Chronik.Ereignis1045 Die Dinge, die man zurücklässt 04
Mûr in der Baronie Bangour, Peraine 1045 BF
Autor: Amarinto
Die Rose von Mûr
Am Morgen nach Lioras Tod war Mûr stiller als gewöhnlich. Nicht wirklich still. Ein Dorf konnte sich das nicht leisten. Tiere mussten gefüttert, Öfen entzündet, Wasser getragen und Kinder daran erinnert werden, dass selbst ein Todesfall sie nicht davon entband, ihre häuslichen Pflichten zu erledigen. Aus der Schmiede erklang kein Hammer, doch im Hof schnaubte ein Pferd. Hinter dem Gasthaus wurden Holzscheite gestapelt. Eine Tür fiel ins Schloss, irgendwo klirrte ein Eimer, und über den Dächern rief jener Hahn, der schon am Vortag so selbstbewusst gekräht hatte. Dennoch lag über Mûr eine gedämpfte Behutsamkeit. Menschen senkten die Stimmen, wenn sie am Peraine-Schrein vorbeigingen. Die Kinder spielten nicht auf dem Platz. Selbst der Regen hatte aufgehört, als wolle die Welt wenigstens für einige Stunden darauf verzichten, den Eindruck vollständiger Gleichgültigkeit zu erwecken.
Jandara bemerkte nichts davon. Sie saß noch immer auf dem Boden in Lioras Zimmer. Das Porträt stand vor ihr auf der Staffelei. Die Kerze war längst heruntergebrannt. Durch das Fenster fiel fahles Morgenlicht auf die gemalte Frau, die einen Becher in beiden Händen hielt und mit einem sanften, ungeschützten Lächeln in eine Welt blickte, die ihr offenbar nichts nehmen konnte. Jandaras Rücken schmerzte. Ein Fuß war eingeschlafen. Ihre Kleidung roch nach feuchtem Wald, Rauch und der Nacht, die sie nicht im Bett verbracht hatte. Sie hatte seit der Rückkehr vom Bach weder die Kleider gewechselt noch das Haar geöffnet. Unter den Fingernägeln klebte noch dunkle Erde von jener Stelle, an der Liora gelegen hatte. Sie betrachtete die Finger häufiger als das Bild. Irgendwann klopfte es. Jandara antwortete nicht.
Nach einer Weile öffnete sich die Tür. Rogerio trat ein und blieb im Türrahmen stehen. Er trug ein Tablett mit Brot, Käse und einem Becher dampfenden Kräutertees. Keinen Wein. Sein Blick fiel auf Jandara, dann auf das Porträt. Er kannte es offenbar noch nicht. Für einen Augenblick veränderte sich sein Gesicht, doch er fragte nicht. „Die Geweihte ist da“, sagte er. „Liora ist gewaschen und angekleidet. Sie liegt im Schrein. Die Leute aus dem Dorf können später Abschied nehmen, aber bis zur Praiosstunde bleibt der Raum für Euch frei.“ Jandara bewegte sich nicht. „Für mich.“ „Ihr habt darum gebeten.“ „Ich erinnere mich.“ Rogerio stellte das Tablett auf den kleinen Tisch. „Ihr solltet vorher etwas essen.“ „Ihr besitzt eine erstaunliche Beharrlichkeit. Man könnte glauben, Brot sei in Mûr eine anerkannte Antwort auf jede Form menschlichen Elends.“ „Nein. Aber Menschen müssen auch dann essen, wenn es keine Antwort gibt.“ Jandara hob den Blick. „Das ist entweder sehr weise oder sehr naiv.“ „In Mûr ist das oft dasselbe.“ Er wartete. Jandara sah wieder zum Porträt. „Hat man ihr Gesicht...“ Der Satz brach ab. Sie begann von Neuem. „Kann man die Verletzungen sehen?“ Rogerio antwortete vorsichtig. „Einige. Die Frauen haben getan, was sie konnten. Die Geweihte sagte, man solle nicht versuchen, jeden blauen Fleck zu verbergen. Liora ist gestürzt. Das gehört zu ihrem Tod, auch wenn es nicht alles ist, was von ihr bleiben soll.“ Jandaras Mund verzog sich. „Ein frommer Satz.“ „Vielleicht.“ „Und ein vernünftiger.“ „Auch das.“ „Ich hasse vernünftige Sätze.“ Rogerio nickte. „Das ist nicht zu übersehen.“ Jandara stützte eine Hand auf den Boden und stand auf. Ihre Beine waren steif, und für einen kurzen Augenblick schwankte sie. Rogerio machte eine Bewegung auf sie zu, blieb aber stehen, als sie ihn ansah. „Ich brauche keine Hilfe.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Ihr habt es gedacht.“ „Menschen denken vieles. Nicht alles muss zu einem Streit werden, Domna Jandara.“ Jandara nahm den Hut vom Stuhl. Er war fleckig, die Feder an einer Seite verklebt. Sie strich sie mit zwei Fingern glatt, gab den Versuch jedoch bald auf. „Wie sieht man aus, wenn man sich von jemandem verabschiedet, den man vielleicht hätte retten können?“ Rogerio antwortete nicht sofort. „Ich glaube nicht, dass es dafür eine richtige Kleidung gibt.“ „Das ist sehr bedauerlich. Kleidung ist gewöhnlich die letzte zuverlässige Verteidigung gegen Situationen, in denen man nichts zu sagen weiß.“ Sie legte den Schwertgurt an. Die beiden Rapiere hingen an ihrer Hüfte, vertraut und schwer. Einen Augenblick lang schien sie sich an ihnen festzuhalten, nicht mit den Händen, sondern durch die bloße Gewissheit ihrer Anwesenheit. Dann setzte sie den Hut auf. Rogerio blickte auf die Waffen. „Ihr müsst sie nicht mitnehmen.“ „Ich weiß.“ „Im Schrein braucht Ihr sie nicht.“ Jandara schloss die Schnalle ihres Gürtels. „Gerade deshalb.“ Rogerio widersprach nicht. Sie nahm weder das Brot noch den Tee. Als sie an ihm vorbeiging, sagte er: „Das Bild ist hier sicher.“ Jandara blieb im Türrahmen stehen. „Niemand berührt es.“ „Natürlich nicht. Niemand berührt es.“ Sie nickte und ging die Treppe hinunter.
