Chronik.Ereignis1045 Die Dinge, die man zurücklässt 01

Mûr in der Baronie Bangour, Peraine 1045 BF

Autor: Amarinto

Ein Dorf, zu klein für Legenden

Die Straße von Punin zurück ins heimatliche Castillo Hellenwald hatte die unangenehme Eigenschaft, mit jedem zurückgelegten Meilenstein vernünftiger zu werden. Hinter den Mauern der Hauptstadt war die Welt noch voll von Einladungen, Gerüchten, Duellen und Menschen gewesen, die ihre Langeweile mit bemerkenswerter Ausdauer als gesellschaftliche Bedeutung ausgaben. Weiter westlich, in der Waldwacht, wurden die Wege schlechter, die Gespräche kürzer und die Anliegen der Menschen greifbarer. Man sprach über das Wetter, über gebrochene Wagenachsen, über den Preis des Mehls und darüber, ob ein krankes Kalb die Nacht überstehen würde. Selbst die Skandale besaßen hier einen erschreckend praktischen Kern. Ein Nachbar hatte nicht deshalb mit einem anderen gebrochen, weil dessen Haltung zur Thronfolge geschmacklos gewesen wäre, sondern weil dessen Ziegen wiederholt den Kohl fraßen.

Jandara Garlischgrötz von Hellenwald empfand diese Entwicklung als persönlichen Angriff. Nicht, weil sie das einfache Leben verachtete. Sie verachtete vielmehr seine Beharrlichkeit, sich jeder dramatischen Auslegung zu entziehen. Ein festgefahrener Karren blieb ein festgefahrener Karren, selbst wenn man ihn mit einer gut gesetzten Metapher versah. Strömender Regen ließ sich weder beleidigen noch verführen. Und ein Pferd, das zu lahmen begann, zeigte eine geradezu rührende Gleichgültigkeit gegenüber Rang, Herkunft und dem Umstand, dass seine Reiterin noch vor Einbruch der Dunkelheit ein besseres Quartier hatte erreichen wollen.

Als ihr Rappe zum dritten Mal unregelmäßig auftrat, brachte Jandara ihn schließlich zum Stehen. Sie blieb noch einen Augenblick im Sattel und betrachtete die Straße vor sich, als könne sie durch bloße Missbilligung erreichen, dass diese sich verbreiterte, glättete und an ihrem Rand ein anständiges Gasthaus hervorbrachte. Stattdessen wand sie sich zwischen dunklen Waldstücken hindurch und verlor sich hinter einem flachen Hügel. Der Himmel war bleiern, aber trocken. In den Gräben stand altes Regenwasser. Der Wind roch nach feuchter Erde, Rauch und dem harzigen Duft der nahen Wälder.

Jandara stieg ab, strich den staubigen Reisemantel zurück und nahm die Zügel über den Arm. „Das“, erklärte sie dem Pferd, während sie sich neben seinem rechten Vorderbein niederließ, „ist ausgesprochen rücksichtslos. Ich habe dir Hafer gegeben, dich vor einem puniner Weinhändler bewahrt, der dich kaufen und vermutlich Silberstern nennen wollte, und bei wenigstens drei Gelegenheiten behauptet, du seist klüger als ein Großteil meiner Verwandtschaft. Als Gegenleistung hätte ich erwartet, dass du dich noch bis zu einem Ort mit ordentlichen Betten und einer gewissen Achtung vor Wein zusammenreißt. Stattdessen zwingst du mich, am Straßenrand die Rolle einer besorgten Stallmagd zu spielen. Ich hoffe, du empfindest wenigstens ein Mindestmaß an Scham.“

Der Rappe senkte den Kopf und zupfte an einem Büschel Gras. „Ich sehe, wir verhandeln auf unterschiedlichen Ebenen.“

Sie hob den Huf an. Das Eisen saß schief. Einer der Nägel fehlte, ein zweiter hatte sich gelockert. Jandara ließ den Huf vorsichtig wieder zu Boden und stieß langsam die Luft aus. Punin lag weit genug zurück, um nicht mehr als unmittelbare Versuchung zu gelten, doch noch nahe genug, dass die Erinnerung an die Stadt an ihr zog wie eine schlecht verheilte Narbe. Sie hatte Punin verlassen, ohne jemandem einen genauen Tag ihrer Rückkehr nach Hellenwald zu nennen. Ihrem Vater hatte sie eine kurze Nachricht geschickt, in der stand, sie befinde sich auf dem Heimweg. Das war keine Lüge gewesen. Nur eine großzügige Auslegung von Zeit und Richtung. Die vergangenen Tage hatte sie damit zugebracht, sich selbst davon zu überzeugen, dass die Rückreise eine vernünftige Entscheidung sei. Punin war erschöpft von ihr, und sie war erschöpft von Punin. Einige Bekanntschaften hatten sich als zu anhänglich erwiesen, andere als nicht anhänglich genug. Zwei offene Rechnungen warteten in Schenken, die sie nicht mehr betreten wollte, und ein junger Adliger hatte die unglückliche Vorstellung entwickelt, ein gemeinsames Duell im Morgengrauen und eine wilde Nacht in viel zu weichen Kissen begründe eine Art seelische Verbindung. Hellenwald dagegen wartete mit Verlässlichkeit. Mit ihrem Vater. Mit Pflichten. Mit Menschen, die sie unverständlicherweise liebten und sie gerade deshalb mit einer Ausdauer betrachteten, die Jandara manchmal schwerer ertrug als jede offene Feindseligkeit.

