Chronik.Ereignis1037 Studienobjekte 01

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Methumis, Rondra 1037 BF

Autoren: De Verlez und Amrit

Einen neuen Schüler herumführen. Ihn mit den Örtlichkeiten und Gegebenheiten vertraut machen.
Und das sollte sie machen. Orleane ya Pirras schüttelte wieder den Kopf, wie schon so oft an diesem Morgen. Als Übung sollte sie es ansehen, hatte ihr Lehrer gesagt. Aufgeschlossen sollte sie sein und ihren Gegenüber beobachten und einschätzen. Sich ein Bild von ihm machen. Bei einer der nächsten Lehrstunden würde sie dann über ihre Erkenntnisse sprechen, ja vielleicht sogar eine Studienarbeit darüber verfassen. Das war soweit der einzige Trost bei dieser Aufgabe. Aus Almada sollte der neue Studiosi stammen und sich in der Tsa-Schule eingeschrieben haben. Ein Künstler also.

Sie war in Gedanken versunken, als sie sich dem Nordtor, dem eigentlichen Treffpunkt, näherte. Ein großes zweiflügeliges Holztor mit eisenbeschlagenen Verstärkungen und dem darüber gemauerten Torturm kam in ihr Blickfeld. Die Mauer selbst war überall mit Malereien verziert, einige neu, andere ausgebessert oder verwittert. Eine Kunst für sich.
Trotz des frühen Morgens war hier schon einiges los. Ein Fuhrmann fluchte, weil sein Wagen im Verkehr feststeckte, da vor ihm ein Bauer gerade versuchte, seine zwei Esel zum Weitergehen anzutreiben. Der Wagen eines Händlers wurde gerade von den Stadtwachen kontrolliert. Dazwischen liefen Studenten mit Büchern unter dem Arm.

Orleane kontrollierte noch einmal den Sitz ihrer dunkelgrünen Schärpe, die sie als Studentin an der Herzog-Eolan-Universität auswies. Als Erkennungszeichen hatte sie eine Spange in Form eines fliegenden Raben erhalten, welche sie an der Schärpe platziert hatte. Sie stellte sich ein kleines Stück abseits des Trubels, aber für einen Suchenden gut sichtbar, hin und wartete.

--- Die Kutsche schlingerte. Auf der gut ausgebauten Seneb-Horas-Straße offensichtlich dem Fahrstil der Kutscherin geschuldet. Emilio di Rueda behielt daher mit der Rechten den Haltegriff neben sich umklammert, während seine Linke lose den Brief hielt. Nochmal überflog er die Anweisungen, welche er nach dem zweiwöchigen Transfer schon auswendig hätte aufsagen können. Doch nun wurde es ernst, und er spürte das Gefühl von Erwartung, Ungewissheit und Vorfreude fast drängend in der Brust.

Nachdem das Gefährt mit einem letzten erschütternden Ruck zu stehen kam, nahm er den außen verstauten Koffer an sich – die übrigen Gepäckstücke hatte er schon in der Passagierkabine gegen sich gedrückt – und konnte sich dann umsehen. Nun war es wirklich geschehen, er war wirklich in Methumis. --- Orleane fiel der Junge schon beim Aussteigen aus. Bislang fast der einzige Vierzehnjährige, wenn man von dem Burschen absah, der gelangweilt auf einem mit Früchten beladenen Karren saß, während ein Älterer am Tor verhandelte. Der dunkelhaarige Neuankömmling sah sich kurz unter den Leuten vor der Pforte um. Dann richtete er den Blick auf das Tor selbst. Kurz trat er dabei entschuldigend zu Seite, als ein durchkommender Handkarrenfahrer ihn aufscheuchte, nur um danach wieder in der Betrachtung zu versinken. Was war das jetzt…

Als Emilio den Blick auf sich spürte, wandte er den Kopf zur jungen ya Pirras. Ein vorsichtig prüfender Blick zurück, dann kam er auf sie zu. Langsam ging Orleane dem Neuankömmling entgegen, der gerade damit begann sich mit seinem Gepäck abzumühen. Wieder schüttelte sie kurz den Kopf, bevor sie den Jungen ansprach. “Signor Emilio Lampérez di Rueda, nehme ich an.” Dieser antwortete mit einer leichten Verbeugung.

“Willkommen in Methumis. Ich bin Orleane ya Pirras, drittes Jahr an der Boron- und Peraine-Schule an der hiesigen Universität. Für die erste Zeit bin ich Eure Patin. Ich werde Euch alles zeigen und erklären, solange bis Ihr Euch allein zurechtfinden werdet.” Sie verbeugte sich kurz. “Nun, könnt Ihr mir sagen, wo Ihr momentan untergekommen seid?”