Der Weg über den Dorfplatz war kurz. Jandara brauchte lange dafür. Menschen sahen sie. Sie taten es nicht neugierig, jedenfalls nicht offen. Eine Frau, die mit einem Korb vom Brunnen kam, trat zur Seite und senkte den Kopf. Esindio stand vor der geschlossenen Schmiede. Als Jandara an ihm vorbeiging, nahm er die Mütze ab. Sie hätte beinahe etwas gesagt. Einen spitzen Satz über die Feierlichkeit seines Auftretens. Eine spitze Bemerkung. Irgendetwas, das den Augenblick in eine Form brachte, die sie beherrschte. Nichts kam. Esindio ließ sie schweigend passieren. Vor dem Peraine-Schrein standen zwei Körbe mit frischen Blumen. Rosen, weiße Wiesenblüten, Kräuterzweige und kleine Ährenbündel. Keine prächtigen Kränze. Die Menschen von Mûr hatten genommen, was in ihren Gärten und auf ihren Feldern wuchs. So wie es der Brauch war. Jandara blieb vor den Körben stehen. Zwischen den weißen Blüten lag eine einzelne tiefrote Rose. Sie zog sie heraus. Ein Dorn stach ihr in den Finger. Ein kleiner Blutstropfen trat hervor. Jandara betrachtete ihn. Dann ging sie hinein.
Der Schrein war heller als in ihrer Erinnerung. Die Fensterläden standen offen. Kaltes Morgenlicht fiel auf die weiß gekalkten Wände, auf die alten Bildtafeln und die Statue der Peraine, die mit gesenktem Blick über den Raum wachte. Vor ihr brannten wenige Kerzen. Der Geruch von Wachs, Kräutern und frischem Wasser hatte Leinöl und Farbe verdrängt. Liora lag auf dem schlichten steinernen Altar. Man hatte ihr ein weißes Gewand angezogen. Es war weder fein noch feierlich, nur sauber und schlicht. Ihre Hände ruhten auf dem Leib. Das kurze helle Haar war gekämmt worden und rahmte ihr Gesicht in jenem vertrauten Pagenschnitt, der nun zu ordentlich wirkte. An der linken Schläfe zeichnete sich eine dunkle Schwellung ab. Auf der Wange lagen bläuliche Schatten, am Kinn eine kleine Schramme. Trotz aller Sorgfalt waren die Spuren des Sturzes nicht verschwunden. Jandara schloss die Tür hinter sich. Das Geräusch war leise. Trotzdem zuckte sie zusammen. Sie ging auf den Altar zu. Nicht direkt. Zuerst trat sie zur Seite, als müsse sie eines der Bilder betrachten. Dann zum Fenster. Schließlich zu den Kerzen. Es war derselbe Raum, in dem Liora auf einer Leiter gestanden, Pigmente gemischt und Jandara erklärt hatte, dass Menschen oft deshalb streng aussähen, weil der Rauch ihre Gesichter verdunkelt habe.
Nichts im Schrein hatte sich verändert. Nur die komplette Ordnung der Welt. Jandaras Welt. Jandara blieb am Fuß des Altars stehen. „Du siehst furchtbar aus“, sagte sie. Ihre Stimme klang fremd in dem stillen Raum. „Das soll keine Beleidigung sein. Ich weiß, dass du meine ästhetischen Urteile nicht besonders ernst genommen hast. Trotzdem muss jemand es sagen. Diese Leute haben dein Haar viel zu ordentlich gekämmt. Du hast behauptet, es falle von selbst so, aber das war offenbar eine Lüge. Ich hätte misstrauischer sein sollen. Menschen, die behaupten, ohne Mühe gut auszusehen, verbergen gewöhnlich ganze Armeen aus Kämmen und Schminke.“ Liora antwortete nicht. Jandara trat näher. Sie legte eine Hand auf die kalte Steinkante des Altars. Die andere hielt die Rose. Ihre Finger zitterten kaum sichtbar. „Ich habe dir gesagt, du seist gut darin, ohne mich zurechtzukommen.“ Sie blickte auf Lioras Gesicht. „Das war nicht besonders geistreich. Nicht einmal elegant grausam. Nur klein. Ich hätte mir wenigstens mehr Mühe geben können. Wenn man einem Menschen die letzten Worte mitgibt, sollte man etwas wählen, das später würdig genug ist, einen zu verfolgen.“ Ihre Hand auf dem Stein spannte sich an. „Natürlich wusste ich nicht, dass es die letzten sein würden. Das ist die übliche Verteidigung, nicht wahr? Niemand weiß es. Jeder Abschied könnte der letzte sein, und wenn wir entsprechend lebten, kämen wir nie aus einer Tür, ohne ein Gedicht zu sprechen und drei Menschen um Vergebung zu bitten. Das wäre unerträglich. Die Welt würde an ihrer eigenen Feierlichkeit ersticken.“ Sie lachte leise. Der Laut brach fast sofort ab. „Aber ich wusste, dass ich dich verletzt hatte.“ Jandara neigte sich über den Altar. Ihr Gewicht lag nun auf dem gestützten Arm. Sie war Liora so nahe, dass sie die feinen Linien an deren geschlossenen Augen sehen konnte. „Das wusste ich. Ich wusste es, als du zur Tür gingst. Ich wusste es, als ich den Satz sagte. Ich wusste es, als du draußen warst. Ich wusste es den ganzen Tag.“

Sie hob die Rose. Für einen Augenblick schien sie nicht zu wissen, wohin damit. Schließlich legte sie die Blüte auf Lioras Brust, genau zwischen die gefalteten Hände. „Ich hätte dir nachgehen können.“ Keine Antwort. „Nicht weil ich wusste, dass du in Gefahr warst. Das wusste ich nicht. Nicht weil ich dich sicher hätte retten können. Das weiß ich nicht. Ich hätte dir nachgehen können, weil ich Unrecht hatte.“ Jandaras Schultern sanken. Die Haltung war nicht dramatisch. Keine sorgfältig gewählte Geste. Ihr Körper gab einfach einen Teil jener Spannung auf, die ihn seit dem Morgen aufrecht gehalten hatte. „Ich habe immer geglaubt, Reue sei im Grunde eine sehr schlechte Form von Eitelkeit. Man tut etwas Hässliches, empfindet sich danach besonders elend und leidend und macht sich dadurch wieder zur Hauptfigur. Vielleicht stimmt das sogar. Ich sitze hier und rede, während du tot bist. Du hast nicht einmal mehr die Möglichkeit, mir zu sagen, dass ich mich selbst zu wichtig nehme.“ Sie strich mit dem Daumen über die Steinkante. „Du hättest es gesagt.“
Lioras Gesicht blieb unverändert. Jandara sah auf die blauen Flecken an ihrer Wange. Zum ersten Mal stellte sie sich nicht vor, wie Liora gestürzt war. Sie stellte sich vor, wie diese danach dort unten gelegen hatte. Im Regen. Verletzt. Wartend. Vielleicht wütend. Vielleicht überzeugt, dass bald jemand kam. Vielleicht hatte sie Jandaras Namen gerufen. Vielleicht auch nicht. Die Ungewissheit öffnete sich vor Jandara wie ein Abgrund ohne Boden. Jeder Gedanke führte zu einem anderen. Jede Möglichkeit war zugleich Trost und Anklage. Sie schloss die Augen. „Hast du auf mich gewartet?“ Der Satz kam kaum hörbar. „Hast du geglaubt, ich würde doch noch kommen?“ Ihre Finger krallten sich in den Stein. „Oder hast du gewusst, dass ich nicht komme?“ Sie senkte den Kopf. Kein Weinen. Nicht, weil sie sich beherrschte. Die Tränen kamen einfach nicht. Ihr Schmerz war zu groß und zugleich zu starr, als hätte er sich nicht in Tränen, sondern in etwas Schweres verwandelt, das hinter dem Brustbein lag und jeden Atemzug enger machte.
