Unter-Punin, Peraine 1047 BF

Autoren: Jan und Amrit

Dunst hing zu dieser späten Stunde unter den niedrigen Dachbalken der Taberna San Gimeno - Pfeifenrauch, Ausdünstungen, verschüttete Getränke - und die Besucher saßen dicht gepackt. Grisoldo hatte dennoch einen Platz gefunden, wo er alleine sitzen konnte, den Humpen vor sich, das Papier jedoch achtsam unter der Tischkante gehalten. Er skizzierte die Frau mit der Elsterfeder, vorsichtig, Stück für Stück, und immer nur wenn sie vom Boltanspiel gänzlich eingenommen war. Einige Striche der dicht gelockten schwarzen Haare. Eine Kurve der scharf hervortretenden Wangenknochen. Ein Zug der Augen, die immer etwas Misstrauisches enthielten.

Die Röte ihres Gesichtes, das kaum merkliche Schwanken ihres Bechers verrieten die Frau als bereits deutlich angetrunken. Ihr Spiel schien darunter aber nicht zu leiden, und sie zeigte Fähigkeiten, die dem Herren Phex durchaus wohlgefällig waren, registrierte Grisoldo mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Anerkennung. Die Mitspieler schienen nichts zu vermuten, oder vielleicht hatten sie auch Angst, solche Vermutungen auszusprechen. So wie viele der Anwesenden, selbst die stärker alkoholisierten, einen Respektabstand erhielten zu der Frau in schwarz und gelb.

Grisoldo war kein Künstler, aber fingerfertig, und die Skizze zeigte langsam durchaus Ähnlichkeit. Nur aus dem Augenwinkel, vielleicht nur aus blindem Instinkt, merkte er aber, wie eine bullig wirkende Gestalt sich plötzlich von der Wand löste und auf ihn zusteuerte. Verdammt, wie war ihm der Beobachter nicht aufgefallen… Wenige Momente später packte ihn eine Hand grob im Nacken.

Grisoldo, die Papiere noch umklammernd, hob beschwichtigend seine freie Hand, wurde aber vom anderen quer durch die Taverne hinüber verbracht. Im Weg Stehenden wichen rasch aus oder wurden mit Wucht zur Seite gerempelt, wofür der Große, zu Grisoldos geringer Freude, auch dessen Körper einsetzte.

“Was?” fragte die Gelbgewandete barsch, als sie neben ihr angelangt waren.
“Hat immerzu rüber gesehen. Und gezeichnet.” erklärte der Mann, der den Phexjünger immer noch im eisernen Klammergriff im Nacken hielt.
“Spannend.” sagte Dulcinea langsam, stand ebenso langsam auf. “Das möchte ich sehen.”
“Es ist mir sehr unangenehm.” wand sich Grisoldo, war sich aber auch bewusst, dass jede Zögerlichkeit das Risiko drastisch erhöhte, mit ausgerenktem Arm oder Schlimmerem herauszukommen. Er streckte die Papiere Richtung der Frau.

Dulcinea übernahm sie mit einem kleinen Ruck, strich sie glatt und betrachtete die Skizze. Das Bild zeigte eine blonde Frau, genauer gesagt eine Amazone; doch sowohl ihre Ausstattung als auch ihre Pose schienen eher in Rahjas Domäne zu gehören als in jene der Löwin.

Dulcinea starrte mit deutlicher Irritation erst die Zeichnung an, dann den schmächtigen Burschen, der sie offenbar fabriziert hatte. “Es tut mir leid", fiepte der. “Ich zeichne gern solche kleinen Bilder beim Trinken.” Der muskulöse Kerl, der ihn hergeführt hatte, wirkte nicht glücklich, weshalb er Grisoldo kurz mit der Wand kollidieren ließ. “Warum hast du ständig zu ihr geschaut? Hm?”
“Sie…sie hat so eine Präsenz, die den Raum dominiert. Ich werde es nicht mehr tun.” beteuerte der Phexjünger und sah wirklich sehr beschämt aus.

Dulcinea starrte noch einen Moment, dann zuckte es um ihre Mundwinkel. Nicht ganz klar, ob es Heiterkeit war oder Wut. Sie gab dem Großen mit bloßer Bewegung des Kopfes eine Weisung. Der schleifte Grisoldo zum Ausgang und warf ihn auf die Straße.

Erst als der hohe Schatten in der beleuchteten Tür verschwunden war, richtete der Phexjünger sich vorsichtig auf, klopfte den Staub ab und fühlte dann durch den Stoff seiner Kleidung an seine Seite. Die eigentliche Skizze war noch dort, wo er sie bei seiner Entdeckung rasch geschoben hatte. Gut.

_________________

Am nächsten Tage, in einer kleinen Kammer am Ende eines engen Hinterhofs in Unter-Punin. Eine einzelne Funzel brannte auf einem kleinen, mitleiderregenden Tischlein. Auch der Rest der Möbel war eher rudimentär. Nur einige in dieser Umgebung krude und gruselig anmutende Zeichnungen und Geräte ließen einen Fremden erahnen, wer hier wirklich hauste.

Die Comerciante besah sich diese anatomischen Werkzeuge und Zeichnungen sehr genau, nickte dann anerkennend und schwenkte den Blick hinüber zu ihrem Cliente: "Das sind schöne Instrumente die Ihr da habt, Adeptus, scharf und blitzblank - mit sehr hilfreichen Anleitungen." Sie nahm eins der Messerchen von der kleinen, sortierten Kommode - das einzige, das hier intakt schien, vermutlich eine krampfhafte Erinnerung an das Leben, das der Adeptus einst geführt hatte. Mit der Klinge in der Hand ging sie hinüber zu dem Mann, der verzweifelt versuchte Haltung zu bewahren, aber sein leichtes, nervöses Zittern verriet, dass er dazu im Grunde nicht mehr in der Lage war - und schon gar nicht um sein eigentliches Handwerk auszuführen. Zumindest nicht, bis er das bekam, was er brauchte. Was sie hatte.

Sie holte einen kleinen Beutel heraus, dieser roch verdächtig nach Mohn. Dann hielt sie das Messerchen an den Beutel. "Nicht," polterte es aus dem Magier hinaus, seine zitternde Hand schnellte nach vorne. "Aber, aber, mi bueno Horanthes, Ihr wisst doch, dass wir gute Compañeros sind. Ich will doch, dass ihr meine Leute weiter zusammenflickt und… Ihr wisst schon.” Der langbärtige Mann, dessen Kleidung versuchte, noch einen letzten Schein aufrechtzuerhalten, nickte eifrig, während sie weiter ausführte: “Ihr erhaltet dafür doch gute Bezahlung - ein feines Versteck, wo Euch Eure Schuldner nicht finden und… das hier.” Dulcinea warf dem Vinsalter Magier das Beutelchen zu. Der fing es aufgeregt und behänder als gedacht auf. Er öffnete es, inspizierte den Inhalt - Purpurmohn - setzte dann einen wütenden Blick auf. “Ihr wisst, die andere Hälfte gibt es erst nach getaner Arbeit. Ich habe einen Ausflug vor. Nun macht Euch frisch und gebt mir, was ich will.”

Kurz darauf verließ ein Mann mit edlen Zügen die Kammer - Dulcineo di Alina. Nur würde er diesen Namen nicht benutzen. Dieser Magier leistete - wenn er seinen Rausch bekam - wahrlich gute Arbeit, besser als Dulcineos übliche Verkleidungen.