“Domn… Signora ya Pirras, das ist sehr entgegenkommend, danke.” Der Almadaner wirkte erleichtert über die angebotene Unterstützung. Er nannte dann den “Bosparanischen Adler” als Bleibe - ein Gasthaus, das Orleane selbst anscheinend gut bekannt war.

“Zum Bosparanischen Adler. Dies ist in Centurria, etwa 10 Minuten Fußweg von hier.” Sie deutete auf die Kiste. “Aber ich möchte bezweifeln, dass Ihr diese bis dorthin schleppen wollt.” Sie schaute zum Nordtor und wandte sich wieder Emilio zu. “Wartet bitte einen Augenblick.”, sprach sie, ging zielstrebig auf einen der Karren zu und begann mit dem Besitzer zu reden. Immer wieder deutete sie auf Emilio, auf die Kiste und auf sich.

Emilio nutzte die Zeit, um seine Begleiterin genauer zu betrachten. Sie trug ein hochgeschlossenes Kleid aus mattschwarzem Stoff, welches schlicht und würdevoll an ihrem Körper lag. Ein enger Kragen bedeckte den Hals vollständig, während lange Ärmel und der bis zu den Knöcheln reichende Rock jede unnötige Zurschaustellung vermieden. Nur ein schmaler, dunkelvioletter Samtbesatz und eine kleine, schwarz angelaufene Silberschließe setzten zurückhaltende Akzente. An einer Kordel unter dem Kragen ruhte verborgen eine kleine Rabenfeder, die nur gelegentlich im Stoff aufblitzte. Ihr langes Haar war tiefschwarz und glatt gekämmt, im Nacken zu einem schweren, geflochtenen Knoten gebunden. Einzelne schmale Zöpfe waren darin kunstvoll verflochten, doch auf Schmuck verzichtete sie fast vollständig. Nur eine schlichte, silberne Haarnadel in Form einer Rabenfeder hielt die Frisur zusammen. Ihr Gesicht war blass und nur dezent geschminkt. Ein Hauch von grauem Puder ließ die Haut beinahe mondlichtbleich erscheinen, während die Augen mit einem feinen, rauchgrauen Strich betont wurden. Auf Lippen und Wangen lag kaum Farbe, lediglich ein gedämpfter, violettgrauer Ton verlieh ihnen einen Hauch von Leben. Ihre Fingernägel waren kurz und sorgfältig gepflegt, jedoch unlackiert - sauber, natürlich und ohne jeden Glanz. Selbst an ihren Händen zeigte sich jene stille Zurückhaltung, die anscheinend ihre Verehrung Borons ausdrückte.

Es dauerte nur kurz, bis Orleane zurückkehrte. “Der gute Mann dort drüben ist bereit, uns und Euer Gepäck zum Adler zu bringen. Gegen einen kleinen Obolus natürlich. Kommt.”
Ein paar Münzen wechselten den Besitzer und der gute Mann packte sogar beim Aufladen mit an. Orleane und Emilio nahmen auf der Kiste hinten auf der Ladefläche Platz und der Karren rumpelte los.

Kaum waren die letzten Schatten der Toranlage hinter ihnen geblieben, wurde der Weg breiter. Das Zugpferd schnaubte, während die eisenbeschlagenen Räder über das ungleichmäßige Pflaster polterten. Der Kutscher hielt das Pferd auf einem gemächlichen Schritt. Für schnelleres Fahren war ohnehin kaum Platz. Immer wieder musste er anhalten, wenn ein beladener Wagen eine Engstelle passierte oder eine Gruppe Studiosi geschlossen über die Straße zog.

Das Straßenbild veränderte sich. Die unmittelbare Geschäftigkeit des Nordtores blieb zurück. Stattdessen begegneten ihnen zunehmend Menschen, die einen gebildeteren oder wohlhabenderen Eindruck machten. Studenten mit Büchern unter dem Arm, Schreiber mit Mappen voller Schriftstücke, sauber gekleidete Bürger und gelegentlich ein junger Adeliger mit Diener.