„Ich kann mit beidem nicht leben“, flüsterte sie. „Wenn du auf mich gewartet hast, habe ich dich im Stich gelassen. Wenn du nicht auf mich gewartet hast, dann habe ich dir vorher schon beigebracht, dass du es nicht tun solltest.“ Sie stand lange so. Eine Hand auf dem Altar. Das Gesicht über Liora gebeugt. Die Rose zwischen ihnen. Hinter ihr brannten die Kerzen ruhig weiter. Durch das offene Fenster drang der Duft feuchter Erde. Ein Vogel setzte sich auf das Sims, hüpfte zweimal hin und her und flog wieder davon.
Schließlich hob Jandara den Kopf. Ihr Gesicht war trocken. Doch etwas darin war gebrochen. Nicht offen, nicht vollständig. Es war vielmehr jener erste feine Sprung, der durch Glas lief, bevor es auseinanderfiel, sichtbar nur im richtigen Licht und trotzdem nicht mehr rückgängig zu machen. Sie nahm den Hut ab. Nicht feierlich. Er störte sie. Sie legte ihn neben sich auf den Stein. Dann berührte sie Lioras Hand. Die Haut war kalt und härter als am Vortag. Jandara strich mit den Fingerspitzen über die Knöchel, an denen noch kleine Schrammen vom Sturz zu sehen waren.
„Ich habe dich geliebt.“
Die Worte kamen ohne Schmuck. Jandara verzog das Gesicht, als hätte sie etwas Bitteres geschluckt. „Das ist ein armseliger Zeitpunkt, es auszusprechen.“ Sie wartete. Vielleicht darauf, dass der Satz etwas veränderte.
Er tat es nicht. Liora war tot.
Jandara nahm die Hand zurück. „Ich werde nicht versprechen, ein besserer Mensch zu werden. Du hättest mir das nicht geglaubt, und ich wäre dir böse gewesen, weil du recht gehabt hättest. Ich werde auch nicht versprechen, nie wieder zu trinken, nie wieder jemanden zu verletzen oder fortan jede Sorge in eine tugendhafte Tat zu verwandeln. Das wären schöne Lügen, und ich habe dir bereits genug davon gegeben.“ Sie setzte den Hut wieder auf.
„Aber ich werde mich erinnern.“ Ihre Stimme war nun fester. „Nicht nur an dich. Auch an den Morgen. An die Tür. An den Satz. An den Abend, an dem ich lieber recht behalten als nachsehen wollte, ob du sicher bist. Ich werde mir nicht erlauben, daraus eine hübsche Tragödie zu machen, in der der Regen, der Steg oder die Götter schuld sind. Der Steg ist gebrochen. Du bist gestürzt. Das ist wahr.“ Sie strich die Kleider glatt.
„Und ebenso wahr ist, dass ich hätte mitgehen sollen.“ Jandara beugte sich noch einmal zu Liora hinunter. Sie küsste sie nicht auf die Lippen. Die Geste wäre ihr zu sehr wie eine Aufführung vorgekommen, selbst ohne Zuschauer. Stattdessen legte sie die Stirn für einen kurzen Augenblick auf Lioras Hand. Dann richtete sie sich auf. Als sie sich zur Tür wandte, bewegte sich die Rose leicht auf dem weißen Stoff, blieb aber liegen. Jandara sah nicht zurück.
Am Nachmittag begann die Totenwache. Jandara nahm nicht daran teil. Die Bewohner Mûrs gingen einzeln oder in kleinen Gruppen zum Schrein. Menschen, deren Bilder Liora restauriert hatte. Familien, deren Kinder sie gezeichnet hatte. Der Vogt, ohne Feder am Hut. Esindio mit gewaschenen Händen, in deren Rissen dennoch schwarzer Schmiedestaub saß. Rogerio und seine Frau. Zwei kleine Kinder legten eine Handvoll Feldblumen auf den Altar und wurden von ihrer Mutter rasch hinausgeführt, als eines von ihnen fragte, ob Liora nun für die Götter malen würde.
Jandara saß währenddessen in der Schenke. Vor ihr stand kein Wein. Rogerio hatte ihr nichts gebracht, und sie hatte nichts bestellt. Gegen Abend kam die Peraine-Geweihte zu ihr. Sie war eine Frau von vielleicht sechzig Götterläufen, breit gebaut, mit grauem Haar und groben Händen. Ihr grünes Gewand war schlicht. Auf der Brust trug sie eine hölzerne Ähre. Sie setzte sich Jandara gegenüber, ohne zu fragen. Jandara betrachtete sie.
„Falls Ihr vorhabt, mir zu erklären, dass Leben und Tod Teile eines großen, von den Göttern geschaffenen, Kreislaufs seien, möchte ich Euch warnen. Ich bin augenblicklich nicht in der Lage, Kreisläufe zu schätzen. Sie führen mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit dorthin zurück, wo man begonnen hat.“ Die Geweihte legte beide Hände auf den Tisch. „Ich wollte Euch fragen, was mit Lioras Sachen geschehen soll.“ Jandara blinzelte. „Das ist erfreulich pragmatisch.“ „Als Diener der Götter kümmern wir uns um das, was bleibt. Auch um Stiefel, Pinsel und offene Rechnungen.“ „Dann besitzen die Götter ein besseres Verständnis von Trauer als viele Dichter.“
Die Geweihte nahm den Spott hin. „Liora hat eine Truhe hinterlassen. Einige Kleider, Werkzeuge, Zeichnungen und Briefe. In ihrer Tasche war außerdem ein Schreiben ihrer älteren Schwester. Sie lebt bei Ragath. Wir werden ihr Nachricht schicken. Der größte Teil des Nachlasses gehört wohl ihr.“ Jandaras Finger bewegten sich auf der Tischplatte. „Natürlich.“ „Rogerio sagte, in Lioras Zimmer stehe ein Porträt von Euch.“ Jandara hob den Blick.
