Chronik.Ereignis1045 Puniner Geschichten 04

Version vom 3. Januar 2026, 02:36 Uhr von Amarinto (Diskussion | Beiträge) (→Der Rotseidene Salon)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Baronie Kyrstollen, Anfang Rahja 1045 BF

Auf dem Junkergut Hellenwald

Autoren: Amarinto

Xerog liess die Waffe sinken, beide waren verschwitzt von den gemeinsamen Waffenübungen. Da blieb sein Blick an Jandaras nackter Hüfte hängen. Nicht lange. Aber lang genug. Die Schramme an ihrer Seite verriet mehr, als ihr lieb sein konnte. Er kannte sie noch nicht.

Er schnaubte, legte den Stock beiseite und brummte: "Sag mir bitte, das ist von etwas, das unbeweglich war."

Jandara Garlischgrötz von Hellenwald verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. "Unbeweglich war es erst nachher."

Xerog schloss die Augen. "Punin."

"Natürlich Punin."

Ein Moment Schweigen. Dann musterte sie ihn prüfend, fast zu harmlos. "Sag mal, Xerog", begann sie beiläufig, "weißt du eigentlich, wer Sumudane von Viryamun und Flagellandt ist?"

Der Zwerg öffnete ein Auge. Dann das andere. Sein Blick war trocken wie alter Sandstein. "Klingt", sagte er langsam, "wie jemand aus genau jener Verwandtschaft, bei der du jedes Mal die Zähne zusammenbeißt, wenn der Name fällt."

Jandaras Grinsen wurde breiter.

Xerog nahm einen Schluck. "Und es klingt wie ein Name, den man sich ausdenkt, wenn man jemanden beleidigen will, ohne ihm ins Gesicht zu sagen, dass man es tut."

"Also glaubst du, es gibt sie nicht?"

Er zuckte mit den Schultern. "Ich glaube, wenn es sie gibt, dann nur so lange, wie du beschlossen hast, dass sie existiert."

Jandara lachte leise. Kein helles Lachen, eher eines, das nachhallte. "Du bist furchtbar weise, wenn du willst."

"Ich will selten", knurrte er. "Und noch seltener will ich Geschichten hören, die mit falschen Namen anfangen."

Sie hob den Stock und deutete damit auf den Zwerg. "Schade. Denn genau so eine werde ich dir jetzt erzählen."

Xerog verdrehte die Augen und griff demonstrativ nach seinem Krug mit Bier der auf dem Tisch in der Nähe stand. "Tu mir den Gefallen", sagte er, "und erspar mir Details, bei denen jemand gezogenes Metall erwähnt oder seine Ehre verliert...und von deinen fleischlichen Abenteuern will ich auch nichts wissen."

Jandara lehnte sich zurück, zufrieden, das Funkeln in den Augen unübersehbar. "Dann wirst du dich furchtbar langweilen müssen."

Der Zwerg brummte missmutig. "Bei meinen Ahnen...", murmelte er. "Eines Tages bringst du mir noch einen Namen mit, der Ärger macht."

"Den habe ich längst mitgebracht", erwiderte sie sanft.

Xerog sagte nichts mehr. Er hörte zu. Wie immer. Und wie immer tat er so, als sei es wider Willen.

Punin im Hesindemond 1045 BF

Fest der falschen Namen

Der Umschlag war schwer und roch nach Parfum, das zu lange in dunklen Schatullen gelegen hatte. Jandara hielt ihn zwischen zwei Fingern, als könne er abfärben. Das Siegel der Familia Tournaboni war tadellos, geschniegelt wie sein Absender. Als sie las, verfinsterte sich ihr Blick. Ein weiteres nobles Fest. Pflichttermin. Pflichtgesichter. Pflichtgespräche.

