Junkergut Tyras, Ingrimm1047 BF

Autoren: Jan und Amrit

“Getreuer Dom di Alina, sagt mir, habe ich Euch soeben richtig verstanden?”, Dom Rasdan di Vascara stand in gleißender Sonne in der kleinen tyraner Arena, verschwitzt, mit nacktem Oberkörper, der einem jungen Troll alle Ehre gemacht hätte. Das narbige Brandzeichen auf seiner breiten Brust hob sich rotbräunlich hervor. Er selbst sah nur kurz zu Dulcineo auf, wirkte ruhig, auch wenn jeder einzelne Muskel zuckte, nach den Kampfübungen, die er gerade vollführt hatte.

Er reinigte den schmalen Säbel in seiner Hand behutsam, an ihm wirkte die Klinge fast wie eine grazile Fechtwaffe. Dann reichte er sie Dulcineo. “Es ist wie immer eine Freude, Euch hier als Gast zu begrüßen, gönnt mir doch ein paar Drillares1. Und erklärt mir diese Sache. Ihr habt sicher eine gute Begründung für so ein risikofreudiges Manöver.”

Der bullige Junker selbst nahm statt eines Degens nur einen massiven Linkhanddolch für die linke Hand und einen Panzerhandschuh für die rechte. Dann stelle er sich in Verteidigungshaltung, als würde er einem schnaubenden Stier gegenüberstehen. “Es klang auch so, als hätte dieser Ligero2 etwas gemerkt. Was sicher nicht sein kann... da Ihr Euch gewiss gut zu tarnen wusstet. Alles andere würde ja auch unsere und Eure Bemühungen konterkarieren, weil es zu viel Augenmerk auf uns lenken könnte.” Der Tyraner fixierte Dulcineo, atmete, wartete - stand da wie eine Götzenstatue, unverrückbar und unausweichlich.
“Nun steht nicht nur so da, Dom, schenkt mir doch Eure sonst so wohlfeilen Worte… Und setzt endlich einen Schlag.”

Eine interessante Herausforderung... Dulcineo behielt den bulligen Herren von Tyras aufmerksam im Auge, nahm die Schultern zurück und bewegte sich einige Schritte im Kreisbogen um Rasdan.
“Nein. Ich denke nicht, dass er etwas gemerkt hat.”
Nicht ganz wahr, aber wozu sollte er sich in schlechtem Licht darstellen?
“Was ich meinte: Der Rueda hat überraschend vorsichtig gewirkt. Mehr Bewaffnete, als man annehmen sollte. Er wirkte fast paranoid, frage mich warum... Das ist von Belang für unser Vorhaben, daher - natürlich, Dom Rasdan,” er neigte vor dem Höherstehenden den Kopf in Referenz “- sehe ich es als meine Pflicht, Euch Bescheid zu geben.”

Auch der nachgesetzte Ausfallschritt, die Hiebfolge, hatten etwas Pflichtschuldiges. Dulcineo hielt sich zurück... noch. Er hatte die längere Reichweite, ja. Die würde ihm aber wenig helfen, falls Rasdan die Klinge zu fassen bekam. Es ging also um Wachheit, um Schnelligkeit.

Die eingängigen, ehrerbietigen Hiebe Dulcineos nahm der massige Junker wohlwollend hin. Dabei wich er behänder aus, als man es ihm zutraute oder parierte sie lässig mit dem Linkhand - auch er wärmte sich auf. Den letzten Hieb schlug er gar kräftig mit dem Panzerhandschuh weg, so dass Dulcineos Arm leicht schmerzte und eine kurze Pause entstand, die Rasdan für ein lauerndes Umrunden der “Geschwister” nutzte.

“Paranoid - warum, fragt Ihr Euch. Eine anständige, vernünftige Frage... Könnt Sie nicht beantworten. Schade, wart Ihr doch genau deshalb vor Ort, um mehr zu erfahren... welch vertrackt Lage, Ihr seid nicht zu beneiden.”