„Es gehört mir.“
Die Schärfe kam so schnell, dass selbst sie davon überrascht schien. Die Geweihte blieb ruhig. „Hat Liora es für Euch angefertigt?“ „Ja.“ „Dann gehört es Euch.“ Jandaras Schultern entspannten sich kaum merklich. „Ihr habt keine Absicht, eine moralische Prüfung daraus zu machen? Keine Frage, ob ich es verdient habe?“ „Erbe folgt nicht dem Verdienst.“ „Eine Erkenntnis, die der Adel seit Jahrhunderten erfolgreich verteidigt.“ „Und die Toten geben manchmal Dinge an Menschen, die damit leben müssen.“ Jandara sah sie an. Die Geweihte sprach weiter. „Auf der Rückseite steht etwas.“ Jandara hatte die Rückseite nie betrachtet. „Was?“ „Das solltet Ihr selbst lesen.“
Sie stand auf. „Liora wird morgen früh auf dem Boronanger bestattet. Ihr könnt mitkommen oder vorher abreisen. Niemand wird Euch daraus einen Vorwurf machen.“ Jandara lachte leise. „Das Dorf ist heute bemerkenswert großzügig mit Dingen, die niemand ausspricht.“
Die Geweihte blieb stehen. „Ihr möchtet, dass man Euch beschuldigt.“ Jandaras Gesicht verhärtete sich. „Eine ungewöhnliche Form geistlichen Trostes.“ „Es wäre leichter für Euch. Dann könntet Ihr widersprechen, Euch verteidigen oder die Beschuldigung annehmen. Schuld wird erträglicher, wenn sie eine klare Form erhält und jemand darüber urteilt.“ „Und Ihr wollt das nicht tun.“ „Nein.“ „Warum?“ „Weil ich nicht weiß, ob Ihr Liora hättet retten können.“ Jandara stand abrupt auf. „Das weiß niemand.“ „Ja.“ „Und dennoch hätte ich...“ „Mitgehen sollen.“ Die Geweihte sprach es ohne Härte aus. Jandara verstummte.
„Das wisst Ihr“, fuhr die Frau fort. „Dafür braucht Ihr kein Urteil von mir, den Dörflern oder gar den Göttern. Was Ihr nicht wisst, ist, ob Euer Mitgehen ihren Tod verhindert hätte. Diese beiden Dinge sind nicht dasselbe, auch wenn Ihr sie jetzt aneinanderketten möchtet.“ „Das ist eine feiner Unterschied.“ „Feine Unterschiede können schwere Lasten tragen.“ Jandara sah zur Seite. „Und was soll ich mit diesem Unterschied anfangen?“ „Heute nichts.“ „Sehr hilfreich.“ „Ihr seid nicht verpflichtet, jede Wahrheit sofort in Nutzen zu verwandeln.“ Die Geweihte ging zur Tür. Dort wandte sie sich noch einmal um. „Die Menschen, die wir verlieren, haben nichts davon wenn wir uns selbst vernichten.“ Jandara lächelte kalt. „Ihr kanntet sie doch kaum.“ „Ich sprach nicht von Liora.“ Dann ging sie. Jandara blieb. Nach einigen Augenblicken griff sie nach dem leeren Becher auf dem Tisch, stellte fest, dass er tatsächlich leer war, und setzte ihn wieder ab.
Sie ging zu Lioras Zimmer. Diesmal zündete sie zwei Kerzen an. Das Porträt stand unverändert auf der Staffelei. Jandara trat dahinter und sah die Rückseite an. Dort standen nur vier Worte. Jandara. Am Morgen. Liora. Keine Liebeserklärung. Kein Datum. Keine Bitte, sich zu erinnern. Nicht einmal ein Satz. Nur ein Name, ein Augenblick und der Name der Frau, die ihn festgehalten hatte. Jandara strich mit dem Daumen über die Schrift. Sie erinnerte sich an den Morgen. An den Tee. An Lioras Stimme, die ihr befohlen hatte, stillzuhalten. An den Staub im Licht. An den Augenblick, in dem ihre Blicke sich getroffen hatten und Jandara gelächelt hatte, ohne zuerst zu entscheiden, welche Wirkung dieses Lächeln haben sollte.
Das Bild zeigte keinen besseren Menschen. Liora hatte recht gehabt. Es zeigte nur einen Augenblick. Jandara setzte sich auf den Stuhl vor der Staffelei. „Du hast dir nicht einmal die Mühe gemacht, etwas Abschließendes zu schreiben“, sagte sie. „Das ist entweder bemerkenswert geschmackvoll oder eine letzte Form von Grausamkeit. Ein anständiger Abschiedsbrief hätte mir wenigstens Sätze gegeben, mit denen ich streiten könnte.“ Sie lehnte sich zurück. „Jandara. Am Morgen.“ Ihre Lippen formten die Worte. „Als hätte das genügt.“ Lange saß sie dort. Dann begann sie, Lioras Sachen zu ordnen. Nicht aus Pflichtgefühl. Sie konnte die Unordnung nicht ertragen. Sie legte die Pinsel nebeneinander, verschloss Fläschchen, wickelte Kohlestifte in Stoff und faltete die Kleider. Bei jedem Gegenstand entstand der gleiche absurde Gedanke: Liora würde ihn später suchen. Der feine Pinsel gehörte nicht in die große Tasche. Das grüne Kleid wurde anders gefaltet. Die Stiefelschnalle musste noch angenäht werden.
Jandara legte sie auf das Kleid. Schließlich fand sie zwischen Zeichnungen ein kleines Blatt. Darauf war ihre Hand skizziert, wie sie einen Würfel hielt. Eine andere Zeichnung zeigte ihren Hut auf einem Tisch. Auf einer dritten hatte Liora nur Jandaras Mund festgehalten, mit jenem schiefen Zug, der ihrem üblichen Spott vorausging. Keine der Zeichnungen war vollendet. Jandara hielt das letzte Blatt lange in der Hand. Dann legte sie es in die Truhe der Schwester.