"Natürlich", murmelte sie. "Warum sollte der Abend anders enden als in gepflegter Langeweile." Sie nahm einen weiteren Schluck aus der bereits halbleeren Weinflasche. Sie ließ die Einladung sinken und betrachtete ihr Spiegelbild. Unordentlicher Zopf, schlichte Kleider mit Weinflecken, ein Ausdruck, der zu ehrlich und zu provokant war für das, was man von ihr erwartete. Langsam, beinahe nachdenklich, lächelte sie. Dann begann sie sich umzuziehen.

Nicht in eines ihrer bevorzugten Kleider, nicht in etwas Eigenwilliges oder Herausforderndes. Nein. Sie wählte ihr feinstes Kleid. Seide, zurückhaltend geschnitten, in einer gedeckten Farbe, die niemanden beleidigte. Sie löste den Zopf, bürstete das Haar sorgfältig aus und steckte es in eine perfekte, glatte Frisur. Kein Strähnchen durfte widersprechen. Sie schminkte sich. Mehr, als sie es sonst je tat. Wangenrot, um das Gesicht weicher wirken zu lassen. Lippenfarbe, dezent und teuer. Der Blick im Spiegel zeigte eine Frau, die ihr entfernt ähnelte und die sie sofort verachtete: angepasst, höflich, makellos.

"So also", sagte sie leise, "hättet ihr mich gern." Ein sanftes süffisantes Lächeln machte sich auf ihren Lippen breit während sie Weinflasche anhob und einen weiteren Schluck daraus nahm.

Der Name kam ihr plötzlich, mühelos, wie ein tödliches Gift. Sumudane von Viryamun und Flagellandt.

Sie sprach ihn laut aus und lachte. Kurz, scharf. Eine Karikatur ihres Großvaters, eine absurde Übersteigerung jener Namen, die in ihrer mütterlichen Verwandtschaft mit Ehrfurcht und Angst ausgesprochen wurden. Wenn sie schon diese Rolle spielte, dann würde sie sie perfekt spielen.

Der Festsaal im Palacio Tournaboni empfing sie mit Kerzenlicht und höflichem Gemurmel. Ein Lakai trat vor. "Euer Name, Domna?" Sie hob das Kinn einen Hauch zu hoch. "Sumudane von Viryamun und Flagellandt."

Der Lakai blinzelte und zögerte kurz. "Ah. Natürlich. Willkommen, Domna." Dann verneigte er sich pflichtschuldig.

Natürlich. Immer natürlich. Jandara hätte ihm am liebsten jetzt schon das Knie ins Gesicht gerammt. Stattdessen lächelte aufgesetzt, nickte und betrat das Fest.

Schon nach wenigen Schritten wurde sie angesprochen. Eine ältere Dame mit strengem Dutt musterte sie von oben bis unten. "Der Name Viryamun trägt Gewicht und Bedeutung", sagte sie langsam. "Welcher Linie entstammt Ihr, Domna?"

Jandara lächelte süß. "Der bedeutendsten natürlich."

Die Dame lachte unsicher. "Wie reizend. Und Flagellandt?"

"Ein entsetzlicher Ort, ihr würdet ihn hassen", erwiderte Jandara mit einem Seufzer. "Aber er bringt Geld und das ist es doch was zählt." Sie lächelte zuckersüss. Die Dame nickte ehrfürchtig.

Später stand ein junger Adliger bei ihr, geschniegelt bis zur Austauschbarkeit. "Euer Kleid ist exquisit, Domna", sagte er. "Aus Vinsalt?"

Jandara zog die Brauen zusammen. "Vinsalt? Bei den Göttern, nein. Das sieht man doch." "Natürlich", stammelte er verlegen. "Vergebt mir." "Ich vergebe selten", antwortete sie kühl und wandte sich ab.

Sie bewegte sich durch den Saal wie eine Diva. Beanstandete den Wein. "Zu warm." Die Musik. "Zu fröhlich." Die Gespräche. "Zu belanglos."

