Chronik.Ereignis1047 Von Spinnennetzen und Sternen 01

Punin, Rahjamond 1047

Autor: Amrit

Emilio Lampérez di Rueda, nachts und bei Kerzenschein, sitzt in seinem Atelier und schreibt Aufzeichnungen:

Wenn ich an Avessandro denke, sehe ich uns wieder auf unserem Weg zum Castillio di Rueda, dem altehrwürdigen, vor hundert Jahren verlorenen Sitz unserer Familie. Wir waren durstig nach der Welt. Unsere Eltern wussten nicht von diesem Ausflug.

Hinter uns dehnte sich die fruchtbare Yaquirische Ebene, silbergrün im Wind; vor uns standen die Sandsteinklippen des Amhallashi in dessen eingeschnittenen Tälern Staub und Geröll hinabsickerten wie ein rötliches Rinnsal. In der sich senkenden Nachmittagskühle löste sich das Flirren über der Landschaft, und sie nahm Kontur an.

Zuerst sahen wir nur eine Linie gegen das Rot der aufragenden Felsen – zu regelmäßig, um natürlich zu sein, aber zu gebrochen für ein intaktes Bauwerk. Dann hob sich ein Bogen ab, ein geborstener Turm, immer noch trutzig wirkend. „Dort“ sagte mein Bruder leise, als fürchte er, die Silbe könne das Bild wieder verwischen. Vor uns lag das Haus unserer Ahnen – von Ranken umschlungen, unter dem Himmel entblößt.

Im Näherkommen erkannten wir kunstreiche Arabesken, die sich an den Mauerresten wanden, filigrane Steinspitzen. Über dem geschwungenen Torbogen des Haupthauses stand noch das steinerne Wappen meiner Familie: ein aufrechter Löwe, der eine Sonnenscheibe in den Pranken hält wie ein Schild. „Mit dem Mut der Löwin und im Schutze Praios“, so hatte man es auch uns noch eingeprägt. Doch der ehemalige Prunksaal dahinter lag offen, das Dach war eingestürzt, und Licht fiel ungehindert hinein.

Roter Sand hatte sich in den Winkeln gesammelt, in Treppenstufen, auf Fensterbänken, als hielte die Khom es noch immer besetzt, ganz sacht, mit wehendem Staub statt wehender Fahnen. Zwischen den Steinen jedoch kroch Grün hervor – Ranken, die die Mauern umarmten, jung und unbeirrbar, als wollten sie die Narben der Vergangenheit zudecken.

Wie in unabgesprochener Übereinkunft fassten wir uns an der Hand, mein Bruder und ich, beim Übertreten der Schwelle.

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Der Ausflug brachte Avessandro und mich näher. So reisten wir dann öfter, immer weiter fort von einem Elternhaus, in dem was einmal war schwerer wog als alles, was noch werden konnte.

Mein Bruder übernahm bereitwillig Handelsaufträge und ich war sein Kompagnon, sein Schriftführer und vor allem: sein Gefährte im Abenteuer. Denn das war, was uns lockte.

So waren wir wenig später weit im Osten, und unterwegs im schroff aufragenden Gebirge der Schwarzen Sichel. Die letzte menschliche Siedlung lag schon über eine Tagesreise hinter uns, da gerieten wir in den Hinterhalt. Zwar konnten wir die Räuber zurückschlagen, doch Avessandro trug ernstliche Wunden davon, und um die anderen Gefährten war es kaum besser bestellt. Wir lagerten in einer windstillen Niederung, über uns spannte sich der Abendhimmel wie eine violette Glasglocke, und besprachen die Lage, denn unsere Heilkräuter waren fast erschöpft. Mein Herz war schwer vor Sorge.

Wie wir so berieten mit verhaltenen Stimmen, raschelte es nahe uns im Gesträuch. Unsere Hände fuhren sich schon zu den Waffengriffe, doch den steilen Pfad hinab kam nur ein schmächtiger Dörfler. Der betrachtete unsere verwehte Gruppe und wies uns dann den Weg nach einer Burg, welche verborgen in einer Schneise des Abhangs lag – Seine Herrin sei eine geübte Heilerin, und vermöge uns sicher zu helfen, ließ er uns lächelnd wissen. Wir dankten dem Burschen, der Fügung, und suchten die Burg auf.