Das Porträt nahm sie an sich. Sie wickelte es sorgfältig in ein Leinentuch und band es mit einer Schnur zusammen. Es war nicht groß, aber sperrig genug, dass sie es nicht bequem am Sattel befestigen konnte. Sie versuchte mehrere Möglichkeiten und verwarf jede, die das Bild zu starkem Druck oder Feuchtigkeit aussetzte. Rogerio fand sie im Hof, wo sie vor ihrem gepackten Pferd stand und die Schnur zum dritten Mal löste. „Ihr reist ab.“ „Das scheint mir die angemessene Reaktion auf meinen Aufenthalt zu sein. Mûr hat genug von meiner Gesellschaft erhalten.“ „Lioras Bestattung ist morgen.“ Jandara zog die Schnur fester. „Ich habe mich verabschiedet.“ „Das ist nicht dasselbe.“ „Nein. Eine Bestattung hat mehr Zeugen.“ Rogerio trat näher. „Niemand erwartet eine Rede von Euch.“ „Das ist beruhigend. Menschen erwarten gewöhnlich gerade dann Reden von mir, wenn Schweigen meine einzige brauchbare Reaktion wäre.“ Er betrachtete das verschnürte Bild. „Ihr solltet bis morgen bleiben. Der Himmel zieht wieder zu.“ Jandara lachte kurz. „Wir haben bereits festgestellt, dass ich Ratschläge vor allem dann annehme, wenn sie meinen schlechteren Absichten entsprechen. Heute möchte ich fort. Daher wäre es geradezu moralisch verdächtig, auf Euch zu hören.“ Rogerio ließ sich davon nicht reizen. „Wohin?“ „Nach Hellenwald.“
„Heute erreicht Ihr höchstens die alte Köhlerhütte hinter dem Nordhang.“ „Dann besitzt sie heute den beneidenswerten Rang meines Reiseziels.“ „Ihr habt kaum geschlafen.“ „Das dürfte die Wiederholung eines Fehlers verhindern.“ Rogerio sah sie lange an. „Ihr müsst nicht allein fort.“ Jandara hob den Blick. „Doch.“ „Nein.“ „Rogerio, ich schätze Eure neuerdings entwickelte Neigung, mir zu widersprechen. Unter anderen Umständen könnte daraus eine solide Bekanntschaft entstehen. Aber dies ist einer jener Augenblicke, in denen Menschen gern behaupten, niemand müsse etwas allein tragen. Das klingt schön und ist meistens falsch. Manche Dinge werden nicht leichter, wenn jemand das andere Ende anfasst. Sie werden nur geteilt, und nicht jeder hat das Recht auf einen Teil davon.“ „Ich meinte nur, dass Esindio Euch bis zur nächsten Straße begleiten könnte.“ Jandara schloss kurz die Augen. „Das war beinahe enttäuschend pragmatisch.“ „Wir sind in Mûr.“ „Ja.“ Sie legte eine Hand auf das eingewickelte Bild. „Ich werde allein reiten.“ Rogerio nickte.
Dann ging er ins Gasthaus und kehrte mit einem Beutel zurück. „Brot. Käse. Getrocknete Äpfel.“ Jandara nahm ihn. „Ihr werdet nicht aufgeben, bis jedes moralische Unglück dieser Welt wenigstens ordentlich verpflegt ist.“ „Wahrscheinlich nicht.“ Sie befestigte den Beutel am Sattel. „Was schulde ich Euch noch? Für das Zimmer, das Essen und die bemerkenswert schlechte Gesellschaft.“ „Nichts.“ Jandara wurde still. „Das ist keine Antwort, die ich annehmen kann.“ „Dann bezahlt beim nächsten Mal.“ Sie sah ihn an. „Ihr seid ein grausamer Mann.“ „Warum?“ „Weil Ihr eine Rückkehr voraussetzt.“ Rogerio zuckte mit den Schultern. „Ich setze nur voraus, dass Verpflichtungen Menschen manchmal weiter bringen als Hoffnung.“ Jandara zog einige Münzen aus dem Beutel und legte sie auf den Brunnenrand. „Dann verderbe ich Euch diese Zuversicht.“
Rogerio nahm die Münzen nicht. Jandara stieg auf. Esindio trat aus der Schmiede. Die Geweihte stand vor dem Schrein. Einige Dorfbewohner waren auf dem Platz, ohne dass Jandara wusste, ob sie ihretwegen dort waren oder ob Mûr lediglich seinem Alltag folgte. Sie hob die Hand. Keine große Geste. Kein Abschiedsgruß. Nur eine kurze Bewegung. Dann ritt sie davon.
Der Weg führte zunächst nach Norden. Ihr Rappe ging langsam, und das eingewickelte Porträt lag quer vor ihr, mit einem Ende auf dem Sattel, dem anderen an ihren Arm gelehnt. Es war unbequem. Jandara war dankbar dafür. Schmerz im Arm, Druck am Bein, das Scheuern des Gürtels. Alles war besser als jene formlose Enge in ihrer Brust. Sie ritt mehrere Stunden. Anfangs sprach sie mit dem Pferd. Über die Straße. Über das Wetter. Über die offenkundige Unfähigkeit Mûrs, einen würdigen Abschied zu ermöglichen. Sie erklärte, dass sie nicht fliehe, sondern lediglich die vernünftige Einsicht gewonnen habe, ihre Anwesenheit nütze niemandem mehr. Der Rappe hörte nicht zu. Später verstummte sie.
Die Straße stieg in den Wald hinauf. Die Bäume standen dicht, ihre Zweige noch schwer vom Regen. Ab und zu löste sich Wasser und fiel in großen Tropfen auf Jandaras Hut. Nebel hing zwischen den Stämmen. Gegen Mittag erreichte sie eine Weggabelung. Der rechte Weg führte in Richtung ihrer Heimat. Der linke zu einem alten Köhlerplatz und später wieder zurück auf die Straße. Jandara nahm den linken. Sie bemerkte es erst, als die Spuren im Boden schmaler wurden und Brombeeren an den Weg rückten. „Eine ausgezeichnete Entscheidung“, sagte sie. „Endlich eine Handlung, die vollkommen frei von moralischer Bedeutung ist und ausschließlich auf mangelnder Aufmerksamkeit beruht.“
Sie hätte umkehren können. Stattdessen ritt sie weiter. Der Weg endete an einer verfallenen Köhlerhütte. Das Dach war auf einer Seite eingesunken, doch unter dem vorspringenden Teil blieb ein trockener Streifen. Daneben lag eine kleine Lichtung, auf der feuchtes Gras zwischen schwarzen Resten alter Meiler wuchs. Jandara stieg ab. Sie band das Pferd unter einem Baum fest, nahm das Porträt und ging zur Hütte. Dort setzte sie sich auf einen niedrigen Holzblock. Zunächst tat sie nichts. Dann entfernte sie die Schnur. Das Leinentuch fiel auseinander. Lioras Bild kam zum Vorschein. Jandara stellte es gegen die Wand.
