Chronik.Ereignis1036 Unterricht mit Onkel Shafir
Unterricht mit Onkel Shafir
Castillo Melanor, Tsa 1036 BF
Eine warme Frühsommerbrise wehte durch das geöffnete Fenster herein. Sehnsüchtig blickte Gilia nach draußen. Sie hatte noch nie verstanden, warum ihre Schwester es bevorzugte, bei schönstem Wetter hinter den hohen Burgmauern zu sitzen und ihrem Onkel bei seinen Ausführungen zuzuhören. Viel lieber würde sie im Burghof mit den Hunden spielen oder eine Lektion im Schwertkampf von ihrem Vater bekommen.
Stattdessen saßen sie im Arbeitszimmer ihres Onkels. Der Raum roch nach Pergament und altem Staub. Auf seinem Schreibtisch lagen Schriftrollen und einige sorgfältig gezeichnete Karten. Eine Karte des Junkertums, die sonst an der Wand befestigt war, lag ausgebreitet vor ihnen auf einen niedrigen Tisch. Ihr Onkel hatte sich auf ein Kissen auf den Boden gesetzt und ließ sich von Thesia dabei helfen, die Ränder mit etwas Schwerem am Aufrollen zu hindern.
“Nun, Zahrātam”, begann er und riss Gilias Aufmerksamkeit widerwillig zurück in das stickige Turmzimmer. “Wir werden heute über etwas sprechen, was für Euch beide gleichermaßen wichtig ist, auch wenn Eure Rollen darin unterschiedlich sein mögen.”
Er deutete auf die Karte.
“Das Junkertum Melanor!”, platzte es aus Thesia heraus.
Ihr Onkel nickte. “Sehr gut. Kann mir eine von Euch erklären, was ein Junker eigentlich ist?”
Thesia hob sofort die Hand. “Ein Junker beschützt die Menschen, die hier leben”, erklärte sie, ohne abzuwarten. “Und er spricht Recht.”
Gilia verdrehte innerlich die Augen. Warum hob ihre Schwester überhaupt die Hand? Sie wusste ohnehin immer alles sofort.
“Richtig”, lobte Onkel Shafir und sah nun zu Gilia. “Was glaubst du, was ein Junker macht?” Sie überlegte.
“Ähm… er kämpft!”, ergänzte sie.
“Das auch”, nickte er. “Aber nur, wenn er muss.”
Er griff nach einem kleinen Holzklotz und stellte ihn auf die Karte in die Nähe der Berge. “Hier ist Burg Melanor. Und diese Bohnen hier…”, er griff in einen Beutel zu seiner Linken, “sind unsere Höfe.
Nun stellt Euch den frühen Morgen vor, Zahrātam. Die ersten Sonnenstrahlen küssen die Zinnen unserer Burg, draußen begrüßen die Vögel den neuen Tag und aus der Küche steigt der Duft eines frischen, noch dampfenden Brotes empor. Ihr brecht ein Stück davon ab, die Kruste knackt unter Euren Fingern... Sagt mir: Woher stammt dieses Brot ?”
“Aus der Küche!”, antwortete Gilia schnell und schaute triumphierend zu ihrer Schwester. Die jedoch kicherte und auch ihr Onkel lachte leise.
“Das stimmt durchaus, Lubaya. Und wie kommt es in die Küche?”
“Unsere Bauern holen das Weizen vom Feld”, erklärte Thesia stattdessen. “Sie bringen es zu Müller Egilio. Der macht Mehl daraus. Und Esfera backt dann Brot.”
Verärgert biss sich Gilia auf die Lippe. Das hätte sie auch gewusst.
“Richtig”, lobte ihr Onkel und legte einige Weizenkörner neben eine Bohne. Neugierig nahm Gilia eines davon in die Hand, ein wenig erstaunt, wie winzig diese waren. Der Müller brauchte sicher viele dieser Körner, um nur ein einziges Brot zu backen.
“Und woher kommen eure Wollmäntel?”, fuhr ihr Onkel fort.