‚Übernimmst du?‘ – eine minimale Kommunikation in Dulcineos Kopf. Der Säbel schnellte nun offensiver vor, Hiebe kamen rasch und peitschend, und die Kraft unterschwelliger Wut lag in den Stichen, was den Tyraner kurz aus dem Konzept brachte, da ihn die extreme Wendung irritierte. Dennoch ließ er sie kommen, bis Dulcineo der Schweiß von der Stirn rann und sein Hemd an ihm klebte.

Der hob nun kurz den Arm, Rasdan eine kameradschaftliche Pause signalisierend, winkte in derselben Bewegung eine Dienerin heran und ließ sich Wasser reichen. Mit dem Hemdsärmel wischte er dabei über seine schweißnassen Brauen und wog die letzte Bemerkung des Tyraners ab. Warum, in der Tat. Hatte er in Alina eine Frage verabsäumt?

Rasdan trank nichts, gönnte aber auch Dulcineo nur eine kurze Verschnaufpause.
“Weiter.”, - keine Frage, keine Bitte, eine Feststellung wie ein Befehl. Der Junker baute sich wieder auf. “Ist das bereits Eure Erklärung?”

Dulcineo nickte zur Wiederaufnahme des Übungskampfes und stellte sich in Position, die im Sonnenlicht gleißende Spitze schräg vor sich. Er hielt sich bereit, den anderen kommen zu lassen. Doch auch dieser wartete, beobachtete sein Gegenüber, wie ein Toreroquestor2 einen seiner Ringkampfpartner, jede Bewegung, jedes Scharren, jede Finte.

“Nein. Da ist noch mehr.” Der Blick des entrechteten Junkers von Alina bekam dabei etwas Lauerndes.
“Ich habe nicht nur mit dem Betrüger gesprochen. Ich war auch im Ort, einen alten Vertrauten aufsuchen. Ich wollte wissen, wie der neue 'Junker' dort so auftritt.”

Dulcineo wirkte jetzt entspannt, legte aber bewusstes Gewicht in jedes Wort.
“Mein Verbundener sagte, er stelle eine Menge Fragen... Auch Fragen zum Stieraltar meiner Väter und Vorväter.” Er beobachtete Rasdans Reaktion genau, während er ausführte: ”Dann war er mit einer Geweihten aus Schwanweiher dort. Dann hat die Geweihte den Dorfleuten eine Predigt gehalten, vor dem Segnen der Felder. Und interessanterweise dabei gewarnt vor falschen Göttern.” Nun kam die Wut durch, die schon seit Beginn des Gespräches in Dulcineo gloste: “Er sitzt und mästet sich in meinem gestohlenen Erbgut wie eine blasse Made. Vergiftet meine Leute.” Seine Knöchel um den Säbelgriff traten weiß hervor bei den Worten.
“Drei Monate schon…”

Drei Monate seit der Belehnung...und davor Jahre vergebliche Bemühungen, Alina zurückzubekommen. An die Zeit davor wollte Dulcinea gar nicht denken. Die Entrechtung. Die Fehde. Das Gut in Flammen.
Mit größter Schwierigkeit hatte sie davon abgesehen, etwas gegen Aranjuez zu machen...den Lehensherren des Vascara und den Vernichter von Dulcineas eigenem Lehen und Leben - dieser war einige Nummern zu groß. Rueda hatte keine solche Verbindung, nichts...und trotzdem blockierte Dom Rasdan. Schlug ihre Argumente und ihre Klingenstiche fort wie belanglose Insekten. Machte sich noch halb lustig über sie.

Taktik, Vorsicht, Zurückhaltung... es war ihr jetzt egal. Sie eröffnete erneut die Offensive - wütend. Als Rasdans nächste Abwehrbewegung eine Öffnung erlaubte, rammte sie ihn mit der Schulter, ihre ganze Wut dahinter. Ihre ganze Kraft, mit der sie nirgendwo hin konnte.