Die gemalte Frau sah sie an. „Nun“, sagte Jandara. „Wir sind unterwegs.“ Sie nahm den Hut ab und legte ihn neben sich. „Das war immer meine besondere Begabung. Fortgehen. Türen, Städte, Betten, Menschen. Ich habe es zu einer Philosophie erhoben, damit niemand bemerkt, dass es im Grunde nur Feigheit ist.“
Sie zog die Handschuhe aus, obwohl sie keine trug. Ihre Finger griffen ins Leere. Jandara sah auf ihre Hände. „Das ist neu.“ Sie lachte. Der Laut klang zu laut in der Hütte. „Ich beginne bereits, Kleidungsstücke zu verlieren, die ich nicht einmal trage. Vermutlich ein Zeichen geistiger Umnachtung.“
Das Bild lächelte. Jandara griff nach ihrer Schnapsflasche. Sie hatte sie im Gasthaus füllen lassen, ohne sich daran zu erinnern. Vielleicht hatte Rogerio es getan. Vielleicht sie selbst. Der Geruch verriet Weinbrand. Sie öffnete den Verschluss. Hielt inne. Dann trank sie. Der erste Schluck brannte. Der zweite weniger. Nach dem dritten stellte sie die Flasche neben sich. „Du hättest das missbilligt“, sagte sie. „Nicht grundsätzlich. Du warst nie so langweilig. Nur jetzt. Du hättest gesagt, ich benutze den Alkohol, um eine Entscheidung aufzuschieben. Dann hätte ich erklärt, Aufschub sei eine Form von Freiheit. Du hättest mich angesehen. Ich hätte weitergeredet. Am Ende hättest du recht gehabt, ohne den Sieg zu genießen. Eine sehr schlechte Eigenschaft.“
Sie beugte sich vor. „Warum bist du zurückgeritten?“ Das war eine neue Frage. „Die Molinas wollten, dass du bleibst. Du hättest bleiben können. Du wusstest, dass der Weg schlecht war.“ Jandaras Stimme wurde härter. „Du warst vernünftig. Du hast immer darauf bestanden, vernünftig zu sein. Warum ausgerechnet an diesem Abend nicht?“ Sie stand auf. „Vielleicht wolltest du zurückkommen. Vielleicht dachtest du, ich würde warten. Vielleicht wolltest du den Streit beenden und mir die Gelegenheit geben, mich zu entschuldigen.“ Sie ging einige Schritte durch die Hütte. „Das war leichtsinnig.“ Ein Teil der Wand war offen. Durch die Lücke sah man die nassen Bäume. „Du hättest nicht zurückreiten dürfen.“ Die Worte hingen in der Luft. Jandara blieb stehen. „Siehst du? Schon besser. Endlich finden wir eine vernünftige Verteilung der Verantwortung. Der Steg war morsch. Der Regen war stark. Die Molinas hätten dich zurückhalten sollen. Der Vogt hätte die Straße sperren müssen. Esindio hätte den Steg reparieren können, Rogerio früher nach dir fragen, die Geweihte ihre Göttin zu größerer Aufmerksamkeit bewegen.“ Sie wandte sich zum Bild. „Und du hättest bleiben sollen.“ Jandaras Gesicht verzog sich.
„Du hättest bleiben sollen.“
Sie sagte es noch einmal, lauter. Dann griff sie nach der Flasche und warf sie gegen die Wand. Sie zerbrach nicht. Das Glas prallte ab, fiel auf den Boden und rollte bis zum Bild. Jandara trat hinterher. „Nein.“ Sie kniete nieder. „Nein. Das darfst du mir nicht lassen.“ Ihre Hand schloss sich um die Flasche. Sie hob sie nicht auf. „Du bist tot. Du kannst dich nicht verteidigen. Ich könnte dich jetzt zur Schuldigen machen und du könntest mir nicht einmal sagen, wie geschmacklos das ist.“ Sie setzte sich auf den Boden. „Ich könnte behaupten, du seist zu stolz gewesen, zu bleiben. Dass du meine Entschuldigung erzwingen wolltest. Dass du allein geritten bist, weil du ebenso wenig nachgeben konntest wie ich.“ Sie sah das Bild an. „Vielleicht wäre davon sogar etwas wahr.“ Ihre Stimme sank. „Aber du hast mich gefragt, ob ich mitkomme.“
Alle Gedanken, die sie seit dem Morgen geordnet, abgewehrt oder in Worte verwandelt hatte, liefen auf diesen einen Satz zu. Du hast mich gefragt. Jandara zog die Knie an. „Du hast mich gefragt.“ Ihr Atem ging schneller.
„Ich hätte nur ja sagen müssen.“
Sie hob beide Hände an den Kopf, als könne sie den Gedanken körperlich zurückdrängen. „Ich hätte aufstehen, meine Stiefel anziehen und ja sagen müssen. Nicht, um dich zu retten. Ich wusste nichts von einer Rettung. Nur, um mit dir zu gehen. Weil du gefragt hast. Weil ich dich liebte. Weil du verletzt warst und ich Unrecht hatte.“ Ihre Stimme brach. Noch immer kamen keine Tränen. Stattdessen begann sie zu zittern. Erst in den Händen, dann in den Schultern. Ihr Atem wurde flach. Sie versuchte aufzustehen, schaffte es nicht und stieß gegen das Bild. Es kippte. Jandara fing es im letzten Augenblick auf. Sie presste es an die Brust. „Nein.“ Das Wort war jetzt an niemanden gerichtet. „Nein, nein, nein.“ Sie saß auf dem Boden der Köhlerhütte, den Rücken gegen die feuchte Wand gelehnt, das Porträt fest in den Armen.
