein. "Ihr habt auf meinem Fest gelogen, Euch für jemand anderes ausgegeben." "Ich habe eine Rolle gespielt." "Ihr habt mich öffentlich verspottet." "Ich habe Euch geprüft." "Ihr habt mir eine Wunde zugefügt." "Die Euch hervorragend steht, oh mächtiger Ratsherr." Sie imitierte den Hundeblick einer naiven jungen Dame, geblendet vom Glanz und Reichtum des Bankiers und Politikers.

Torquato stellte die Kanne ab. "Ihr seid bemerkenswert scharfzüngig für eine Barbarin aus den Bergen." "Ihr seid bemerkenswert neugierig", erwiderte sie. "Sonst hättet ihr mich nicht empfangen." Ein Moment Stille. Der Tee dampfte. Sie nahm die Tasse mit formvollendetem Griff und spreizte den kleinen Finger demonstrativ übertrieben ab, als wäre sie schon ihr ganzes Leben Hofschranze gewesen und trank einen Schluck. Dann lehnte sich Jandara vor. "Ich entschuldige mich selbstverständlich nicht dafür interessant zu sein im Gegensatz zu Euren Speichelleckern", sagte sie ruhig. "Aber ich biete Euch etwas an." Er hob eine Braue. Seine Neugier war nun tatsächlich geweckt. "Ich höre."

"Einen Abend", sagte sie. "Unter anderen Namen. Ohne Titel. Ohne Publikum. Ihr begleitet mich durch die Tavernen, Spielhöllen und Bordelle dieser Stadt. Nicht als Ratsherr Torquato Tournaboni, sondern als jemand, den niemand kennt." Er lachte trocken. "Ihr wollt also meinen Ruf endgültig ruinieren." "Ich will, dass Ihr ihn für eine Nacht vergesst." "Man kann seinen Ruf nicht vergessen." "Herausforderung...angenommen." Ein fast schon dämonisches Lächeln hatte sich auf ihr Gesicht geschlichen. Torquato nahm einen Bissen Gebäck, kaute langsam. "Ihr wisst, dass man mir ohnehin nachsagt, ich sei ein Lebemann und Taugenichts." "Und Ihr wisst ebenso wie ich“, entgegnete sie, "dass Ihr diese Rolle spielt, weil sie Euch bequem ist." "Bequem?" Seine Braue schnellte wieder nach oben. "Sie erklärt alles, ohne etwas zu verlangen." Er sah sie scharf an. "Und was verlangt Ihr?" "Neugier. Sonst nichts." Er stand auf, ging zum Fenster. Die Stadt lag dahinter, hell und unschuldig. "Warum sollte ich Euch vertrauen?" "Solltet Ihr nicht." "Warum sollte ich Euch also begleiten?" Jandara lächelte. "Aus demselben Grund, warum Ihr mir gestern Abend gefolgt seid. Und heute Tee aufgesetzt habt."

Er schwieg. Dann drehte er sich um. "Unter welcher Identität, Domna?" "Das ist ganz Eure Wahl." Torquato nickte langsam. "Gut." Er setzte sich wieder. "Dann heiße ich heute Nacht Randulfo Albazzo. Bankier aus Taladur." Jandaras Augen blitzten. "Eine hübsche Parodie. Ich mag Männer mit Geschmack für Satire." "Man gönnt sich ja sonst nichts." "Ausgezeichnet", erwiderte sie. "Ich werde Euch vorstellen als einen Mann mit zu viel Geld und zu wenig Geduld." "Und Ihr?" "Ich bleibe ich", sagte Jandara. "Sumudane von Viryamun und Flagellandt ist leider heute Morgen im Yaquir etrunken." Sie schnalzte mit der Zunge. "Ein Jammer, wo sie doch so viel Potential hatte." Er musterte sie. "Ihr seid gefährlich. Ich weiß nur noch nicht ob für Euch selbst oder für alle anderen." "Das werdet Ihr schon selbst herausfinden müssen."

Torquato erhob sich. "Regeln?" "Ich bitte darum." "Keine echten Namen." "Selbstverständlich." "Keine Diener." "Ich bestehe darauf!" "Und wenn es schiefgeht?" Jandara zuckte mit den Schultern. "Dann habt Ihr wenigstens etwas erlebt."

Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Kein höfisches. Ein echtes. "Heute Abend also." "Heute Abend, zur Tsastunde. Am Eingang zum Eslamspark in Sereno. Glaubt mir, es wird legen..." Sie machte eine kurze Kunstpause."...där." Sie lachte. Er verneigte sich, ehrlich. Als sie ging, blieb Torquato einen Moment allein. Er sah sein Spiegelbild im Glas. "Randulfo", murmelte er, als prüfe er den Klang. Draußen atmete Jandara tief durch, tief in ihrem Inneren war ihr bewusst, dass ihr diese Dreistigkeiten irgendwann wie ein Fels auf die Füße fallen würden. Eine weitere legendäre Nacht in Punin wartete jedoch auf sie und sie konnte einfach nicht widerstehen.

Borongefälliges Vergessen

Als Jandara die Augen öffnete, war das Erste, was sie sah, Licht. Das Zweite waren Scherben. Dann ein pochender Schmerz, der jeden Gedanken zurückwies, der Ordnung verlangte. Sie setzte sich auf, das Klirren unter ihrer Hand ließ sie zusammenzucken. Das einstmals luxuriöse Hotelzimmer war ein Schlachtfeld aus Glas, Seide und Reue. Umgestürzte Stühle, zerrissene Vorhänge, leere Flaschen, zerborstene Gläser. Der Geruch von Wein, Rauch und fremdem Parfum hing in der Luft wie ein Nachhall.

"Das ist...", begann sie, und verstummte. Ihr wurde schwindlig. Ein metallisches Blitzen zog ihren Blick an. Auf dem Tisch lag ein Rapier. Schlank, makellos, fehl am Platz. Im Knauf ein fein eingravierter Rabe. "Warum", murmelte Jandara, "liegt hier ein Rapier?" "Weil Ihr es haben wolltet, nehme ich an." Die Stimme kam scharf vom Sofa. Torquato Tournaboni richtete sich auf, das Gesicht grau vor Müdigkeit, die Augen hart. Er trug nichts außer einem Mantel, der sichtlich nicht ihm gehörte. Er sah sich um, sah das Chaos, sah das Rapier, sah Jandara. "Ihr habt uns das hier alles eingebrockt", fuhr er fort, jetzt lauter. "Ihr habt diese Nacht orchestriert. Falsche Namen, falsche Orte, dumme Ideen. Und jetzt wache ich in einem verwüsteten Zimmer auf und erinnere mich an fast nichts."

Seine tastenden Hände fanden ein kleines Ledersäckchen in einer der Manteltaschen. Er öffnete es und heraus fielen mehrere Zähne. Menschliche Zähne. Mit einer Mischung aus Ekel und Entgeisterung legte er sie wieder zurück in das Säckchen. Jandara öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ihr Blick glitt über den Raum, blieb an einem aufreizenden Korsett hängen, das sorgfältig über einen Stuhl gelegt war. Fein. Teuer. Unmissverständlich. "Ich erinnere mich ebenso an so gut wie nichts, nachdem wir Sefira und Zayano getroffen haben", sagte sie leise. "Das ist unmöglich." Torquato lachte kurz, bitter. „Eine Katastrophe. Denn irgendjemand wird dafür zahlen müssen. Und ich fürchte, man wird zuerst mich fragen."

Sie erhob sich mühsam und fand langsam ihre Balance. "Ich habe Euch in das alles hineingezogen", sagte sie. "Das bestreite ich auch nicht. Aber ich bringe es auch wieder in Ordnung." "Wie?", fauchte er. "Indem Ihr noch einen falschen Namen erfindet?" Sie hielt seinem Blick stand, schluckte und spürte die brennende Dürre in ihrem Mund. "Indem ich Verantwortung übernehme." Sie konnte selbst kaum glauben, dass sie diese Worte gerade gesagt hatte. Ein leises Geräusch unterbrach sie. Ein hastiges Einatmen, dann Bewegung. Ein junger Mann fuhr vom Boden hoch, die Haare zerzaust, die Magierrobe verknittert, die Augen panisch. Sein verzierter Magierstab hatte den Abdruck eines Pentagramms auf seiner Wange hinterlassen. Er hatte wohl darauf geschlafen. "Sefira", stieß er erschrocken hervor. "Wo ist Sefira?"

