Chronik.Ereignis1038 Ein Schwur

Ein Schwur

Castillo Melanor 1038 BF

“Bitte bitte bitte!” Die Augen des Mädchens wurden mit jeder Wiederholung ein wenig größer. “Ich bin bestimmt bis Sonnenuntergang zurück! Ich schwöre es bei Feqz!”

Shafir, der bis eben noch überlegt hatte, ob er seiner Nichte den Ausflug erlauben sollte, runzelte nun die Stirn. Perainor war für einige Tage nach Jurios gereist und hatte ihm die Verantwortung über die Mädchen übertragen. “Aha, du schwörst also?” Thesia nickte eifrig. Sie hatte vor ein paar Tagen von einigen Freunden aus dem Dorf gelernt, dass >Schwören< viel besser war als nur etwas zu >versprechen<. Damit konnte sie sicherlich gut genug unterstreichen, wie wichtig ihr ihr Anliegen war.

Anstatt sofort zuzustimmen, wie sie es sich erhofft hatte, lehnte er sich nach vorn. Seine Miene wurde ernst. “Du solltest einen Schwur niemals leichtfertig aussprechen, Najmatī. Schon gar nicht auf die Götter. Die nehmen das sehr ernst.”

“Aber es ist mir doch ernst!”, entgegnete das Mädchen.

“Wirklich?” Shafir hob eine Augenbraue. “Würdest du alles dafür tun, diesen Schwur zu halten? Entstammt er aus dem tiefsten Inneren deiner Seele?”

Thesia setzte zu einer Antwort an, hielt dann aber inne. Wenn ihr Onkel von der Seele sprach, war es immer äußerst wichtig. Daher dachte sie einen Moment nach. “Naja”, wiegelte sie ab. “Ich will da schon gerne hingehen. Ich kann es dir ja stattdessen versprechen. Aber was ist denn da der Unterschied?”

“Wenn du es mir versprichst, Najmatī, und es sollte dir nicht gelingen, dein Wort zu halten, bin ich es, den du enttäuscht hast. Aber, solltest du vor den Göttern schwören, dann hören diese ebenfalls zu. Sie nehmen dich beim Wort. Du solltest dich immer an das halten, was du den Göttern schwörst.” Er nahm ihre Hand und drückte sie. “Das gilt ganz Besonders, wenn ein Priester dich mit einer Liturgie vor dem Herrn Praios schwören lässt. Dann hinterlässt das nämlich einen Abdruck auf deiner Seele, wenn du dich nicht daran hältst.”

Thesia machte große Augen. „Oh, das habe ich nicht gewusst“, gestand sie, ein wenig kleinlaut. „Aber ... was ist, wenn man dazu gezwungen wird?“ Sie erinnerte sich an die Geschichte von Junker Ardan, der nach einer verlorenen Fehde vor seinem Gegner hatte knien und schwören müssen, niemals wieder Anspruch auf das umstrittene Weideland zu erheben. Man sagte, ein halbes Dutzend bewaffneter Knechte habe dabei hinter ihm gestanden.

“Najmatī, merk dir eines: Ein erzwungener Schwur ist nichts wert. Auch vor den Göttern nicht. Du solltest aber dennoch nicht einfach leichtfertig zustimmen, wenn du in eine solche Situation gerätst. Denn je nachdem, auf welchen Gott du schwörst, sieht dieser die Zwangssituation vielleicht anders. Wenn ein mächtiger Baron von einem Junker verlangt, ihm die Treue zu schwören, weil dieser sonst seine Schutzrechte verliert, mag das hart erscheinen. Doch die Wahl besteht noch immer. Nicht jede unangenehme Folge macht einen Schwur zu einem erzwungenen Schwur.”

“Aber wenn man mit dem Leben droht schon?” Sie hatte wieder den Junker im Kopf.

Ihr Onkel überlegte lange, bevor er antwortete. “In den meisten Fällen würde ich dir da zustimmen. Aber auch das kann man nicht pauschalisieren. Es gibt Schwüre, die man auch unter Einsatz seines Lebens nicht leisten sollte, unabhängig von deren Legitimität. Das ist vor allem der Fall, wenn man das Gefühl hat, dass es gegen die Götter geht.”

“Du würdest also lieber sterben, als so einen Schwur zu machen, auch wenn du weißt, dass der ohnehin nicht gilt?”

“So einfach ist das nicht. Das Wesen der Götter ist vielseitig und für uns nicht immer greifbar. Selbst für mich wäre es vielleicht unmöglich abzuschätzen, ob die Götter meinen Schwur für legitim erachten oder nicht. Und in dem Fall, ja, würde ich lieber sterben als einen Schwur zu leisten, von dem ich weiß, dass ich ihn nicht halten kann und damit meine Seele gefährde.”

Seine Miene wurde weich. “Du bist jetzt vielleicht noch zu jung dafür. Aber es folgt am Ende dem obersten und wichtigsten Ziel: Deine unsterbliche Seele ist das Wichtigste. Nichts anderes. Nicht einmal dein Leben. Oder meines. Oder das deiner Schwester.

Und nun geh mit deinen Freunden. Bis Einbruch der Dunkelheit seid ihr aber zurück!”