Ein beleibter Junker aus dem Ragathischen wagte einen Scherz. "Ihr scheint schwer zufriedenzustellen, Domna." Sie musterte ihn lange. "Dann gebt Ihr Euch offenbar noch nicht genug Mühe, Dom." Sie tätschelte ihm sanft, aber doch angemessen herablassend die bärtige Wange.

Ein paar Lacher. Einige betreten gesenkte Blicke. Eine junge Frau neben ihm sah Jandara mit unverhohlener Bewunderung an. "Ihr seid...eine beeindruckende Person, Domna", flüsterte sie. Jandara beugte sich näher. "Nein. Ich bin eine schwer zu beeindruckende Person."

Je länger der Abend dauerte, desto mehr verfestigte sich ihre Rolle. Niemand hinterfragte sie. Niemand lachte offen. Der Name Sumudane von Viryamun und Flagellandt wanderte von Mund zu Mund, wurde geflüstert, verzerrt, aufgeladen. Als sie schließlich ging, ohne Abschied, ohne Dank, blieb der Saal zurück wie ein gestörtes Uhrwerk.

Draußen löste sie die Frisur, ließ das Haar fallen und atmete tief ein. Die Maske hatte gehalten. Zu gut. "Vielleicht", sagte sie leise in die Nacht, "hat Sumudane von Viryamun und Flagellandt heute noch weitere Auftritte." Und irgendwo hinter ihr begann Punin bereits, sich an einen Namen zu erinnern, den es gar nicht gab.

Wein unter Fremden

Sie hielt das Kinn hoch und ließ die Maske an. Das Kleid saß makellos, die Schminke unversehrt, die Haltung unantastbar. Genau so, wie man es von ihr erwartete. Oder vielmehr: wie man es von Sumudane erwartete. Es war durchaus möglich, dass jemand auf dem Fest ihre wahre Identität erkannt, durch die Maske geblickt hatte. Es war möglich, dass diese Anmaßung ihre bald schon großen Ärger einbringen würde. Daher würde sie diesen Abend und diese Nacht in vollen Zügen auskosten.

Die Taverne lag nicht allzu weit entfernt, hinter den Mauern, einer jener ehrlichen Orte, in denen der Wein billig und die Zungen locker waren. Drinnen war es warm, laut, lebendig. Ein scharfer Kontrast zu den geschniegelt erstickten Räumen des Palacio Tournaboni, den sie eben verlassen hatte.

Ein paar Gäste hoben die Köpfe, als sie eintrat. Nicht wegen des Lärms, sondern wegen des Bruchs. Seide in einer Welt aus Wolle. Haltung inmitten von Müdigkeit. Ein Mann am Tresen drehte sich halb um. Er trug einfache Kleidung, aber saubere. Die steife Art eines Menschen, der den Rücken den ganzen Abend gerade gehalten hatte und ihn nun endlich entspannte. Ein Dienstbote, frisch nach Dienstschluss. Sein Blick blieb an ihr hängen. Seine Augen weiteten sich. "Bei den Göttern...", murmelte er. "Das ist diese Viryamun."

Jandara setzte sich ungefragt an einen Tisch mit Studenten, als gehöre er ihr. "Wein", sagte sie zum Schankburschen. "Und zwar sofort."

Der Dienstbote stand auf. Zögerte einen Moment. Dann trat er näher, verneigte sich zögerlich. "Verzeiht, Domna", sagte er leise, ehrfürchtig. "Ihr wart doch eben noch..."

Sie sah ihn an. Langsam. Messend. "Sprecht aus", sagte sie kühl.

"Auf dem Fest im Palacio Tournaboni", platzte es aus ihm heraus. "Ihr habt...also...ihr habt diesem Junker gesagt, sein Stammbaum sei interessanter als er selbst."

Ein kurzes, scharfes Lachen ging durch die Taverne. Köpfe drehten sich. "Das hat sie gesagt?", fragte einer der Studenten lachend. "Die?" "Von wem redet ihr?"

