Chronik.Ereignis1040 Zwischen Ober- und Unter-Punin 02: Unterschied zwischen den Versionen

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Emilio überschlug die Zeit im Kopf und stellte fest: Er und Tsayano hätten gemeinsam angefangen, wenn die Dinge anders gelaufen wären. Das Kriegerseminar war stark im Gespräch gewesen, wie er sich erinnerte. Sein Großvater [[Nazir di Rueda]], auch [[Ranarion di Rueda|sein Vater]], hätten es gewünscht. Dann war die  Ausbildung Thema von Streitgesprächen geworden, die mehr an der Oberfläche waren, die hinausgingen über das, was zwischen den Ruedas und Lampérez damals üblich war. Emilio war vor allem deswegen erleichtert gewesen, als das Thema dann irgendwann ''ad acta'' gelegt wurde. Seine Entscheidung für die Malerei drei Jahre später hatte Nazir jedoch durchaus noch als persönlichen Schlag empfunden. Emilio sann innerlich nach. Wie es gewesen wäre, Tsayanos Schulgefährte zu sein? Es wäre wohl alles anders.
Emilio überschlug die Zeit im Kopf und stellte fest: Er und Tsayano hätten gemeinsam angefangen, wenn die Dinge anders gelaufen wären. Das Kriegerseminar war stark im Gespräch gewesen, wie er sich erinnerte. Sein Großvater [[Nazir di Rueda]], auch [[Ranarion di Rueda|sein Vater]], hätten es gewünscht. Dann war die  Ausbildung Thema von Streitgesprächen geworden, die mehr an der Oberfläche waren, die hinausgingen über das, was zwischen den Ruedas und Lampérez damals üblich war. Emilio war vor allem deswegen erleichtert gewesen, als das Thema dann irgendwann ''ad acta'' gelegt wurde. Seine Entscheidung für die Malerei drei Jahre später hatte Nazir jedoch durchaus noch als persönlichen Schlag empfunden. Emilio sann innerlich nach. Wie es gewesen wäre, Tsayanos Schulgefährte zu sein? Es wäre wohl alles anders.


“Hier, ich zeige es dir noch einmal.” Die Worte seines neuen Freundes rissen Emilio aus seinen Gedanken. Normalerweise halte ich den Säbel so.” Tsayano demonstrierte drei klassische Positionen und Griffe. “Vom Pferd führst du Hiebe nach unten durch. Auf so einen gottlosen Novadi zum Beispiel.” Tsayano hob Arm und Säbel nach oben, drehte die Schulter ein Stück nach hinten. “Und meine Hand liegt dann so hinter dem Korb, Siehst du?”.  
“Hier, ich zeige es dir noch einmal.” Die Worte seines neuen Freundes rissen Emilio aus seinen Gedanken. “Normalerweise halte ich den Säbel so.” Tsayano demonstrierte drei klassische Positionen und Griffe. “Vom Pferd führst du Hiebe nach unten durch. Auf so einen gottlosen Novadi zum Beispiel.” Tsayano hob Arm und Säbel nach oben, drehte die Schulter ein Stück nach hinten. “Und meine Hand liegt dann so hinter dem Korb, Siehst du?”.  
Emilio sah die Ausführungen von unten, aus dem Blickwinkel des fiktiven Feindes, und er spürte leisen Schwindel. Das Gefühl, wenn man spielerisch nahe an eine Kante tritt, hinter der es tief hinabgeht.  
Emilio sah die Ausführungen von unten, aus dem Blickwinkel des fiktiven Feindes, und er spürte leisen Schwindel. Das Gefühl, wenn man spielerisch nahe an eine Kante tritt, hinter der es tief hinabgeht.  
Das Pferd, das auf kleinste Bewegungen reagierte, die Klinge, die Tsayano formvollendet schwang, beide wirkten,  als wären sie eins mit ihm.  
Das Pferd, das auf kleinste Bewegungen reagierte, die Klinge, die Tsayano formvollendet schwang, beide wirkten,  als wären sie eins mit ihm.  

Version vom 3. September 2026, 19:52 Uhr

Pendulum, Efferd 1040 BF

Autoren: Tsayano V. Taubentanz und Amrit

Das dem Königlichen Kriegerseminar angegliederte Gestüt lag ein Stück westlich vom Hauptkomplex, im ländlichen Pendulum, vor den Stadttoren.

Hier hatten sie sich verabredet, und hier fand sich Emilio also ein, schon am Rücken seines Schecken. Als er in den Hof der Hacienda einritt, sah er Tsayano dort im Gespräch mit einem älteren Adeligen, weshalb er abstieg und sich mit dem Pferd am Halfter näherte. Mit Abstand. Immerhin war er noch nicht vorgestellt und wollte nichts unterbrechen.