Der Rappe schnaubte. „Ja“, sagte sie und richtete sich auf. „Mir gefällt die Lage ebenfalls nicht.“ In einiger Entfernung stieg Rauch zwischen den Bäumen auf. Kurz darauf hörte sie das dumpfe Schlagen eines Hammers auf Metall. Der Rhythmus war gleichmäßig, schwer und unbeeindruckt von den philosophischen Schwierigkeiten reisender Junkerstöchter. Jandara führte das Pferd weiter. Das Dorf Mûr zeigte sich nicht auf einmal. Zuerst erschien ein niedriger Steinwall, hinter dem einige Apfelbäume standen. Dann ein kleines Gehöft mit dunklem Schindeldach, vor dessen Tür eine alte Frau Kräuter zum Trocknen aufhängte. Weiter öffnete sich die Straße zu einem Dorf in dem sich vielleicht drei Dutzend Häuser um einen unregelmäßigen Platz drängten.

Mûr war nicht hübsch im höfischen Sinne. Es besaß keine malerische Brücke, keinen verfallenen Turm, den ein reisender Dichter zum Sinnbild verlorener Größe hätte erheben können, und offenbar auch keine Ruine, in der sich eine anständige Familienlegende verbarg. Zwischen ihnen lagen kleine Gärten, Ställe und umzäunte Höfe. Am Rand des Dorfes erhob sich ein schlichter, weiß gekalkter Bau mit offenem Vorplatz, dessen Mauern von Rosenranken und Weinlaub überzogen waren. Ein Schrein, vermutete Jandara. An der gegenüberliegenden Seite des Platzes stand eines der Gasthäuser. Das Hämmern kam aus einer Schmiede neben einem schmalen Bach. Einige Kinder bemerkten Jandara zuerst. Sie unterbrachen ihr Spiel und betrachteten die Fremde mit jener offenen Neugier, die Erwachsene gewöhnlich erst in jahrelanger Übung durch diskretes Starren ersetzten. Jandara trug abgenutzte Reisekleidung, einen breiten Hut mit eleganter Feder und zwei Rapiere an der Hüfte. Selbst staubbedeckt wirkte sie nicht wie jemand, der zufällig durch einen Ort kam. Sie wirkte wie jemand, der entweder Ärger hinter sich ließ oder welchen mitbrachte.

Ein kleiner Junge zeigte auf ihre Waffen. „Habt Ihr zwei Klingen, weil Ihr zwei Leute gleichzeitig töten müsst?“ Die Frau, die vor dem nahen Haus Wäsche auswrang, fuhr herum und rief seinen Namen mit jener Mischung aus Entsetzen und Gewöhnung, die verriet, dass dies nicht seine erste unpassende Frage war. Jandara blieb stehen, betrachtete den Jungen ernst und sagte: „Nein. Das wäre unpraktisch, denn die meisten Menschen sind nicht höflich genug, sich nebeneinander aufzustellen. Ich trage zwei Rapiere, weil eines allein leicht den Eindruck erweckt, man trage es nur zur Zierde. Zwei dagegen lassen keinen Zweifel daran, dass man sehr bewusst schlechte Entscheidungen trifft.“ Der Junge nickte, als habe er eine brauchbare Erklärung erhalten. Seine Mutter presste die Lippen zusammen. „Verzeiht, Domna. Er spricht oft, bevor er nachdenkt.“ „Eine verbreitete Begabung“, erwiderte Jandara. „Manche Menschen bauen darauf ganze Karrieren auf. Euer Sohn besitzt wenigstens den Vorteil, dass seine Fragen interessant sind.“ Damit ging sie weiter und ließ die Frau in der Unsicherheit zurück, ob sie soeben beruhigt oder ebenfalls beleidigt worden war.

Der Schmied stand mit nackten Unterarmen vor der Esse. Er war ein kräftiger Mann mittleren Alters mit breitem Gesicht, kurz geschnittenem Bart und einer alten Brandnarbe am rechten Handgelenk. Als Jandara den Hof betrat, legte er den Hammer beiseite und wischte sich die Hände an der Lederschürze ab. Sein Blick fiel zuerst auf das Pferd, dann auf Jandara und zuletzt auf die beiden Rapiere. „Was fehlt ihm?“ „Bis eben“, sagte Jandara, „war ich der Ansicht, es mangele ihm lediglich an Dankbarkeit. Inzwischen muss ich einräumen, dass sein rechtes Vorderhufeisen beschlossen hat, sich von seinen Pflichten zurückzuziehen. Ich würde das Verhalten grundsätzlich bewundern, wenn es mich nicht persönlich beträfe.“ Der Schmied trat näher, legte eine Hand an den Hals des Rappen und sprach einige leise Worte zu ihm. Das Pferd ließ sich bereitwillig führen. Jandara beobachtete dies mit verengten Augen. „Er behandelt Euch besser als mich. Ich möchte festhalten, dass ich ihm seit Jahren Unterkunft, Verpflegung und eine deutlich interessantere Gesellschaft biete.“ „Ich reite ihn nicht“, antwortete der Schmied, während er den Huf anhob. „Bei Pferden ist das meist ein brauchbarer Anfang für eine Freundschaft.“ „Das ist also sein Maßstab für moralische Güte? Dann hat er wenigstens eine klare Ordnung der Welt. Menschen machen sich die Sache gewöhnlich komplizierter und gelangen trotzdem zu schlechteren Urteilen.“ Der Schmied prüfte das Hufeisen. Sein Schweigen war nicht ehrerbietig, sondern konzentriert. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf. „Das Eisen muss herunter. Zwei Nägel fehlen, einer sitzt schief, und der Rand ist an einer Stelle ausgebrochen. Ihr habt Glück gehabt, dass Ihr es rechtzeitig bemerkt habt. Ich kann ein neues Eisen anpassen, aber danach sollte er wenigstens einen oder zwei Tage Ruhe haben.“ Jandara, die sich gegen einen Pfosten gelehnt hatte, richtete sich langsam auf. „Einen oder zwei Tage. Ihr sagt das mit einer bemerkenswerten Ruhe, als wäre ein Tag kein ganzer Tag, sondern irgendein kleines Stück Zeit, das man achtlos aus der Tasche zieht.“ „Dann zwei“, sagte der Schmied.