“Von den Schafen!”
“Welche Schafe?”
Diesmal zögerte ihre Schwester. Gilia hingegen wusste es. “Das sind Phrai-Shafe”, sagte sie und legte das Weizenkorn zurück. Onkel Shafir nickte anerkennend, woraufhin sich Gilia unwillkürlich ein wenig aufrichtete.
“Richtig, Lubaya. Die Phrai-Schafe schenken uns Wolle. Ohne sie könnten wir keine warme Kleidung für den Winter machen. Deshalb müssen wir die Herden gut schützen.”
Er legte einen kleinen Wollfaden auf die Karte.
“Woraus kann man denn noch Stoff machen?”
Wieder war Thesia schneller. “Flachs!”
Als Antwort legte ihr Onkel einen dünnen, hellen Pflanzenstängel neben den Wollfaden.
“Sehr richtig, Najmati. Aus Flachs kann man Leinen herstellen. Das trägt sich im Sommer angenehmer als dicke Wolle.”
Er ließ den Blick über die Mädchen schweifen.
“„Denkt nun an einen Winter, in dem der Herr Firun seine kalte Hand nicht mehr von unserem Land nehmen will. Die Heide versinkt unter Ifirns zartem Kuss, die Brunnen frieren zu und selbst die zähesten Phrai-Schafe finden kaum noch Futter. Als die Herrin Tsa im Frühling schließlich den Sieg davonträgt, ist ein großer Teil unserer Herde verloren. Was geschieht nun? ”
Gilia überlegte. “Dann.. haben wir weniger Wolle?”.
“Na’am.” Abwartend sah er sie an.
Gilia zuckte mit den Achseln. Sie wusste nicht so recht, welche Antwort ihr Onkel nun von ihr verlangte. “Dann tragen wir stattdessen Leinen.” Was sollte man auch sonst machen, wenn es weniger Wolle gab?
Ihr Onkel schüttelte sanft den Kopf. “Im Sommer vielleicht. Aber im Winter würdet ihr frieren. Was macht ihr also, wenn wir zu wenig Wolle haben?”
“Wir können bei der Nachbarjunkerin fragen, ob sie uns Wolle gibt”, schlug Gilia vor. Sie mochte die Escarabajos. Die halfen ihnen bestimmt, wenn sie keine Wolle hatten.
“Die brauchen die Wolle doch bestimmt selbst”, warf Thesia ein und sah ihren Onkel erwartungsvoll an.
Der hob abwehrend die Hände. “Gemach, Najmati. Du hast Recht, wenn es kalt ist, braucht Domna del Escarabajo selbst Wolle, damit sie und ihre Untertanen nicht frieren. Und nun frage ich euch: Was könnte das Herz der Domna wohl dazu bewegen, in einem kalten Winter ihre Wolle aus den Händen zu geben?” Nun sah er wieder beide Schwestern an.
“Wir geben ihr Geld”, antwortete Thesia.
Onkel Shafir lächelte in seinen Bart und legte eine silberne Münze auf die Karte. “Sehr richtig, Najmati. Und woher kommt das Geld, mit dem Euer Vater dann die Wolle kauft?”
Sogar Thesia schien diesmal länger zu überlegen. Ihr Onkel wartete geduldig. Sehnsüchtig schaute Gilia kurz aus dem Fenster. Unten liefen die beiden Hofhunde hinter einem der Stallburschen her und spielten mit ihm. Wie gern wäre sie jetzt dort unten.
“Die Menschen geben es ihm”, sagte Thesia schließlich.
“Na’am. Doch wie verdienen die es?”
Er zeigte auf eine kleine Siedlung am Rande des Drottenwaldes und legte ein kleines Kohlestück daneben. “Dort liegt Pletin. Viele unserer Köhler leben dort. Sie schlagen Holz, errichten ihre Meiler und brennen daraus Kohle. Diese verkaufen sie dann auf dem Markt in Ambosch.”
“An die Zwerge?”, fragte Thesia neugierig.