„Ich hätte gehen sollen.“
Die erste Träne kam nicht. Auch die zweite nicht. Es gab keine. Jandaras Gesicht blieb trocken, während ihr Körper sich krümmte, als würde sie weinen. Sie rang nach Luft, öffnete den Mund und brachte keinen Laut hervor. Das Schweigen war schlimmer als jeder Schrei. Ihre Stirn lag auf dem Rand des Bildes. „Ich hätte gehen sollen.“ Wieder und wieder. Keine Variation. Keine Pointe. Nur dieser Satz. Irgendwann sank sie seitlich zu Boden. Der Hut lag einige Schritte entfernt. Eines der Rapiere drückte unbequem unter ihrer Hüfte. Sie bemerkte es nicht. So fand Tsaiane sie.
Die Krämerin war auf dem Rückweg von Mûr, wohin sie getrocknete Kräuter, Töpfe und zwei Ballen einfachen Stoffes gebracht hatte. Ihr Maultier trug leere Körbe und bewegte sich mit jener gemessenen Verdrossenheit, die auf lange Erfahrung mit menschlichen Reiseplänen schließen ließ. Tsaiane war eine Frau von vielleicht fünfundfünfzig Götterläufen. Klein, kräftig, mit grauem Haar unter einem Tuch und einem Mantel, dessen zahlreiche Flicken sorgfältiger gearbeitet waren als manches neue Kleidungsstück. Sie sah zuerst das Pferd. Dann den Hut im Gras. Dann Jandara in der Hütte. Tsaiane band das Maultier neben dem Rappen fest, nahm eine Decke aus einem Korb und trat näher. Jandara bemerkte sie erst, als die Frau bereits im Eingang stand.
Sie hob den Kopf. Das Bild lag noch in ihren Armen. Ihre Augen waren gerötet, obwohl sie nicht geweint hatte. Das Gesicht wirkte leer und zugleich so angespannt, als müsse jede Bewegung sorgfältig verhindert werden. „Geht weiter“, sagte sie. Tsaiane blieb stehen. „Das hatte ich vor.“ „Dann seid Ihr vom Weg abgekommen.“ „Das seid Ihr auch.“ Jandara schloss die Augen. „Ich bin bewaffnet.“ „Das sehe ich.“ „Und in schlechter Stimmung.“ „Das sehe ich auch.“ Tsaiane trat in die Hütte und legte die Decke neben Jandara.
„Ich brauche nichts.“ „Gut. Dann kann ich Euch geben, was da ist, ohne Eure Wünsche berücksichtigen zu müssen.“ Jandara öffnete die Augen. „Ihr seid entweder sehr mutig oder sehr schlecht darin, Gefahren zu erkennen.“ „Ich verkaufe seit dreißig Götterläufen auf den Märkten der Waldwacht. Ich erkenne gefährliche Menschen. Ihr seid gerade nur traurig.“
Das Wort traf Jandara fast wie eine Beleidigung. „Nur traurig.“ „Sehr traurig, falls Euch das lieber ist.“ Tsaiane setzte sich auf den Holzblock. Sie betrachtete das Bild, ohne näherzukommen. „Ist die Person darauf tot?“ Jandaras Blick wurde hart. „Warum fragt Ihr?“ „Weil Ihr das Bild haltet, als würde es sonst verschwinden.“ Jandara sah hinunter. Ihre Finger lagen tatsächlich so fest um den Rahmen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sie lockerte den Griff nicht.
„Ja“, sagte sie. „Sie ist tot.“ Tsaiane nickte. Mehr nicht. Kein Beileid. Keine Frage nach dem Wie. Das Schweigen dehnte sich aus. Draußen zog das Maultier an einem Zweig. Der Rappe scharrte mit einem Huf. Schließlich sagte Jandara: „Das bin ich.“ Tsaiane sah auf das Porträt. Dann zu Jandara. „Das sehe ich.“ „Nein.“ Jandaras Mund verzog sich. „Das könnt Ihr nicht sehen. Die Frau darauf ist jemand anderes.“ „Sie hat Euer Gesicht.“ „Ja.“
Tsaiane zog die Decke auseinander und legte sie Jandara über die Schultern. Jandara wehrte sich nicht. Vielleicht bemerkte sie es nicht einmal. „Wer hat Euch gemalt?“, fragte Tsaiane. Jandara antwortete nicht. Ihre Lippen bewegten sich, doch der Name kam nicht. Tsaiane wartete. „Liora“, sagte Jandara schließlich. Es war das erste Mal seit dem Schrein, dass sie den Namen laut aussprach. Der Klang löste etwas. Nicht Tränen. Nur einen scharfen Atemzug, der fast wie Schmerz klang. „Sie ist vorgestern gestorben.“ Tsaiane legte die Hände in den Schoß. „Das ist sehr frisch.“ „Nein.“ Jandara blickte auf das Bild. „Es ist endgültig.“
„Das eine schließt das andere nicht aus.“ „Ihr klingt wie die Geweihte.“ „Dann war sie klug.“ Jandara lachte. Es war ein beschädigtes, kurzes Geräusch. „Ihr kennt mich nicht.“ „Nein.“ „Ihr wisst nicht, was ich getan habe.“ „Nein.“ „Und dennoch setzt Ihr Euch hierher, legt mir eine Decke um und sprecht, als gäbe es irgendeine gewöhnliche Form dieser Situation. Als sei ich nur eine Frau, deren Geliebte gestorben ist.“
Tsaiane betrachtete sie ruhig. „Seid Ihr das nicht?“ Jandara presste die Lippen zusammen. „Ich hätte mit ihr gehen sollen.“ „Wohin?“ Die Frage war schlicht. Jandara erzählte. Nicht alles. Nicht in einer geordneten Geschichte. Die Worte kamen in Bruchstücken. Der Streit. Lioras Frage am Morgen. Das Nein. Der letzte verletzende Satz. Der Regen. Der Abend im Gasthaus. Rogerios Vorschlag, aufzubrechen. Ihre Weigerung. Später der Wunsch zu reiten. Das Warten bis zum Morgen. Der Stofffetzen am Ast. Die Spuren im Schlamm. Tsaiane unterbrach sie nicht. Als Jandara geendet hatte, sagte sie: „Und nun wollt Ihr wissen, ob Ihr sie hättet retten können.“ Jandara sah sie an. „Ja.“ „Das weiß ich nicht.“
Jandaras Gesicht verzog sich. „Das sagen alle.“ „Weil es wahr ist.“ „Dann ist die Wahrheit nutzlos.“ „Oft, ja.“ Jandara zog die Decke enger um sich. „Der Heiler sagte, sie hätte leben können.“ „Das heißt nicht, dass sie mit Euch gelebt hätte.“ „Aber es heißt, dass es eine Chance dafür gab.“
„Vielleicht.“
Jandara zuckte zusammen. „Benutzt dieses Wort nicht.“ „Welches?“ „Vielleicht.“ Tsaiane dachte nach. „Dann weiß ich kein ehrlicheres.“ Jandara blickte in den Wald. „Und wenn ich sie hätte retten können?“ Tsaiane antwortete nicht sofort.