Jandara nahm ihren Becher, nippte, verzog keine Miene. "Er hat gefragt", sagte sie. "Ich habe wahrheitsgemäß geantwortet."

Der Dienstbote nickte eifrig. "Und der Wein! Ihr habt den Wein zurückgehen lassen. Dreimal."

"Er war unerquicklich. Nicht so wie diese lasche Plörre hier." So hob lächelnd den Becher mit dem billigen Wein. "Die ist natürlich delikat. Ich habe noch nie so köstliches Waschwasser getrunken." Vereinzelte Lacher.

"Und die Sache mit der Musik!", warf er nach. "Ihr habt gesagt, sie klänge wie der langsame Tod eines Vogels." Jetzt lachten mehrere. Lauter. Ungläubig.

"Wer seid Ihr denn?", fragte die Frau mit den Tintenfingern, die Jandara nun neugierig musterte. Jandara stellte den Becher ab. "Sumudane von Viryamun und Flagellandt."

Der Dienstbote sog scharf die Luft ein. "Ich hab’s gewusst." "Viryamun?", wiederholte einer der Studenten. "Das ist doch..." "Still", zischte ein anderer. "Wenn sie eine Viryamun ist, dann..."

"Dann ist sie entweder sehr wichtig", sagte Jandara ruhig, "oder sehr grausam. Oder beides." Ehrfürchtiges Raunen im Schankraum.

Ein Trinkspiel begann, beinahe zwangsläufig. Fragen flogen, Antworten sprudelten. Der Dienstbote erzählte bereitwillig weiter, wie sie durch den Saal gegangen war, wie sie gesprochen hatte, wie sie gegangen war, ohne sich zu verabschieden. Mit jedem Satz wuchs ihr Ruf.

"Sie hat den ganzen Saal gegen sich gehabt", schloss er ehrfürchtig. "Und es hat ihr gefallen."

Jandara hob den Becher und nickte ihm zu. "Endlich jemand, der aufpasst."

Der Rausch setzte langsamer ein als erwartet, aber er war verlässlich. Stimmen wurden lauter, Abstände kleiner. Der Name wurde weitergereicht. Verändert. Verkürzt. Aufgeladen.

"Domna Sumudane war hier." "Eine Viryamun trinkt mit Studenten." "Sumudane von Flagellandt lässt sich von niemand etwas sagen."

Als Jandara schließlich aufstand, war es kein stiller Abgang. "Geht Ihr schon?", fragte jemand. "Bleibt noch!" "Erzählt doch noch mehr!"

Sie schüttelte den Kopf. "Nicht heute. Ich habe noch Verpflichtungen, nicht so wie ihr faules Lumpenpack."

Draußen war die Nacht kühl. Sie atmete tief ein. Hinter ihr hörte sie das Stimmengewirr weiterrollen wie eine Welle. Der Dienstbote hatte sie erkannt. Und damit war es geschehen. Punin wusste nun, dass Sumudane von Viryamun und Flagellandt nicht nur auf Festen existierte, sondern auch in Tavernen saß, Wein trank und lachte wie jemand, der sich nichts schuldig fühlte.

Jandara ging weiter in die dunkleren Gassen der Stadt. Die Maske hielt. Und sie begann, ein Eigenleben zu entwickeln. Jandara und Sumudane begannen miteinander zu verschmelzen.

Worte, schärfer als Stahl

Als Jandara die Taverne verließ, folgte ihr ein leises, gespanntes Schweigen. Der Name Sumudane von Viryamun und Flagellandt war kein Gerücht mehr, sondern eine Einladung zur Konfrontation. Auf der Strasse vor der Taverne wartete bereits jemand, der es gewohnt war, dass man ihm Platz machte.