Von außen wirkte diese Festung, als wäre sie aus dem Granitmassiv des Berges selbst gewachsen, doch hinter den Toren, die von dienstfertigen Untergebenen geöffnet wurden, überraschte uns der Glanz. Marmorne Arabesken hoben sich über spiegelnden Böden, es brannten viele hundert Lichter, als wollte man uns einen festlichen Empfang bereiten. Fast zögerten wir, einzutreten, doch die Herrin der Burg kam uns schon entgegen, in den fließenden, weißen Gewande einer Heilerin, und wir wurden freundlich aufgenommen. Sie sagte, wir seien am richtigen Ort.

Erleichtert legten wir Waffen und Rüstungen ab und glaubten uns in sicheren Händen. Erst später lernte ich, dass ihre Kunst nicht von jener Art war, die Wunden schließt. Unwissentlich waren wir in tiefere Gefahr geraten als zuvor - in die Hallen einer Magierin, deren Wirken nicht heilte, sondern band.

Die Herrin war umgeben von Gefolge, dass ihr gänzlich ergeben war, und nicht viel Zeit verstrich, da fanden auch wir uns als Teil davon. Es schien undenkbar, jemals wieder fortzuwollen. Wir waren doch endlich am Ziel unserer Reise. Ihre Worte woben Netze, beiläufig, kunstfertig, und sie band uns ein in ihre Welt, an den Platz, an den wir gehörten: Ganz bei ihr.

Mein Bruder und ich standen ergriffen vor ihrem Geschenk, denn sie liebte uns so aufrichtig, dass sie alles für uns sein wollte - die verlorene Mutter, die Priesterin unserer innersten Gedanken, Sonne unseres Firmaments. Neben solchen Strahlen kann nichts anderes bestehen, und so fielen Erinnerung und Eigenwille von uns ab, wie alte Hüllen, wie Blätter von einem Baum, Stück für Stück. Meist tat es nicht einmal weh.

Einmal rief sie uns in den Thronraum, die Kerzen brannten niedrig. Sie erwartete uns sitzend und wies uns den Platz zu ihren Füßen zu. Schon beim Eintreten war zu spüren, dass sie uns etwas Ernstes zu sagen hatte. Sie offenbarte, dass sie uns doch kennt, zutiefst kennt. Dass sie also einen bodenlosen, dunklen Abgrund im Zentrum all unserer Seelen sah, der einen nur in Verzweiflung stürzen konnte. Und hatte sie nicht recht? So ging das Wort von Mund zu Mund. Einer nach dem anderen gab ihr recht, wiederholte ihr Bild mit eigenen Worten und eigenem Schmerz. Es war, als würde im Raum etwas immer dunkler, drückender, mit jeder Bestätigung, und der Abgrund wurde unausweichlich. Als das Wort an mich kam, sagte ich: „Ja, ich kenne eine solche zehrende Dunkelheit. Aber sie füllt nicht alles aus. Sie trägt in sich einen Stern, einen kleinen Funken in der Schwärze, und gleich wie dunkel der Abgrund wird, der Stern ist immer da.“ Die mitfühlende Herrin sah mich an, wie man auf ein Kind blickt, das Fantasie nicht von Wahrheit trennen kann. „Diesen Stern gibt es nicht“, sagte sie mir sanft.

Ein andermal habe ich sie vor den Kopf gestoßen, und wollte es nicht einmal. Sie war nur so sehr Zentrum meines Blickes, ich habe so viel über sie nachgesonnen, dass ich begann, Facetten zu sehen in diesem geschliffenen Kristall. Sie war Herrin, ja. Aber irgendwo spürte ich sie auch als ein Mädchen, das mit Puppen spielt und sie tun und sagen lässt, was ihr gefällt. Ein Mädchen, das etwas sucht und nicht findet. Das allein ist. Es machte die Herrin nur noch liebenswürdiger, menschlicher in meinen Augen. Also habe ich ihr diese Gedanken angedeutet.

