Chronik.Ereignis1047 Die Große Zusammenkunft 08

Junkergut Sercial, Namenlose Tage 1047 BF

Autor: InsomniaJones


Das Feuer knisterte.

Marisca saß dort wo sie immer saß wenn es ein Lagerfeuer gab – nah genug um warm zu sein, weit genug um die Flammen als Ganzes zu sehen. Das Strickzeug lag im Schoß. Die Nadeln bewegten sich fast von selbst.

Früher am Abend hatte sie das Beutelchen weggegeben – das gestrickte, graue, mit dem bunten Rand den sie dran gehäkelt hatte und dem gehäkelten Bändchen. Die Frau die es bekommen hatte trug einen türkisfarbenen Turban. Wie sie hieß – Marisca wusste es nicht mehr. Hatten sie sich überhaupt mit Namen vorgestellt? Sie konnte sich nicht erinnern. Manchmal war das so.

Die Frau hatte sich bedankt auf die einzige Art die zählte – mit einer Geschichte. Sie hatte erwähnt dass all ihre Geschichten von ihrem Herrn handelten, und als sie dann von Igbolt, dem Unglücklichen, zu erzählen begann, war schnell klar wer dieser Herr war. Phex. Natürlich Phex.

Marisca hatte zugehört und gelacht und gedacht dass das ein sehr guter Tausch gewesen war.

Jetzt strickte sie das nächste Beutelchen. Die Flammen warfen Schatten über ihre Hände.

Irgendwo hinter ihr sang jemand. Weiter hinten lachte jemand anderes – dieses tiefe, satte Lachen das entsteht wenn man zu lange zusammen um ein Feuer gesessen hat, der Wein in Strömen floss und die Grenzen zwischen den Geschichten und dem Leben verschwimmen. Marisca mochte dieses Lachen. Sie mochte diese Abende.

Sie wusste, dass Belèn irgendwo hinter ihr saß. Das war kein Zufall. Es war nie Zufall während der Namenlosen Tage – nicht bei ihr, nicht mit diesem Geburtstag den die Familie sorgsam unter sich behielt. Je mehr Nevasca in der Nähe, desto besser, so lautete die unausgesprochene Regel. Marisca fand das rührend. Und ein kleines bisschen überflüssig.

Sie hatte keine Angst vor dem Namenlosen.

Was ihre Familie, soweit sie es wussten, noch mehr beunruhigte als alles andere.

Die Flammen bewegten sich.

Zuerst sah sie Dante.

Sie erkannte ihn sofort – wie man jemanden erkennt den man lange geliebt hat, auch wenn die Zeit darüber geflossen ist wie Wasser über Stein. Sein Gesicht im Feuer. Ruhig. Er sah sie an.

Du bist bei Boron, dachte sie. Das ist gut. Das ist wie es sein soll. Dort bist Du gut aufgehoben und dort werden wir uns eines Tages wiedersehen.

Sie wusste nicht wie lange sie ihn ansah. Dann veränderte sich das Feuer.

Das Gesicht das jetzt aus den Flammen sah war nicht Dantes. Es war ein fremdes Gesicht – charmant, auf eine Art die man nicht ganz einordnen konnte. Ein Lächeln das zu viel versprach und zu wenig sagte. Die Flammen flackerten und das Gesicht flüsterte verführende Worte.

Auch wenn Marisca sonst alles aufschrieb, dies schrieb sie nicht in ihr Notizbuch. Manche Dinge wurden realer wenn man sie aufschrieb. Das hier sollte nicht realer werden – und sie wollte dem Namenlosen die Aufmerksamkeit geben die er verdiente. Nämlich so gut wie keine.

Sie lächelte stattdessen – und strickte weiter. Rechts. Links. Rechts.

Wenn Du mich kriegen willst, dachte sie, musst Du Dich mehr anstrengen.

Das Feuer knisterte. Irgendwo hinter ihr sang jemand weiter.