Chronik.Ereignis1047 Der Ruf der Silbernen Krähe 01

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Vom Tod eines Mannes, Travia 1047 BF

Autoren: CuervoOscuro

>> Seufzend blickte Rondraldo de Valdecorneja hoch zum Praiosmal. Die sengende Hitze des gestrengen Auges des Götterfürsten, gepaart mit den heißen Winden des mhanadischen Sommers, machte dieses von Göttern verlassene Land noch schwerer zu ertragen. Vor einem Tag ließen sie Erkenstein hinter sich und begannen den Aufstieg in Richtung Raschtulsturm.

Die Aufträge über den Raschtulsweg waren gefährlich, aber sie versprachen stets gutes Gold. So auch dieses Mal; der Händler war ein wortkarger Geselle mit zwei noch maulfauleren Gesellen, von denen Rondraldo nicht einmal wusste, ob sie ihn verstanden. Dass der Mann es sich leisten konnte, seinen ganzen Haufen als Geleitschutz anzuwerben, sprach dafür, dass die Ware in den beiden Planwägen eine sehr wertvolle sein musste. Umstände, die den Condotierre für gewöhnlich aber nicht interessierten - er hoffte lediglich, dass sie problemlos und wie geplant in sieben Tagen in Punin ankommen und dann den Rest ihres Goldes würden einstreichen können.

Rondraldo freute sich bereits auf die Tage danach. Er würde seinen Männern und Mädels einen Mond frei geben und selbst die Reise heimwärts zum elterlichen Lehen antreten. Zusammen mit … der Caballero ließ abermals ein Seufzen folgen, doch war dieses nicht aus Missmut geboren, sondern hatte einen positiveren Grund.

Das Hufgeklapper neben ihm riss Rondraldo etwas aus seinen Gedanken. Er blickte lächelnd auf und sein Blick traf die hübschen braunen Augen seiner großen Liebe. Yezabella war etwa einen Götterlauf in der Horda Negra und Rahjas Huftritt traf den Caballero unerwartet und heftig. Heftig, wie die Beziehung, die die beiden seit Beginn verbinden sollte. Es dauerte nicht lange, bis Yezabellas Mondblut ausblieb und auch andere Symptome darauf hinwiesen, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug - sein Kind und es besorgte ihn sehr, dass Yezabella es sich, trotz ihrer Umstände, nicht nehmen ließ, weiter mit ihnen zu reiten.

Es war unmöglich gewesen, es der heißblütigen Frau auszureden und sie hätte ihn eher zum Duell gefordert, um ihm zu zeigen, dass ihm selbst eine Schwangere den Hosenboden lang ziehen konnte, als dass sie Vernunft hätte walten lassen.

“Du willst es wirklich durchziehen?”, war es die junge Frau, die ihre sanfte Stimme erhob.

“Den Auftrag?”, beantwortete Rondraldo die Frage mit einer Gegenfrage, konnte sich dabei jedoch ein Schmunzeln nicht verkneifen.

“Tonto … du weißt genau wovon ich rede!”

“Ach das …”, schmunzelte der Caballero vor sich hin, “... dass ich dich meiner Mutter als meine … schwangere … Verlobte vorstellen will. Ja natürlich, oder bekommst du kalte Füße?”

“Pfft”, schnaubte Yezabella verächtlich, fing sich jedoch schnell wieder und lächelte frech. “Ich werde dich beim Wort nehmen, Mann. Und wenn ich dich in Ketten vor den Traviageweihten schleifen muss.”

“Das gefällt ihm womöglich noch”, war es nun Esteban, der sich aus der zweiten Reihe ins Gespräch einmischte und mit ihm auch der Rest der Truppe ins Gelächter einstimmte.

Dann wurde es still.

Rondraldos Hengst legte seine Ohren an und der Caballero streichelte ihm beruhigend über den Hals. Es war wohl ein weiterer Vorbote dessen, was nun folgen würde. Die Formation der Horda Negra war locker - Disziplin war nie die Stärke der Truppe gewesen und wir waren stolz darauf. Wir waren jung … laut … übermütig und gegenwärtig in großer Gefahr.