Torquato Tournaboni stand mit jener selbstverständlichen Ruhe da, die nur Menschen haben, die Räume besitzen, selbst wenn sie sie nicht gekauft haben. Sein Blick war scharf, sein Lächeln kontrolliert. Er verneigte sich knapp. Seine bewaffneten Begleiter blickten sie finster an.

"Domna Sumudane?", begann er, "Oder welchen Namen Ihr inzwischen tragt."

Jandara blieb stehen. Sie ließ sich Zeit, ihn zu mustern, als prüfe sie die Qualität eines Weines. "Wenn Ihr gekommen seid, um Etikette zu verhandeln, dann seid Ihr reichlich zu spät." Sie lachte spöttisch.

"Im Gegenteil", erwiderte Torquato. "Ich bin gekommen, um Unwahrheiten zu ordnen. Auf meinem Fest bedient man sich nicht fremder Namen."

Ein Murmeln ging durch die kleine Schar von Studenten und Nachtschwärmern, welche aufgrund der Konfrontation stehengeblieben waren. Jandara hob eine Braue. "Fremd? Wie enttäuschend von Euch, Ratsherr, so wenig Fantasie zu besitzen."

Torquatos Lächeln verhärtete sich. "Ihr habt gelogen", sagte er ruhig. "Über Euren Namen. Aber nicht über Euren Stand. Das ist...interessant." Er wirkte nun eher amüsiert als verärgert.

"Ihr seid ein scharfer Beobachter", sagte Jandara. "Und dennoch erschreckend uninformiert."

"Wer Ihr nicht seid, weiß ich", entgegnete er. "Wer Ihr seid, werde ich herausfinden." Ein paar Schritte näher. Nicht drohend, aber bestimmend. "Ihr habt Gäste beleidigt. Ihr habt meinen Namen lächerlich gemacht, indem Ihr Euch seiner Nähe bedient habt. Jemand Eures Standes versteht, dass ich das nicht dulden kann...Domna."

Jandara lächelte. "Ihr duldet sehr viel, Ratsherr. Sofern es von den richtigen Namen kommt."

Das Wortgefecht wurde präziser, schärfer. Torquato sprach von Ordnung, von Verantwortung, von dem Gewicht eines Namens. Jandara antwortete mit feiner Ironie, mit Lob, das schnitt, mit Fragen, die seine Selbstsicherheit umkreisten wie Raubvögel.

"Ihr versteckt Euch", sagte er schließlich. "Nicht hinter Mut. Hinter Spott."

"Spott", erwiderte sie leise, "ist die ehrlichste Form der Kritik."

Torquato zog den Degen. Nicht hastig. Mit Bedacht. Ein klares Zeichen, dass Worte ihr Ende gefunden hatten. "Genug", sagte er. "Fordert mich nicht weiter heraus."

"Nicht nötig, wo Ihr mich doch bereits gefordert habt.", antwortete Jandara fast schon erfreut. Sie reichte ihren Mantel weiter, löste ihn mit einer Bewegung, die eher an eine Verbeugung erinnerte. Sie streckte ihren Arm zu den Schaulustigen aus. "Man reiche mir eine Fechtwaffe. Die Ehre Sumudane von Viryamun und Flagellandt steht auf dem Spiel." Ein junger Mann zog seinen Degen und reichte ihn ihr dienstbeflissen.

Dann begann das Duell. Der erste Austausch war kurz und hart. Torquato war kein Narr. Seine Klinge führte Gewicht, Erfahrung, Stolz. Sie parierte, wich aus, ließ ihn kommen.

"Ihr kämpft besser, als Ihr lügt", bemerkte er zwischen zwei Schritten.

"Und Ihr redet zu viel", fauchte sie und setzte nach. Ein flacher Schnitt an seiner Schulter, sauber gesetzt. Nicht gefährlich. Aber öffentlich. Torquato stolperte einen halben Schritt zurück, fing sich, atmete schwer. Er sah sie an, nicht mit Wut, sondern mit etwas Neuem. Respekt, widerwillig geboren.

