Chronik.Ereignis1037 Studienobjekte 02
Methumis, Rondra 1037 BF
Sie hatten sich für den nächsten Morgen zum Frühstück verabredet.
Emilio schloss die Tür zum Schankraum. Er war trotz der frühen Stunde gut besucht. An einem Tisch diskutierten zwei ältere Studiosi über die richtige Auslegung eines bosparanischen Gesetzestextes. Nebenan stritt ein junger Dozent mit einer reisenden Gelehrten über die politische Zukunft des Horasreiches. Ein Schreiber hörte aufmerksam zu, während er scheinbar unbeteiligt sein Frühstück genoss. Alles verlief in ruhigerem, gediegenerem Ton als in anderen Schankstuben der Stadt.
Orleane hob den Blick und schaute in die Richtung, aus der Emilio sich auf den Tisch zubewegte. Er sah erholter und ein gutes Stück kultivierter aus, und das, obwohl er gerade nur hemdsärmelig unterwegs war. Die junge Studiosa erwartete Emilio bereits an einem reich gedeckten Tisch mit frischem Brot und einer reichlichen Auswahl an Wurst, Käse und Marmelade. Eine Karaffe mit Arangensaft stand ebenso bereit wie eine weitere mit kühlem Wasser und Minzblättern darin.
Emilio bemerkte sogleich wieder die dunkel geprägte Ausstrahlung seiner Begleitung. Am heutigen Tag trug sie ein Kleid aus tiefdunklem, violettschwarzem Samt mit schmalem, hochgeschlossenen Stehkragen. Das eng anliegende Mieder zeichnete die Taille elegant nach, während der lange Rock in schweren Falten bis zum Boden fiel. Feine silbergraue Stickereien zogen sich über die Ärmel und bildeten dezente Motive von Raben, Mondsicheln und verschlossenen Augen. Anstelle auffälligen Schmucks trug sie lediglich einen kleinen silbernen Rabenschädel an einer schwarzen Kordel. Ihr dunkles Haar war seitlich gescheitelt, glatt zurückgekämmt und zu einem kunstvollen, tief sitzenden Flechtknoten im Nacken geflochten. Eine einzige schmale Silberstange mit einem Rabenmotiv hielt die Frisur zusammen. Ihr Gesicht war mit blassem Puder versehen, die Augen durch einen weichen grauschwarzen Lidstrich betont. Die Lippen trugen nur einen gedämpften Pflaumenton, während die Wangen nahezu farblos blieben. Ihre kurzen, gepflegten Fingernägel waren mit einem matten, beinahe schwarzen Lack versehen, ohne Glanz und ohne Schmuck. So verband ihre Erscheinung die vornehme Eleganz des Lieblichen Feldes mit der stillen Strenge des Boronglaubens: schön, gepflegt und weiblich, doch zugleich von einer beinahe unheimlichen Ruhe geprägt.
Die Veränderung gegenüber dem Vortag fiel dem Maler auf und überraschte ihn leise. Die junge Frau schien im Rahmen ihrer eigenen Welt an Farben gewonnen zu haben. Es hatte etwas von einer Blume, die im Schatten aufblühte. Um sie nicht übermäßig anzustarren, richtete er seine Aufmerksamkeit bewusst auf das Frühstück, welches gewiss auch welche verdient hatte. Emilio begann nachzudenken, wie er sich revanchieren und erkenntlich zeigen könnte für die fortgesetzte Freundlichkeit der Signora ya Pirras.
“Seid gegrüßt Signor Emilio. Ich hoffe die erste Nacht war erholsam und Ihr hattet einen angenehmen Schlaf. Nehmt Platz.” Ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie auf den freien Platz ihr gegenüber deutete. “Zum einen solltet Ihr heute in Eurer Fakultät vorstellig werden, wegen der Lehrpläne und weiterer organisatorischer Dinge. Danach steht Euch der Rest des Tages zur freien Verfügung. Leider werde ich Euch nicht die ganze Zeit begleiten können, da ich eine wichtige Vorlesung habe, die ich unter keinen Umständen verpassen darf. Habt Ihr schon irgendwelche Pläne?”
Er folgte der Einladung, nachdem er ihre Begrüßung gleichermaßen höflich und lächelnd erwidert hatte. „Danke sehr! Ich bin schon gespannt auf die Tsa-Schule. Überhaupt auf die ganze universitäre Anlage!“ Er nahm sich von Gebäck und Belag. „Und ja, selbstverständlich! Ihr sollt bitte meinetwegen überhaupt nichts verpassen, auch nicht weniger Wichtiges. Da wir davon sprechen, ich wollte gerne schon fragen: Die Boron-Schule hier… Was sind dort die Spezialgebiete?“
Orleane trank noch einen Schluck Saft, bevor sie antwortete. “Morallehre und Seelenheilkunde im Namen des Dunklen Vaters. Damit vervollständige ich mein Wissen aus der Peraine-Schule. Heilkunde von innen und außen. Und wenn Ihr Euch die gesamte Universität ansehen wollt, wird das einige Zeit in Anspruch nehmen, ist diese doch im ganzen Stadtgebiet verteilt.”