Das war ein schwerer Fehler, ich hatte mich arg verschätzt. Es führte dazu, dass ich ihre Macht in aller Deutlichkeit kennenlernte. Was sie tat, kann ich nicht in gute Worte fassen. Sie wirkte ihre Kraft. Sie stürzte mich in Nebel, in ein dichtes Gespinst aus Verwirrung, und ich weiß nicht einmal genau, was mir geschah. Benommen wie ein Tier, dass gegen Glasscheiben prallte und bald mit gebrochenem Genick liegen bleiben muss. Sie wandte meine eigenen Gedanken gegen mich, wie eine Meute zerreißender Bestien. In verzweifelter Flucht, mich innerlich selbst zerfleischend, irrte ich durch spiegelnde Hallen, bis ich mich auf ihrem Wehrturm wiederfand. Durch Tränenschleier sah ich die Klippen hinter den Zinnen steil abfallen, und alles, was ich tun konnte, war: an mich halten. Ich habe sie danach nicht mehr in Frage gestellt.

Es schien dann so zwingend, mich endlich ganz aufzugeben. So schwer, es nicht zu tun. Ich wollte für die Herrin still werden wie Wasser, wie eine Oberfläche die reglos und ohne Verwerfungen liegt. Immer leiser lagen darunter Gedanken und Gefühle wie ein Tier in der Falle, ein Falter im Spinnennetz. Du spürst: *etwas* ist nicht richtig, aber die Kraft fließt aus dir. Und wenn ich meinen Gegner nicht sehen kann, dann ist der einzige richtige Schluss doch der, dass ich es selber bin.

Doch trotz allem, etwas in mir blieb wach, und eines Nachts schreckte ich hoch. Die ferne Silberscheibe des Mondes warf ein kaltes Licht in unsere Kammer, als habe jemand die Welt neu belichtet. Ich presste die Zähne zusammen in aufsteigender Kälte, und auf einmal sah ich klar, schmerzhaft klar. Die Illusionen, die auf mir lagen, hatten ihren Griff verloren. Ich versuchte, Avessandro zu wecken - erst meinen Bruder, dann die anderen - und wollte es ihnen begreiflich machen. Wir sind in Gefahr. Wir müssten hier fort.

Er starrte mich an wie einen Wahnsinnigen, hatte etwas Gläsernes in den Augen. Und in mein Herz schlich sich Verzweiflung. Ich konnte ihn nicht alleine lassen, aber sein Blick ließ erkennen, wie weit fort er war. Als ich meinem Bruder noch zuredete, leise, flehend, stand plötzlich die Herrin der Burg vor uns. „Was ist dein Begehr?“ fragte sie mit einer Stimme, die Klarheit verlangte. Und ich stieß heraus: "Ich möchte gehen." Da überraschte sie mich, die Weißgewandete. Mit schlichter, gemessener Stimme sagte sie nur „Du bist frei. Ich halte keine Gefangenen.“

Ich lief. Lief in die Nacht.

Und dann sandte sie meine Gefährten hinterher mit gezogenen Klingen. Noch heute tragen meine Schultern die Narben jener Nacht, aber tiefer als die Schwerter schneidet mich ein Gedanke. Immer wieder der gleiche Gedanke: Ich sehe meinen Bruder vor mir, noch verwundet von jenem ersten Überfall. Niemand hatte seine Wunde versorgt. Und dann komme ich, und vertiefe seine Verletzung.

Ich entkam. Suchte unsere Ordensritter unseres Herren Praios auf und kehrte mit ihnen zurück. Licht der Wahrheit gegen gleißende Verblendung. Es kam zu einem langen Kampf, der beiden Seiten Verluste zufügte. Schließlich hat sich die Magierin tief in die Berge zurückgezogen wie ein Schatten. Die Burg aber war verloren. Ihr Netz zerrissen.

Meinem Bruder konnte ich nicht mehr helfen. Aber wenn auch nur eine Seele solchen Netzen um ein weniges leichter entgeht, war mein Ringen nicht ganz umsonst. Das ist ein Gedanken, an dem ich etwas Halt finde, wenn die Erinnerungen mich wieder einholen. Die Schulterstücke meiner Rüstung tragen nun ein neues Wappen – den Nachtfalter, aufstrebend unter meinem vielstahligen Stern.

Was die weiße Herrin betrifft: Ich denke sie hatte Recht, zumindest ein Stück weit, mit diesem Abgrund, den wir alle in uns tragen. Aber jeder von uns trägt auch einen Stern in sich mit leisem, klarem Licht, selbst in dunkelster Nacht. Und nach diesem Licht kann man sich ausrichten.