Jandara drehte sich zu ihm. Die Geschwister Zayano und Sefira Molina hatten sie in der ersten Taverne des gestrigen Abends getroffen und fanden sie auf Anhieb sympathisch. Danach waren sie gemeinsam weitergezogen und was danach geschah lag in einem undurchdringlichen Nebel, der Jandaras Erinnerungen trübte. "Meine Schwester", sagte er und seine Stimme brach. "Sefira Molina. Sie war bei uns. Und sie ist nicht hier." Stille. Schwer. Endgültig. Torquato rieb sich das Gesicht, der Ärger wich etwas anderem...Sorge. "Wie viele sind wir?", fragte er. "Drei", antwortete Jandara. "Und eine fehlt." Zayano nickte hektisch. "Heute ist ihre Weihe. Im Hesinde-Tempel. Sie würde niemals..." "...grundlos verschwinden", beendete Jandara den Satz. Sie sah auf ihre Hände, dann auf das Rapier, das Korsett, die Scherben. "Wir werden sie finden, alles wird gut." Sie versuchte souverän zu klingen. Sicher war sich jedoch nicht. So wie die Dinge aussahen, konnte sie genauso mit dem Gesicht nach unten im Yaquir treiben.

Torquato atmete aus. Der Zorn war noch da, aber er hatte seine Schärfe verloren. "Streiten bringt uns jedenfalls nicht weiter", sagte er. "Nicht jetzt." Jandara nickte. "Wir finden Sefira!", sagte sie fest. "Und danach klären wir alles andere. Ich verspreche es." Zayano schluckte. "In Ordnung."

Sie sahen einander kurz an. Ein unausgesprochener Pakt. Dann wandte sich Jandara dem Fenster zu, wo das Licht nun unerbittlich wurde. "Gut", sagte sie. "Dann beginnen wir damit, uns die Nacht zurückzuholen." In diesem Moment hörten sie etwas, dass wie das Brüllen eines Raubtiers klang und es kam aus dem Nebenzimmer.

Der Anfang

Das Brüllen aus dem Nebenzimmer war kein Traum, sondern real. Es war tief, kehlig, vibrierend. Nicht menschlich. Nicht einmal annähernd. Jandara erstarrte, die Hand halb erhoben, als hätte sie im Schlaf nach einer Waffe gegriffen, die nicht da war. Torquato fuhr herum, das Gesicht schlagartig wach. "Sag mir bitte", knurrte er, „dass das ein sehr begabter Schnarcher ist."

Das Brüllen kam erneut, begleitet von einem dumpfen Scharren. Zayano stieß einen dünnen Laut aus, irgendwo zwischen Husten und Gebet. "Das...das klingt nicht nach einem Menschen", flüsterte er. Sie tauschten einen Blick. Dann bewegten sie sich gleichzeitig. Torquato nahm das Rapier vom Tisch, unsicher, als wisse er nicht, ob er es führen konnte. Jandara öffnete die Tür einen Spalt. Ein Paar bernsteinfarbener Augen blickte ihnen entgegen. Der Luchs stand mitten im Nebenzimmer, zwischen umgestürzten Stühlen und zerfetzten Kissen, die Ohren angelegt, der Schweif nervös zuckend. Groß, muskulös, eindeutig fehl am Platz. Er fauchte leise, mehr empört als angreifend. Stille.