Ihr Onkel nickte. “Ja, auch an die Angroschim. Und von dem, was die Köhler verkaufen, bekommt eurer Vater einen Anteil. Mit dem Geld kauft er dann Wolle, wenn wir nicht genug haben.”
“Und warum macht der Köhler das nicht einfach selbst?”, fragte Gilia. Sie sah nicht viel Sinn darin, den Menschen Geld dafür abzunehmen, nur um für den Köhler Wolle zu kaufen. Vielleicht fror er ja auch gar nicht so schnell, weil er neben einem warmen Kohlmeier wohnte.
Das Gesicht ihres Onkels hellte sich auf. “Sehr gut, Lubaya. Lass uns einmal an diesem losen Faden ziehen, den du gefunden hast.” Wieder ließ er seinen Blick zwischen den Zwillingen hin und her schweifen. Er wartete geduldig, ob eine von ihnen selbst die Antwort geben mochte, dann fuhr er fort. “Sagen wir, der Köhler braucht in diesem harten Winter keine Wolle. Seine Mäntel sind noch gut und er friert nicht. Doch was passiert, wenn sich im Frühjahr die Goblins aus den Nelaja-Hügeln bis an die Hütte des Köhlers wagen?”
“Dann schickt Vater die Wachen!”, antwortete Gilia schnell, verstand aber noch nicht so ganz, worauf ihr Onkel hinaus wollte.
“Richtig. Und von welchem Geld bezahlt er die Wachen? Ihren Sold, die Ausrüstung?”
“Von dem Geld, das der Köhler ihm gegeben hat?”
“Genau. Aber das Geld, das er allein vom Köhler erhält, wird dafür nicht reichen. Dafür braucht er das Geld von allen Menschen, die hier leben.” Mahnend hob er den Zeigefinger, wie stets, wenn er etwas Wichtiges erklärte.
“Die Aufgabe von einem Junker, eurem Vater, ist, sich um die Menschen zu kümmern, die hier leben. Wenn die Goblins kommen, schickt er Wachen, wenn wir zu wenig Wolle haben, kauft er welche bei unseren Nachbarn. Im Gegenzug arbeiten die Menschen hier für ihn und geben ihm etwas von dem Geld, was sie selbst verdienen. So hat es der Götterfürst gefügt. Wenn euer Vater gerecht herrscht, erfüllt er den Platz, den der Herr Praios ihm zugedacht hat ” Bei seinem letzten Satz zwinkerte er den Zwillingen zu.
Gilia nickte achselzuckend. Sie verstand noch immer nich, warum die Leute die Wolle dann nicht einfach selbst kauften. Aber wenn das so vom Herrn Praios gewollt war, hatte das sicher seine Richtigkeit.
Onkel Shafir zeigte auf das Waldgebiet im Süden. “Dort stechen unsere Leute Torf”, erklärte er.
Aufgeregt schoss Thesias Arm in die Höhe. “Damit können wir auch heizen!”
“Sehr richtig.” Ihr Onkel nickte anerkennend. “Und warum verheizen wir dann nicht einfach unsere Holzkohle?”
Darauf wusste keine von ihnen eine Antwort.
Ihr Onkel nahm einen braunen Erdklumpen und legte ihn neben die Holzkohle.
“Weil die Zwerge gute Kohle brauchen, um ihre Schmieden zu befeuern. Sie zahlen gutes Geld dafür. Torf dagegen ist viel günstiger. Deshalb heizen unsere Bauern und auch wir mit Torf.” Er verschob die Kohle, die eben noch neben Pletin gelegen hatte, nach Ambosch und legte einige Münzen dazu.
“Dann behalten wir die Kohle gar nicht?”, fragte Gilia.
“Nur einen kleinen Teil. Wenn Angroschs Kinder bereit sind, Silber für unsere Kohle zu geben – weshalb sollte ein kluger Herr sie selbst im Kamin verschwinden lassen?” Er lächelte.
Gilia nickte. Das klang eigentlich logisch.