Er nahm eine Zange vom Arbeitstisch und begann, das Eisen zu lösen. „Domna, Ihr könnt heute weiterreiten. Dann verliert er das Eisen wahrscheinlich unterwegs ganz, tritt sich den Huf kaputt oder beginnt ernsthaft zu lahmen. In diesem Fall bleibt Ihr möglicherweise nicht einen Tag in Mûr, sondern eine Woche irgendwo im Wald. Ich bin Schmied. Ich kann Euch sagen, was vernünftig ist. Ob Ihr vernünftig sein wollt, fällt nicht mehr in mein Handwerk.“ Jandara musterte ihn einige Herzschläge lang. Es war keine Herausforderung in seiner Stimme gewesen. Auch keine Unterwürfigkeit. Nur die ruhige Feststellung eines Mannes, der wusste, wie weit sein Zuständigkeitsbereich reichte, und keinerlei Ehrgeiz verspürte, ihn um die Launen fremder Adliger zu erweitern. Das gefiel ihr mehr, als sie zugeben wollte. „Ihr argumentiert erschreckend überzeugend“, sagte sie schließlich. „Ich hatte gehofft, Ihr würdet mir entweder schmeicheln oder mich beleidigen. Beides hätte mir erlaubt, die Verantwortung für meine Entscheidung auf Euren Charakter zu schieben. Nun bleibt mir nichts als gesunder Menschenverstand, und der hat mich noch nie besonders unterhaltsam beraten.“ „Der gesunde Menschenverstand ist nicht dafür bekannt, unterhaltsam zu sein.“ „Eine schwere Schwäche. Kein Wunder, dass er so selten eingeladen wird.“ Ein kaum sichtbares Lächeln zog über das Gesicht des Mannes.

„Die Schenke am Platz hat freie Zimmer. Rogerio verlangt nicht zu viel, solange man seinen Wein nicht beleidigt.“ „Und wenn man ihn beleidigt?“ „Dann schenkt er nach und wartet darauf, ob es beim zweiten Becher besser klingt.“ Jandara sah zum Gasthaus hinüber. „Das klingt zumindest nach einem Mann, der die Welt verstanden hat. Wie heißt Ihr?“ „Esindio.“ „Nur Esindio?“ „Für die meisten reicht es.“ „Eine beneidenswert sparsame Art, sich der Welt zu präsentieren. Ich bin Jandara Fhadim Garlischgrötz von Hellenwald. Mein Name benötigt bereits mehr Atem, als manche Bekanntschaften verdienen.“ Esindio hielt nur sehr kurz inne. Der Name sagte ihm offenbar etwas, nicht genug, um ehrfürchtig zu werden, aber genug, um seine Vermutung über ihren Stand zu bestätigen. „Dann seid Ihr weit von Hellenwald entfernt.“ „Das hängt davon ab, wie sehr man dorthin will.“ Esindio warf das alte Hufeisen in einen Korb. „Ihr kommt aus Taladur?“ „Punin. Man sieht es mir hoffentlich nicht an.“ „Nur dem Staub.“ „Das ist tröstlich. Ich fürchtete bereits, ich trüge noch eine sichtbare Schicht städtischer Torheit mit mir herum.“ „Die wäscht der nächste Regen ab.“ „Dann wäre es der erste nützliche Regen dieser Reise.“

Sie überließ Pferd und Gepäck dem Schmied und ging zum Gasthaus. Drinnen roch es nach gebratenen Zwiebeln, Holzrauch und saurem Wein. Der Schankraum war niedrig, aber sauber. An fünf Tischen saßen Bauern, Fuhrleute und zwei ältere Frauen, die Karten spielten. Hinter der Schanktheke stand ein breitschultriger Mann mit grauem Bart und jener beneidenswerten Ruhe, die entweder aus innerem Frieden oder vollkommener Gleichgültigkeit entstand. Er musterte Jandara, die Rapiere und den Staub auf ihren Stiefeln. „Ein Zimmer?“ „Ein Bett, ein Bad und einen Wein, der nicht versucht, mich für frühere Sünden zu bestrafen. In dieser Reihenfolge wäre es vernünftig, in einer anderen wahrscheinlich angenehmer.“ „Bad gibt es hinten. Das Zimmer oben. Beim Wein müsst Ihr nehmen, was da ist.“ Er stellte einen Becher auf den Tresen. Jandara kostete und verzog das Gesicht. Der Wirt nickte, noch bevor sie etwas sagte. „Ihr habt recht.“ „Womit?“ „Mit allem, was jetzt kommt. Der Wein schmeckt nach nasser Wolle, einer traurigen Traube und einer schlecht gespülten Flasche. Meine Frau nennt ihn kräftig. Ich nenne ihn preiswert.“ Jandara hob den Becher erneut, roch daran und trank einen zweiten Schluck. „Ihr beraubt mich einer meiner liebsten Beschäftigungen. Ich hatte bereits eine kleine Rede vorbereitet, in der ich Euren Keller mit einer Gerberei verglichen hätte. Nun zwingt Ihr mich, entweder zu schweigen oder Euch zu wiederholen, und beides widerspricht meiner Natur.“ „Ihr könnt den Wein trotzdem beleidigen. Ich nehme es nicht persönlich.“ „Das ist sehr großzügig. Dann sei festgehalten, dass er schmeckt wie die melancholische Erinnerung an bessere Trauben.“ Der Wirt füllte den Becher nach. „Das war schöner als meine Beschreibung. Ich heiße Rogerio“ „Jandara.“ „Nur Jandara?“ Sie sah ihn scharf an, doch sein Gesicht blieb vollkommen unschuldig. „Ihr habt mit Esindio gesprochen.“ „Mûr ist klein. Außerdem seid Ihr schwer zu überhören Domna Jandara.“ „Dann werde ich mich bemühen, dem Dorf eine Beschäftigung zu geben. Es scheint mir bislang gefährlich frei von Ablenkungen.“ Rogerio deutete auf die Tische. „Die Leute hier arbeiten. Das ist eine brauchbare Ablenkung.“ „Ich habe davon gehört. Man sagt, sie sei anstrengend und häufig schlecht bezahlt.“ „Stimmt beides.“