Der Ältere war größer und muskulöser als Tsayano. Er trug sein langes, helles Haar offen und vollführte soeben eine halbe Drehung, mit einem ausgestreckten Arm, der nun direkt in Emilios Richtung zeigte. “Und dort, wenn mich nicht alles trügt, kommt auch schon der Grund, weshalb du mir die gute Amanda entführen willst.” Die Stimme war laut und kräftig, klang aber eher fröhlich als streng.

Emilio kam noch ein Stück näher, warf aber nur einen vorsichtig fragenden Blick in Richtung seines Bekannten. Gab es ein Problem?

“Ihr habt die Lage richtig eingeschätzt, wie immer, bei Hesinde”, sagte Tsayano zu seinem Lehrer. “Wenn ich vorstellen darf: Das ist Emilio Lampérez di Rueda, ein Maler und Feingeist, der es noch weit bringen wird. Heute reiten wir zusammen aus, äh … wenn Ihr erlaubt.”

Emilio, berührt von der Vorstellung, tat sein Bestes, wie jemand zu wirken, dem man bereitwillig ein wertvolles Pferd mitgibt. Es war nicht ganz leicht, den amüsierten Zug um seine Mundwinkel dabei zu überspielen. Mit angedeuteter Verbeugung wandte er sich an den Unbekannten: “Rahja mit Euch! Ja, es geht um Malerei in der Sache. Tsayano meinte, das Pferd wäre durch Schönheit und Temperament dazu vorzüglich geeignet. Falls Amanda für einige Stunden verzichtbar ist, wäre ich der Schule tief verbunden! Falls das aber nicht gut einzurichten ist, werden wir eine andere Lösung finden.” Er schloss mit einer weiteren höflichen Geste. Rittmeister Rahjano hielt sie danach nicht mehr lange auf, aber seine freundlichen Fragen nach einem zusätzlichen Stalldienst und einer Skizze aus der talentierten Hand des Malers kamen den Jungen wie Befehle vor, die kein Nein duldeten.

Sie folgten der Weinstraße, während sich die Landschaft um sie her langsam öffnete. Erst die malerischen, dicht stehenden Gehöfte Pendulums. Gänseweiden, Blumen auf Strohdächern, weiter dahinter die hohen, gleißenden Wände der Wagenrennbahn. Dann nahmen die Bauten ab. Weite Wiesen, Koppeln und Felder begleiteten hier den Weg. Sanfte Hügel hoben sich ihnen entgegen, so daß Punin - eine helle, dicht gedrängte Masse, aus der sich glitzernde Türme und Kuppeln erhoben - bald nicht nur hinter, sondern auch unter ihnen lag. Hier wäre eigentlich schon geeignet Platz gewesen für ihre Skizzenarbeit. Emilio hatte aber schlichtweg zu viel Freude am Reiten. Statt nach Rastplätzen Ausschau zu halten suchte sein Blick Tsayano in einer gelösten und herausfordernden Geste. Im nächsten Moment trieb er sein Pferd an.

Der Krieger war für einen Moment überrascht, dann nahm er die Herausforderung an. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht trieb er Amanda zum Galopp an. Für eine Weile ritten sie, als ginge es darum, Verfolger abzuschütteln oder einem verheerenden Feuer zu entkommen. Dann wurden sie langsamer. Vernünftiger. “Du reitest gut”, lobte Tsayano, als sie sich einer Hügelkette näherten, was ihm ein Strahlen seines Begleiters einbrachte.

Sie ließen die Pferde an einem Bachlauf trinken, ehe sie die Steigung angingen. Von einem der hohen Hügelrücken aus öffnete sich in der Ferne vor ihnen schließlich der Madasee.

Unter dem weiten Himmel leuchtete er beinahe unwirklich blau inmitten seiner tiefen, baumbestandenen Senke. Das Licht wanderte über seine Oberfläche und ließ Stellen aufleuchten, sobald die darüberziehenden Wolken sie freigaben. Zwei Inseln waren erkennbar, eine begrünte und weiter hinten, schon diesig in der Ferne eine, aus deren dunklem Untergrund sich schlanke, helle Türme erhoben.

Derselbe Wind, der die Wolken trieb, war auch auf der Hügelkuppe um sie her spürbar und ließ das weiche Gras sachte wogen. Hier. Sie waren sich einig.

Während sie die Pferde noch etwas weiden ließen, begann Emilio schon mit ersten Skizzen von Tsayano, einfach wie er im Gras saß. Zum Aufwärmen, wie er meinte. Dann ging es an das eigentliche Bild - Pferd, Säbel, alles - und er warf die ersten Skizzen mit wenigen Strichen aufs Papier. Während Tsayano sein Pferd steigen ließ, die Klinge hob, meinte Emilio langsam zu sehen, was der Schwertschüler zuvor gemeint hatte. Die falsche Haltung.