“Was wisst ihr denn noch über Ambosch”, wollte der Onkel wissen.
Wieder war Thesia schneller. “Da leben Zwerge”, rief sie aus. “Und es gibt einen Markt.”
“Sehr richtig”, lobte er und sah Gilia an.
“Das… wollte ich auch sagen”, murmelte sie. Vater hatte sie und ihre Schwester bereits einige Male mit in das Dorf genommen. Vor allem die Zwergenschmieden hatten sie fasziniert. Diese konnten bestimmt auch richtige Waffen herstellen!
“Na’am. Aber wusstet ihr, dass Ambosch gar nicht zu uns gehört?”
Gilia runzelte die Stirn. “Doch das liegt doch hier.” Sie zeigte mit dem Finger auf die Karte.
“Es liegt innerhalb unseres Landes”, bestätigte ihr Onkel. “Doch die Siedlung ist älter, als unsere Familie hier herrscht.” Er nahm einen kleinen Stein und legte ihn neben die Holzkohle und die Münzen die dort lagen. “Vor langer Zeit erlaubte der Baron von Jurios den Zwergen, sich dort niederzulassen.“
“Warum?”, fragte Thesia dazwischen.
“Weil tüchtige Handwerker und Händler einem Land guttun.” Er sah beide Mädchen an. “Sie zahlen ihre Abgaben direkt an den Baron und nicht an uns. Diese Abmachung besteht zwischen der Familie des Barons und den Angroschim.”
“Dann bekommt Vater gar nichts?”, fragte Gilia ungläubig.
“Nicht direkt.” Ihr Onkel lächelte.
“Das ist doch ungerecht!” Gilia verschränkte die Arme.
Nachdenklich zog ihre Schwester die Augenbrauen zusammen. Hatte sie wieder etwas bemerkt, was ihr entgangen war?
“Aber Vater kümmert sich doch trotzdem Ambosch. Wie kann er das machen, wenn er kein Geld bekommt?”
“Sehr gut aufgepasst, Najmati.” Ihr Onkel deutete anerkennend auf sie. “Der Baron hat seinen Sitz in Jurios. Da das recht weit weg ist, hat er unserer Familia die Verwaltung übertragen. Wir stellen den Marktvogt, nehmen das Geld von den Menschen und geben es dann dem Baron. Wenn die Leute hier etwas brauchen, sprechen wir mit ihm und er entscheidet dann, ob er uns Geld gibt, um uns darum zu kümmern.”
“Was macht ein Marktvogt?”, wollte Thesia wissen.
„Er sorgt dafür, dass der Markt ordentlich verläuft. Er achtet darauf, dass Streit geschlichtet wird. Dass Maße und Gewichte stimmen. Dass niemand betrogen wird.“
„Also spricht er Recht?“
„In kleinen Dingen, ja.“
Gilia beobachtete ihre Schwester. Schon wieder hatte sie die Antwort gewusst und die richtigen Fragen gestellt. Noch bevor sie selbst über eine Frage nachgedacht hatte, schien Thesia schon zu wissen, was ihr Onkel von ihr wollte.
Es war immer dasselbe.
“Es gibt viele, die den weiten Weg in den Amboss meiden und stattdessen nach Ambosch reisen, um gute Zwergenarbeit zu kaufen,” fuhr ihr Onkel fort. “Da der Markt hier sehr wichtig für uns ist, achtet euer Vater darauf, dass der Pass hier immer befahrbar ist.” Er deutete auf den Weg, der von Burg Melanor gen Rahja durch die Nelaja nach Schrotenhof führte. “Viele Zwerge aus dem Tosch Mur benutzen ihn. Für sie ist der Weg kürzer. Auch manche Händler aus Stanniz ziehen über unseren Pass. Dafür bezahlen sie einen Wegzoll.” Er legte einen kleinen Karren aus Holz und eine Münze auf den Weg.
“Warum?”, wollte Gilia wissen. “Ist das nicht gemein? Die wollen doch nur durchreisen. Und Vater will doch, dass die hier langfahren.”