Darauf hatte der Tyraner gewartet, er ließ di Alina einfach gegen sich laufen, gegen eine Mauer, die nicht wich. Das Gewicht des anderen war zu gering, um ihn ernsthaft ins Wanken zu bringen, auch wenn dessen Schulter ihm einen ordentlichen Schlag in die Magengegend versetzte, was ihn aufstöhnen ließ.

Dann ging er selber mit vollem Körpereinsatz in sein Gegenüber hinein. Ließ den Linkhand fallen, griff mit der freien Hand nach dem Hinterkopf Dulcineos und drückte sein Gesicht an seine Stirn, nicht brutal, eher väterlich. Gleichzeitig packte er mit der gepanzerten Hand nach dem Säbel, hielt ihn umklammert. “Ihr seid geblendet vom Zorn. Ihr verliert das Ziel aus den Augen. Und bei einem Bullen, der nur noch rot sieht, ist es ein Leichtes, ihn in den Staub zu drücken.”

Dulcineo spürte den Druck der Faust, die seine Waffe drehte, und erwartete, dass Rasdan die Klinge gegen ihn wenden würde. Zu seiner Überraschung drückte der Tyraner jedoch die Spitze des Säbels gegen das Brandzeichen auf dessen eigener Brust. “Ihr seid hier in meinem Haus, hier gelten meine Regeln. Erkennt ihr dieses Zeichen noch in Eurem blindwütigen Eifer? Erinnert Ihr Euch an Euren Schwur?” Aus dem Narbengeflecht rann mittlerweile ein dünnes Rinnsal Blut.

Dulcineo stand angespannt, schwer atmend, den Griff im Nacken, und für einen Augenblick schien etwas in ihm nachzugeben, fast weich zu werden. Dann drückte er Rasdan von sich, oder eher - drückte sich selbst von ihm weg, ihm die Klinge überlassend.
Mit wiedererlangter Kühle fragte er dann nur: "Wann? Bis wann soll ich warten?"

Dass der Dulcineo ihn mit aller Kraft auf Abstand drückte, quittierte der Tyraner mit einem unwilligen Schnaufen, den Säbel in der gepanzerten Faust nun absenkend.
“Vermutlich eher, als Euch dann lieb ist. Die Zeichen stehen auf Sturm.” Er musterte Dulcineo, fest wie ein Berg. “Ich habe Euch versprochen, dass Ihr Genugtuung bekommen werdet, aber es gelten weiterhin meine Bedingungen. Derzeit geschieht weit Größeres, das Ihr hinter Euren Scheuklappen nicht seht. Folgt mir, harrt der Dinge und umso stärker wird euer Triumph sein. Und wenn stimmt, was Ihr sagt, dann wird der Stier diesen Spötter in den Staub trampeln.
Wenn Eure Geduld aber nicht ausreicht, erinnert Euch: Wer das Zeichen trägt, ist daran gebunden…”

Was, bei den Niederhöllen, war das jetzt gewesen. Dulcinea starrte immer noch irritiert. Sie hatte erwartet, dass Rasdan sie ins Messer laufen ließ, oder zumindest in eine harte Attacke mit dem gepanzerten Handschuh. Das hatte sie eingerechnet. Das wäre, so wütend wie sie gerade auf alles war, vielleicht sogar willkommen gewesen. Was sie nicht erwartet hatte, war die eigenartige Wendung mit ihrer Klinge, und dass Rasdan sie einfach nur hielt.

‚Was hat er gesagt? Ich habe nicht zugehört.‘
‚Wir sollen weiter warten. Irgendwas Großes ist im Gange. Und er wird sich den Rueda ansehen.‘
Weiter warten...und wo war die Anerkennung der Informationen, die sie ihm gebracht hatten? Rasdan hatte sie gedemütigt, so fühlte es sich an. Aber irgendwie wollte sich der übliche Zorn darüber nicht einstellen.


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1almad.: Übungen/Freischläge
2almad.: Leichtgewicht
3almad.: Stierkämpfer