An einer größeren Kreuzung zweigte der Verkehr in verschiedene Richtungen ab. Der Kutscher deutete mit der Peitsche auf eine Straße. „Centurria", sagte er knapp. „Wenn Ihr zu den Gelehrten wollt, seid Ihr hier richtig.“
Die Häuser wurden älter und zugleich repräsentativer. Zwischen gewöhnlichen Bürgerhäusern standen schmale, mehrgeschossige Gebäude mit Erkern und reich verzierten Portalen. An manchen Fassaden prangten Wappen oder steinerne Inschriften. Aus offenen Fenstern drangen Stimmen, Musik und gelegentlich der Geruch von gebratenem Fleisch.

Schließlich wurde das Pflaster etwas ruhiger. Der Karren rollte durch Centurria, den alten, westlichen Stadtbereich. Hier lag unter anderem das Alte Castello, und auch bedeutende Einrichtungen der Universität fanden sich in diesem Viertel, darunter das Kartographische Institut und die Akademie des Magischen Wissens.

Emilio nahm die Eindrücke der Stadt mit offenen Augen und Mund in sich auf. Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf Orleanes Gesicht, war sie doch nicht anders gewesen, als sie diese Stadt zuerst sah. Sie beobachtete Emilio aus den Augenwinkeln. Der angehende Malereistudent schien etwa in ihrem Alter zu sein. Zu seiner Aufmachung gehörte ein dunkelgrünes Wams, dessen geschlitzte Ärmel ein weinrotes Hemd offenlegten, und hohe Stiefel. Man sah allem die eigentlich gute Qualität an, aber doch auch die leise Auflösung der Formen, die damit einhergeht, wenn man Wochen zwischen Schiffen und Kutschen aus dem Koffer lebend verbringt. Das halblange, dunkle Haar war nicht einmal mit einem Band zusammengefasst, was den leicht verwilderten Eindruck vertiefte, der dem jungen di Rueda gerade anhaftete.
Seine ruhigen, schmalen Augen, die den eigentümlichen Farbton von frischem Honig hatten, schienen sich in den Eindrücken um sich her förmlich zu verlieren. Er hatte etwas leicht Entrücktes. Oder vielleicht war er einfach stark übernächtigt.

Der Kutscher zog die Zügel an. „Da wären wir.“ Vor ihnen schob sich der Handelskarren zwischen zwei Häuserzeilen hindurch. Nur wenige Schritte abseits der stärker befahrenen Straßen des akademischen Viertels lag der Bosparanische Adler, ein stattliches, dreigeschossiges Gasthaus mit schmaler, hell verputzter Fassade. Über dem Eingang hing ein sorgfältig gearbeitetes Wirtshausschild: Ein goldener Adler breitet seine Schwingen über einer stilisierten, blau-weißen Stadtansicht aus. Das Haus wirkte weniger wie eine gewöhnliche Herberge als wie ein vornehmes Bürgerhaus, dessen Besitzer früh erkannt hat, dass in Methumis mit Wissen gutes Geld zu verdienen ist.

Emilios Blick ging an dem schmucken Gebäude hoch, dann suchte er den Orleanes: “Ich bin Euch sehr verbunden, nochmals meinen Dank für Eure Hilfe und freundliche Begrüßung! Ab hier schaffe ich es alleine.” Das begleitete er mit warmem Lächeln, um sich nicht den Anschein zu geben, er wolle sie abkanzeln. Sie vereinbarten noch einen erneuten Treffpunkt, dann machte sich der di Rueda nach drinnen auf.

Wenig später lag er schon erfrischt auf dem Bett seiner neuen Bleibe, einem kleinen, aber hübschen Zimmer, dessen Fenster auf den hinteren Hof hinausgingen.
Die Eindrücke des Tages wirbelten in bunter Abfolge vor seinem inneren Auge.
Das Tor, der Trubel auf Gassen, die von uralter Kultur, reicher Bildung und lebensfroher Lebendigkeit sprachen. Seine neue Bekanntschaft, die Horasierin, die in ihrer Kleidung und Gebaren so überraschend ernst und kontrolliert wirkte. Er kannte Schminke als etwas, das die lebendige Rosigkeit eines von Blut durchpochten Körpers noch vertiefte. Gerötete Lippen. Wangen, die leicht erhitzt wirken. Domna Orleane erreichte mit ihrem Grau, mit dem sachten Lila, den gegenteiligen Effekt. Sie sah fast aus wie das schöne Gemälde einer Toten. Er hatte dergleichen bisher bei niemandem sonst gesehen. Ob sie Boron so zugeneigt war, dass sie bewusst mit ihrer eigenen Sterblichkeit spielte? Während er dem Gedanken noch nachhing, ereilte ihn jedoch schon der erschöpfte Schlaf.