Jandara senkte die Klinge. "Das reicht", sagte sie kühl. "Der Ehre wurde Genüge getan."

Ein Moment Stille. Dann brandete Gemurmel auf. "Sie hat ihn getroffen." "Bei den Göttern." "Wer ist sie denn nun?"

Torquato steckte den Degen weg. Sein Blick folgte ihr, während sie den Mantel wieder anlegte. "Wir sprechen uns wieder", sagte er leise. "Unter echtem Namen."

Jandara wandte sich noch einmal um. "Es wäre mir ein Vergnügen", erwiderte sie. "Aber nicht heute. Erwartet mich morgen Nachmittag zur Traviastunde in Eurem Palacio, zu Gebäck und Tee." Torquato seufzte, aber nickte schließlich.

Dann ging sie, ließ eine Menschenmenge voller Fragen zurück. Als sie in die Gassen von Punin eintauchte, pochte ihr Herz schneller. Ein warmer Schmerz an der Seite erinnerte sie daran, dass Stahl immer ehrlich blieb. Zu ihrem Glück hatte niemand den Treffer des Ratsherren bemerkt...oder zumindest hatte niemand etwas gesagt. Sie lächelte. So langsam wurde ihr die Domna Sumudane fast schon sympathisch. Sie drückte ein Stück Stoff auf den Kratzer an ihrer Seite und ging weiter, die Nacht war noch nicht zuende. Ein letzter Auftritt der Domna Sumudane stand noch auf dem Programm, der Rotseidene Salon der Fiunzetta di Alcuaz wartete noch auf sie.

Der Rotseidene Salon

Die Tür fiel leise ins Schloss, und die Geräusche der Stadt blieb draußen zurück wie ein abgelegter Mantel. Als Jandara den berüchtigten Salon betrat, änderte die Nacht ihre Temperatur. Kerzenlicht lag schwer in der Luft, Stimmen glitten gedämpft über Polster und Teppiche, Parfum und Wachs mischten sich zu einem Versprechen, das nicht ausgesprochen werden wollte.

"Maske?", fragte die nur leicht, aber geschmackvoll gekleidete Frau an der Tür.

"Natürlich." Antwortete Jandara und lachte ein wenig in sich hinein.

Jandara nahm das schmale Stück Seide, elfenbeinfarben, kühl zwischen den Fingern. Als sie es anlegte, spürte sie, wie der Blick sich verschob. Nicht weg von ihr. Zu ihr hin. Sumudane trat an ihre Stelle, glatt, überlegen, unantastbar. Der Raum bestand aus Inseln. Menschen standen nah beieinander, zu nah, um zufällig zu sein. Berührungen geschahen beiläufig, Blicke blieben einen Atemzug zu lang. Stand spielte hier keine Rolle, nur Haltung. Und Lust, sorgfältig verpackt.

"Ihr seid neu", sagte eine Stimme dicht an ihrem Ohr.

Er stand neben ihr, ohne Maske, als wäre das sein eigener Trotz. Schlank, elegant, mit einem Blick, der prüfte, ohne zu bitten. Zu nah. Absichtlich.

"oder sehr mutig", fügte er hinzu.

"Oder gelangweilt", erwiderte Jandara. Sie wandte sich nicht ganz zu ihm. "Das verwechseln viele."

Sein Lächeln war kaum mehr als ein Zug um die Lippen. "Wie wollt Ihr genannt werden?"

Sie hob das Kinn, lächelte überlegen. "Sumudane."

Der Name glitt zwischen sie wie ein Schlüssel ins Schloss. Er nickte, als hätte er genau das erwartet. "Ein Name, der sich gut flüstern lässt."

"Und wie soll ich Euch nennen?" Sie hatte ihn natürlich erkannt.

"Nennt mich doch Cusimo."

