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Version vom 25. August 2026, 16:03 Uhr
Theaterviertel in Punin, Efferd 1040 BF
Autoren: Tsayano V. Taubentanz, Amrit
Nachts wirkte die Galleria der Schönen Künste wie ein entrückter, eigenartiger Ort.
Mondlicht fiel durch die hohen Oberlichter und legte sich wie Silber auf die hellen, säulenbestandenen Wände und den steinernen Fußboden. Die Nischen lagen in tiefen Schatten. Still ruhte das Kunstmuseum, und fast reglos. Nur die elfischen Zauberbilder fuhren auch in dieser Nachtstunde fort mit ihren kleinen Bewegungen: eine zierliche Handgeste hier, das sachte Spreizen gemalter Schwingen dort. Der Rest war Schweigen.
Tsayano hatte sich die Schuhe ausgezogen, damit er auf dem hallenden Boden der Galleria keine unnötigen Geräusche machte. Er wartete einige Augenblicke in der Nähe des Fensters, durch das er vom Balkon hineingelangt war. Niemand zu hören, niemand zu sehen. Mit einem Grinsen holte er etwas aus dem Leinenbeutel hervor, den er sich über die Schulter gehängt hatte. “So, Mützel. Heute keine Amazone, heute ist der Zwerg dran.” Hätte ihn irgendjemand in diesem Moment gesehen und gehört, der nicht wie er selbst das Königliche Kriegerseminar zu Punin besuchte, wäre der Gedanke möglicherweise auf die Noioniten gekommen. Doch der junge Mann wusste sehr genau, wo er sich befand und auch, warum er hier war: Zum Vergnügen seiner Mitschülerinnen und Mitschüler, zum Missfallen von Akademieleiterin Khorena von Streitzig und den Lehrenden, allen voran der strengen Leudara von Bleichenwang, und zum Aufpolieren seines Ansehens würde er die schulbekannte Mütze auf dem Kopf der Zwergenskulptur platzieren, bevor morgen die große Ausstellung allerlei neugierige Besucher anlockte. Das würde für den ein oder anderen Lacher sorgen, bevor die Ordnung wiederhergestellt war. Und gewisslich auch für Anerkennung, denn der Zwerg in der Galerie war ja wohl deutlich schwerer zu erreichen als die Statue der Amazone direkt vor dem Eingangsportal des Seminars. Mit leisen, bestimmten Schritten setzte Tsayano sich in Bewegung.
Auf dem Weg nahm ein Gemälde seine Aufmerksamkeit gefangen. Zuerst fiel sein Blick auf das Gesicht und die Schulter der Kriegerin, denn das waren die hellsten Stellen des Bildes, wie von Mond- oder Sternenlicht beschienen. Tsayano stutzte und blieb stehen, sah sich auch den deutlich dunkleren Rest der Darstellung an, der nachts und ohne Beleuchtung weniger gut zu erkennen war. Die Frau saß auf dem Rücken eines sich aufbäumenden Pferdes, den Säbel zum Hieb erhoben, bedrängt von Männern, die aussahen, als wären sie Novadis wie sein Lehrer Dhamar ben Fahd. Da war keine Angst in ihren Zügen, nur Ruhe und Konzentration. Fasziniert studierte Tsayano das Bild der reitenden Kriegerin. Was für eine Kämpferin! Was für ein Ross! Was für ein Mut! Doch irgendetwas störte ihn. Es hatte mit dem Säbel zu tun. Mützel und seinen Streich hatte er vollkommen vergessen, wie er so dastand und das Bild anstarrte.
Irgendwann löste sich der Bann. Ob nur zwei Augenblicke vergangen waren oder eher zwölf, Tsayano konnte es wirklich nicht sagen. Kurz darauf erreichte er sein Ziel: den aus Stein gehauenen, fast lebensgroßen Zwerg, mit seinem mächtigen metallischen Bart und einem Humpen aus demselben schimmernden Metall in der Hand. “Der Trinker” stand auf einer Plakette, darunter ein Name, der ihm nichts sagte.
Tsayano streckte sich, um dem Zwerg die Mütze aufzusetzen. Geschafft! Da spürte er einen Blick in seinem Rücken.
"Sehr fürsorglich, jetzt wo die Nächte kühler werden." erklang hinter dem Seminarschüler eine von den Marmorwänden widerhallende, junge Stimme.
Unter Tsayanos rasch gewendetem Blick löste sich eine Gestalt von einem der Saaldurchgänge - ein Bursche, etwa in seinem Alter. In seiner hübschen, aber etwas unpraktisch wirkenden Robe sah er wenig gefährlich aus, was der Gesichtsausdruck noch unterstrich - der unerwartete Beobachter musterte Tsayano mit einer Mischung aus Belustigung und offensichtlicher Bewunderung.
Emilios Herzschlag ging noch rasch. Immerhin war er alleine im Geschoß gewesen, und alles an dem unerwarteten Eindringling ließ ihn erst glauben, er hätte es mit einem Kunstdieb zu tun. Die Mütze änderte das schlagartig. Er löste den nervösen Griff um seine Waffe und gab sich zu erkennen. Dann kam er einige Schritte auf Tsayano zu.
Der andere war jünger, als Emilio aus der Entfernung gedacht hätte. Er konnte kaum älter sein als er selbst, hatte auch ähnlich dunkle Locken. Was am meisten auffiel, war aber der Blick. Sehr wach, voll konzentrierter Intensität.
Tsayanos graublaue Augen starrten zurück. Wo war der denn so plötzlich hergekommen? “Ja … ääh. Genau. Ich komme von der … Travia-Kirche … mit ähh … fürsorglichem Auftrag.” Sein Mund war wieder schneller als sein Verstand. Bei den Zwölfen, was für einen Unsinn er da von sich gab!
