Chronik.Ereignis1045 Puniner Geschichten 03
Punin in Hesinde 1045 BF
Titel 1
Titel 2
In einer Taberna im Theaterviertel
In der kalten, winterlichen Nacht leuchtete die Taberna wie eine Laterne, wie eine kleine Sphäre der Wärme inmitten der Finsternis. Die Zeit war fortgeschritten (wohl schon mehrere Stunden nach Mitternacht), aber keiner der versammelten Feiernden wollte aufbrechen in das nächtliche Theaterviertel hinter den mit Eisblumen gezierten Fenstern. Das mochte am Feuer liegen, welches wohlig im offenen Kamin prasselte, am guten Wein, aber vor allem lag es wohl an den Erzählungen der jungen Domna von Hellenwald, um die sich eine regelrechte Traube an gespannten Zuhörern gesammelt hatte.
„…und als ich den Herren Magistrat dann tatsächlich im Fass wiedergefunden habe, schwör’ ich euch, er war beleidigt, dass der Wein vorher schon ausgetrunken war.“ "Nein!!" ging wieder ein ungläubig-begeistertes Aufrufen durch die Gruppe der Umstehenden. Die junge Adlige aus der Waldwacht lächelte zufrieden, lehnte sich zurück und nahm einen Schluck aus ihrem Becher.
Unter den Zuhörern war auch ein junger Mann Anfang Zwanzig, ein hübscher Bursche (wenn auch etwas blass und abgekämpft wirkend) mit dunklem Haar und angetan mit einem Doublet aus grünem Wildleder. Der Mann stimmte in die gemeinschaftlichen Ausrufe und das laute Gelächter nicht mit ein und hielt sich etwas abseits, doch während er Jandaras Erzählung lauschte, wurde sein Gesichtsausdruck immer interessierter und anerkennender.
Schließlich nutzte er die Pause, als der Schankbursche neue Getränke brachte, trat näher an die junge Domna heran und sprach mit ihr zugeneigtem Kopf: "Ihr möget mir verzeiht, aber ich würde Euch gerne etwas fragen." Jandara musterte ihn von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen. “Ihr seid höflich und seht gut aus, ich verzeihe Euch.” Sie zwinkerte.”Nur zu, fragt ruhig!”
Emilio sprach ruhig zu Jandara, gegen den umgebenden Lärm der Taverne "Es gäbe etwas, was ich schon länger vorhabe, ein Gemälde an einem besonderen Ort. Daher möchte ich Euch fragen, ob ihr Euch vorstellen könntet, Modell zu stehen?" Sie lächelte, ließ den Blick noch einmal bewusst langsam über ihn gleiten. „Ihr wollt mich also malen?“ Sie stellte ihren Becher ab, lehnte sich vor und senkte die Stimme gerade so weit, dass er sie trotz des Stimmengewirrs mühelos hören konnte und grinste. „Ich bin neugierig. Es gibt unzählige Männer und einige Frauen, die sich deutlich weniger Mühe gegeben haben, um mich aus meinen Kleidern zu bekommen.“
Der junge di Rueda hoffte, dass sein leichtes Erröten bei dieser Eröffnung im Schein des Kaminfeuers unsichtbar blieb.
„Ich nehme Euer Angebot an, aber überlegt es Euch gut. Ich bin kein stilles Modell. Wenn ihr meine Zeit wollt, dann müsst ihr bereit sein, mich ebenso festzuhalten, wie ich bin – mit allen Federn, Krallen und, wenn es sein muss, auch mit dem Schnabel.“ Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, lehnte sich zurück und sah ihn so unschuldig an, dass es ihr selbst fast glaubhaft vorkam. „Also? Werdet ihr es wagen, mein Herr?“ sagte sie schließlich in einer gewollt schlechten Imitation einer feinen Puniner Dame. Das Gesicht des Malers leuchtete auf bei der Zustimmung. Nach Jandaras Eröffnung schien er einen Moment ernsthaft nachzudenken und sagte dann, wie für sich "Und ich habe gar keine Falkenhaube mit. Großes Versäumnis..." Die Frage nach dem Wagnis beantwortete er wortlos, mit einer leichten höfischen Verneigung - die Geste, mit der man im Horasischen eine Dame bei einem Ball auffordert.