„Dann werdet Ihr damit leben müssen.“
Jandaras Atem stockte. Keine Vergebung. Keine Versicherung, dass sie nicht schuld sei. Nur dieser Satz.
„Und wenn ich es nicht gekonnt hätte?“ „Auch dann.“
Jandara senkte den Kopf. „Das ist sehr grausam.“ „Nein. Grausam wäre, Euch eine Antwort zu geben, die unwahr ist, nur damit Ihr heute Nacht leichter schlaft.“ „Ich werde heute Nacht nicht schlafen.“ „Wahrscheinlich nicht.“ „Und morgen?“ „Vielleicht ein wenig.“ Jandara sah sie scharf an. Tsaiane hob eine Braue.
Für einen Augenblick lag etwas fast Komisches zwischen ihnen. Ein winziger Bruch im Schmerz, nicht groß genug für Lachen, aber groß genug, damit Jandara wieder Luft bekam. Tsaiane stand auf. „Ihr könnt hierbleiben, bis es dunkel wird. Dann friert Ihr, Euer Pferd wird unruhig und irgendwann müsst Ihr trotzdem entscheiden, wohin Ihr reitet. Oder Ihr kommt mit mir bis zum nächsten Hof. Dort gibt es Suppe, ein trockenes Lager und eine Witwe, die zu höflich ist, Fragen zu stellen.“ Jandara blickte auf das Porträt. „Ich kann allein reiten.“
Tsaiane reichte ihr die Hand. Jandara sah sie an. Eine fremde Frau. Keine Verwandte. Keine Freundin. Niemand, vor dem sie eine Rolle bewahren musste. Niemand, der später an einem Baronshof erzählen würde, wie die Mundilla von Hellenwald zusammengesunken und elend in einer Köhlerhütte gelegen hatte. Tsaiane wusste nicht einmal, wer sie war. Jandara hätte allein aufstehen können. Vielleicht. Sie nahm die Hand. Tsaiane zog sie hoch. Jandaras Beine gaben beinahe nach. Die Krämerin legte einen Arm um ihre Taille und wartete, bis sie wieder stand. „Das Bild trage ich“, sagte Tsaiane. Jandara zog es sofort an sich. „Nein.“ „Gut. Dann tragt Ihr es.“ „Niemand sonst.“ „Das habe ich verstanden.“ Jandara setzte den Hut auf. Gemeinsam gingen sie zu den Pferden.
Am nächsten Morgen saßen sie vor dem kleinen Hof, den Tsaiane angekündigt hatte. Die Witwe hatte ihnen Suppe gegeben, Jandara ein Bett angeboten und keine einzige Frage gestellt. Jandara hatte dennoch kaum geschlafen. Das Porträt stand neben dem Lager, sodass sie es im ersten Licht sehen konnte. Nun trank sie Kräutertee. Nicht Wein. Tsaiane saß neben ihr und schnitt einen Apfel. Lange sprachen sie nicht. Dann fragte die Krämerin: „Ihr habt sie geliebt?“ Jandara öffnete den Mund. Die Antwort, die ihr zuerst in den Kopf schoß, war eine alte. Etwas über interessante Reisebekanntschaften. Über die Übertreibung von Gefühlen. Über den schlechten Geschmack großer Worte am frühen Morgen. Sie schloss den Mund wieder. Sah auf den Becher in ihren Händen. Dann sprach sie leise.
„Ja.“
Tsaiane schnitt weiter. Jandara blickte zum eingewickelten Porträt. „Und ich glaube, genau deshalb habe ich alles getan, damit ihr nicht derselbe Fehler unterläuft.“ „Hat es funktioniert?“ Jandara sah sie an. Tsaiane biss in ein Apfelstück. „Nein“, sagte Jandara. „Dann war es wenigstens keine erfolgreiche Dummheit.“ Jandara lachte. Nur einmal. Leise und heiser. Es tat weh. Aber sie lachte.
Nach einer Weile stand sie auf. Sie befestigte das Porträt sorgfältig am Sattel, diesmal mit Tsaianes Hilfe. Die Krämerin zog an den Schnüren, prüfte den Sitz und legte zusätzlich ein Stück gewachstes Tuch darüber. Jandara stieg auf. Der Weg nach Hellenwald, nach Hause, lag vor ihr. Sie blickte zurück zu Tsaiane. „Ich schulde Euch etwas.“ „Ja.“ „Ihr seid erstaunlich unbescheiden.“ „Bescheidenheit bezahlt keine Waren.“ Jandara griff nach ihrem Geldbeutel. Tsaiane hob die Hand. „Nicht heute.“ „Dann wann?“ „Wenn Ihr mich wiederseht.“
Jandara verzog den Mund. „Das scheint in Mûr und Umgebung eine verbreitete Form emotionaler Erpressung zu sein. Erst erlässt man mir eine Schuld, dann zwingt man mich durch diese Güte zur Rückkehr.“ „Nennt es, wie Ihr wollt.“ Jandara sah auf den Weg.
„Ich werde wahrscheinlich nicht zurückkommen.“ „Dann schuldet Ihr mir eben für immer etwas.“ Jandara nickte langsam. „Ihr versteht mehr vom Adel, als Ihr zugebt.“ Tsaiane wandte sich ihrem Maultier zu. Jandara ritt an.
Nach einigen Schritten hörte sie die Krämerin hinter sich rufen. „Domna!“ Jandara hielt an und blickte zurück. Tsaiane deutete auf das Porträt.
„Ihr lächelt darauf.“
Jandara folgte ihrem Blick, obwohl das Bild unter dem Tuch verborgen war. „Anscheinend.“
„Ihr seht darauf glücklich aus.“
Jandara schwieg. Vor ihr führte die Straße durch den Wald. Hinter ihr lagen Mûr, der Schrein, der gebrochene Steg und eine Frau in weißem Gewand mit einer einzelnen Rose auf der Brust. Das Porträt war das Einzige, was blieb. Nicht von Liora. Dafür war es zu wenig. Aber von jenem Morgen, an dem Liora sie gesehen hatte, ohne dass Jandara rechtzeitig eine Maske fand, hinter der sie sich verstecken konnte. Sie legte eine Hand auf den verpackten Rahmen.
„Das war ich“, sagte sie. Dann ritt sie weiter.