Chronik.Ereignis1047 Wildnis 03

Aus Almada Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Transbosquirien, Efferd 1047 BF

Autoren: Jan, Amrit

Vor dem dunklen Waldsaum prangte das Lager der Ferkina mit rot gefärbten Zeltbahnen und prasselnden Feuern. Rauch zog in langen Schleiern durch die kühler werdende Bergluft des beginnenden Abends und trug den Geruch von gebratenem Fleisch mit sich. Versammelte Frauen bewegten sich geschäftig an der Glut oder um ausgebreitete Lederhäute, auf denen vorbereitete Speisen lagen – Fladenbrote, schwarze Beeren, geschälte Wurzeln. Sie sprachen angeregt miteinander. Die Krieger standen in kleinen Gruppen umher, lachend und gestikulierend. Über allem lag noch immer die aufgewühlte Energie des Buskurdh.

Als die Almadaner sich näherten, wurden sie vielstimmig begrüßt: Emilio, vor allem aber Cuerno, dessen Reiterkunststücke Stoff für viele Gespräche gaben, auch wenn der Caballero fast nichts davon verstand, das Tulamidya der Ferkina war zu roh. Einer der Mitstreiter, der gerade eine Fellrolle Richtung der Festtafel trug, machte bei Cuernos Anblick eine ausladende Geste, als wolle er ihm das Schaffell zuwerfen. Gelächter der Umstehenden. Ein junger Bursche verwickelte den Caballero mit erwartungsvoll geöffneten Augen in ein Gespräch, wobei er im Ferkina-Dialekt mehrfach die gleiche Frage stellte, so als müsse der Almadaner ihn verstehen, wenn er sich nur oft genug wiederholte.

Nicht alle Blicke waren allerdings freundlich. Manche der Frauen starrten die Almadaner unverhohlen an, in einer Weise, die eher Angst und Unverständnis in sich trug als Neugierde. Die Blicke einiger Männer waren offener feindselig, und sie wandten sich brüsk ab, sobald einer der Fremden in ihrer Nähe vorbeikam. Und auch nicht alle Almadaner waren offen für Gespräche, sondern bedacht darauf, die Situation im Auge zu behalten.

Unter dem Lachen, der Feststimmung, lag Spannung. Emilio bewegte sich mit Vorsicht zwischen den Anwesenden, wählte sorgfältig die Gespräche und Worte, wie beim Gehen auf einem zugefrorenen Bergsee, wo man stets die Tragfähigkeit des Eises unter den Füßen prüfte. Das Anfüllen seines Bechers dankte er freundlich, ohne aber viel daraus zu trinken.

Mit Begleitung seines Übersetzers wechselte er zwischen Gruppen und Feuerstellen hin und her, sprach anerkennend über Pferde, hörte sich Wünsche nach bestimmten Waren an. Längere Zeit stand er aufmerksam bei einer Nuranshâr, einer Schamanin, die langsam und mit heiserer Stimme sprach. Danach führte ihn der Shâr weiter zu einem Kreis älterer Männer.

Immer wieder glitt der Blick des di Rueda dabei durch das Lager zurück zu Cuerno. Zwei Frauen standen gerade beim Caballero und stritten scherzhaft…über ihn, um ihn? Im Rahmen des Festes würde Cuerno seine Bahnen ziehen, und er selbst seine, aber irgendwann würden sie wieder zueinander finden und sich nahe sein, spürte Emilio mit ruhiger Gewissheit. Es war ein ungewohntes Gefühl. So als könne ein Teil der Seele sich niederlassen wie ein erschöpftes Tier. Als ihre Blicke sich kreuzten, lächelte Emilio hinüber.

Caballero Cuerno fing den Blick Emilios auf, in gewohnter lässig-jovialer Art, welche Vertrautheit und Zuverlässigkeit barg. Ein Zwinkern, dann spielte er wieder das Spiel der zwei Frauen um ihn herum mit. Er schwamm mit dem Strom, treiben lassen konnte er sich gut. Auch wenn Emilio ihn auf Tücken hingewiesen hatte und er selber der Situation nicht gänzlich traute, diese Ferkina konnten jeder Zeit in der Stimmung kippen. Aber gerade das kannte er gut und er nahm, wie immer, die Situation an, wie sie war und machte sie so gut es ging zu seiner. Mit einigen Brocken Hochtulamidya und Händen und Füßen verständigte er sich mit seinen beiden Anhängseln, alberte ein bisschen mit, immer an der Kante zur Übertreibung. Darin war er ein Meister. Er ließ sich sogar ein bisschen befühlen, seine verbundenen Wunden, seine ziegenfellartige Brustfrisur mit dem Brandzeichen. Nur vermied er sich hinzusetzen, sein Steiß schmerzte immer noch ein wenig, trotz Heiltrank. Aber diese widerliche vergorene Milch und einige überreife Früchte taten alsbald den Rest, ebenso das Rauschkraut, das in einfachen Pfeifen herumgereicht wurde.

Weiter hinten begann eine Gruppe Ferkina zu singen, erst einzeln, dann mehrstimmig, begleitet vom dumpfen Schlag hautbespannter Trommeln, und ihre Töne erhoben sich rau und fremdartig schön über der dämmernden Wildnis.

An den Caballero trat nun einer der Buskurdh-Reiter zu, breitschultrig und mit einem schiefen Grinsen seiner, wie Cuerno feststellte, spitz angefeilten Zähne. Das Lächeln wirkte dennoch einladend. Mit wenigen Worten und einer ausladenden Geste bedeutete er, ihm zu folgen.