Emilio hatte gehofft, ein Thema zu treffen, das die Horasierin beflügelte, doch schien ihre kurze, kontrollierte Antwort fast so, als hätte er sie unwillentlich brüskiert, oder war ihr irgendwie nahe getreten. Aber es konnte ebensogut sein, dass er sich das gerade einbildete. Er schüttelte den fragenden Ausdruck im Gesicht ab. „Alle Institute abzugehen ist sicher zu viel. Ich würde mir gerne einen Eindruck der Umgebung hier verschaffen. Und die Bunte Mauer sehen.“
„Dann kommt, wenn Ihr schon unbedingt wissen wollt, wo Ihr die nächsten Götterläufe verbringen werdet, dann solltet Ihr wenigstens die richtigen Gebäude kennenlernen.“ Die junge Studiosa wartete nicht auf eine Antwort. Mit einem kaum merklichen Lächeln setzte sie sich in Bewegung und winkte dem neuen Studiosi hinterher. Sie hatte sich noch einen kurzen, schwarzen Umhang, dessen Saum mit einer Reihe stilisierter Rabenfedern bestickt war, über die Schultern gelegt, bevor sie das Gasthaus verließen. Mit Seitenblick auf das prachtvolle Cape zögerte Emilio kurz, ob er nicht noch hochlaufen sollte, seinen Gehrock holen. Seine horasische Begleiterin war jedoch bereits am Weg hinaus. Ja dann. Es würde auch so gehen.
Er schloss zu Orleane auf, die nun vor dem Gasthaus stand. „Das hier ist Centurria“, erklärte sie. „Der älteste Teil der Stadt. Und einer der Orte, an denen Ihr sehr schnell merken werdet, dass Methumis keine Universität mit einem einzigen Campus ist. Unsere Universität steckt überall in der Stadt.“ Man merkte, dass Orleane schon einige Zeit an der Universität war, denn sie bewegte sich mit der selbstverständlichen Sicherheit einer Einheimischen durch die Straßen. Für Emilio dagegen war jeder zweite Abzweig ein Rätsel. Hinter den Häusern ragten Türme auf, über den Dächern flatterten bunte Wimpel, und aus einer nahen Gasse drang der Geruch nach gerösteten Nüssen, Wein und warmem Brot. Zwischen alten Patrizierhäusern, schmalen Läden und reich verzierten Fassaden tauchen immer wieder die Zeichen der Universität auf. Dann öffnete sich die Straße vor ihnen.
Die Bunte Mauer zog sich in einem langen, unregelmäßigen Band an der Straße entlang. Kein gewöhnliches Mauerwerk, sondern ein Stück Methumis, das aussah, als hätte die ganze Stadt beschlossen, ihre Geschichten auf Stein zu malen. Türkis, Ocker, Rot und tiefes Blau wechselten sich ab. Zwischen den farbigen Flächen fanden sich verblasste Wappen, Darstellungen berühmter Gelehrter, Heiligenbilder, Schiffszeichen und Ornamente, deren Bedeutung ihm völlig unbekannt waren. Manche Stellen waren frisch ausgebessert worden, andere trugen die Spuren von Jahrzehnten. Sie führte ihn ein Stück weiter. Vor ihnen hatte sich eine kleine Gruppe Studenten versammelt. Einige diskutierten heftig über die Darstellung eines Gelehrten mit übergroßem Hut, während ein anderer gelangweilt daneben stand und an einem Apfel kaute.
Orleane trat näher an die Mauer und strich mit den Fingerspitzen über eine blaue Stelle im Putz. „Die Mauer wurde immer wieder verändert. Jeder, der hier etwas zu bedeuten hatte, wollte offenbar seinen Teil hinterlassen. Manche Stifter haben Geld gegeben, andere haben Maler bezahlt, wieder andere haben einfach ihr Wappen irgendwo anbringen lassen.“
„Und das darf jeder?“, fragte Emilio neugierig. „Natürlich nicht.“
„Wer entscheidet dann, was hierher kommt?" „Niemand weiß das so genau.“
Er sah sie überrascht an. Orleane lächelte. „Willkommen in Methumis.“
“Methumis, Stadt der Rätsel und Geheimnisse.” grinste der Almadaner mit einer Geste, die die ya Pirras darin miteinbezog. Dann wurde er wieder ernst, berührte ebenfalls mit den Fingerkuppen das Mauerwerk mit den unzähligen sich überlagernden Farbschichten.