Kurz entglitten ihm die Gesichtszüge, eine Hand ballte sich reflexhaft zur Faust. “Wo … äh, wer bist du?”
"Ah Verzeihung." Nun wirkte Emilio ertappt, als hätte er die Etikette für “spätnächtliche Überraschungsbekanntschaften, die zum Glück doch keine Diebe sind” missachtet. "Emilio Lampérez di Rueda." Er neigte leicht den Kopf.
Tsayano strich sich beide Hände an seiner Hose ab, als hätte er eine Schürze an und soeben mit Mehl gearbeitet. “Tsayano Valeroso Taubentanz.” Er neigt seinerseits den Kopf und blickte den anderen Jungen an. Das intensive Starren war einem unsicheren Wandern der Augen gewichen. “Wenn ich dir sage, dass das mit der Travia-Kirche ein ganz kleines bisschen gelogen war und ich dir verspreche, die wahre Geschichte zu erzählen, würdest du mir dann versprechen, mich nicht zu verpetzen und mir verraten, was du hier mitten in der Nacht machst? Ich schwöre bei den Zwölfen, dass ich kein Dieb bin!”
Der Blick des anderen lag einen Moment nachdenklich auf Tsayano, dann trat ein Ausdruck in sein Gesicht, der den ungewöhnlichen Gelbton der Augen noch wärmer scheinen ließ: “Auf jeden Fall. Verspreche ich! Das mit Travia habe ich schon vermutet.“ Ein Grinsen stahl sich in sein Gesicht „Ich dachte du bist in Wirklichkeit von der Rahjakirche, und hier, um die Statue künstlerisch aufzuwerten. Nein, aber ohne Scherz, würde mich freuen zu hören, was wirklich dahintersteckt!“ Das kam mit ehrlicher Freundlichkeit. “Sieht aus, als wäre das eine gute Geschichte!”
“Wenn überhaupt, dann hast du es hier mit Tsa zu tun, der Mutter der Veränderung. Weißt du, ich war mal ein Dieb, in meinem alten Leben. Aber jetzt bin ich ein Krieger und normalerweise schleiche ich nicht so herum. Ist eine lange Geschichte.” Tsayano seufzte. “Vielleicht erzähle ich sie dir eines Tages mal.”
Ein leiser Zweifel stieg in ihm auf: Warum habe ich ihm das jetzt auf die Nase gebunden? War das klug?
„Klingt nach einer guten Veränderung.” meinte der di Rueda nur schlicht. “Was mich betrifft, ich bin hier, um ein Schild auszutauschen. Letzte Gelegenheit vor der Ausstellung…" erklärte er und ging dabei zu dem Gemälde mit der blassen Reiterin, ohne Tsayano ganz den Rücken zuzuwenden.
"Die Heilige Hadjinsunni im Kampfe”
Emiglio Lamperez di Rueda''
stand auf einer Messingplakette unter dem Bild zu lesen. Der junge Mann in der bestickten Robe kniete ab und tauschte die Metallplatte mit einer ähnlichen, worauf der Name anders geschrieben war.
“Dieses Bild ist von dir?” Tsayanos Stimme war laut geworden vor Überraschung. Ungläubig blickte er Emilio an. Dann das Bild. „Ja schon. Es ist mein erstes ausgestelltes Gemälde", meinte Emilio und wirkte ziemlich verlegen, was sich noch steigerte, während er erklärte: „Ich wollte dir wirklich nicht hinterherspionieren oder sowas…vorhin. Ich wusste bloß nicht, wer du bist, daher…Also ich habe gesehen, dass du das Bild betrachtet hast.“ Er warf Tsayano einen etwas hilflosen Blick zu: „Ist etwas nicht in Ordnung damit?“
Der Junge zögerte. “Ich komme mir vor, wie einer unserer Lehrer, kurz vor der Prüfung. Es ist so … Also, das Bild, es ist … ganz wunderbar. Stundenlang könnte ich es mir anschauen. Das hast wirklich du gemalt, ja? Ich will alles darüber wissen!” Er verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein, legte sich die Worte zurecht. “Es ist nur so, dass mit ihrer Säbelhand etwas nicht stimmt. Wie sie ihn hält. Ach, das ist schwer zu erklären.”
Sein Gesicht hellte sich auf, als hätte jemand eine Fackel entzündet. “Ich kann es dir zeigen. Wenn ich selbst auf dem Pferd sitze. Ich kann ein Pferd besorgen. Einen Säbel habe ich auch. Ja, so wird es gehen. Ich nehme die Rappin, die ist nicht so wild. Die Novadis brauchen wir ja diesmal nicht. Kannst du dann auch so ein Bild von mir malen?”
Tsayanos Worte waren immer schneller geworden, ohne dass er selbst gemerkt hatte.
Tsayanos Lob freute den jungen Maler, das war ihm deutlich anzusehen. Bei den Ausführungen und Gesten zur Säbelhaltung hörte er dann sehr aufmerksam zu, wirkte aber nicht betroffen. Eher interessiert.
„Das ist ein gutes Angebot. Du kennst dich mit dem Thema offensichtlich aus. So ein großformatiges Gemälde geht nicht, aber was Kleineres…“ Er dachte etwas nach.
„Ja! Ich bin gerne dabei! Sag, wann und wo wir uns treffen sollen.“
Sie vereinbarten die Eckpunkte, dann verabschiedete sich der Schwertschüler, denselben Weg nehmend, den er hereingekommen war.
Diese Nacht hatte eine unerwartete Wendung genommen, aber, wie Emilio spürte, eine, für die er dankbar war.
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