Chronik.Ereignis1047 Die Große Zusammenkunft 07

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Irgendwo auf der Straße nach Baronie Brig-Lo, Ende Rahja 1047 BF

Autor: InsomniaJones


Der Wagen schaukelte gemächlich vor sich hin, und Marisca Nevasca schaukelte mit.

Sie hatte es sich gemütlich gemacht – so gemütlich wie es eben bei dem Geschaukel ging. Ansonsten war es sehr gemütlich, denn der Wagen war ihr Zuhause und sie wusste genau wo was lag. Die alte Decke mit dem Flicken an der linken Ecke unter sich, das zweite Kissen im Rücken, das Strickzeug im Schoß. Durch den Spalt zwischen den Vorhängen fiel zusätzlich Licht herein und malte einen schmalen goldenen Streifen quer über den Boden. Irgendwo in einer der Schubladen klapperte leise etwas gegen etwas anderes – das Messer wahrscheinlich, das sich seit Jahren weigerte ruhig zu liegen. Oder der Löffel. Vielleicht auch beides.

Von vorne hörte sie die gedämpften Stimmen ihrer Schwestern. Sayide sagte etwas, Belèn lachte kurz auf, dann war wieder nur das Knarzen der Räder und das gleichmäßige Klappern der Hufe zu hören. Mariscas Hände bewegten sich fast von selbst. Rechts. Links. Rechts. Der Rhythmus des Strickens und der Rhythmus des Weges fanden irgendwann zusammen.

Sie wollten nach Sercial.

Natürlich wollten sie das. Alle wollten nach Sercial.

Mira würde dort sein. Marisca lächelte unwillkürlich bei dem Gedanken. Für den Rest der Welt mochte sie Mirandola Sercial sein, Junkerin von Sercial, eine Adlige mit einem ordentlichen Gut und Leibeigenen und allem was dazugehörte – aber für Marisca war und blieb sie Mira. Cousine Mira, die irgendwann einfach adlig geworden war, als hätte Phex ihr einen besonders unwahrscheinlichen Weg eingeflüstert. Marisca wusste bis heute nicht ganz wie das passiert war. Aber Mira hatte es geschafft, und das zählte.

Marisca dachte an das letzte Mal, als sie Mira auf dem Junkergut besucht hatte. Sie hatte einen Wein … wie hieß der doch noch gleich? Irgendwas mit Blume und dem Namen eines Flusses. Marisca konnte sich nicht mehr an jeden Wein erinnern den sie je getrunken hatte – das wäre auch zuviel verlangt – aber an den Flussblumenwein erinnerte sie sich. Dieser leichte, blumige Abgang, diese Farbe im Glas wenn das Licht durchfiel. Sie hoffte sehr dass Mira davon noch hatte. Sie hoffte es mit einer Inbrunst die sie sonst eher den Göttern vorbehielt.

Bitte, Rahja.

Hori würde auch da sein. Bei dem Gedanken wurde das Lächeln breiter. Hori mit ihren ernsthaften Augen und ihrem kleinen Kram den sie mit dem Geschäftssinn einer erfahrenen Mhanah verkaufte. Marisca kaufte immer etwas. Es wäre unhöflich, nicht zu kaufen. Und außerdem – Hori war das klügste Kind das sie kannte, auch wenn Hori selbst das noch nicht wusste.

Federico würde da sein. Jamin. Miguel.

Marisca dachte an Jamin und spürte sofort dieses leise Stechen das sie immer spürte wenn sie an die Zusammenkunft dachte und gleichzeitig daran dass ihr Vater nicht kommen würde. Aurelio Nevasca würde nicht kommen.

Warum genau – das wussten wohl nur Aurelio und Jamin selbst. Marisca versuchte sich zu erinnern, kramte in den Ecken ihres Gedächtnisses wo die verblassten Dinge lagen, und fand Fragmente. Eine Stimmung. Ein Abend irgendwann, an dem die Luft zwischen den beiden Männern sich angefühlt hatte wie die Stille vor einem Gewitter. Was genau gesagt worden war, was genau passiert war – das wusste sie nicht. Vielleicht hatte sie es nie gewusst. Vielleicht hatte sie es gewusst und vergessen.

Das passierte ihr manchmal.

Die Nadeln klickten leise. Rechts. Links.

Sie dachte an Belèn – da vorne auf dem Bock, ruhig und bestimmt wie immer – und daran, dass sie einmal drei Tage lang nicht mit ihr gesprochen hatte. Drei ganze Tage. Es musste ein handfester Streit gewesen sein, dafür dass es so lange gedauert hatte. Aber worum es gegangen war, das hatte sie beim besten Willen vergessen. Vollständig. Nicht mal ein Fragment, nicht mal eine Stimmung war davon übrig.

Sie fragte sich manchmal ob Aurelio und Jamin noch wussten warum sie sich gestritten hatten. Ob sie in zwanzig Jahren noch würden sagen können: damals, wegen dieser Sache, deswegen. Oder ob auch sie irgendwann nur noch die Stille ohne den Grund dafür tragen würden.

Vielleicht wäre das leichter. Vielleicht auch schwerer.

Marisca wusste es nicht. Ihr Notizbuch lag neben ihr, aber manche Dinge schrieb man nicht auf.

Der Wagen schaukelte weiter. Die Nadeln klickten und klackten.

Sie dachte daran wer sonst noch kommen würde. Das war das Schöne an der Großen Zusammenkunft – man wusste nie ganz genau. Andere Sippen. Zahori die man kannte und Zahori die man noch nicht kannte. Und dann die Verrugos, die manchmal auftauchten, angezogen von der Wärme und dem Licht und dem Wein – oder weil sie jemanden kannten, oder weil Phex ihnen den falschen Weg gezeigt hatte, der sich dann als der richtige herausstellte. Marisca mochte diese Augenblicke. Wenn ein fremdes Gesicht ins Lagerfeuer trat und man noch nicht wusste wer das war und welche Geschichte er mitbrachte.

Geschichten hatten alle. Man musste nur fragen.

Oder zuhören, ohne zu fragen. Das funktionierte meistens besser.

Der Wagen holperte kurz über einen Stein im Weg, und Marisca griff reflexartig nach dem Notizbuch das neben ihr lag. Es war noch da. Gut.

Sie lehnte sich wieder zurück, nahm die Nadeln wieder auf, und ließ die Gedanken weiter nach Sercial wandern.

Yaquirblume, dachte sie und lächelte erfreut darüber, dass ihr der Name wieder einfiel.

Bitte, Mira. Hab welchen da.