Am Abend hatte Jandara drei Männer beim Würfelspiel um ihr Kupfer erleichtert, einem Fuhrmann erklärt, weshalb seine Barttracht gegen die guten Sitten verstoße, und den Dorfvogt mit ausgesuchter Höflichkeit davon überzeugt, dass die neue Feder an seinem Hut aussah, als habe ein Huhn freiwillig den Tod gewählt, um nicht länger damit in Verbindung gebracht zu werden. Der Vogt war zunächst rot angelaufen, hatte dann den Hut abgenommen, die Feder von mehreren Seiten betrachtet und schließlich gemurmelt, sie sei tatsächlich etwas zerfleddert.

Als er gegangen war, setzte Rogerio sich mit einem Krug an Jandaras Tisch. „Ihr habt eine erstaunliche Begabung, Menschen zu beleidigen, ohne dass sie Euch dafür hassen.“ Jandara lehnte sich zurück. „Eine Beleidigung ist nur dann eine Beleidigung, wenn sie etwas beschädigt, das vorher unversehrt war. In den meisten Fällen weise ich lediglich auf bestehende Mängel hin. Das ist beinahe eine Form der Fürsorge.“ „Dann seid Ihr wohl soetwas wie eine Heilerin.“ „Eine gesellschaftliche Wundärztin. Ich schneide Eitelkeit auf, entferne Dummheit und vernähe die Wunden.“ Rogerio trank. „Der Vogt wird morgen trotzdem wiederkommen.“ „Natürlich. Menschen lieben Wahrheit, solange sie ihnen in ausreichend kunstvoller Form serviert wird und ein anderer am Nachbartisch über sich selbst lachen muss.“ „Ihr kommt also aus Punin.“ Es war keine Frage. Jandara ließ den Würfel zwischen den Fingern kreisen. „Man hört es also doch.“ „Man hört, dass Ihr gewohnt seid, vor Leuten zu reden, die jedes Wort später weitererzählen.“ „In Punin genügt ein spitzer Satz, und drei Tage später streitet der halbe Adel darüber, wem er gegolten hat. Manchmal wusste ich es selbst nicht mehr, doch das hinderte niemanden daran, beleidigt zu sein. Es ist eine Stadt, die aus Gerüchten und schlecht verborgenen Ambitionen erbaut wurde. Wahrscheinlich deshalb hält sie so gut.“ „Und warum seid Ihr fort?“

Jandara lächelte. Es war das richtige Lächeln, elegant, belustigt und völlig unbrauchbar, um etwas Wahres darin zu erkennen. „Weil selbst die schönsten Bühnen irgendwann verblassen. Außerdem hatten einige Menschen begonnen, meine Anwesenheit mit Verbindlichkeit zu verwechseln. Das ist ein Fehler, den ich lieber früh korrigiere, bevor jemand Gedichte schreibt oder um meine Hand anhält.“ Rogerio betrachtete sie einen Augenblick. „Dann bleibt Ihr nur, bis Euer Pferd wieder laufen kann.“ „Selbstverständlich. Mûr ist reizend, aber ich fürchte, es besitzt zu wenige Balkone, über die man dramatisch aus Schlafgemächern verschwinden könnte.“ „Wir haben zwei Mühlen.“ „Das ist nicht dasselbe.“

