Chronik.Ereignis1036 Wider die Taifas - Epilog II

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Baronie Brindâl, im Winter 1036 BF

Dâl

Autoren: Der Sinnreiche Junker von Aranjuez

Zufrieden blickte Hernán von Aranjuez auf sein Tagwerk, einen ganzen Stapel an fingierten Zeugenaussagen. Keine Fälschungen wohlgemerkt, denn dafür hätte Mirandola Rüdwein, Weibelin im Fürstlichen Leibregiment, eine real existierende Person sein müssen. Doch war sie alleine der Phantasie des Condottieres entsprungen - ebenso wie all die anderen Streiterinnen und Streiter, die hier scheinbar fleißig schriftlich Zeugnis über allerlei Übeltaten Dritter abgelegt hatten. Er streckte sich gähnend und spürte in den Gliedern, wie ihm ein ganzer Tag Schreibarbeit zugesetzt hatte. Jedoch führte kein Weg daran vorbei, wenn er hier weiterkommen wollte. Denn erwartungsgemäß hatten die ersten Befragungen kaum Verwertbares zu Tage gefördert. Niemand mochte gerne den Denunzianten geben, und während es den Soldatinnen und Söldnern widerstreben mochte Waffenbrüder und Kampfgefährtinnen ans Messer zu liefern – einmal davon abgesehen, dass in den tagelangen, blutigen Straßenkämpfen wohl so mancher selbst Schuld auf sich geladen hatte – fürchteten die Einwohner Dâls zweifellos die Vergeltung der Soldateska, sobald der Aranjuez‘sche Spuk weitergezogen war. Und da dies absehbar gewesen war, war der Baron und Junker wohlweislich nicht mit der Türe ins Haus gefallen, was seinen Auftrag anging, sondern sie hatten sich erst einmal einige Tage in Dâl umgehört, bevor sie mit den Befragungen begonnen hatten. In den Schenken und Tabernas jeder Stadt zwischen Brabak und Paavi gab es immer einige Großmäuler, die ihren Mund nicht halten konnten. Vor allem, wenn man ihnen die Zunge nur mit etwas Rebensaft lösen musste. Und so hatten seine Leute in den letzten Tagen manchen Krug spendiert, seufzend, dass sie den ganzen Spaß verpasst hatten. Um sich dann von den üblichen Wichtigtuern erzählen zu lassen, was genau sie denn alles verpasst hatten, welche Großtaten die Erzähler vollbracht, welcher Heldentaten sie sich nun rühmen durften. Nur was die Gräuel betraf, war es natürlich immer jemand anderes gewesen.

Alles Relevante hatte Hernán von Aranjuez nun in ein buntes Potpourri an Zeugenaussagen gegossen, in denen so ziemlich jeder jeden beschuldigte: reguläre Soldaten schoben Garden der Nobleza alles in die Schuhe, horasische Mercenarios machten Dom Vigos Landsknechte verantwortlich, Ragatier bezichtigten Yaquirtaler, Sturmfalken beschuldigten Rauwölfe…und Angehörige des Leibregiments zeigten mit dem Finger auf die Ragather Schlachtreiter. Und natürlich alles gleichermaßen umgekehrt und in weiteren Konstellationen und von hinten durch die Brust ins Auge. Die gräfliche Kommandantur würde nicht begeistert sein, wenn er morgen zu einer neuerlichen Befragungsrunde lud, so wie man ihm dort von Anfang an reichlich kühl begegnet war. Wofür er durchaus Verständnis aufzubringen vermochte, gefiel es doch niemandem, wenn einem hernach hinterher geschnüffelt wurde. Der Widerstand im Cabildo von Dâl dagegen war überraschend gewesen. Offenbar hatte es Stimmen gegeben, welche in derlei Nachforschungen eine Gefahr für den brüchigen Frieden sahen. Und so war es am Ende die mit dem Siegel Seiner Durchlaucht versehene Vollmacht gewesen, welche bei der Überzeugungsarbeit hatte helfen müssen. Und ihnen dann nicht nur eine gleichermaßen eilig wie leidlich leer geräumte Schreibstube im Rathaus verschafft hatte, sondern auch – widerwillige – Empfehlungsschreiben gleichermaßen des Cabildos wie auch der Kommandantur. Welche dann wiederum diverse Vorladungen ermöglicht hatten.

