Chronik.Ereignis1047 Von Spinnennetzen und Sternen 03

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Punin, Travia 1047

Autor: Amrit

Emilio Lampérez di Rueda, nachts und bei Kerzenschein, sitzt in seinem Atelier und schreibt Aufzeichnungen:

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Ich würde gerne meine Erinnerung hier beenden.

Avessandros Tod, der Einfall der Bannstrahler, der Sieg über die Magierin – man könnte meinen, ich hätte mich gut geschlagen. Aber für mich sah es anders aus. Mein Bruder war tot, und ich zermarterte mich: Wo hätte ich anders handeln können? Wo hätte ich ihn noch retten können? Wieder wandten sich meine Gedanken gegen mich, das taten sie inzwischen ganz von allein. Die Burg war zerstört, aber ich trug ihre Verstrickung mit mir.

Ich hätte wohl heimkehren sollen, und stellte es mir vor: Die hallenden Schritte, wenn ich allein die Schwelle unseres Palazzos in Punin überschritt. Die Augen meiner Eltern, wenn sie erkennen, dass Avessandro tot ist...Mutiger, warmherziger Avessandro, Erbe ihres Hauses und Titels. Und dann würden sie fragen, wie es geschah. Spätestens an dieser Stelle ergriff mich bei diesen Vorstellungen immer ein bodenloser Schwindel.

So verschob ich meine Heimkehr immer weiter und driftete statt dessen allein, gedankengejagt, durch die nächtlichen Gassen der Hauptstadt Gareth. Ziellos auf regennassem, schwarzen Steinpflaster. Ich betäubte die Stimmen in meinem Kopf mit allen Mitteln, die sich fanden, egal ob erlaubte oder nicht. Kurz gesagt: Ich passte nicht auf mich auf.
So geschah es, dass ich erneut in Gefangenschaft geriet – bei Paktierern diesmal. Dämonenanbetern. Eine leise Stimme in meinem Kopf sagte mir sogar, dass das Sinn ergab, nach allem.

Die Burgherrin hatte mir die verwirrende Botschaft gehabt: „Ich zerstöre dich, damit du mich liebst“.
In der zweiten Gefangenschaft war es geradliniger. Zerstörung war einfach...Selbstzweck. Keine feine Klinge, keine glattseidenen Fesseln. Die Auslöschung des Selbst geschah hier unerbittlich und ohne jede Fassade der Freiwilligkeit. Wenn ein Körper zum bloßen Zugang wird, zum Werkzeug, mit dem man die Seele angreift, dann verschieben sich alle Regeln. Man kann sich an nichts mehr festhalten, es ist, als würde man in tiefes Wasser gestoßen. Mein Schwert, meine Rüstung – sie vermochten nichts, ausser den Untergang zu beschleunigen. Ich sah sie korrodieren und zerfallen, wie alles hier zerfiel. Was ich an meinem Geist für fest gefügt und unwandelbar gehalten hatte, das umklammerte ich bald wie eine letzte Handvoll Sand, während unerbittlicher Regen darüber ging.

Meine Familie hat immer das Licht Praios’ hochgehalten, und ich und mein Bruder wuchsen auf unter der unwandelbaren Sonne. In diesem Verließ nahm ich sie aber nicht mehr wahr. Schließlich begann ich, zu einer anderen Gottheit zu beten: zu Marbo, der Mildtätigen, von der ich kaum etwas wusste außer dass ihr ein Orden der Sanften Ruhe dient. Mein Gebet war schlicht und immer gleich, "Bitte beende es."

In einer jener Nächte träumte ich. Ich schritt über eine graue, endlose Öde und vor mir schnitt ein Fluss durch das Land, zu breit, um ihn zu durchqueren. Sein Wasser war rot und eingetrübt von aufgewühltem Grund. Schwer wälzten sich die Fluten, ein Zeugnis verheerender Überschwemmungen. Sie führten mit sich, was sie dem Leben entrissen hatten: bleich entrindete Baumstämme, zerbrochene goldene Gerätschaften, dunkle tote Körper. Sie glitten, stießen aneinander, verschwanden wieder unter der Oberfläche.

Ich stand wortlos am Ufer, da sprach der Fluss mich an. Seine Stimme war leise und zugleich durchdringend, direkt in meinem Kopf.