Thesia schaute sie überrascht an, doch ihr Onkel nickte nur.
“Das könnte man denken, nicht wahr? Aber wer bezahlt denn die Männer, die dort Wache halten? Die die Goblins vertreiben und im Winter den Schnee von der Straße kehren?”
Gilia dachte nach. “...wir?”
“Richtig, Lubaya. Doch wenn nur wir bezahlen müssten, obwohl viele Fremde den sicheren Weg benutzen, wäre das gerecht?”
Langsam schüttelte sie den Kopf. Das machte irgendwie Sinn.
Draußen hörte sie Kinder lachen und sie wandte unwillkürlich den Kopf zum Fenster. Ein paar ihrer Freunde aus dem Dorf spielten Fangen auf dem Burghof. Für einen Moment stellte sie sich vor, wie sie draußen mit ihnen spielte, anstatt hier drinnen zu sitzen.
“Lubaya?” Onkel Shafirs Stimme war freundlich. “Bist du wieder auf dem Burghof?”
Verlegen senkte Gilia den Blick. “Nur ein wenig.”
Er schmunzelte. “Ich habe noch eine Frage für Euch, dann entlasse ich euch für heute. Doch ihr müsst gut aufpassen, denn dies ist die schwierigste.”
Thesia setzte sich sofort kerzengerade auf und schien ihrem Onkel an den Lippen zu hängen. Gilia seufzte innerlich. Aber es schien zumindest bald geschafft.
„Dann wollen wir sehen, ob ihr schon denkt wie kleine Junkerinnen.“
Er nahm einen dunklen Holzspan und legte ihn auf den Rand der Karte.
„Im Drottenwald treiben sich Banditen herum.“
„Dann schickt Vater die Bewaffneten hin!“, platzte Gilia heraus.
„Und verjagt sie!“, ergänzte Thesia.
„Aha.“
Mehr sagte ihr Onkel zunächst nicht.
Er strich sich langsam durch seinen Bart, wie immer, wenn er wollte, dass sie selbst weiterdachten.
„Weshalb zögert euer Vater also?“
Die Schwestern schwiegen.
„Hat er vielleicht Angst?“, fragte Gilia schließlich. Sie glaubte nicht wirklich daran. Es gab nichts, vor dem ihr Vater sich fürchtete. Irgendwann wollte sie einmal wie er sein!
“Nicht ganz.”
Er nahm den Holzspan wieder auf und schob ihn ein Stück über die eingezeichnete Grenze.
„Die Banditen verschwinden häufig nach Stanniz.“
„Dann holen wir sie dort!“
„Dürfen wir das?“ Das Lächeln ihres Onkels war in seinem Bart kaum auszumachen, doch das Glitzern in seinen Augen verriet ihn.
Gilia stockte. “Ja sicher? Sie sind doch böse!“
„Was meinst du, Thesia?“
Ihre Schwester sah nachdenklich auf die Karte. Sie überlegte länger als sonst.
„Nein. Weil Stanniz nicht uns gehört?“
“Na’am.” Ihr Onkel nickte zufrieden. “Jeder Herr trägt Verantwortung für sein eigenes Land. Wenn die Banditen in Stanniz sind, darf nur der Baron dort diese mit Bewaffneten angreifen. Wenn euer Vater ohne Erlaubnis mit seinen Leuten dort einmarschiert, könnte das als kriegerischer Akt gewertet werden.”
“Aber die Banditen sind doch wirklich dort! Und für den Baron von Stanniz kann das doch auch nur gut sein, wenn wir sie vertreiben.”
“Vielleicht, kleine Lubaya, vielleicht.”
Gilia verstand nicht. “Doch, wir wissen, dass sie von da kommen.” Sie deutete auf die Karte.