Am nächsten Morgen erwachte Jandara spät, mit einem trockenen Mund und der unerfreulichen Erkenntnis, dass Rogerios Wein am Folgetag deutlich mehr Charakter zeigte als beim Trinken. Sie badete, zog frische, wenn auch bereits abgetragene Reisekleidung an und trat auf den Dorfplatz. Esindio hatte das neue Eisen bereits angepasst, bestand jedoch weiter auf einem Ruhetag. Jandara nahm diese Nachricht mit jener Würde entgegen, die Menschen gewöhnlich entwickelten, wenn ihnen keine vernünftige Möglichkeit blieb, ihren Willen durchzusetzen. Sie frühstückte, ging zweimal durch das Dorf und stellte dabei fest, dass Mûr tatsächlich kaum mehr bot, als der erste Blick vermuten ließ. Es gab einen Krämer, der Gewürze zu Preisen verkaufte, als hätte er sie persönlich aus Aranien hergetragen, zwei Mühlen, die knarrten, diverse Handwerker und einen Peraine-Schrein. Jandara betrat ihn nicht aus Frömmigkeit. Das Gebäude war lediglich das Einzige, dessen Inneres sie noch nicht kannte. Zwischen den weiß gekalkten Mauern roch es nach Leinöl, getrockneten Kräutern und frischem Holz. Keine vergoldeten Altäre, keine überladenen Fresken. Nur ein heller Raum, einfache Steinwände und eine lebensgroße Darstellung Peraines, deren Füße von frischen Blumen umgeben waren. An einer Seitenwand standen mehrere bemalte Holztafeln. Einige zeigten Heilige, andere Dorfbewohner, die vermutlich seit Jahrzehnten tot waren. Vor einer Staffelei arbeitete eine junge Frau mit kurzen hellen Haaren. Ihr Pagenschnitt endete knapp unter den Ohren. Sie war schlank, trug ein schlichtes Kleid mit hochgekrempelten Ärmeln und hatte Farbflecken an den Fingern. Ihr Gesicht war schmal, die Nase klein, das Kinn spitz. Sie stand auf einer niedrigen Leiter und besserte mit einem feinen Pinsel einen Riss in einer alten Bildtafel aus. Jandara betrachtete die Arbeit eine Weile. Die junge Frau schien sie nicht zu bemerken oder war höflich genug, diesen Eindruck zu erwecken. Schließlich nahm Jandara eine kleinere Tafel auf, die an der Wand lehnte. Darauf war ein älterer Bauer mit strengem Gesicht dargestellt. „Ich hoffe sehr“, begann sie mit jener höflichen Stimme, die erfahrene Menschen als Vorboten einer Unverschämtheit erkannten, „dass Ihr nicht erwartet, ich würde dieses Gesicht für den Ausdruck ländlicher Würde halten. Der arme Mann sieht aus, als habe man ihm soeben eröffnet, seine Lieblingskuh habe beschlossen, ein ausschweifendes Künstlerleben zu führen und nach Punin umzuziehen. Falls das die gewünschte Wirkung gewesen sein sollte, darf ich Euch zu einem außerordentlich gelungenen Werk beglückwünschen.“ Die junge Frau blickte noch immer nicht zu ihr. „Das könnte durchaus der Grund sein. Allerdings halte ich es für wahrscheinlicher, dass der Bauer deshalb so missmutig aussieht, weil Ihr ihn gerade auf den Kopf gestellt habt. Wenn Ihr die Tafel richtig herum halten würdet, dürfte sich sein Zustand erheblich bessern.“ Jandara verharrte. Dann drehte sie das Bild langsam um. Der Bauer stand nun aufrecht. Sie betrachtete ihn, anschließend die junge Frau und schließlich wieder das Bild. „Das“, stellte sie fest, „ist ein geradezu niederträchtiger Vorgang. Ich hatte fest darauf vertraut, Ihr würdet Euch zunächst verteidigen, damit ich Gelegenheit bekäme, Eure künstlerischen Fähigkeiten mit größerem Nachdruck in Zweifel zu ziehen. Stattdessen habt Ihr mich gezwungen, meine eigene Beobachtungsgabe anzuzweifeln. Ich fürchte, wir beginnen diese Bekanntschaft unter ausgesprochen ungünstigen Vorzeichen.“ Jetzt stieg die junge Frau von der Leiter. Sie betrachtete Jandara, das Bild in ihren Händen, die beiden Rapiere und den breiten Hut, den diese im Schrein nicht abgenommen hatte. „Ich finde den Anfang eher vielversprechend. Menschen auf Kritik erstaunlich vernünftig reagieren gefallen mir. Menschen, die ihre Irrtümer niemals bemerken, sind wesentlich anstrengender.“ Jandara stellte die Tafel zurück. „Dann gestattet mir wenigstens, mich vorzustellen, bevor Ihr endgültig entscheidet, welcher Sorte ich angehöre. Jandara Fhadim Garlischgrötz von Hellenwald. Von Beruf bereite ich meinem Vater Sorgen, meiner Verwandtschaft Kopfschmerzen und den meisten Gastwirten wirtschaftlichen Aufschwung.“

Die junge Frau legte den Pinsel beiseite und reichte ihr die von Farbe gezeichnete Hand. „Liora Alvarez. Ich restauriere Bilder und Altäre, male neue und bemühe mich, dass Menschen nach meinem Besuch wenigstens ein wenig zufriedener auf ihre Wände schauen können.“ Jandara nahm ihre Hand. Lioras Griff war fest, aber nicht herausfordernd. „Das ist ausgesprochen beruhigend. Adlige tun das leider umso mehr. Sie verbringen einen erstaunlichen Teil ihres Lebens damit, Stammbäume zu betrachten, anstatt lebende Menschen anzusehen. Es ist eine Beschäftigung, die viel Zeit kostet und erstaunlich wenig Freude bereitet.“ Liora ließ ihre Hand los. „Dann habt Ihr vermutlich einen längeren Weg hinter Euch, als die Straße nach Mûr vermuten lässt.“ Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft antwortete Jandara nicht sofort. Der Satz war ohne Schärfe gesprochen worden. Auch ohne jene vorgetäuschte Anteilnahme, mit der Menschen von Stand einander zum Erzählen einluden, nur um später über das Erzählte zu verfügen. Liora hatte lediglich eine Beobachtung ausgesprochen und schien bereit, sie wieder zurückzunehmen, falls Jandara sie nicht teilen wollte. „Ihr seid gefährlich“, sagte Jandara schließlich. „Weil ich Bilder restauriere?“ „Weil Ihr einen Satz sagt und anschließend nicht versucht, ihn mit drei weiteren zu erklären. Dadurch muss man selbst darüber nachdenken, und das ist in einer Bekanntschaft ein ausgesprochen unhöflicher Anfang.“ Liora lächelte leicht. „Dann kann ich Euch zur Entschädigung etwas Einfaches anbieten. Dort steht ein Hocker, auf dem Ihr sitzen könnt, ohne irgendeine Erkenntnis über Euch selbst zu gewinnen.“ Jandara setzte sich. Sie blieb länger, als sie beabsichtigt hatte.