"Wenn es Euch genehm ist, sollten wir am besten gleich los. Wir müssen nach Yaquirhafen. Ich muss nur kurz am Weg ins Atelier, noch meine Malsachen mitnehmen...hoffe das ist in Ordnung?" sah er sie fragend an. Sie ergriff die Flasche ‘Strammer Muktur', die noch halbvoll vor ihr auf dem Tisch stand. “Sicher, ich hoffe jedoch der Wegwein wird reichen. Habt ihr Wein im Atelier?” "Es ist nicht weit, liegt am Weg", widerholte er nur. Mit einem Seitenblick musterte er die Flasche. Enttäuschte Rufe hallten Jandara hinterher Domna! Belleza! verlasst uns nicht… Jandara winkte ihnen beim Hinausgehen beschwichtigend zu. “Freunde, morgen Abend bin ich wieder hier oder in der Casa Tornillo auf irgendeinem rahjagefälligen Besäufnis.”
Als die zwei aus der Taverne auf die schwarze, gepflasterte Gasse traten, begann es zu schneien, in großen, fedrig weißen Flocken. Jandara wirkte ehrlich überrascht, sie war Schnee aus ihrer Heimat in den Bergen des Eisenwalds gewohnt, aber hier in der Capitale Punin schneite es äußerst selten. Sie zog ihren gefütterten Umhang fester um sich.
Emilio sah zu Jandara, und um seine Augen spielte ein Lächeln. "Wie gut könnt ihr klettern?"
Jandara blickte auf die halbvolle Flasche Wein in ihrer Hand. Falls sie zweifelte, ließ sie es sich kaum anmerken. “Ich entstamme einer langen Ahnenreihe von Waldwachter Bergziegen und Hurenböcken. Wenn man den Geschichten glauben mag, die ich in dieser Taverne bereits zum Besten gegeben habe, dann könnte ich jetzt noch die Spitze des Turms der Magierakademie erklimmen, falls es nötig wäre.” Sie straffte sich ein wenig, ihr Blick wurde ernster. “Ich bin gespannt auf die Herausforderung die Ihr für mich habt.”
Irgendwo im Bezirk Yaquirhafen
Punin lag still unter den Sternen in dieser Winternacht, und der fallende Schnee machte es noch stiller, während die zwei durch die menschenleere Gassen und an schlafenden Häusern vorbei Richtung Yaquirhafen wanderten. Emilio führte Jandara zu einem mehrgeschoßigen und altehrwürdig wirkenden Fachwerkhaus, schloss unten die Türe auf und machte der jungen Adeligen dann eine stumme Geste, bitte einzutreten.
Auf der steil hinaufführenden Holztreppe ging er achtsam unterhalb seines Gastes, um bereit zu sein falls sie straucheln sollte. Oben angelangt, ließ er die Domna von Hellenwald in seinen Atelierraum ein. Das große Zimmer lag in schwachem bläulich-kühlen Dämmerlicht, welches durch große Butzenglasscheiben gefiltert hineinfiel. Die Luft roch nach sommerlichem Wald, was den Lösungsmitteln aus destilliertem Pinienharz geschuldet war. Darüber lag ein Duft nach Weihrauch.
Der junge Mann kramte im Halbdunkel und entzündete die Lichter eines verzierten, silbernen Kerzenhalters, bevor er anfing, Malutensilien zusammenzusammeln. Im warmen Lichtschein konnte nun auch Jandara den Raum besser erkennen. Etliche kostbar aussehende Ölgemälde in dunklen, leuchtenden Farben standen am Boden, gegen die Wände gelehnt... Wände welche mit weiteren Bildern und mit zahlreichen Skizzen und Schriftstücken behängt waren. Auf einem ausladenden Schreibtisch und in Regalen stapelten sich Papiere, Gläser mit teuren Pigmenten, ledergebundene Folianten, aber auch Reiseutensilien und fremdländisch wirkende Objekte. Eine archaische hölzerne Reptilienmaske, marmorne Bruchstücke von Statuen, dazwischen ein Brocken Minduriumerz, so dunkelbunt schillern wie eine Dohlenfeder.

Während Emilio mit dem Packen beschäftigt war, ließ Jandara ihren Blick weiter durch das Zimmer geleiten. Manche Gemälde zeigten klassische Sujets, andere muteten...eigentümlich an. Eines der Bilder zeigte eine schroffe Berglandschaft, daraus erhob sich leuchtend eine weiße Feste. Der blassblauen Himmel darüber wirkte wie helles Porzellan, welches aber oberhalb des Gebäudes in Bruchlinien zerbrach, um eine dahinterliegende, von wirbelnden und fluoreszierenden Phantasmen durchzogene Dunkelheit zu offenbaren.
