Chronik.Ereignis1047 Die große Zusammenkunft 01

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Junkergut Sercial in der Baronie Brig-Lo, im Frühsommer des Jahres 1047 BF

Autor: BBB

Die Praiosscheibe brannte hoch am Himmel und Vöglein zwitschern ein fröhliches Liedchen in den Bäumen am Rand des Weges als Mirandola Sercial, die Junkerin von Sercial, die weiten Weiden ihrer Ländereien passierte. Etwa drei Hand voll Rinder, Puniner Hornochsen, grasten friedlich zu ihrer Linken, darunter auch drei oder vier Jungtiere - eines kaum mehr als ein paar Wochen alt. Die Junkerin hielt ihr Pferd an und betrachtete die langmähnigen Tiere aufmerksam. Für gewöhnlich hatten Puniner Hornochsen kurzes, sehr glattes Fell, doch Maquedar, ihr leibeigener Rinderhirte, hatte irgendeine andere Rasse mit eingezüchtet, sodass man nicht nur ihr Leder verkaufen, sondern auch ihre “Wolle” verarbeiten konnte.
Die Einnahmen gaben ihm Recht.
Erst jetzt bemerkte Mirandola, dass der Stier der Herde, ein großes, wirklich kräftiges Tier, sie ebenfalls beobachtete und nicht aus dem Blick ließ. Offenbar passte er fürsorglich auf seine Kühe und Kälber auf.

“Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, mein Lieber. Ich tue euch nichts”, versicherte Mirandola zufrieden lächelnd. Dann setzte sie ihren Weg fort. Es konnte nicht mehr weit sein. Das Gehöft des Rinderhirten - nein, ihr Gehöft, genau wie es ihr Rinderhirte war - konnte nicht mehr weit sein.

Selbst nach so vielen Götterläufen war Mirandola das Konzept der Leibeigenschaft noch immer fremd. Wie konnte man sich nur in die Abhängigkeit von einem anderen Menschen begeben, seine Freiheit so vollständig aufgeben? Sie verstand es noch immer nicht. Gut, ihre Fellachen - so nannte man die Leibeigenen - waren allesamt in Leibeigenschaft geboren worden, sie kannten nichts anderes. Und dennoch war es ihr ein Rätsel.
Mehr als einmal hatte sie ihren Untergebenen angeboten, sie in die Freiheit zu entlassen. Bislang hatten sie stets abgelehnt.

Nunja.
Es war ein weiterer Punkt, den sie wohl nie verstehen würde. Vielleicht rann ja doch Blut von Zahoris in ihr. Es wäre immerhin eine plausible Erklärung.

“Euer Wohlgeboren von Sercial!”, begrüßte sie Maquedar, als er sie kommen sah. Der Rinderhirte war ein wahrer Hühne von Mann - gut einen halben bis ganzen Kopf größer als die meisten Almadaner, von unverkennbar tulamidischer Abstammung und kräftig gebaut, sodass man ihm nicht nur zutraute sich hervorragend um seine Stiere zu kümmern - sondern vielleicht sogar erfolgreich mit diesen zu Ringen.
“Wir hatten nicht mit so hohem Besuch gerechnet. Lasst mich Euch helfen!” Dienstbeflissen reichte er der Junkerin eine Hand, die diese dankend annahm und sich aus dem Sattel schwang.
“Was führt Euch auf unser bescheidenes Gut?”, fragte er dann vorsichtig.

“Ist Tsayano da?”, ignorierte die Junkerin zunächst die Frage. Leichte Sorge zeigte sich auf Maquedars Gesicht, offenbar rechnete er mit schlechten Nachrichten für den Knecht, doch Mirandola winkte schnell ab, bedeutete ihm mit einem freundlichen Kopfschütteln, dass er nichts zu befürchten hatte. “Nein, nein, es ist alles gut”, lachte sie, “ich wollte nur verhindern alles zweimal erzählen zu müssen.”

Erleichtert atmete Maquedar laut hörbar aus. Dann erklärte er: “Tsayano ist bei den Rindern… ich kann ihn gern holen, wenn Ihr dies wünscht. Oder ich kann ihn später informieren”, bot er an, was Mirandola dankend annahm.
“Dann machen wir das so.”

Gemeinsam wandten sie sich in Richtung des Hofes. Maquedar ging voraus, Mirandola folgte, das Pferd am Zügel, während sie erklärte: “Dann will ich dich nicht weiter auf die Folter spannen, mein Lieber. Ich bin heute gekommen, um Bescheid zu geben. Du weißt, dass ich jeden Götterlauf meinen Freunden und ihren Liebsten über die Namenlosen Tage Zuflucht gewähre…?”

Maquedar nickte. “Die Große Zusammenkunft”, sagte er, mehr zu sich selbst als zu seiner Herrin.

“Ja, so nennt man sie wohl mittlerweile”, bestätigte Mirandola Sercial. “Nun, um meine Fellachen nicht über die Maßen damit zu strapazieren, wechsle ich regelmäßig den Lagerplatz. Und diesen Götterlauf habe ich entschieden, die Zusammenkunft hier abzuhalten. Auf deinem Hof.”

Maquedar hielt überrascht mitten im Schritt inne.
Das waren überraschende Neuigkeiten!