Zunächst sprachen sie über die Bilder. Liora erklärte, dass einige der Tafeln bereits seit Generationen im Schrein hingen. Feuchtigkeit, Kerzenrauch und schlecht gemischte Farben hatten sie beschädigt. Sie war von einer Geweihten aus einem benachbarten Ort nach Mûr gerufen worden und würde einige Wochen bleiben. „Die meisten Leute stellen sich unter Malerei einen Künstler vor, der vor einer leeren Leinwand sitzt und auf göttliche Eingebung wartet“, sagte Liora, während sie eine brüchige Farbschicht glättete. „Tatsächlich verbringe ich sehr viel Zeit damit, den Staub anderer Menschen zu entfernen, Holzwürmer zu suchen und Familien zu erklären, dass ihr verehrter Großvater nicht deshalb so dunkel gemalt wurde, weil er ein Moha gewesen sei, sondern weil jemand über Jahrzehnte Talglichter unter seinem Bild aufgestellt hat.“ Jandara stützte das Kinn auf eine Hand. „Ihr rettet also Menschen vor der Nachwelt. Das ist zweifellos edler, als neue Porträts anzufertigen. Wer sich malen lässt, möchte gewöhnlich nicht gesehen werden, sondern eine möglichst überzeugende Lüge hinterlassen. Breitere Schultern, feinere Hände, klügere Augen, eine Nase, die nie existiert hat. Das Gemälde soll der Welt versichern, man sei bedeutender gewesen, als alle Zeitgenossen sich erinnern.“ „Das stimmt nicht immer. Manche wollen nur bewahren, wie jemand ausgesehen hat.“ „Das behaupten sie. Dann sehen sie das Ergebnis und fragen, ob man die Stirn nicht etwas niedriger, das Kinn entschlossener und den Bauch weniger historisch bedeutsam gestalten könnte.“ Liora sah sie über die Schulter an. „Ihr habt Euch oft malen lassen.“ „Ja. Als Kind, weil meine Familie Beweise benötigte, dass ich in der Lage war still zu stehen. Später, weil Maler eine anmutige Schwäche für Menschen mit Geld und schlechtem Urteilsvermögen besitzen. Wenige der Bilder sahen mir ähnlich. Das Beste wurde kürzlich in Punin gemalt und zeigt eine Frau, die so tugendhaft wirkte, dass ich beinahe Mitleid mit ihr hatte.“ „Vielleicht wart Ihr an diesem Tag tugendhaft.“ „Dann war der Maler ein Zeuge eines äußerst seltenen Naturereignisses. Die nachfolgenden Ereignisse taugen als Gegenbeweis.“ Liora arbeitete weiter. „Ich glaube nicht, dass Ihr besonders schwer zu malen wärt.“ „Das ist entweder ein Kompliment oder eine Beleidigung.“ „Nur eine Feststellung. Die meisten Menschen verbergen sich, indem sie still werden. Ihr verbergt Euch, indem Ihr redet.“ Jandaras Lächeln blieb bestehen, veränderte sich aber.

„Ihr habt ein bemerkenswertes Talent, eine angenehme Unterhaltung in eine inquisitorische Untersuchung zu verwandeln. Ist das Teil Eurer Arbeit? Entfernt Ihr nicht nur Firnis, sondern auch gesellschaftliche Schutzschichten?“ „Nein. Bei Bildern weiß ich wenigstens, wann ich aufhören muss.“ „Dann bewahre ich mir die Hoffnung, dass Ihr auch bei Menschen irgendwann Mitleid entwickelt.“ Als Jandara den Schrein schließlich verließ, war der Nachmittag weit fortgeschritten. Sie sagte sich, sie habe nur deshalb so lange dort gesessen, weil es in Mûr nichts anderes zu tun gab. Das war eine plausible Erklärung und damit verdächtig. Am folgenden Morgen brachte sie Liora einen Krug Wein. „Rogerio behauptet, dies sei sein besserer Jahrgang. Ich halte es für möglich, dass er dabei eine rein zeitliche Aussage traf und der Wein tatsächlich nur älter ist als der gestrige. Dennoch schien es mir unhöflich, ihn allein zu ertragen.“ Liora nahm den Krug entgegen, roch daran und verzog kaum merklich den Mund. „Ihr bringt Wein in einen Peraine-Schrein.“ „Die Göttin der Fruchtbarkeit wird kaum Einwände gegen ein Erzeugnis der Rebe haben. Außerdem opfere ich nicht den Wein, sondern unsere Erwartungen.“ Sie tranken später auf den Stufen vor dem Schrein. Liora hatte Brot und Ziegenkäse mitgebracht. Jandara erzählte von Punin, zunächst in jenen kunstvoll bearbeiteten Fassungen, in denen sie selbst stets gleichzeitig Hauptfigur, Kommentatorin und einzig vernünftige Zeugin gewesen war. Sie berichtete von einem Duell auf einem Dach, einer Schlägerei in einem Gasthaus, einer besonderen Nacht die ohne Erinnerungen und im Chaos endete. Liora hörte aufmerksam zu und fragte anschließend: „Wie viele Unbeteiligte habt Ihr verletzt?“ „Keinen. Ich bewege mich selbst unter schwierigen Umständen mit einer gewissen Eleganz.“ „Dann sind die Geschichten vermutlich erfunden.“ Jandara blickte sie empört an. „Ihr zweifelt an meinem Wort, obwohl ich mir gerade beträchtliche Mühe gegeben habe, die Ereignisse für Euch unterhaltsamer zu ordnen.“ „Das bezweifle ich nicht. Ich glaube nur, dass Ihr unter Ordnung versteht, alles Unvorteilhafte zu entfernen und den Rest so lange zu polieren, bis er Euch bewundert.“ „Das nennt man Erzählkunst.“ „Dann wart Ihr sehr kunstvoll.“ Jandara lachte. Es geschah ungeplant und ohne jene kalkulierte Leichtigkeit, die sie gewöhnlich einsetzte, wenn sie anderen das Gefühl geben wollte, sie hätten etwas besonders Geistreiches gesagt.