Gebrannte Erde, Karmesinrot, Ultramarin. Er legte sachte die Handfläche auf.
“Und dahinter ist der Ozean?” Er wandte sich halb um zu Orleane. “Können wir den auch ansehen?”
“Nein, dahinter befindet sich der Onjet, welcher sich im Süden ins Meer ergießt. Folgt mir, ich bringe Euch dort hin.” Die Studiosa ging mit sicheren Schritten voran, während ihr Begleiter immer wieder stehen blieb, um sich umzusehen. Ihr werdet Euch noch verlaufen“, sagte sie amüsiert, ohne sich umzudrehen. „Ich bin erst seit gestern hier.“ „Eben.“
Sie führte ihn durch eine schmalere Straße in Centurria, an der Bunten Mauer entlang. Der Weg ging nach Süden. Immer wieder öffneten sich zwischen den Häusern kleine Durchgänge, durch die man einen Blick auf das dahinterliegende Methumis erhaschen konnte. Je weiter sie nach Süden kamen, desto häufiger mischten sich die Gerüche der Stadt mit einer salzigen Note. Zunächst war es kaum mehr als ein Hauch.
Dann blieb die Orleane plötzlich stehen. „Wartet.“ Sie standen vor einer Treppe, die die Bunte Mauer hinauf führte. Verstohlen blickte Orleane hinauf. “Kommt.” Ohne lange zu fragen, ergriff sie Emilios Hand und zog ihn einfach mit sich, was er geschehen ließ.
Als sie den Wehrgang erreicht hatten, lag das Meer der Sieben Winde vor ihnen. Für einen Augenblick sagte keiner etwas. Hinter ihnen erstreckten sich die Dächer von Methumis. Dann die Hafenanlagen, Masten und Segel, die sich wie ein Wald aus Holz und Tuch gegen den hellen Himmel abzeichneten. Weiter draußen glitzerte das Wasser bis zum Horizont.
Emilio trat neben Orleane an die Brustwehr. Die Bemalungen der Mauer hatte er mit begeisterten Ausrufen kommentiert. Hier, vor dem Ozean, wurde er völlig still. Sein Blick ging hinab, wo sich neun Schritt unter ihnen Wellen weiß gischtend an den Felsen des Kais brachen. Dann sah er hinaus, wo leuchtendes Blau sich scheinbar endlos streckte, um sich irgendwo weit draußen im Himmel zu verlieren.
Orleane setzte sich auf die niedrige Mauerkrone und ließ die Beine baumeln. „Das ist mein Lieblingsplatz.“ Angesichts der Tiefe unter ihnen erfasste Emilio bei dem Anblick ein unwillkürliches Gefühl leichter Sorge. Sie festzuhalten war aber natürlich völlig außer Frage, er griff also betont ruhig die Konversation auf. „Was macht es zum Lieblingsplatz?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wenn Ihr drei Stunden über bosparanische Grammatik, Philosophie oder irgendeinen verstorbenen Gelehrten geredet habt, braucht Ihr manchmal etwas, das größer ist als ein Buch.“ Der junge Studiosi nickte dazu und betrachtete das Meer.
“Es ist das erste Mal, dass ich es sehe.” sagte Emilio dann halblaut. “Ich habe gelesen darüber. Auch geträumt. Das hier ist mehr, als ich mir hätte vorstellen können.” Ein Windstoß fuhr über die Mauer und brachte den Geruch von Salz und Hafen zu ihnen herauf. Für einen Moment wirkte die gewaltige Stadt hinter ihnen weit entfernt.
Langsam stand Orleane auf, blieb aber noch einen Augenblick auf der Mauerzinne der Bunten Mauer stehen. “Und Signor Emilio, habt Ihr schon eine Inspiration für Euer erstes Kunstwerk?” Sie sprang auf den Wehrgang und schaute Emilio direkt in die Augen
Gerne hätte er etwas Sinnvolles geantwortet, besonders da es um Malerei ging. Emilio war aber schlichtweg zu überrascht von dem, was gerade passierte, was man ihm auch ansah. Schließlich nickte er.
“Und? An was habt Ihr gedacht? Landschaft? Portrait?” Orleane dachte wieder an ihre Aufgabe. Lernen in dem Gesicht ihres Gegenübers zu lesen.