Du wirst alles verlieren, was du liebst...jeden Menschen, jeden Besitz, jede Eigenschaft.
Alles wird dir genommen werden.
So schmerzhaft wie der Verlust ist auch die Unvorhersehbarkeit. Die Hilflosigkeit.
Ich habe ein Angebot: Gib mir, was du liebst, aus freien Stücken.
Lass es fallen, öffne einfach deine Hände. Ich kann es für dich forttragen.
Was du selbst preisgibst, darüber bleibst du Herr.

Schweigend wich ich zurück, achtsam, dem roten Strom nicht meinen Rücken zuzukehren. Ich wusste, wessen Stimme ich gehört hatte.

In jener Stunde, selbst vor dem Fluss des Verlustes, stand ich nicht alleine. Ich hatte Marbo um meinen Tod gebeten, und was sie mir sandte, waren Träume. Leuchtende, dunkle, rätselhafte Visionen.

Ich träumte: Die Decke meines gemauerten Verlieses brach über mir auf und gab den Blick frei auf einen Nachthimmel, der tiefer Ozean war. Aus Sternen gefügte Kreaturen glitten darin wie schlanke Meereswesen, zogen ruhige Bahnen im klaren Wasser. An der Schwelle zwischen Leben und Auslöschung spürte ich die Hand der Göttin. Mein erschöpfter Körper auf dem steinernen Boden der Zelle trieb in diesen Visionen goldene Wurzeln in den Untergrund und ich spürte daraus Kraft emporwachsen, wie ein Baum der im Fels Halt findet und sich nach oben öffnet. Ich sah eine Statue aus Stein, die ewig und unbewegt in Flammen stand, ohne zu vergehen.

Ich sah zwei Panther einander umkreisen, ihre gespannten Muskeln unter schwarzglänzendem Fell bereit zum Sprung. Dann wandelte sich das Bild und sie wurden zu Fischen in einem klaren grünen Quell. Goldene Fische, die sich langsam umtanzten. In ihrer Bewegung schlossen sich die zwei zu einer Einheit, zu einem Ring aus Gold, und das war das letzte Bild, das mit dem ich erwachte. Ein goldener Ring, und in seinem Inneren steht strahlend ein einzelner Stern.

Die mich gefangen hielten waren sich sicher, mich längst gebrochen zu haben. Auch ich hatte so gefühlt. Doch jene Bilder rührten an etwas, das tiefer lag als Hoffnungslosigkeit. Sie rührten dorthin wo noch ein Rest von Willen geblieben war, Glut unter der Asche.

Als ich von diesen Traumbildern erwachte, war mein Körper nicht stärker als am Tag zuvor, aber mein Geist war es. Ich begann zu warten, zu beobachten, zu zählen, ohne mir einen Wandel anmerken zu lassen. Schließlich fand ich eine Lücke, und so gelang mir die Flucht.

Ich spüre noch jetzt Folgen jener Tage der Gefangenschaft. Wenn mich die Erinnerungen einholen, erfasst mich eine unnatürliche Kälte und es fühlt es sich an, als würde ich aus hundert feinen Bruchlinien ausbluten. Aber ich bin jetzt wieder zuhause.
Oft höre ich die leise Stimme des Flusses der Verluste „Wenn du etwas liebst, stoße es von dir, bevor es dir entrissen wird.“ und es erfordert Kraft, dem nicht nachzugeben.
Manchmal erinnere ich an die Herrin der entlegenen Burg und denke: Sie hatte Recht, zumindest ein Stück weit, mit diesem schwarzen Abgrund, den wir alle in uns haben. Aber er füllt nicht alles aus.

Ich trage weiter über dem Herzen das Wappen meines Adelshauses: Den mit der Praiosscheibe gerüsteten Löwen. Es erinnert mich an Avessandro. Auf meinem Rücken trage ich mein eigenes Wappen: Einen Nachtfalter unter einem vielstrahligen, leuchtenden Stern.
Jeder von uns trägt einen Stern in sich mit leisem, klarem Licht. Und selbst in dunkelster Nacht, nach diesem Licht kann man sich ausrichten.

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Im schwachen Schein des Morgens schließt der Maler vorsichtig das Buch und beginnt, Farben auf einer hölzerne Pallette zu mischen.

Erdiges Blutrot, silbriges Grün, helles Gold.

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