In den folgenden Tagen begegneten sie sich immer häufiger. Zunächst zufällig. Dann immer weniger zufällig. Jandara half Liora, eine schwere Tafel von einem Lagerraum in den Schrein zu tragen, und beklagte sich dabei ausführlich darüber, dass ihr Vater sie niemals auf die körperlichen Anforderungen einer künstlerischen Laufbahn vorbereitet habe. Liora nähte ihr einen Riss im Ärmel, nachdem Jandara beim Versuch, einen Apfel aus einem Baum zu schlagen, an einem Ast hängen geblieben war. Gemeinsam gingen sie zum Bach, um Pinsel auszuwaschen. Jandara stand dabei auf einem glatten Stein, rutschte aus und rettete sich nur, indem sie Liora am Arm packte. Beide landeten bis zu den Knöcheln im Wasser. „Ich möchte festhalten“, erklärte Jandara, während Wasser in ihre Stiefel lief, „dass dies ein Angriff der Natur selbst war. Mûr besitzt möglicherweise doch mehr Feindseligkeit, als sein friedliches Äußeres vermuten lässt.“ Liora hielt ihren nassen Rock hoch und sah sie an. „Ihr seid auf Moos getreten, obwohl ich Euch gesagt habe, dass es glatt ist. Die Landschaft hat Euch gewarnt. Ihr habt lediglich beschlossen, sie könne nicht recht haben.“ „Ich habe grundsätzlich Schwierigkeiten damit, Warnungen anzunehmen, die ohne angemessene Begründung ausgesprochen werden.“ „Ich sagte, der Stein sei glatt.“ „Das ist eine Beschreibung, keine Begründung.“ „Und nun?“ Jandara bewegte einen Fuß, aus dessen Stiefel ein leises Gluckern drang. „Nun ist es ein Beweis. Ihr hättet gleich mit Beweisen arbeiten sollen.“ Am Abend saßen sie in Rogerios Schenke. Die Dorfbewohner hatten sich an Jandara gewöhnt. Kinder liefen ihr nach, weil sie Äpfel jonglieren konnte. Esindio ließ sie gelegentlich den Blasebalg bedienen, nachdem sie versprochen hatte, nichts anzufassen, dessen Zweck sie nicht kannte. Der Vogt trug seine Feder nicht mehr.

Rogerio stellte Jandara inzwischen ungefragt den besseren Wein hin. „Ihr seid seid fünf Tagen hier“, sagte er eines Abends. „Euer Pferd könnte seit drei Tagen reisen.“ Jandara betrachtete den Becher. „Esindio ist ein vorsichtiger Mann. Ich respektiere seine fachliche Einschätzung.“ „Esindio sagte, der Rappe sei gesünder als Ihr.“ „Das beweist lediglich, dass der Mann über Kenntnisse bei Pferden verfügt und über einen sehr unvollständigen Begriff menschlicher Gesundheit.“ Rogerio wischte den Tisch ab. „Dann bleibt Ihr wegen des Weins.“ „Euer Stolz ist rührend.“ „Wegen des Dorfes?“ „Mûr besitzt zweifellos Reize. Sie sind nur außerordentlich gut verborgen.“ Rogerio blickte zum Tisch am Fenster, an dem Liora saß und mit einer Kohlezeichnung beschäftigt war. „Natürlich.“ Jandara folgte seinem Blick und sah sofort wieder weg. „Ich rate Euch dringend davon ab, aus meinem verlängerten Aufenthalt eine sentimentale Erzählung zu formen. Mein Pferd brauchte Ruhe, die Straße war nass, und ich habe mehrere offene Streitfragen mit Eurem Vogt. Wer darin etwas anderes erkennt, sollte weniger trinken.“ „Ich trinke fast nie.“ „Dann erklärt das Eure gefährliche Neigung zur Beobachtung.“ Später ging Jandara zu Lioras Tisch. Die Zeichnung zeigte eine alte Frau aus dem Dorf, die am Nachmittag vor dem Schrein gesessen hatte. Liora hatte nicht nur die Falten und die schweren Hände festgehalten, sondern auch jene eigentümliche Mischung aus Müdigkeit und Zufriedenheit, die Jandara an der Frau zwar gesehen, aber nicht weiter beachtet hatte. „Ihr malt Menschen, als würdet Ihr sie mögen“, sagte sie. Liora legte die Kohle beiseite. „Nicht alle. Aber ich versuche, sie lange genug anzusehen, bis ich verstehe, was an ihnen sehenswert ist.“ „Das klingt anstrengend. Ich entscheide gewöhnlich deutlich schneller, was an einem Menschen interessant ist. Es erspart Zeit und ermöglicht eine größere Zahl von Enttäuschungen.“ „Vielleicht enttäuschen Euch Menschen so oft, weil Ihr zu früh entscheidet, wer sie sind.“ Jandara nahm ihr gegenüber Platz. „Oder sie enttäuschen mich, weil sie darauf bestehen, mehr als eine Person zu sein. Menschen zeigen einem zu Beginn ihre beste Fassung. Danach beginnen sie, Ergänzungen vorzunehmen. Bedürfnisse, Erwartungen, kleine Ansprüche. Irgendwann steht man vor einem Werk, das keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem ursprünglichen Entwurf besitzt.“ „Das klingt, als hätte jemand Euch einmal versprochen, einfach zu sein.“ „Nein. Menschen versprechen selten Einfachheit. Sie versprechen Freiheit und meinen damit gewöhnlich, dass man sich freiwillig an ihre Wünsche bindet.“ Liora betrachtete sie ruhig. „Und Ihr versprecht gar nichts.“ „Das ist ehrlicher.“ „Vielleicht. Es ist auch bequem.“ Jandara hob die Brauen. „Bequem? Ihr haltet mich für vieles, aber Bequemlichkeit wäre eine geradezu beleidigende Fehldeutung. Ich habe auf Dächern gefochten, bin im Winter durch den Yaquir geschwommen und habe einmal drei Tage in einem puniner Keller verbracht, weil ich von einigen sehr verärgerten Herrschaften gesucht wurde.“ „Ich meine nicht körperlich bequem. Ihr lasst Menschen wissen, dass sie nichts von Euch erwarten dürfen. Dann könnt Ihr später jede Enttäuschung als deren Fehler behandeln.“ Der Satz traf präziser, als Jandara lieb war.