Onkel Shafir schüttelte den Kopf und hob den Zeigefinger. “Ich vermute es. Das ist ein wichtiger Unterschied. Vermutungen sind etwas anderes, als Gewissheit. Und selbst wenn sie dort wären, müsste euer Vater zunächst mit dem Baron dort sprechen. Zwischen Nachbarn Frieden zu halten ist oft wichtiger, als einen einzelnen Räuber sofort zu fangen.“
“Und warum macht er das dann nicht?”
Ihr Onkel seufzte schwer. “Der Baron von Stanniz mag uns nicht sonderlich. Daher würde er es uns vermutlich nicht erlauben. Und wie wir ja schon festgestellt haben, kommen die Banditen eigentlich aus Stanniz. Es wäre also dessen Aufgabe, die Banditen zu vertreiben. Warum sollte also Euer Vater das Leben seiner Männer dafür riskieren?”
Gilia verzog das Gesicht. Das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie hätte die Räuber einfach vertrieben.
„Manchmal“, sagte Shafir ruhig, als hätte er ihre Gedanken gelesen, „ist ein gezogenes Schwert der leichteste Weg. Der klügste ist es nur selten.“
Er ließ den Satz einen Moment wirken.
“Ich finde, das klingt sehr logisch”, behauptete Thesia. “Aber es ist trotzdem ärgerlich, dass deshalb die Banditen zu uns kommen. Der Baron soll sich mal darum kümmern!”.
“Das stimmt, Najmati. Aber weißt du was? Ich vermute, dass der Baron ganz genau weiß, dass die Räuber uns ärgern und sie deshalb noch nicht vertrieben hat.”
Missmutig schüttelte Gilia nur den Kopf. Also wollte der Baron aus Stanniz die Banditen ganz bewusst nicht loswerden? Sie verstand immer weniger, warum ihr Vater nicht schon längst einfach dorthin geritten war. Doch das würde sie ihn später selbst fragen.
Sehnsüchtig glitt ihr Blick wieder zum Fenster. Die Sonne stand inzwischen hoch über der Caldaia. Noch immer drang das Kinderlachen vom Burghof herauf.
“Ich weiß”, sagte ihr Onkel mit einem kaum merklichen Schmunzeln. “Dort unten wartet ein deutlich spannenderer Unterricht. Unsere Lektion endet damit für heute.”
Noch ehe der Satz ganz ausgesprochen war, sprang Gilia auf.
Thesia blieb sitzen.
„Onkel?“
„Na'am?“
„Darf ich die Karte noch einmal ansehen?“
Shafir lächelte.
„Natürlich, Najmatī.“
Während Thesia sich über die Holzfiguren beugte und den Verlauf des Passes mit den Fingern nachzeichnete, war Gilia bereits zur Tür gelaufen. Dort hielt sie inne.
“Willst du nicht mitkommen?”
Ihre Schwester zögerte.
“Bitte”, flehte sie. Sie wollte nicht alleine spielen gehen. Ohne Thesia fühlte sie sich so… unvollständig.
Diese hatte eine der Figuren in die Hand genommen und blickte unschlüssig zu ihrem Onkel. Eine unausgesprochene Frage schien auf ihren Lippen zu liegen, während sie mit sich rang. Gilia trat von einem Bein aufs andere, während sie darauf wartete, endlich aus dem stickigen Zimmer zu entkommen.
Schließlich sah Thesia zurück zu ihrer Schwester, und als hätte ihr Anblick die Unsicherheit hinweg getragen, legte sie eilig die Figur zurück auf die Karte. Ihre Frage schien vergessen. Ohne nochmals zu ihrem Onkel zurückzublicken, ging sie zu ihr, wissend, dass sie nun die Sicherheit des Zimmers verlassen würde, in dem SIE einmal gut in etwas war.
Gilia nahm sie bei der Hand und drückte sie. Es war das Versprechen, dass sie auf sie aufpassen würde. Auf ihre Kleine Schwester. Alle Eifersucht war vergessen. Wie konnte sie auch neidisch auf sie sein? Sie gehörten schließlich zusammen!
Thesia lächelte dankbar. Dann rannten sie lachend die Treppe hinab.