"Tsayano, wäre es wohl in Ordnung, wenn ich deine Waffe kurz ausleihe?" fragte er in einer Pause. Er nahm sie vorsichtig entgegen, wog sie prüfend, hielt sie etwas mit durchgestrecktem Arm. Dann reichte er den Griff höflich zurück. "Ja gut, sie ist deutlich schwerer, als was ich bei Hadjinsunni verwendet habe. Das war eine Theaterwaffe." Er sah vertraulich zu Tsayano: "Ich will das ja gar nicht zugeben, wo du so nett über das Bild gesprochen hast. Aber das Modell saß nicht mal wirklich auf einem Pferd. Ich habe Möbel zusammengeschoben." Er grinste leicht bei dem Geständnis. "Das hier ist besser. Ein wirkliches Pferd, eine echte Waffe...und du verstehst so sichtbar was von der Sache! Wie lange lernst du das eigentlich schon?"

“Ich bin ein Kadett im siebten Jahrgang. Da wäre es traurig, wäre ich vollkommen ahnungslos. Es ist viel Übung, weißt du? Deine zusammengeschobenen Möbel erinnern mich an Tage voller Schaukämpfe, an schwere Steine und Gewichte, die an Hände und Arme gebunden werden.” Tsayano hielt kurz inne, dann schüttelte er lächelnd den Kopf. “Schritt vor, Halbschritt, links, Hieb, Schritt zurück, Deckung, rechts, Drehung … Manchmal habe ich gedacht, die Bleichenwang wäre lieber eine Puppenspielerin geworden. Heute verstehe ich, wofür das alles nutze war.”

Emilio überschlug die Zeit im Kopf und stellte fest: Er und Tsayano hätten gemeinsam angefangen, wenn die Dinge anders gelaufen wären. Das Kriegerseminar war stark im Gespräch gewesen, wie er sich erinnerte. Sein Großvater Nazir di Rueda, auch sein Vater, hätten es gewünscht. Dann war die Ausbildung Thema von Streitgesprächen geworden, die mehr an der Oberfläche waren, die hinausgingen über das, was zwischen den Ruedas und Lampérez damals üblich war. Emilio war vor allem deswegen erleichtert gewesen, als das Thema dann irgendwann ad acta gelegt wurde. Seine Entscheidung für die Malerei drei Jahre später hatte Nazir jedoch durchaus noch als persönlichen Schlag empfunden. Emilio sann innerlich nach. Wie es gewesen wäre, Tsayanos Schulgefährte zu sein? Es wäre wohl alles anders.

“Hier, ich zeige es dir noch einmal.” Die Worte seines neuen Freundes rissen Emilio aus seinen Gedanken. “Normalerweise halte ich den Säbel so.” Tsayano demonstrierte drei klassische Positionen und Griffe. “Vom Pferd führst du Hiebe nach unten durch. Auf so einen gottlosen Novadi zum Beispiel.” Tsayano hob Arm und Säbel nach oben, drehte die Schulter ein Stück nach hinten. “Und meine Hand liegt dann so hinter dem Korb, Siehst du?”. Emilio sah die Ausführungen von unten, aus dem Blickwinkel des fiktiven Feindes, und er spürte leisen Schwindel. Das Gefühl, wenn man spielerisch nahe an eine Kante tritt, hinter der es tief hinabgeht. Das Pferd, das auf kleinste Bewegungen reagierte, die Klinge, die Tsayano formvollendet schwang, beide wirkten, als wären sie eins mit ihm. In dem Maler mischte sich Bewunderung über die gezeigten Fähigkeiten mit etwas, das fast Schüchternheit war angesichts der Verwandlung. Tsayano wirkte anders als der überschwängliche Bursche mit der Mütze aus der Galleria. Das hier war ein Krieger.

Für einen Moment trug Tsayano die Fantasie davon: Er stellte sich vor, wie er Seite an Seite mit Emilios gemalter Frau gegen die Söhne der Wüste kämpfte. In der Ferne donnerte es. Kündigte sich ein Gewitter an? Oder entsandte die gutgelaunte Rondra ihren Gruß an diese beiden jungen Männer, die sich auf so eigenwillige Art mit Kriegskunst befassten?

Erst als ein schwerer Tropfen das Papier tränkte wurde Emilio, der versunken gezeichnet hatte, wieder der Umgebung gewahr. Er verpackte die Skizzen sorgfältig, ehe auch er sich auf das Pferd schwang. Diesmal spornten sie die Tiere nicht im spielerischen Wettkampf an, sondern im Versuch, dem Wolkenbruch davonzureiten - ein Wetter, das dann aber doch über sie hinwegging. Einigen Meilen ritten sie tief über die Pferde gebeugt, dann bot eine Scheune Unterstand, bis der Himmel aufklärte. An der Pforte des Seminargestüts trennten sich schließlich die Wege in einem ungeachtet des Regenwetters herzlichen Abschied.