Ein dumpfer Schlag, ein kurzer Schrei - hinter ihm fiel der eben noch lebensfroh lachende Esteban aus dem Sattel wie ein leeres Hemd. Rondraldo rief etwas, doch vermochte niemand zu sagen ob es Befehl oder Fluch war.

Dann brach die Welt auseinander.

Zwischen den Felsen brachen die Ferkinas hervor, nicht wie Menschen, sondern wie Geister, die sich plötzlich in Wesen aus Fleisch und Blut wandelten. Sie waren schnell, die Szenerie versank in Gebrüll und Chaos.

Rondraldo zog sein Schwert, rutschte aus seinem Sattel, während rundherum Staub aufstieg, als wäre es Rauch und die Pferde kreischten. Er rief seinen Leuten zu, sich zu sammeln, doch niemand schien in diesem Moment auf ihren Condottiere zu hören.

Aus seinem Augenwinkel sah der Caballero einen weiteren seiner Männer fallen. Zwei andere kämpften Rücken an Rücken, bevor sie von vier oder fünf Ferkinas umzingelt wurden. Rondraldo versuchte sich zu den beiden durchzuschlagen, doch schien ihm just in diesem Moment einer der Ferkina-Krieger von einem Felsen aus anzuspringen.

Rondraldo parierte den Angriff, schlug zurück, traf, doch schien der Treffer seinen Gegner nicht aus der Fassung zu bringen. Stattdessen kam ein zweiter von der Seite. Der Treffer, den Rondraldo einstecken musste, ließ eine seiner Rippen knacken. Er schmeckte Blut und konnte sich gerade noch so auf den Beinen halten.

Neben ihm tobten weitere Kämpfe. Er sah die Horda Negra fallen - einen nach dem anderen. Das Banner der Terzio lag neben ihm im Staub. Dass es Yezabella war, die es getragen hatte, ließ Angst in ihm aufsteigen. Rondraldo konnte sie nicht mehr sehen.

Der Kampf tobte. Er konnte nicht sagen wie lange. War es bloß die Dauer weniger Herzschläge? Oder Stundengläser? Rondraldo hatte jedes Gefühl dafür verloren. Genauso wie seine Kraft auch zur Neige ging.

Wie er dort endete, wusste er nicht, doch irgendwann endete der Caballero auf dem Rücken liegend im heißen Staub. Seine Augen brannten, das sengende Sonnenlicht schmerzte ihn.

Und dann stand er über ihm. Einer der Angreifer, seinen Speer erhoben. Der Schatten des Ferkinas fiel über Rondraldos Gesicht.

Er blickte ihm in die Augen. Sie waren dunkel, klar, aber ohne Hass.

Der Ferkina hätte Rondraldo töten können. Er hätte ihn töten sollen, doch er zögerte. Einen winzigen Moment lang zögerte er und der Condottiere wusste nicht warum. Dann senkte er seinen Speer und drehte sich weg. Die Angreifer verschwanden zwischen den Felsen, so schnell wie sie Momente davor aufgetaucht waren.

Rondraldo lag da, zwischen seinen Männern und Frauen … seinen Freunden … seinen Brüdern und Schwestern. Auch er hätte an diesem Ort sterben sollen und ein Teil von ihm tat dies auch.

Der Ruf des Geiers ließ Rondraldo aus seiner Schicksalsergebenheit holen und er quälte sich auf seine Beine, die sogleich wieder nachgaben. Der Caballero schälte sich aus seinen geschwärzten Rüstungsteilen und kroch am Boden durch den heißen Staub, bis er …

… der Anblick seiner Verlobten … der Mutter seines ungeborenen Kindes ließ ihn abermals zusammensacken. Seine Augen füllten sich mit Tränen und Rondraldo brauchte bis er sich wieder auf die Knie aufrichten konnte. Er strich eine braune Locke aus Yezabellas leblosem Gesicht und küsste ihre kühle Stirn.

“Es tut mir so leid”, kam ihm lediglich als ein tonloses Flüstern über die Lippen.<<