"...warum", sagte Jandara langsam, "ist hier ein Luchs?" Torquato senkte das Rapier ein Stück. "Ich weiß es nicht", sagte er ehrlich. "Und das ist...sehr beunruhigend." Zayano starrte das Tier an, die Hände zitternd. "Ich kann...ich kann mich an nichts erinnern, das auch nur entfernt damit zu tun hätte." Der Luchs bewegte sich nicht. Er sah sie an, als wären sie das Problem. Dann setzte er sich, majestätisch beleidigt, mitten auf ein zerknittertes Seidenlaken. "Gut", murmelte Jandara. „dann gehen wir am besten davon aus, dass wir ihn gestohlen haben." "Was?", fauchte Torquato entgeistert. "Das ist ein Raubtier, wo sollten wir den gestohlen haben?" "Ein sehr entspanntes Raubtier, eher ein Haustier", erwiderte sie. "Und offensichtlich ein Teil der Ereignisse." Sie schloss die Tür wieder, langsam, ohne hastige Bewegungen. Das Brüllen verstummte, ersetzt durch ein zufriedenes Schnauben. Einen Moment lang sagte niemand etwas.

"Wir werden darüber später sprechen müssen", sagte Torquato schließlich. "Das ist sicher." Jandara nickte. "Der Luchs kommt auf die Liste." Zayano schluckte. "Auf...welche Liste?" "Auf die der Dinge, die wir klären müssen", antwortete sie. „"Nach dem Rapier. Nach dem Korsett. Nach den Zähnen. Und nach Sefira." Jandara wandte sich ihm zu. "Wir fangen vorne an", sagte sie fester. „Ganz vorne."

Der Anfang: Tsastunde, Eslamspark

Die Taverne nahe dem Eslamspark wirkte am Vormittag kleiner, unschuldiger, als sie es verdiente. Jandara blieb einen Moment stehen, die Stirn gerunzelt. "Hier", sagte sie langsam. "Hier begann es." Der Wirt sah auf, als sie eintraten, und sein Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. "Ah", sagte er. "Die Legenden leben noch." Torquato blinzelte. "Das ist kein gutes Zeichen, oder?" "Kommt drauf an", erwiderte Jandara. "Aber er weiß etwas."

"Nun, guter Mann...es ist so, dass wir uns nicht mehr so gut an die Ereignisse des letzten Abends erinnern können. Wärt ihr so freundlich unser Gedächtnis aufzufrischen?" Der Wirt lächelte wissend und stellte Wasser auf den Tisch, ohne zu fragen. "Zur Tsastunde seid ihr gekommen. Zwei von euch. Und kurz darauf die Geschwister." Jandara beugte sich vor. "Wir haben sie angesprochen?" Der Wirt schüttelte den Kopf. "Nein. Sie euch. Die junge Frau", ein kurzes Nicken, "hatte diesen Blick. Als würde sie wissen, dass ihr interessant werdet." Jandara schloss die Augen. Für einen Augenblick blitzte etwas auf. Holz. Stimmen. Ein ruhiges Lächeln. "Sefira", sagte sie leise.

"Sie hatte bereits getrunken", fuhr der Wirt fort. "Sie hat euch ausgefragt. Und als ihr angefangen habt, über eure Pläne für den Abend zu reden, war sie Feuer und Flamme." "Und ich?", fragte Torquato. "Ihr habt Euch als Bankier aus Taladur vorgestellt", sagte der Wirt trocken. "Randulfo Albazzo, richtig? Und sie", wieder zu Jandara, "hat Euch angekündigt, als wärt Ihr unerträglich reich und chronisch langweilig und müsstest dringend etwas erleben."

Jandara verzog den Mund. "Das klingt nach mir." "Die junge Frau hat euch eingeladen", sagte der Wirt. "und sich lautstark mit ihrer glorreichen Idee gebrüstet, wie man etwas unvergleichliches erleben könnte. Ich habe nur was von Gladiatoren gehört." Zayano nickte, die Augen feucht. "Das ist sie." "Dann seid ihr gemeinsam gegangen", schloss der Wirt. "Lachend. Und überzeugt, dass die Nacht euch etwas schuldet."

Draußen im Park stand die Sonne höher. Jandara atmete tief ein. "Ab hier", sagte sie, "wird es lückenhaft." Torquato nickte. "Aber wir wissen jetzt etwas Wichtiges." Zayano sah sie an. "Was?" "Wir sind wahrscheinlich zur Arena", antwortete Jandara. "Vielleicht kommt der Luchs auch daher?" Ein kurzer Blickwechsel. Die Nacht hatte Spuren hinterlassen. Und mindestens eine davon hatte Krallen.

[...]