„Du bist eine scheiß Berühmtheit!“, brüllte am nächsten Tag die Mercenaria dem Schlachtreiter von der einen Seite ins Ohr, der den Kopf zwischen die Schultern genommen hatte. „Ja, Mann, wenn ich gewusst hätte, dass du so verdammt prominent bist, hätte ich vorgestern gefragt, ob ich dir mal die Lanze lutschen darf!“, schrie Anzures Ballan den Mann von der anderen Seite an. Der Soldat duckte sich in seinen Stuhl und schüttelte nur wiederholt den Kopf. Hernán von Aranjuez auf der anderen Tischseite tippte immer wieder geräuschvoll auf den Bogen Papier auf dem Tisch vor dem Mann: „Weibelin Mirandola Rüdwein bezeugt hier, dass Ihr es wart, der Eure Schwadron angestiftet hat das Fass vor den Eingang zu rollen und dann die Gebäude in Brand zu stecken! Gebt es endlich zu!“ Vehement schob der Beschuldigte das Papier von sich, sodass sich der Condottiere über den Tisch lehnen musste, um es ihm zurück und schließlich auf die Brust zu schieben, wo er es festhielt. „Ja, gib es endlich zu!“, schrie es ebenfalls von der Seite. „Ja, gesteh endlich, verdammt!“, kam es von der anderen Seite. „ Aber sie lügt!“, rief der Ragather schließlich verzweifelt. „Sie lügt!“ Einen Moment lang schwiegen alle, ehe Hernán von Aranjuez sich zurücklehnte und die vermeintliche Zeugenaussage somit achtlos zu Boden schwebte. „Warum sollte sie lügen?“, fragte er leise. Wiederum herrschte einen Moment Schweigen, ehe der Waffenmeister den Mann anstieß, sodass dieser zusammenzuckte. „Ich weiß es nicht. Woher soll ich wissen, warum irgendeine Metze irgendetwas sagt?“ Die Söldnerin schaltete sich ein: „Ist sie vielleicht enttäuscht, weil eine Berühmtheit wie du sie nicht ficken wollte? Und jetzt will sie dir was anhängen? Ist es das, eh!?“ Er krümmte sich und schüttelte wiederum das Haupt: „Ich kenne diese Frau überhaupt nicht! Ich habe noch nicht einmal den Namen je gehört! Und ich bin keine Berühmtheit“ – „Warum sollte sie dir dann was anhängen wollen? Wenn du sie gar nicht kennst, sie aber dich, dann bist du wohl doch eine Berühmtheit. Ein berühmter Mordbrenner, eh!?“ – „Ich bin keine Berühmtheit und ich bin kein Mordbrenner!“, verteidigte er sich mit weit aufgerissenen Augen und fügte schnell an: „Vielleicht weil sie vom Leibregiment ist und…“ – „Und was?“, herrschte Anzures Ballan ihn an, nachdem er mitten im Satz verstummt war.