Dann blieb Jandaras Blick an einem anderen Gemälde hängen: Eine still und kristallin wirkende, verschneite Waldlandschaft. Inmitten schwarzer Bäume und weißem Frost war die einzig erkennbare Farbe ein in einiger Höhe gespanntes, rotes Seil, auf dem ein Kind balancierte. Ein weißgekleidetes Mädchen mit langem dunklem Haar. Man erkannte, wie vorsichtig sich das Kind bewegte, bemüht nicht zu fallen. Links und rechts des Rahmens führten, wie in einer Verlängerung des Seiles vom Bild, zwei rote Farblinie über das Holz der Wand, die jeweils in einem gemalten Herz endeten.
Jandara verschränkte die Arme, den Kopf leicht zur Seite geneigt, und trat einen Schritt näher an das Bild heran. „Das Mädchen auf dem Seil…“ Ihre Stimme war leiser, fast nachdenklich, „…was ist mit ihr geschehen?“ Sie drehte sich halb zu Emilio um, ihr Blick verweilte jedoch noch auf dem Gemälde. „Oder malt ihr nie zu Ende, was nach dem Schritt ins Leere kommt?“
Emilio, der eben einige Pinsel auf ein Tuch legte, ließ die Hände sinken und blickte auf. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Überraschung ab. Es war eine gute Frage. Zur Antwort beschrieb er die Bilder aus seinen Träumen, in einem ruhigen Tonfall, als würde er ein Märchen erzählen: "Das kleine Mädchen war vorsichtig und trat noch nicht ins Leere. Als sie älter wurde, hat sie eine Spur aus eigenem und fremdem Blut gezogen, Blutstropfen auf dem weißen Schnee, doch der Frost blieb. Aber irgendwann hat sie gelernt, mit dem Feuer zu tanzen. Damit sind die Farben gekommen..." Er schlug die Pinsel vorsichtig in das Tuch ein und verstaute sie. "...und der Frostwald wurde zu einem blühenden Garten."
Die Leichtigkeit war ein wenig aus Jandaras Stimme verschwunden. Sie nickte abwesend. “Ich verstehe.”
Dann trat sie zurück, stellte ihre Weinflasche beiseite und begann, mit einer Selbstverständlichkeit, als stünde sie allein in einem Ankleidezimmer, die Schließe ihres Umhangs zu lösen. „Nun, mein Herr…“, sie ließ den schweren Stoff achtlos auf einen Stuhl gleiten. Ihre Hände waren schon am Gürtel, als sie innehielt. Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet, der Ansatz eines Lächelns um die Lippen, wie eine Katze, die sich sicher ist, dass man ihr jede Freiheit zugesteht. „...also – wo wollt ihr mich?“
Der Maler, der inzwischen fertig gepackt hatte, sah wieder hoch, und sein Blick kreuzte sich mit dem der jungen Domna. **Unzählige Männer und einige Frauen**, hatte sie in der Taverne gesagt, waren schon für sie entbrannt. Emilio zweifelte keinen Augenblick daran. Jandara hatte etwas Berauschendes an sich, stärker als der dunkle, schwere Rotwein, der noch an ihren Lippen haftete. Etwas Berückendes, Berauschendes, und sie wusste es.
Er trat näher, strich mit den Fingern gedankenverloren über den abgelegten Umhang und hob ihn dann von der Stuhllehne, um der Domna beim Anlegen zu helfen. "Der Platz ist hier ganz in der Nähe! Ein alter Palazzo am Yaquirufer."
Jandara hob überrascht die Brauen, ihre Hände noch am Gürtel innegehalten. „Ein Palazzo?“ In ihrer Stimme lag ein warmes, ungläubiges Lachen, als hätte sie gerade ein Stück unerwarteter Süßspeise im Mund. „Ihr lockt mich doch nicht in ein feuchtkaltes Atelier, sondern in einen alten Palazzo?“
Sie griff nach dem Umhang, den Emilio ihr hinhielt, doch statt ihn sofort anzulegen, hielt sie das weiche, gefütterte Tuch einen Moment zwischen den Fingern, als wolle sie seinen Duft prüfen. „Ihr überrascht mich.“ Ihre Augen funkelten – nicht nur vor Neugier, sondern auch vor jener freudigen Erwartung, die sich wie ein schleichendes Feuer in ihr ausbreitete, wenn sie ahnte, dass der Abend sich zu einer dieser Geschichten entwickeln könnte, die sie in Jahren noch mit übertriebenen Gesten und einem Glas zu viel im Kreis von Freunden und Bewunderern erzählen würde.
Sie legte den Umhang über die Schultern, zog die Kapuze locker auf und nahm ihre Weinflasche wieder an sich. „Nun gut“, sagte sie, mit diesem schelmischen Unterton, der sowohl Versprechen als auch Warnung war. „Zeigt mir diesen Palazzo.“