Sie lächelte, seine Dreistigkeit gefiel ihr. "Natürlich."

Sie ließ den Blick über den Raum gleiten, nahm ein Glas, trank. Er blieb. Bewegte sich nicht weg. Seine Nähe war kein Druck, eher ein Versprechen, das langsam Spannung aufbaute.

"Ihr spielt Eure Rolle überzeugend", sagte er leise.

"Welche Rolle?"

"Die Frau, die entscheidet."

Jandara drehte den Kopf nun doch. Ihre Arme berührten sich. "Und Ihr?", fragte sie. "Welche Rolle spielt Ihr heute?"

"Die, dessen der folgt, wenn es sich lohnt."

Ein leiser Strom der Erregung ging durch sie. Langsam. Sie stand auf, ging ein paar Schritte. Er folgte. Nicht sofort. Gerade spät genug, um es wie Zufall aussehen zu lassen. Sie sprachen kaum. Worte wurden schnell unnötig. Ein Blick am Kamin. Ein Streifen Stoff, der herunterrutschte und ihre Schulter freigab. Seine Hand, die sich neben ihrer auf dem Tisch abstützte, ohne sie zu berühren. Noch nicht.

"Man spricht von Euch", sagte er schließlich.

"Die Leute reden immer", antwortete sie. "Meistens Unsinn."

"Vom Fest im Palacio Tournaboni." Seine Stimme senkte sich. "Davon, dass Ihr einen falschen Namen tragt."

Sie lächelte unter der Maske. "Dann bin ich hier ja genau richtig."

"Und nicht allein", sagte er süffisant.

Der Salon hatte Nebenräume. Separees, verborgen hinter schweren Vorhängen. Jandara blieb davor stehen, drehte sich zu ihm um. Die Kerzen warfen Schatten über seine Wangenknochen. Für einen Moment war da nichts als die gespannte Stille zwischen zwei Atemzügen.

"Keine weiteren Namen...", sagte sie. "...und keine weiteren Fragen."

Sie zog den Vorhang beiseite. Er sagte nichts und glitt wie ein Schatten an ihr vorbei ins Separee. Drinnen war es kleiner, wärmer. Ein Sofa, gedämpftes Licht. Die Welt schrumpfte auf Nähe zusammen. Er trat einen Schritt näher. Sie spürte seine Hand an ihrer Taille, fest genug, um ehrlich zu sein. Sie legte die Finger an seinen Kragen, zog ihn heran. Die Maske blieb. Der Name auch. Was folgte, blieb wortlos. Zeit verlor ihre Ordnung. Die Nacht hielt den Atem an und sah weg. Als sie sich lösten, geschah es ohne Drama. Jandara richtete das Kleid, strich die Maske glatt. Er trat zurück, mit einem Lächeln, das mehr wusste, als es zeigen würde.

"Bis zum nächsten falschen Namen, Domna Jandara", sagte er.

Sie zögerte kurz. Er hatte durch ihre Maske gesehen, sie hatte es fast schon erwartet. "Vielleicht", antwortete sie. "Vielleicht auch nicht, Dom Felipe."

Natürlich wusste sie, wer er war. Er hatte auch keinen Wert darauf gelegt es zu verbergen. Felipe IX. Juanito di Lacara y Fuente. Manchmal waren echte Namen genauso aufgeblasen wie erfundene. Sie verließ das Separee allein, glitt durch den Salon, hinaus in die kühle Luft von Punin. Ihr Herz schlug ruhig. Zu ruhig für das, was geschehen war.

Die Maske hatte nicht nur gepasst. Sie war fast mit ihr verschmolzen. Für einen Moment erfasste sie ein Gefühl von Angst. Angst sich in ihrer Rolle zu verlieren. Angst zu weit gegangen zu sein. Sie verlor das Gefühl in den Beinen oder zumindest kam es ihr so vor, sie lehnte sich an eine Hausfassade, suchte dort Halt. Tränen liefen ihr über das Gesicht, verschmierten ihre Schminke. Dann erlangte sie die Fassung wieder, durch eiserne, rohe Willenskraft. Dann machte sie sich auf den Weg.