“Ein bisschen von beidem.” gab dieser preis. “Ihr vor dem Ozean wart ein sehr schönes Bild.” Leise Belustigung spielte in seinem Blick, als er ergänzte: “Das wisst Ihr vielleicht.”
Dann musterte er konzentriert einen Punkt am entfernteren Horizont.
“Ozean, verständlich. Ich, da muss ich Euch enttäuschen. Mir fehlt das Bedürfnis, mich auf diese Art und Weise zu verewigen. Der Gebieter der Nacht lehrt uns, dass nicht jedes Antlitz bewahrt und nicht jede Erinnerung an das Sichtbare gebunden werden muss. Was vergänglich ist, soll seinen Frieden finden. So möge auch mein Gesicht dem Schweigen gehören und nicht der Leinwand.“
Das Gesicht ihres Studienobjektes war nach dieser Eröffnung nicht sonderlich schwer zu lesen. Tatsächlich hätte es als Lehrbuchillustration unter “Verlegenheit” stehen können. “Ich hätte einfach sagen sollen Das Nordtor", überlegte er noch laut, dann hatte er sich aber wieder ein gutes Stück gefangen. “Diese Entscheidung liegt natürlich vollkommen bei Euch. Über den grundlegenden Gedanken würde ich aber gerne bei anderer Gelegenheit noch weitersprechen. Ihr könnt Euch denken, dass ich da woanders stehe.”
“Auf diese Diskussionen freue ich mich schon sehr, Signor Emilio. Ich bin auf Eure Argumente gespannt.” Sie lächelte. „Kommt“, sagte die Studiosa dann und wandte sich vom Ausblick ab. „Wenn Ihr Euch heute schon bei dem Blick auf das Meer verliert, findet Ihr die Universität nie.“
Emilio folgte ihr über die schmale Treppe, die von dem Wehrgang hinab führte. Das Geräusch ihrer Schritte hallte auf den Stufen wider. Unten angekommen, mussten sie sich zunächst durch eine weitere Gasse zwängen. Der Weg führte nun über unebenes Pflaster, vorbei an kleinen Läden und Werkstätten. Ein Händler hatte Bücher neben seinem Stand ausgelegt, und aus einem offenen Fenster drang der Klang einer Laute.
An einer breiteren Gasse wurde der Verkehr dichter. Ein mit Fässern beladener Karren rumpelte an ihnen vorbei. Die Studiosa zog ihren Begleiter kurzerhand zur Seite. „Noch etwas: Immer auf die Fuhrwerke achten. Die Pferde wissen nicht, dass Ihr neu seid.“
“Was? Ihr studiert doch am Peraine-Institut. Ich dachte, ich tue Euch einen Gefallen, wenn ich Euch etwas zum Üben besorgen.”
Er sah sie einen Moment ernsthaft an, ehe sein Gesicht sich in einem foppenden Lächeln verzog.
”Ich hoffe, Ihr nehmt es mir nicht übel, wenn ich diese Art von Hilfe dankend ablehne.” gab die ya Pirras zurück.
“Da möchte man einmal ritterlich sein…” nahm ihr Begleiter die Ablehnung dann aber doch mit gutmütigem Schulterzucken hin.
Sie gingen weiter nach Norden. Dann blieb die Studiosa stehen. Vor ihnen erhob sich ein stattlicher Sandsteinbau. „Da.“
„Das ist die Universität?“ erkundigte sich der di Rueda.
„Ein Teil davon.“ Sie deutete auf das Gebäude. „Die Nandus-Schule. Sprachkunst und Philosophie. Und Ihr werdet Euch daran gewöhnen müssen, dass in Methumis ein Gebäude durchaus mehr als eine Geschichte haben kann, denn in diesem Gebäude befindet sich auch die Akademie des Magischen Wissens.”
Emilio sah an der Fassade empor, doch die Studiosa ging bereits weiter. Er schloss auf.
„Das ist das Erste, was Ihr über Methumis lernen solltet. Ihr studiert nicht in einem Gebäude. Ihr studiert in der Stadt.“ Sie wandte sich noch einmal zu ihm um. „Und wenn Ihr Euch irgendwann verirrt, fragt nicht, Wo ist die Universität? Fragt besser, Welche Schule suche ich?“ Emilio nickte langsam. Was die erfahrene Studentin erzählte, fühlte sich nicht mehr nach Stadtführung an, sondern nach Initiation, und er hörte mit ruhiger Aufmerksamkeit zu.
Hinter ihnen verschwanden die bunten Mauern der Zinne zwischen den Dächern. Vor ihnen öffnete sich der Weg zu den gelehrten Häusern Centurrias. Und damit begann sein eigentliches Studium in Methumis, noch bevor er überhaupt eine einzige Vorlesung gehört hatte