Hernán von Aranjuez musste sich das Grinsen verkneifen. Natürlich hatte er die Zeugenaussagen entsprechend gestaltet, dass sich dort vornehmlich Leute gegenseitig beschuldigten, die aufgrund von Einheitenzugehörigkeit oder Herkunft und dergleichen in Konkurrenz ohnehin zueinanderstanden. So wie die schwere Reiterei traditionell auf die leichte Reiterei herabblickte und umgekehrt Eslam von Almada seit der Ochsenbluter Urkunde geltend machen durfte, dass aber nun einmal sie das fürstliche Leibregiment waren und nicht die Schlachtreiter. Es war an der Zeit diese Farce in produktivere Bahnen zu lenken: „Wenn Ihr es nicht wart, wer war es dann?“ – „Ich weiß es nicht!“ Der Baron und Junker beugte sich leicht nach vorne: „Wenn Ihr es nicht wart, wer war es dann? Wen schützt Ihr mit Eurem Leugnen?“ Der Beschuldigte ließ ein Schluchzen vernehmen „Bitte, ich weiß es doch nicht.“ Der Aranjuezer lehnte sich wieder zurück und legte die Fingerspitzen aneinander, derweil er seinen Gegenüber mit einem mahnenden Blick bedachte. „Ich weiß, dass Ihr es wisst. Und es gibt in dieser Sache nur zwei Arten von Leuten: jene, die Seiner Durchlaucht beim Aufdecken der Wahrheit behilflich sind. Und jene, welche die Wahrheit vor Seiner Durchlaucht zu verschleiern suchen. Ich sage es mal so: ich benötige für ein und denselben Sachverhalt nicht ein Dutzend Zeugen. Wer sich also zuerst auf die Treue zu Seiner Durchlaucht besinnt…“, ließ er den Satz mit drohendem Unterton unbeendet. „Es waren nicht wir Schlachtreiter“, platzte es aus dem Mann plötzlich geradezu heraus. „Euer Hochgeboren wissen selbst am besten, dass derlei mit der Ehre des Regiments unvereinbar wäre. Es waren…“ Hernán von Aranjuez nickte dem Schreiber zu, der etwas abseits saß. Der schob das Protokoll beiseite, auf welchem er alles sorgfältig dokumentiert hatte, und fing einen neuen Bogen an. Denn nun galt es eine echte Zeugenaussage aufzunehmen.

Diese oder ähnliche Szenen wiederholten sich den gesamten Tag. Manche blieben verstockt oder wussten vielleicht tatsächlich nichts, andere gebärdeten sich plötzlich ähnlich redselig, wie zuvor beim Weine, sobald man ihnen nur einen unterschriebenen Wisch mit ihren angeblichen Missetaten vorlegte. Und immer half es, wenn sie nicht die Kameradin oder den Streiter in der Schlachtreihe neben sich beschuldigen mussten, sondern jemanden, für den sie alleine schon qua Farbe seines Waffenrockes nichts übrighatten. Und langsam, langsam ergab sich ein Bild. „Wir müssen nach Norden“, seufzte Hernán von Aranjuez missmutig nach dem Ende der Befragungen am Abend. Natürlich hatte er gehofft, den unerfreulichen Auftrag seines Fürsten in Dâl abschließen zu können. Doch war immer wieder ein Name gefallen: Ferando Meeltheuer. Die Grässlichkeit seines Namens, dessen jede Letter nach kreuzerfuchserischer Bürgerlichkeit schrie, schien nur noch von der Grässlichkeit seiner Taten übertroffen zu werden. „Ein ehemaliger Hofjunker. Natürlich“, schüttelte er das Haupt und deutete auf die Karte der Südpforte: „Scheinbar hat er sich nach Dâl auf den Weg in seine heimatliche Baronie Brigellan gemacht, um dort sein blutig‘ Mordwerk fortzuführen.“

„Das dürfte Euch interessieren.“ Anzures Ballan reichte ihm einen Papierbogen, den sein Freund und Dienstherr mit gefurchter Stirn studierte. „…begleitet von einem Baron aus der Waldwacht, von ausnehmend schöner Gestalt und überaus rahjagefälligem Antlitze…“, zitierte er aus der Zeugenaussage und hob die Augenbraue gegenüber der Mercenaria, welche diese Aussage aufgenommen hatte. Diese freilich zuckte mit den Schultern und grinste nur dreist zurück. Das war in der Tat eine Überraschung, hatte er den Vivar doch für feingeistiger gehalten, als sich mit einem derart tumben Schlächter einzulassen. Hatte er etwas übersehen? „Haben wir etwas über León de Vivar?“ Seine Untergebenen und er vertieften sich in die Protokolle und Zeugenaussagen, doch zahlreiches Papierrascheln später blieb nur Kopfschütteln. Der Name des Taubentalers tauchte zwar hin und wieder auf, primär jedoch im Zusammenhang mit mehr oder weniger unzüchtigen Schwärmereien mancher Mitstreitenden. Glaubte man den Geschichten, so war er über die bekannten Kämpfe hinaus womöglich noch an der einen oder anderen Stecherei beteiligt gewesen, doch waren diese Scharmützel eher rahjagefälliger Natur. Und nicht Teil ihres Auftrages. „Also, nach Brigellan“, schloss Hernán von Aranjuez.