Sie griff nach Lioras Weinglas, trank daraus und stellte es wieder zurück. „Ihr werdet zunehmend unverschämt. Anfangs habt Ihr nur meine Beobachtungsgabe beleidigt. Nun wagt Ihr Euch bereits an meinen Charakter. In Punin würde so ein Verhalten mindestens ein Duell oder eine wilde Affäre nach sich ziehen.“ „Und in Mûr?“ Jandara blickte sie an. Liora wich ihrem Blick nicht aus. Sie lächelte nicht einmal. Gerade diese Ruhe machte die Frage gefährlicher als jede offene Koketterie. „In Mûr“, sagte Jandara langsam, „scheint man für bemerkenswerte Unverschämtheiten Brot, Käse und schlechten Wein zu erhalten. Das ist vermutlich gesünder.“ Liora lächelte nun doch. „Dann bleibt Ihr wohl noch etwas.“ Jandara hätte antworten können, sie breche am nächsten Morgen auf. Sie hätte die Bemerkung in einen Witz verwandeln oder Liora erklären können, dass ihr Bleiben mit ihr nichts zu tun habe. Die Sätze lagen bereit. Sie kannte sie alle. Stattdessen nahm sie noch einen Schluck.

Am folgenden Morgen wachte sie früher auf als gewöhnlich. Das Dorf lag noch halb im Nebel. Auf dem Platz wurden Fensterläden geöffnet. Irgendwo rief ein Hahn mit jener übertriebenen Selbstgewissheit, die Jandara sonst nur von jungen Offizieren kannte. Sie zog sich an, nahm den Hut und ging hinunter. Rogerio fegte den Schankraum. „Esindio sagt, Euer Pferd könne jederzeit aufbrechen.“ Jandara blieb an der Tür stehen. „Ich werde mit ihm sprechen.“ „Das habt Ihr gestern gesagt.“ „Dann zeigt sich immerhin eine bewundernswerte Beständigkeit.“ Draußen wandte sie sich nicht zur Schmiede, sondern zum Peraine-Schrein. Liora öffnete gerade die Fensterläden. Das erste Licht fiel auf ihr helles Haar. Als sie Jandara sah, hob sie kurz die Hand, als wäre es vollkommen selbstverständlich, dass diese am frühen Morgen dort erschien. Jandara ging zu ihr. „Ich habe eine schwerwiegende Entscheidung getroffen“, sagte sie. „Der Vogt benötigt noch einige Tage Aufsicht, Rogerios Wein ist beinahe auf dem Weg zur Erträglichkeit, und Esindio würde meinem Vater möglicherweise mitteilen, ich hätte auf fachlichen Rat gehört. Eine derartige Rufschädigung kann ich nicht riskieren. Ich werde daher noch ein wenig in Mûr bleiben.“ Liora lehnte sich gegen den geöffneten Fensterladen. „Wie lange ist ein wenig?“ „Das ist eine ausgesprochen unhöfliche Frage. Zeitangaben erzeugen Erwartungen, Erwartungen führen zu Verpflichtungen, und Verpflichtungen sind nur gesellschaftlich aufgewertete Fesseln.“ „Eine Woche?“ Jandara betrachtete den Schrein, den Platz und schließlich Liora. „Vielleicht.“ Liora nickte lediglich. Keine sichtbare Freude, kein Triumph, keine Frage nach dem Grund. Sie nahm einen zweiten Pinsel aus ihrer Tasche und reichte ihn Jandara. „Dann könnt Ihr mir helfen. Die Rahmen müssen vom Staub befreit werden.“ Jandara sah auf den Pinsel hinunter. „Ihr reagiert auf eine bedeutende persönliche Entscheidung, indem Ihr mir Arbeit gebt?“ „Ihr habt selbst gesagt, Mûr brauche Ablenkung.“ „Ich meinte Unterhaltung.“ „Das hier wird für mich sehr unterhaltsam.“ Jandara nahm den Pinsel.

Später würde sie behaupten, sie sei wegen ihres Pferdes geblieben. Danach wegen des Wetters. Wegen der Straße, des Vogtes, des Weins und einer Vielzahl weiterer Gründe, die alle den Vorzug besaßen, nichts von ihr zu verlangen. An diesem Morgen aber stand sie im Peraine-Schrein, strich Staub von einem alten Bilderrahmen und hörte Liora über die schlechte Grundierung einer Heiligentafel sprechen.

Sie war noch immer auf dem Heimweg. Nur führte dieser Weg für einige Tage nicht weiter. Und tief in ihrem Inneren wusste Jandara natürlich, dass das Pferd längst nichts mehr damit zu tun hatte.