Je weiter sie sich von den Feuern entfernten, desto gedämpfter wurden Gesang und Gelächter. Cuernos - durch Alkohol und Kraut gedämpfte - Sinne wurden aber etwas wachsamer. Vor einem flachen Zelt aus schweren Lederbahnen und Tierfellen warteten bereits mehrere Männer. Cuernos Instinkt wandte sich zwischen Habacht und Rausch. Einzelne betrachteten ihn mit prüfender Reserviertheit, darunter jener Kontrahent, dem er das Pferd abgenommen hatte. Es folgte eine kurze Beratschlagung der Ferkina untereinander. Soweit der Almadaner ihre Blicke deuten konnte, ging es hier um etwas Ernsthaftes, und sein Zeichen - der eingebrannte Stierkopf - spielte dabei eine Rolle. Schließlich nickte die Runde jedoch in Übereinkunft. Diese schien positiv beschieden, also entspannte sich Cuerno ebenfalls wieder.

Dann wurde die vordere Zeltplane angehoben. Heiße Luft schlug dem Caballero entgegen und trug den Geruch von schwelender Holzglut, Schweiß und süßlich duftendem Kräuterrauch mit sich. Ein Geruch der Cuerno und seinen Sinnen gefiel. Der Raum war niedrig, eng und beinahe vollständig finster, nur in der Mitte glommen zwischen dunklen Steinen rote Lichtpunkte. Sein Begleiter klopfte ihm nochmals aufmunternd auf die Schulter, dann betraten die Versammelten in gebückter Haltung das kleine Zelt, nachdem sie einige ihrer Kleidungsstücke abgelegt hatten.

Im Inneren war es nahezu dunkel, nur das seichte Glimmen der Glut ließ hier und dort Schemen erkennen. Diejenigen, die mit ihm eingetreten waren, setzten sich auf kleine Schemel, die im Zelt angeordnet waren. Aber das nahm Cuerno nur noch am Rande wahr, als er sich ebenfalls setzte, als ihn die hitzige Wärme, die benebelnden Gerüche nach Kräutern, Harzen, Schweiß und Blut umhüllten und seine ohnehin berauschten Sinne tanzen ließen. Anderen hätte dieser Kontrollverlust innerhalb einer solchen Situation, umgeben von Wilden, vermutlich Unbehagen verursacht, doch Cuerno beruhigte dieser Zustand eher. Hier war er bei sich. Und während er dem groben Schemel unter seinem Hintern nachspürte, wurde sein Blick dabei von dem Einzigen angezogen, das zwischen diesen Planen real schien - der Glut. Sowie den dünnen Rauchschwaden, die sich darüber ins Dunkel auflösten.

Zeit verging, bis sie nicht mehr relevant schien. Lange, lange starrte er in den Zwischenraum von Glimmen und Qualm, während ihm der Schweiß den ganzen Körper herab rann, in seinen frisch verbundenen Wunden brannte, die er aber bald nicht mehr spürte. Irgendwer reichte ihm seine Schale mit vergorener Milch und eine Pfeife. Sicher hatte er davon gekostet, aber sein Augenmerk galt dem Zwischenraum. In diesem formten sich Bilder aus Lohe und Rauch, als wäre das ganz natürlich. Zischend-qualmend formte sein Geist leise Wörter, die die Bilder ihm offenbarten: “Der Stier, el Toro - der Löwe, el León - die Wut, la Furia - die Probe, la Prueba - der Ring, el Anillo - der Glaube, la Creencia.” Er verlor sich gänzlich darin, doch Cuerno di Castari war ein Meister darin, sich zu verlieren und sich stärker dadurch wiederzufinden - und so war es auch dieses Mal.

Irgendwann - der Caballero wusste nicht, wie lange er hier schon saß - bemerkte er die Hand eines der Wilden auf seiner Schulter, der ihn breit angrinste, das spürte er, er sah es nicht. Dann wurde die Eingangsplane gelüftet, Licht drang in die Szenerie, die Bilder verschwanden, aber das Gefühl blieb. Cuerno stand mit angenehm wackeligen Beinen auf, nahm gar die Hand des Wilden als Hilfe beim Aufstehen an.

Draußen empfingen ihn angenehme Kühle und gedämpfte Geräusche, die seinen schweißnassen Körper kühlten und seine Ohren ins Leben zurückholten. Anerkennend klopfen die Ferkina ihm auf die Schulter, er ahnte nicht wieso und nahm es kaum wahr. Das was er wahrnahm, war ein mächtiger Steinbock, mit der Statur eines Bullen, auf einer felsigen Anhöhe, der sich vor dem Mond abhob. Sein verklärter Blick fokussierte die Kreatur kurzzeitig, das Lachen der Umstehenden holte ihn zurück, beim nächsten Blick war das Wesen nicht mehr zu sehen. Er stimmte mit den anderen ins Lachen ein, es fühlte sich befreiend an.

Als die kleine Gruppe wieder zum Ferkinalager zurückkehrte, bemerkten einige der Almadaner dies mit Erleichterung, zuvorderst Emilio. Cuerno schien gelöster als zuvor, und für einen Moment fragte sich der Maler, was sich zugetragen haben mochte. Die Gesandtschaft zog sich bald darauf zurück. Emilio entschied freiwillig, die erste Nachtwache zu übernehmen. Die Söldner hätten dies zwar unter sich erledigt, doch er fühlte sich zu angespannt, um Schlaf zu finden; wollte auch den offenen Nachthimmel noch nicht gegen den begrenzten Baldachin seines Zeltes eintauschen. Cuerno indes schien ihm berauscht, was keine Seltenheit war, aber diesmal war er irgendwie entrückt. Sie wechselten zwar noch ein paar nette Worte und Gesten, aber dann zog der Caballero sich zurück. Nur um nach einer gewissen Zeit, ungewöhnlich wortkarg, wiederzukehren und sich einfach neben Emilio zu setzen.