Was vom Namen bleibt

Der Morgen war stiller als sie verdient hatte. Der Yaquir floss träge dahin, schwer vom Licht der aufgehenden Sonne, als habe er die Nacht noch nicht ganz abgeschüttelt. Auf einem flachen Stein am Ufer saß Jandara und ließ die Füße im feuchten Gras ruhen. Sie trug wieder ihre üblichen Kleider, schlicht, praktisch, vertraut. Die Schminke war fortgewaschen, der Zopf sauber gebunden, streng genug, um Ordnung zu behaupten, locker genug, um nicht zu lügen. Neben ihr lag eine leere Flasche Wein.

Sie war betrunken. Nicht taumelnd, nicht verloren. Sondern auf jene klare, schneidende Art, in der jeder Gedanke scharf blieb und nichts mehr beschönigt wurde. Sie wusste es. Und sie ließ es zu. In ihren Händen hielt sie die Maske aus dem rotseidenen Salon. Elfenbeinfarben, glatt, unschuldig. Jetzt wirkte sie lächerlich klein. Und zugleich schwer. Jandara ließ die Nacht noch einmal an sich vorbeiziehen. Das Fest. Die Blicke. Die Stimmen, die ihren falschen Namen ausgesprochen hatten, als wäre er echt. Die empörten Gesichter. Das Lachen. Der Stahl. Die Hitze eines fremden Körpers im Halbdunkel. Der Rausch. Sie lächelte schief.

Es war gut gewesen. Verdammt gut sogar. Die Parodie hatte gesessen, jede Spitze, jede übertriebene Geste. Sie hatte ihre verhasste Viryamun-Verwandtschaft lächerlich gemacht, ohne dass diese es überhaupt bemerkt hatten. Sie hatte sich genommen, was sie wollte. Wein. Aufmerksamkeit. Lust. Risiko. Und doch blieb etwas hängen.

Ihr Blick glitt zur Maske. Für einen Moment war es, als säße nicht sie allein am Fluss, sondern jemand ihr gegenüber. Hochmütig. Gelassen. Launisch. Sumudane. "Du warst nur ein Spiel", murmelte Jandara und hörte selbst, wie wenig überzeugend es klang.

Die Erkenntnis kam nicht schleichend, sondern wie ein kalter Stich. Was, wenn Sumudane mehr gewesen war als eine Karikatur? Was, wenn diese Arroganz, diese Rücksichtslosigkeit, diese Lust an der Überhöhung nicht nur Spott gewesen war, sondern Teil von ihr? Sie erschrak über den Gedanken. Ihre Finger schlossen sich fester um die Maske. Einen Herzschlag lang sah sie sie an, als würde sie ihr gleich antworten.

Dann warf sie sie.

Die Maske flog flach, berührte das Wasser und trieb davon. Der Yaquir nahm sie auf, drehte sie langsam, gleichgültig. Elfenbein wurde zu einem hellen Fleck im dunklen Strom, entfernte sich, wurde kleiner.

Jandara stand auf um zu gehen, drehte sich aber noch einmal um und sah der davontreibenden Maske nach, bis sie kaum mehr zu erkennen war. Sie seufzte. Eine einzelne Träne löste sich, lief über ihre Wange, ohne Drama, ohne Hast. Sie wischte sie nicht weg. Stattdessen nickte sie langsam, als hätte sie gerade etwas verstanden, das sie lange hatte vermeiden wollen. Der Fluss schwieg. Die Sonne stieg höher.

Und irgendwo zwischen Nacht und Morgen begann Jandara zu akzeptieren, dass man manche Masken herunterreißen konnte, aber dass was darunter lag nicht immer das war, was man auch sehen wollte.